
Die politischen Einstellungen der Charaktere des Pokémon-Manga kommen leider im Regelfall viel zu kurz. Grund genug, sie sich einmal kurz auszudenken anzusehen.
Rot
Zu Beginn wird es direkt tricky, denn Rot zeichnet sich nicht einfach durch eine konkrete Verortung im politischen Spektrum aus. Vielmehr verfügt er über eine mangelnde Bildung in der Hinsicht, wirkliche Aufklärung über Machtstrukturen fehlt ihm. Diese politische Naivität führt zwar dazu, dass er Autoritäten nicht mit Respekt begegnet, aber das liegt weniger an einer kritischen Hinterfragung ihres Status, sondern hat seine Ursache eben gerade in seiner Unkenntnis über deren Rolle in der Gesellschaft. Mit politischen Diskussionen möchte Rot im Detail lieber verschont bleiben, er hält sich selbst für unpolitisch und hat keine Kenntnis davon, dass er genau damit aber letztlich eben doch den Status Quo stützt. Insofern könnte er konservativ eingeordnet werden, jedoch sind ihm Hilfsbereitschaft und Freundschaft wichtiger als etwa Nationalstolz oder Geld, weswegen er sich, wenn auch ohne es zu merken, letztlich doch zumindest von den radikalisierten Konservativen und ihrem gelegentlichen neoliberalen Einschlag abgrenzt.
Blau
Als Kind der Bildungsbourgeoisie (Großvater ist Professor) hat Blau durchaus ein breites politisches Wissen und ist zudem tendenziell eher links eingestellt. Jedoch handelt es sich bei ihm nun einmal auch um den klassisch-klischeehaften kommunistischen Twitterlinken: Theorie und Kritik zu üben sind ihm wichtiger als wirklich etwas in der Welt zu bewegen, und so lässt er mit Vorliebe andere seine überlegene Bildung spüren und verspottet sie. Politische Naivität verachtet er und gerät deswegen oft mit Rot aneinander. Adorno gelesen zu haben ist für ihn selbst eine Art Statussymbol, und so führt er natürlich das Paradigma der Linken eigentlich ad absurdum, ohne sich dessen bewusst zu sein.
Grün
Grün stand in ihrem Leben mal vor einer schwierigen Wahl: Die Option, einfach zu einer klassischen Pick-Me-Grifterin/-Influencerin mit Schlagseite nach rechts zu werden, die notgeilen konservativen bis rechtsextremen Teenagern das Geld aus der Tasche zieht und dafür alle möglichen Minderheiten und den Feminismus allgemein vor den Bus schubst, war durchaus verlockend und klang nach leicht verdientem Geld. Nichtsdestoweniger hat sie noch Prinzipien und sich aufgrund dieser gegen besagten Weg entschieden. Ihre kriminelle Energie setzt sie stattdessen lieber dafür ein, die Reichsten der Reichen mittels Diebstählen und Betrügereien zu schröpfen, auch wenn sie – das muss leider hier eingestanden werden – nicht immer alles davon umverteilt, sondern auch Einiges für den eigenen Lebensstil einbehält; schließlich ist sie auch ein bisschen hedonistisch veranlagt.
Gelb
In Zeiten, in denen die politische Rechte mit Zynismus und Nihilismus jeglichen Diskurs zersetzt, ist Gelb ein Leuchtfeuer der Hoffnung: Beeinflusst von der „New Sincerity“-Bewegung legt sie eine hoffnungsvolle und vorsichtig optimistische Aufrichtigkeit in Verbindung mit einem Glauben an das Gute in Menschen an den Tag. Der politischen Gegnerschaft begegnet sie vorrangig mit einem „Kill them with Kindness“-Ansatz und versucht den Einsatz von Gewalt zu vermeiden, ist aber im Zweifelsfall immer auch bereit, für die eigenen Ideale zu kämpfen, ganz egal, wie aussichtslos es erscheint. Manche Leute wie etwa Blau belächeln ihre Einstellung als Naivität, was ihr allerdings nichts ausmacht und sie nicht davon abhält, einfach weiter für das Gute zu kämpfen. Der Status quo hat für Gelb keine inhärente Autorität oder Heiligkeit, vielmehr sieht sie seine Fehler und hinterfragt auch lange etablierte Normen wie die Selbstverständlichkeit, Pokémon kämpfen zu lassen, was auch ihren starken Fokus auf Tier- bzw. Pokémonrechte demonstriert und sie letztlich in der ökologisch-anarchistischen Sparte verortet.
Gold
Irgendwo tut es mir in der Seele weh, das zu schreiben, aber leider muss es sein: Nachdem Gold mehrmals schon wegen seiner Tendenz zur Belästigung von Frauen outgecallt wurde, hat er sich in antifeministischer Hinsicht radikalisiert und beklagt sich nun tagtäglich auf Twitter darüber, dass der Feminismus Dating komplett zerstört habe und es mittlerweile ja unmöglich sei, einer Frau noch ein Kompliment zu machen (oder ihr an den Hintern oder die Brüste zu fassen), „ohne dass gleich ein wütender Woke-Mob mit Heugabeln und Fackeln auftaucht“. Er ist ein großer Elon-Musk-Fan, investiert in Cryptowährungenpokémon und ist mit Letzterem sogar eine Zeit lang erfolgreich, bis die Blase unvermeidlich platzt. Als neoliberaler Vollpfosten wütet Gold natürlich auch regelmäßig darüber, dass der Staat ihn mittels Steuern bestiehlt und tritt daher für dessen unbedingte Verschlankung ein, da er glaubt, mal Milliardär werden zu können. Fürs spätere Leben sucht er sich eine Tradwife für den Haushalt und zusätzlich eine Trophywife für das öffentliche Auftreten, beide verlassen ihn aber irgendwann, und zwar zusammen und miteinander, woraufhin Gold endgültig in das Incel-Rabbit-Hole springt.
Silber
Geprägt von den Erfahrungen seiner Kindheit weiß Silber um die Problematik von sich ungehindert entwickelnden Machtstrukturen und hat es sich daher zum Ziel gesetzt, sie mit allen Mitteln zu zerschlagen. Von Theorie, gerade wenn sie durchakademisiert ist, hält Silber absolut nichts (Leute wie Blau sind ihm trotz ideologischer Überschneidungen verhasst) und setzt stattdessen voll und ganz auf Praxis. Als antifaschistisch-anarchistische Ein-Mann-Widerstandszelle zieht er daher gegen alle finsteren Mächte in den Krieg, zunächst gegen die patriarchalisch organisierte Kriminalität in Form von Team Rocket, aber schlussendlich auch gegen die „akzeptierteren“ Formen des Verbrechens (sprich, den Kapitalismus). Wenn er mal mit jemandem zusammenarbeitet, dann nur mit wenigen und eng vertrauten Personen (bevorzugt Grün), denn er ist der Ansicht, dass eine zu große Widerstandszelle sowohl zu viel Aufmerksamkeit auf sich zieht als auch zu schwerfällig und zu unflexibel ist, um noch revolutionär wirksame Akte vollbringen zu können. Bei seinen Aktionen überschreitet er nur zu gerne die Grenzen der Gesetze: Autos und Häuser von Kapitalistenschweinen werden angezündet und Nazis ohne Wenn und Aber zusammengeschlagen.
Kristall
Ähnlich wie Gelb hat auch Kristall das Bestreben, die Welt besser zu machen, möglichst ohne dafür Gewalt einzusetzen. Jedoch zeigt sie dahingehend auch ein bisschen mehr Angepasstheit an die bestehenden Verhältnisse: Ihr Fokus liegt weniger auf Systemumsturz, sondern auf der individuell vorangetriebenen Veränderung oder Verbesserung von Dingen innerhalb des Systems, und somit liegt sie irgendwo auf dem gemäßigten Flügel der Sozialdemokratie. An der Grundstruktur der Gesellschaft zu rühren hält sie für nicht notwendig. Obwohl ihre mangelnde Radikalität zögerlich wirken mag und von Leuten wie Blau und Silber gleichermaßen belächelt wird, so lässt sie ihrer Überzeugung dennoch auch Taten folgen: Mit ehrenamtlicher Arbeit bemüht sie sich, konkrete soziale Probleme zu bekämpfen. Diese packt sie somit zwar nicht bei ihrer systemischen Wurzel, nichtsdestoweniger weist sie aber doch eine moralische Konsistenz auf, da sie eben nicht so tut, als sei mit der Gesellschaft alles in Ordnung, sondern ein direktes unmittelbares Bewusstsein für einige ihrer Probleme hat und auch entsprechend dieses Bewusstseins handelt.
Kommentare 2
Ulti
blau ist so on point 🥲
Fairy
Thrawn, das ist der mit Abstand geilste Blogbeitrag, den ich je gelesen habe.
☆___☆