
Natürlich hatte ich schon Angst. Die akute und plötzliche Angst, wenn in einem Haus, in dem niemand sonst sein sollte, plötzlich ein Geräusch zu hören ist, das du nicht zuordnen kannst. Die Angst, die unbegründet scheint und doch reale Gründe hat. Geschichten über schlimme Dinge und Fantasie, die sich noch viel Schlimmeres ausmalen kann. Es ist die Art von Angst, die sich mit einem Lied bezwingen lässt. Einem Lied, das dich beruhigt und deiner Fantasie sagt, dass du stärker bist. Diese Angst ist einfach, nicht sonderlich nett, aber einfach. Sie hat einen konkreten Ursprung und dauert meist nicht lange an. Manchmal hilft es, nur das Licht anzumachen (und sich daran zu erinnern, dass man nicht in einer Serie mit dunklen Mächten lebt und ein Killer keine Chance hätte, sich zu verstecken).
Dann ist da die Angst vor Entscheidungen, Konsequenzen, die Angst, nicht den richtigen Weg zu finden. Diese hatte ich in der Zeit des Abiturs vermehrt. Es gab zu viele Auswahlmöglichkeiten für das Leben nach der Schule. Und ich wusste nicht, welche ich wählen sollte. Es war, wie den Weg in den Nebel zu wählen. Und darauf zu vertrauen, dass man irgendwo herauskommt, ist wirklich angsteinflößend. Aber im Endeffekt war es eine managebare Angst. Es war eine Angst, die nicht mein Leben an sich bedrohte, nur wie es aussehen könnte. Und ich lebe privilegiert genug, alsdass ich die Chance habe, etwas auszuprobieren und herauszufinden, dass es der falsche Weg ist, ohne dass es wirklich schlimme Konsequenzen hätte. Mir geht es gut. Ich weiß nicht, ob diese Angst jemals völlig verschwunden ist, aber sie ist nicht so präsent. Ich habe das Glück, relativ leicht mit ihr umgehen zu können.
Ich bin mir nicht sicher, wie ich zu Angst vor Verlust stehe. Ich denke, es ist ein Fall von Ignorieren, bis ich darüber nachdenke und es wieder aktiv ignoriere. Ich denke, hier ist es von Vorteil, dass ich wenig Menschen während meiner Kindheit verloren habe. Wobei man natürlich auch darüber nachdenken kann, ob Ignorieren wirklich ein Vorteil ist. Aber es ist nun einmal etwas, was wir nicht beeinflussen können. Da ist es besser, die Angst sein zu lassen und es zu nehmen, wie es kommt. Erst hinterher zu verzweifeln. Angst vor Krankheit kann ich hingegen deutlich besser nachvollziehen. Aber auch diese versuche ich, möglichst wenig an mich heranzulassen.
Von Horrorfilmen halte ich mich fern. Ich sehe keinen Grund darin, mir unnötig Angst zu machen. Ich weiß nicht, was Leute daran finden. Vielleicht gefällt ihnen die Sicherheit, die sie im Gegensatz zu realen Situationen haben. Aber auch wenn die Horror-Angst ähnlich ist zu der ersten, die ich beschrieben habe, glaube ich fast, dass meine Phobie vor Puppen und Statuen eher dazu passt. Nicht, dass ich es wirklich sagen könnte, weil ich ja keine Erfahrung mit Horror habe, aber bei der plötzlichen Angst versuche ich, etwas anderes zu tun. An Schaufensterpuppen oder ähnlichem muss ich vorbei. Das ist eine Angst, durch die ich durch muss. Ich gebe Nils Holgerson die Schuld. Die Angst, dass die Statuen lebendig werden. Angst vor Menschen; denn Tiere sind nicht halb so schlimm. In vielen Fällen sogar kein Problem. Aber Menschen ... Menschen sind angsteinflößend.
Ich hatte bestimmt auch schon situativ Angst, auch wenn mir gerade kein gutes Beispiel einfallen will. Aber vielleicht ist das auch in Ordnung so, denn situative Angst ist ja doch irgendwie privat. Das wäre übrigens auch ein guter Punkt um anzumerken, dass nichts hiervon wissenschaftlich belegt oder sonst etwas ist. Das sind nur die Gedanken aus meinem Kopf. Und sie alle sind eigentlich nur die Einleitung zu der Angst, die diesen Blogartikel auslöste. Es ist eine neue Angst. Zumindest für mich. Und ich weiß, wie gut es mir geht, dass sie neu ist. Ich weiß, dass viele Menschen schon viel zu lange damit leben. Dass sie für viel zu viele längst Realität ist. Und ich spreche keinem dieser Menschen sein Leiden ab. Ich denke nicht nur eine Sekunde, dass meine aktuelle Situation vergleichbar ist, aber das macht meine Angst nicht weniger real. Es ist eine Angst vor der Zukunft. Aber anders als jene zu meinem Abitur ist diese Angst bedrohlich. Und nicht nur auf mich bezogen.
Wir leben in einem Land zu einer Zeit, als es den Menschen zu lange Zeit zu gut ging, sodass wir uns in Problemen verrennen können, die nicht so groß sein müssten. Ja, Probleme existieren, aber wir können nicht alles vergessen, was wir schon gelernt haben. Ich möchte daran glauben, dass Menschen es besser wissen. Aber ich tue es nicht. Sie geben mir keinen Grund dafür. Und davor habe ich Angst. Dass wir die gleichen Fehler wieder und wieder machen, weil sich die Geschichte wiederholt. Ich habe Angst um die Welt, um mein Zuhause und ich habe Angst um mich. Weil ich nicht glaube, dass ich stark genug bin. Ich bin nicht engagiert oder auch nur ausreichend informiert. Ich weiß von mir, ich werde nichts tun. Mit der Aussage, ich kann nichts tun. Ich weiß das. Und ich habe Angst. Mein Leben ist vielleicht nicht das beste, aber es ist mein Leben. Und ich möchte darauf hoffen können, dass es mich irgendwann zu einem wirklich guten Punkt führt. Aber ich frage mich, ob ich das kann.
Die Angst verfolgt mich seit ein paar Tagen. Und ich will sie nicht bestätigt sehen. Aber was kann ich schon tun? Abwarten und hoffen? Und wenn diese Angst wirklich begründet ist, dann sollte ich keine Angst haben. Dann ist Angst das letzte, was für mich hilfreich ist. Dann sollte ich eine neue Freude an meinem aktuellen Leben finden. Dann sollte ich Dinge machen, die ich machen will. Nicht nur, aber vielleicht auch aus Angst, sie zu verlieren. Ich weiß nicht, was ich tun sollte. Aber ich mag es nicht, Angst zu haben. Ich möchte lieber Hoffnung haben. Hoffnung, dass sich alles zum Guten wendet. Und der Angst möchte ich sagen: Bitte sei unbegründet.