Lichterglanz

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Ich weiß nicht, ob jemand außer mir heute einen Artikel zu meiner Bücherliste des letzten Jahres erwartet. Vermutlich nicht. Aber es reicht ja, dass ich es erwarte und nicht erfülle. Denn ich bin nicht zuhause. Ich habe meine Bücherliste nicht bei mir. Die muss also noch kurz auf sich warten (dann kann ich auch mein letztes Buch noch zuende lesen).

Aber ich habe im gesamten vergangenen Jahr nur diesen einen Artikel zur Bücherliste geschrieben. Das ist schon irgendwie traurig. Ich habe ja nicht aufgehört, Gedanken zu haben. Nur habe ich sie hier nie aufgeschrieben.

Jetzt aber scheint die richtige Zeit dafür zu sein. Denn wie ich festgestellt habe, kenne ich nur wenige verschiedene Städte zur Weihnachtszeit. Ich kenne kaum verschiedenen Lichterglanz. Und es ist ja schon so, dass man Bekanntes mit der Zeit als gegeben hinnimmt. Das heißt nicht, dass es weniger gefällt, nur weniger ungewöhnlich erscheint.

Und dann kommt etwas Neues. Eine unbekannte Stadt geschmückt in Weihnachtslichter, auch wenn die Weihnacht schon vorbei ist.

Die Stadt ist geschmückt,

Spielt noch immer verrückt

Und sagt rastlos der Weihnacht ade.

So sang es immer in meinem Kopf. Selbst noch als auch das Jahr schon zuende war. Aber irgendwie hatte ich die Zeilen von Rolf Zukowskis Das Jahr geht zuende noch nie so tief gespürt wie jetzt. Irgendwie spielte die geschmückte Stadt noch immer verrückt. Zunächst wohl auch noch wegen Silvester, aber auch danach durch Lichter und Menschen.

Aber Licht ist nicht gleich Licht. Jedes Jahr endet die geschmückte Zeit viel zu schnell. Aber die Dunkelheit bleibt. Und trotz Lampen und Laternen wirkt sie so viel kälter und bedrohlicher als im Glanz der Weihnachtszeit. Ob es die Vielzahl oder die Art der Lichter ist, kann ich nicht sagen. Aber ohne es fehlt etwas in der dunklen Jahreszeit, wenn das bunte Glitzern verschwindet. Wenn die Erwartung und Vorfreude dem grauen Alltag weicht. Und wenn der Frühling noch eine Ewigkeit entfernt scheint.

Es gibt auch schönes Licht von Laternen. Man kann es sich auch ohne Lichterketten gemütlich machen. Und trotzdem fehlt etwas. Vielleicht die Bedeutung. Vielleicht die Gesamtheit. Nicht nur über den großen Straßen hängen leuchtende Kugeln, auch in privaten Gärten sind die Bäume mit einem Lichternetz erleuchtete. Und auch das kam mir hier irgendwie mehr vor. Vermutlich wieder, weil ich hier darauf achten konnte. Weil kein Alltag versucht hat, mich von der Weihnacht abzulenken. (Was ihm im letzten Monat unglücklicherweise viel zu gut gelungen war.)

Vielleicht war es so gesehen gut, den "Wahnsinn" noch einmal aus einer anderen Perspektive kennenzulernen. Nicht dass es wirklich ein Wahnsinn wäre. Ich hatte an keiner Stelle das Gefühl, dass übers Ziel hinaus geschossen wurde, auch wenn es in Medien oder im Internet durchaus Beispiele dafür gibt. Aber es ist ja doch immer dieses Verrücktspielen. Dieser Druck für Friede und Besinnlichkeit. Aber in den Lichtern finde ich eher Bestätigung und Ruhe als Druck. Die Lichter sind vielleicht der beste Teil der Vorweihnachtszeit. Und vielleicht auch der Nachweihnachtszeit. Licht, das wärmt und nicht versucht, die Dunkelheit zu vertreiben, sondern sie zu erhellen. Ihr einen neuen Glanz zu schenken. Licht, durch das man sich darauf freut, dass es dunkel wird. Denn Dunkelheit ist nicht gleich Dunkelheit. Und Licht ist nicht gleich Licht. Beides kann schöne und unschöne Momente mit sich bringen. Und in weihnachtlichem Lichterglanz sehe ich ihre schönste Verbindung. Licht und Dunkelheit, die zusammen Gemütlichkeit mit sich bringen. (Vorausgesetzt natürlich es ist warm genug.)

Schließen möchte ich diesen Artikel mit einem anderen Liedtext von Rolf Zukowski, der mir bei dem gewählten Titel auch gerne in den Kopf kommt:

Der Lichterglanz muss nicht verblassen

Auch wenn die Kerzen bald verglüh'n,

Dann wären Gold und Silber mehr als Farben,

Die vorüberzieh'n.

Vielleicht merkt man ja irgendwie, dass ich meinen Musikalischen Adventskalender seit seiner Veröffentlichung 2020 jedes Jahr aufs Neue selbst höre. Aber, um auch den Bogen wieder zu den Büchern zu schlagen, im Gegensatz zu gewissen Romanprotagonisten aus der letzten Liste kann ich auch guten Gewissens sagen, dass ich diese Lieder nicht nur sehr gerne mag, sondern dass sie auch noch sehr gut sind. Zumindest wenn man sich die Zeit nimmt, auch mal auf die Texte zu achten. Es ist nicht alles die Weihnachtsbäckerei.

Dieses Lied heißt Wär' uns der Himmel immer so nah und wurde von mir am 26.12. eingeordnet. Denn das ist die Zeit, wenn Weihnachten noch da, aber auch irgendwie schon wieder vergangen ist. Und irgendwo in diesem Paradox habe ich mich hier auch gefühlt. Weihnachten war definitiv zuende, aber irgendwie doch immer noch da. Und dann stellt sich die Frage, warum sollte es enden? Warum sollte es nicht weiterleben? Warum vergessen wir für die nächsten zehn oder elf Monate, wie schön das sein kann? Vielleicht lebt es an einem schönen Sommerabend noch einmal kurz auf, aber die damit verbundenen Gefühle sind nicht dieselbe. Die Herzen sind weniger weit, die Arme weniger offen. Aber vielleicht muss der Lichterglanz wirklich nicht verblassen. Vielleicht können wir ihn uns bewahren. Selbst wenn die Straßen wieder in Licht oder Dunkelheit gehüllt sind, die keine Mischung mehr zulassen. Vielleicht.

Seelentau