Auf den Trümmern das Paradies?

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Erinnert ihr euch? 2020 habe ich euch von meinen ersten Erfahrungen mit der Corona-Pandemie erzählt. Ich habe erstmals etwas über Kurzarbeit gelernt und wusste damals nichteinmal ansatzweise, wie sehr dieser Virus alles auf den Kopf stellen würde.

Ein Satz aus dem damaligen Blogpost, den ich gerne zitieren möchte, weil er gealtert ist wie Milch: "Wir gehen derzeit davon aus, dass der Zustand bis spätestens August [2020] anhalten wird und wir im September wieder voll beschäftigt einsteigen werden."


Da dies nun mein dritter Post dazu wird, habe ich beschlossen, einen eigenen Blog daraus zu machen, denn oh boy, es ist so viel passiert.


Ich hatte überlegt die Erlebnisse seit dem letzten Post in 2020 etwas ausführlicher zu erzählen. Da diese Wall Of Text aber garantiert kaum jemand lesen wollen würde, hier nur ein Schnellüberblick:

2020 bis Sommer '21 war ich nahezu durchgehend in Kurzarbeit. Heißt ich habe fürs Zuhausebleiben Geld bekommen und mich an den Wänden meiner Wohnung erfreut.

Im Oktober habe ich dann innerhalb des Konzerns als Quereinsteiger in die IT gewechselt und war künftig in Systemintegration und 1st Level Support unterwegs. Eigentlich hätte es dazu auch eine Ausbildung geben sollen, aber weil sich da sehr kurzfristig die Finanzierung in Luft auflöste, musste ich diesen Plan erstmal verwefen.


Relativ schnell habe ich dann jedoch festgestellt, dass die neue Arbeitssituation mir leider überhaupt nicht zusagte. Ich hatte inzwischen eine Psychotherapie begonnen, unter Anderem weil 1,5 Jahre quasi Arbeitslosigkeit gepaart mit sozialer Isolierung nicht spurlos an mir vorbeigingen (mehr dazu weiter unten). Da passte es leider noch viel weniger, dass mich mein neuer Job unglücklich machte. Das lag ausdrücklich nicht am neuen Themengebiet, sondern an den Arbeitsbedingungen. Wir waren drei Leute, die sich um insgesamt sieben Hotels, verteilt über ganz Deutschland, kümmern sollten, was schlicht und ergreifend zu viel Arbeit auf zu wenig Schultern war. Bemühungen, weiteres Personal einzustellen, wirkten auf mich recht halbherzig und es war somit auch keine Ende in Sicht.

Dazu kam, dass ich mich unter den neuen Kolleg:innen nicht wirklich wohl fühlte.


Also was tun? Da gab es ja noch diese Idee mit der Ausbildung: Im Frühjahr 2022 habe ich auf gut Glück einfach mal eine Bewerbung abgeschickt und wurde zu einem Vorstellungsgespräch nach Wiesbaden eingeladen. Es ging um ein duales Studium zum Bachelor of Science im Fach Wirtschaftsinformatik und dazu eine Ausbildung zum Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung. Ich mach es kurz: Ich habe die Stelle bekommen und bereits beim zweiten Termin einen Ausbildungsvertrag unterschreiben dürfen. ^-^

Doch ist es wirklich klug, wenn man sich über eine Überlastung auf der Arbeit beschwert, sich in ein duales Studium + Ausbildung zu stürzen? Das klingt ja auch nicht wirklich nach wenig Stress. Diese Frage habe ich mir natürlich gestellt, doch für mich macht es einen großen Unterschied, woher der Stress rührt. Bisher war die Überlastung fremdverschuldet, durch meinen Arbeitgeber. Nun habe ich mir selbst etwas ausgesucht und ich habe ein festes Ziel, auf das ich hinarbeiten kann. Da ist die Motivation eine ganz andere und mit diesen Gedanken habe ich vor einigen Wochen, am 01. September 2022, die neue Herausforderung angetreten.


Was soll ich sagen? Die letzten Tage waren ereignisreich, doch ich liebe das neue Leben und ich bin stolz, diesen Schritt unternommen zu haben. Das Studium macht mir unglaublich viel Spaß, besonders Programmieren und - man will es kaum glauben - Mathe sind zwar anspruchsvoll, doch dank guter Dozenten sehr motivierend. Hinzu kommt ein wirklich großartiger Arbeitgeber, der mir viel Zeit für mein Studium einräumt und ein sehr angenehmes Arbeitsklima stellt (tolle Kolleg:innen, Gleitzeit, KEIN Dresscode). Ich bin außerdem Mitte des Monats in die WG eines Freundes gezogen. Der Umzug war zwar holprig, doch mittlerweile habe ich mich weitestgehend eingerichtet und ich genieße die neue Lage, mitten in der Stadt.


Es sind in den letzten Monaten und Jahren viele schlimme Dinge geschehen. Sowohl global als auch in meinem persönlichen Umfeld. Es gab daher Phasen in denen mir auf offener Straße plötzlich die Tränen gekommen sind, weil sich meine Gedanken in einer Abwärtsspirale befunden haben. Tage, an denen ich mein Bett nur für den Gang aufs Klo verlassen habe. Ich habe den Kontakt zu Familie, Freundinnen und Freunden heruntergefahren und mich sehr viel von Lieferpizza ernährt, kurzum: Es war nicht schön. Bei der ersten Sitzung in besagter Psychotherapie bin ich direkt nach der Begrüßung mental zusammengebrochen und es sollten einige weitere Sitzungen folgen, in denen es mir so erging. Noch immer habe ich nicht mit all diesen Dingen abgeschlossen, doch ich habe mit der neuen Lebenssituation das Gefühl, einen Wendepunkt erreicht zu haben und es geht endlich wieder bergauf. Bei all der Scheiße, die momentan in der Welt abgeht, freut mich dieser kleine Funke Glück umso mehr. Es ist noch nicht das Paradies auf Trümmern, doch es geht - zumindest für mich - in die richtige Richtung.


Falls ihr auch gerade eine schwere Phase durchmacht, lasst euch sagen, dass ihr nicht allein seid. In Deutschland gibt es das Angebot der 116117 auf das ich euch hier aufmerksam machen möchte. Über die kostenlose Hotline, aber auch über die Webseite 116117.de könnt ihr sehr unkompliziert einen Termin für eine psychotherapeutische Sprechstunde ausmachen. Diese Sprechstunde ist der erste Schritt in Richtung Therapieplatz. Sich Hilfe zu suchen und anzunehmen kostet sehr viel Überwindung, das habe ich selbst erfahren müssen. Doch bitte bitte fresst es nicht in euch hinein, traut euch und nehmt die Hilfe an.

Weitere Informationen und Hilfsangebote könnt ihr über die Webseite der Deutschen Depressionshilfe und deren Hotline 0800-3344533 ganz anonym und unverbindlich bekommen.


Achtet auf euch und eure Mitmenschen ♥