Kreuzfahrten

Kreuzfahrten. Das klingt toll, oder? Man sieht die Welt, ist immer wieder woanders, ohne selbst irgendwohin zu fahren. Man kann sich einfach in sein Zimmer setzen und lesen oder schlafen. Es gibt zig Restaurants; man kann einfach essen, ohne zu kochen. Und oft muss man noch nicht einmal etwas extra bezahlen. Und dann hat man natürlich sein Unterhaltungsprogramm: Pools, Partys, Theater und so vieles mehr. Klingt super, was?

Ja, finde ich auch. Ich merke, dass es viele Vorteile hat. Und ich werde mich hüten, etwas dagegen zu sagen. Ich meine, es gibt rund um die Uhr super Essen! Was soll man schon dagegen sagen? Aber es gibt auch Sachen, die mich stören. Sehr stören. Um die zu verstehen, sollte ich aber vielleicht am Anfang anfangen.

Vor einer Weile ist mein Großvater gestorben, der Vater meiner Mutter, und hat ihr als seinem einzigen Kind ein wenig Geld hinterlassen. Davon wollte meine Mutter gerne etwas mit der ganzen Familie machen. Mein Vater war bereits ein- oder zweimal geschäftlich in Dubai und wollte uns die Ecke gerne zeigen, und so kam es, dass wir eine Kreuzfahrt im Orient gemacht haben. Zu viert in einer Balkonkabine.

Punkt eins ist: Wenn ihr ein Problem mit überfüllten Stränden habt, nehmt euch eine Balkonkabine, dann seid ihr nicht auf das überfüllte Sonnendeck angewiesen. Und trotzdem hatte ich dabei ein Problem. Wir waren etwa eine Woche unterwegs und irgendwann waren überall nur noch Leute. Fremde Leute. Dieses Gefühl, eingeengt zu sein von so vielen Menschen, mit denen man so lange auf einem Raum (in diesem Falle Schiff) ist, hatte ich nie auf Klassenfahrten o.ä.. Und da durfte man teilweise nicht mal alleine sein. Dass ich mich manchmal trotzdem so gefühlt habe, tut hier nichts zur Sache. Wobei, womöglich war das ja der Grund, warum mich dieses Gefühl dort nie ereilt hat. Oder aber ich habe mich dort einfach wohler gefühlt.

Punkt zwei ist: Du bist auf diesem Schiff. Ob es dir gefällt oder nicht. Die ersten Tage war dieses Schiff spannend und neu. Es war faszinierend, zu erkunden, was es alles gab. Und ich habe noch nicht einmal alles gefunden. Mehr als zehn Decks mit Kabinen und Einrichtungen, Shops, Restaurants, Clubs. Aber nachdem das erste Gefühl der Faszination abgeklungen war, war es nur noch fremd und irgendwie steril. Und ja, dieses Gefühl setzte erst ein, nachdem ich schon ein paar Tage Zeit hatte, mich umzusehen und einzuleben. Nur ist Letzteres bei mir nie so recht passiert. Ich wusste, wo ich lang musste, um zu den verschiedenen Orten zu kommen, aber ich fühlte mich immer deutlicher fehl am Platz. Vielleicht sollte ich dazu sagen, dass ich zuvor nur ein paar wenige Male in einem Hotel war, zweimal auf Klassenfahrt und ein- oder zweimal mit meiner Familie. Wir sind sonst immer mit dem Wohnwagen unterwegs gewesen, was zwar den Nachteil hatte, dass man immer eine kleine Wanderung bis halbe Weltreise unternehmen musste, um zur Toilette zu kommen, aber den großen Vorteil, dass man in seinem eigenen Reich war. Man konnte sich zuhause dort so einrichten, wie man wollte, und nahm dann einfach sein kleines Urlaubszuhause mit. Es gab niemanden, der dir dein Essen oder dein Bett machte und hinter dir aufräumte. Und du konntest raus, wann immer du wolltest. Das habe ich erst jetzt so richtig schätzen gelernt. Wie gesagt, das Essen ist das Letzte, über das ich mich bei Kreuzfahrten beschweren möchte, aber man ist halt trotzdem mehr oder weniger "gefangen" auf diesem Schiff. Den Tiefpunkt meiner Gefühle während der Kreuzfahrt Kreuzfahrten gegenüber hatte ich am vorletzten Abend. Ich hab mich so missplatziert gefühlt, dass ich einfach raus musste. Noch dazu gab es einen tollen Vollmond, der eine faszinierende Spiegelung auf dem Wasser hinterlassen hat (die war fast heller als der Mond selbst, besonders wenn er hinter den Wolken war, aber Richtung Horizont noch das Meer beleuchten konnte). Normalerweise hätte ich diesen Anblick einfach genossen und mir den Wind durch die Haare wehen lassen. Aber überall war das Licht des Schiffes, seine kalten Linien und die Musik, von der sie dachten, ich könnte sie hören wollen. Auch wenn sie nicht falscher hätten liegen können. Ich bin also auf die andere (Steuerbord-)Seite des Schiffes gegangen, hinter den Fahrstuhl und habe versucht, für mich zu sein und die Nacht zu genießen. Das kann etwas Tolles sein. Einmal, nachdem ich mich mit meinem Bruder gestritten hatte, bin ich aus dem Wohnwagen raus zu einem See, der auf den Campingplatz war. Es war ein atemberaubender Anblick und er hat es geschafft, dass ich mich etwas beruhigen konnte. Das Schiff hingegen hat es, als ich dachte, es würde besser, geschafft, mich daran zu erinnern, warum mir das alles zu viel wurde. Es war ungefähr zehn/halb elf und entsprechend wenig Leute waren unterwegs, aber dann kamen diese zwei Jungen, die mir gezeigt haben, dass ich nicht alleine an einem idyllischen Plätzchen war, sondern auf einem Kreuzfahrtschiff mit zigtausend anderen Menschen. Und auf dem Weg zurück zur Kabine musste ich natürlich wieder an der unpassenden Musik vorbei. Der Ausflug nach oben hatte etwas geholfen. Aber nicht sehr viel.

Punkt drei ist: Du hast keine Zeit. Oder zu viel Zeit. Je nachdem, wo du bist. Unsere Reise startete damit, dass wir bis zu anderthalb Tage in Dubai hatten. Dubai ist eine riesige Stadt, eine Stadt der Superlative. Du kannst auf diverse Hochhäuser steigen, kannst mit einem Boot über den Fluss/Kanal(?) fahren, einen Ausflug in die Wüste machen und nächstes Jahr eröffnen auch noch ein Zoo und ein Indoor-Freizeitpark. Mit anderen Worten, man kann mindestens eine Woche nur in Dubai verbringen, ohne dass es einem langweilig wird. Abu Dhabi, wo wir einen Abend und einen Vormittag verbracht haben, ist Dubais großer und reicherer Bruder. Dort kann man sich die große Moschee angucken und den Emerits Palace. Wenn du viel Zeit hast, kannst du auch zur Ferrari-Welt oder in den Louvre gehen. Aber die Zeit hast du nicht. Zumindest nicht, wenn du eine Kreuzfahrt machst. Du stehst unter ständigem Zeitdruck und kannst dir überlegen, ob du darin so viel reinquetschst, wie du schaffst oder nur wenig machst und dir irgendwann die Ideen ausgehen. In Abu Dhabi war mein Bruder etwas genervt, weil wir nicht viel machen konnten, weil wir immer unter diesem Zeitdruck standen. Das hat mich in der Situation natürlich sehr geärgert (wie das bei Geschwistern halt so ist), aber jetzt, im Nachhinein kann ich ihn absolut verstehen. Wenn man mal dieses Schiff verlassen kann, dann ist man auch nicht so frei, wie man es gerne wäre. Dann und dann musst du zurück sein. Und mehr zu sehen gibt es dann halt nicht. Ich verstehe auch die Leute nicht, die einfach auf dem Schiff bleiben, weil an Landtagen die Pools so leer sind. Dafür muss man nicht in den Orient fliegen. Das gäbe es günstiger und umweltfreundlicher hier in der Gegend (wenn auch vielleicht nicht mit fünfundzwanzig Grad im Winter). Und nein, ich werde nicht auf den Umwelt-Aspekt eingehen. Das ist zu rational für diesen emotionalen Text.

Punkt vier ist: Du fährst dann - oder du fährst nicht. Dieser Punkt ist der neueste auf der Liste. Und er stammt nicht von den Erfahrungen, die ich auf dem Schiff gesammelt habe. Gerade dadurch ist er aber der Auslöser für diesen Text. Und wieder einmal sollte ich vielleicht ein bisschen weiter ausholen.

Ich habe noch einen zweiten Opa, mit dem mein Vater jetzt sehr gerne so viel Zeit wie möglich verbringen möchte. Verständlicherweise. Das führt dazu, dass meine Eltern entschieden haben, mit ihm und seiner Frau in den Urlaub zu fahren. Besagte Frau (sehr nett, wenn man von diesem Part absieht) kann absolut nichts mit einer Camping-Reise anfangen und möchte eigentlich nur Kreuzfahrten machen. Sie und mein Opa hatten nun schon vorher überlegt, nach Norwegen zu fahren. Das Problem an den meisten Norwegen-Kreuzfahrten ist, dass sie mit einer Woche doch ziemlich kurz sind, wenn man in der Zeit wirklich entspannen möchte. Die vier haben lange diskutiert und sich dann tatsächlich auf eine Kreuzfahrt nach Norwegen geeinigt, die zwei Wochen geht, aber zwei Tage vor ihrem Urlaub beginnt.

Also Punkt vier. Zwei Tage vor ihrem Urlaub. Das sollte eigentlich nicht das größte Problem darstellen, wenn man nette Kollegen und Chefs hat. Und was geht mich das an? Es ist ja nicht zwei Tage vor meinem Urlaub. Nun, das Problem an der Sache ist, dass wir als Familie, also meine Eltern, mein Bruder und ich, an jenem Donnerstag, zwei Tage vor ihrem Urlaub, in den Zirkus gehen wollten. Wir haben auch schon Karten und uns nach der zauberhaften Vorstellung letztes Jahr sehr darauf gefreut. Das ist der Punkt, an dem mich der Urlaub, der mich nichts angehen muss, absolut etwas angeht. Und mein sturer Kopf will nicht einsehen, dass wir so etwas Schönes wie einen Zirkusbesuch für so etwas ... Überschätztes wie eine Kreuzfahrt verschieben müssen. Ich fühle mich wie ein Kleinkind, dass sich auf den Boden werfen und mit Händen und Füßen um sich schlagen möchte. Ich finde es nicht fair. Und je länger ich über meine Erfahrung mit diesem Schiff nachgedacht habe, umso weniger konnte ich diese Entscheidung nachvollziehen. (Wie immer mit Ausnahme vom Essen.)

Wisst ihr, ich hatte überlegt, ob ich mich an deren Urlaub ranhänge. Ich könnte schöne Orte sehen und Zeit mit meiner Familie verbringen. Diese Kombination mit Namen "Urlaub" mag ich sehr gerne. Aber aktuell bezweifle ich, dass ich das hier könnte. Es drängt sich einfach ein großes Unverständnis in meinen Kopf. Es ist nicht meine Art Urlaub. Das hätte ich vorher wissen können (weil ich auch gewisse Bedenken gegenüber Hotels habe) und jetzt weiß ich es erst recht. Hurtigruten klänge noch interessant, weil das halt kein Kreuzfahrtschiff ist, weil es nicht groß und glatt und kommerzialisiert ist. Zumindest von dem her, was ich gehört habe.

Wenn mich jemand fragt, wie die Kreuzfahrt war, berichte ich vom Essen. Wie sollte ich etwas dagegen sagen? Aber meine wahren Gedanken sehen anders aus, sind immer klarer geworden über die letzten Wochen. Ich kann immer noch kein schlechtes Wort über das Essen verlieren, aber ansonsten weiß ich immer nicht, was ich zu der Kreuzfahrt sagen soll. Es fällt mir nicht immer leicht, meine (negative) Meinung zu sagen (schreiben ist viel einfacher).

Ich weiß aktuell nicht wirklich, was ich tun soll. Dieser Text hat mir zwar geholfen, meine Gedanken zu ordnen, aber mir keine Lösung gebracht. Ich habe das Gefühl, es kann nur schlecht ausgehen.

Seelentau

Kommentare 2

  • Uff, der liebe Familienurlaub :( Bei uns dominiert leider auch immer die Entscheidung, die ich nicht so mag. Heiße Orte, am liebsten über zwei Wochen und Strand. Ich bin ein Mensch für kaltes oder gemäßigtes Klima, viel rumwandern und besichtigen (also eher Stadt oder Natur) und wenn es ein "langweiliger" Strandurlaub sein muss, dann eben maximal eine Woche. Kurz gesagt, zuerst wird immer diskutiert und weil ich so dahingestellt werde, als ob ich den anderen den Urlaub nicht gönne, lass ich es und gebe nach.

    Letztes Mal habe ich mir dann aber fest vorgenommen, dass ich im Rahmen des unerwünschten Urlaubs etwas mache, das mich bereichert. Habe für mich dann für über zwei Tage Ausflüge in die nächsten Städte geplant. Das ist wohl das, was ich dir empfehle: Überlege was du auf dem Schiff tun kannst, das du magst, und plane das vor. Und sei es sowas wie "Ich wollte ja noch diese und jene Bücher lesen" oder "Ich nehme mir jetzt diese Schreibchallenge vor". Vielleicht hilft das ja.

    Mit dem Zirkus wirst du wohl kaum drumrum kommen, auch wenn das richtig nervt. Aber du musst es dir halt auch "erlauben" enttäuscht sein zu dürfen, gleichzeitig halt nur aufpassen, dass du dir selber damit nicht den Urlaub vermiest. Ich denke da einfach immer, dass man versuchen muss, im Rahmen der unerwünschten Situationen noch immer das Schönste für sich rauszuholen.

    • Der erste Absatz spricht mir absolut aus der Seele, aber ich bin glücklicherweise in einer Familie aufgewachsen, in der es den anderen genauso geht. Deshalb durfte ich in der Vergangenheit viele Urlaube in wundervoll angenehmem Wetter von um die zwanzig Grad (oder weniger) machen, in denen ich viel gesehen habe. Dafür bin ich sehr dankbar.

      Den Zirkusbesuch hat meine Mutter jetzt tatsächlich umgebucht bekommen, sodass wir einen Tag früher hingehen, wenn auch mit geringfügig schlechteren Plätzen. (Allerdings immer noch guten, also habe ich Hoffnung^^)

      Weißt du, was mir gerade auffällt? Ich habe lustigerweise gerade heute Nacht von einer Kreuzfahrt mit meiner Familie geträumt. Als hätte ich geahnt, dass du geschrieben hast. xD Das war auch irgendwie alles verrückt.

      Danke für die Tipps und ich wünsche dir, dass du in Zukunft "angenehmere" Plätze bereisen und weiterhin etwas aus deinem Urlaub machen kannst!