Links, fit und feministisch

Wir sammeln alle Infos von Pokémon Pokopia für euch!

→ Zu den Infoseiten von Pokémon Pokopia

Die männliche Fitnessbubble hat in der Linken mitunter einen schlechten Ruf: Körperkult, veraltete männliche Rollenbilder und gegenseitige Abwertung würden sie prägen. Einige linke und feministische Fitnessfanatiker wehren sich jedoch heftig gegen die Vorwürfe. Ihre These: Ein auf seinen Körper bedachter Mann zu sein schließt Feminismus und Linkssein nicht aus, und überhaupt dürfen wir das Thema nicht den Rechten überlassen. Ich habe mit Ralf einen dieser Männer besucht und ein Probetraining absolviert.


Als ich durch die Glasschiebetüren des Fitnessstudios trete, schlagen mir viele Gerüche entgegen: Schweiß, der künstliche Duft von diesem Bodenbelag, von dem ich nicht weiß, wie er heißt, dazu Schweiß, ein aus den Umkleidekabinen wabernder Duft von Deodorant, und außerdem noch Schweiß. Am Tresen werde ich direkt von Ralf empfangen, der mich heute in seine Routinen einführen und mir von seinem Lebensstil erzählen wird. Ralf ist ein echter Fitnessfreak, und außerdem linker Feminist, auch wenn er Letzteres für gewöhnlich nie sagt. Er zeigt es lieber, durch Taten und seinen wohlgeformten Körper.


Zur Begrüßung werde ich von Ralf freundlich geframemogged. Er ist zwei Köpfe größer als ich, sein Unterarm ist dicker als mein Oberschenkel. Sein Gesicht ist geziert von männlichen Narben, eine Spätfolge von Steroidakne, wie er mir erzählt. „Mittlerweile bin ich von dem Zeug runter“, sagt er. Der Kampf dagegen habe ihn stärker und zu einem besseren Mann gemacht. Und jetzt will er auch mich zu genau so einem besseren Mann machen. Er zeigt auf ein Bild von Wolfgang Pohrt hinter dem Tresen. „Vorher“ steht darüber. Daneben: Das dazu passende „Nachher“-Bild, das aussieht, als habe jemand das Gesicht von Wolfgang Pohrt auf den Körper des 25-jährigen Arnold Schwarzenegger gephotoshoppt, doch dieser Eindruck liegt wahrscheinlich nur daran, dass es tatsächlich so gelaufen ist. Wow. Statt mich ständig mit philosophischen Definitionen rumzuschlagen, werde ich einfach so krass definiert aussehen? Ich bin direkt angefixt.


Ralf führt mich in den großen Geräteraum des Fitnessstudios, das wir heute ganz für uns allein haben, damit wir unser Gespräch ungestört führen können. Dann beginnt Ralf auch schon, zu erzählen: Von Nährstoffen, von Fitness und wie wichtig es ist, auf seinen Körper zu achten. Tagtäglich konzentriert er das Eiweiß von acht Eiern zusammen mit achtzehn Sorten Proteinpulver in einem Shake und führt es seinem Körper zu, manchmal oral, manchmal intravenös und gelegentlich auch rektal. Er bietet mir einen Schluck von seinem Zaubergebräu an. Der Geschmack erinnert an Erdbeeren, sofern besagte Erdbeeren drei Wochen lang in einer Tasche zusammen mit den verschwitzten Trikots einer Jugendfußballmannschaft gelagert wurden. Anschließend reicht mir Ralf ein paar Nährstoffpillen: „Die produziere ich selbst. Da ist alles drin, was du brauchst, jedes Vitamin von A bis Z, außerdem Arachidonsäure, Selen, Arsen, Plutonium, Vitamin C, noch mehr Protein, Ascorbinsäure, Benzol und Zyankali.“ Von allen modernen Zaubermitteln fehlen nur Beta-Carotine – aus offensichtlichen Gründen. Früher sei zudem auch noch Nashornhorn drin gewesen, doch dann habe Ralf entdeckt, dass das im Grunde nur aus der gleichen Substanz besteht wie menschliche Fingernägel. „Seitdem zermahle ich einfach meine abgeschnittenen Fingernägel und packe die stattdessen mit rein.“ Der Preis der Pillen, die Ralf auch in einem eigenen Shop anbietet, hat sich dadurch erhöht, denn das ethisch korrektere Produkt muss natürlich auch mehr kosten. Ich schlucke die Pillen mit dem Rest meines Shakes herunter und spüre förmlich, wie die Muskeln in meinem Körper aktiviert werden, besonders im Magenbereich zieht sich einmal alles komplett zusammen.


Als ich von meiner Kotzrunde auf der Toilette wiederkomme, frage ich Ralf, ob diese Form der Ernährung denn wirklich mit einem linken Lebensstil vereinbar sei. Gewiss sei doch in progressiven Kreisen eine vegane Ernährung der Goldstandard; Eier und menschliche Fingernägel würden da doch nicht reinpassen? Er schüttelt zustimmend den Kopf und nickt zugleich ablehnend: „Eine wirklich ausgewogene Ernährung ist mit ausschließlich veganen Lebensmitteln nicht möglich. Ich habe dazu viele Abstracts von Studien gelesen.“ Ich muss gestehen: Mit welcher Leichtigkeit und intellektuellen Gefasstheit er meine kritische Nachfrage entkräftet, beeindruckt mich.


Nach einer kurzen Aufwärmrunde auf dem Laufband – ich falle dreimal runter – soll ich mich an einer Maschine versuchen, die ich mit den Füßen bediene, die aber eigentlich mit den Armen benutzt werden soll, wie Ralf mir geduldig schreiend erklärt. Nach dem ersten Set wird mir kurz schwarz vor Augen, doch ich halte durch und schaffe noch einen weiteren Zug. Ralf ist zufrieden, legt auf das 1-Kilo-Gewicht noch dreißig weitere und scheucht mich dann von der Maschine weg, um seine eigene Übung zu machen. Währenddessen stelle ich ihm Fragen zu seinem Linkssein: Beschäftige er sich denn auch viel mit Theorie? Ja, sagt er. „Ich habe alle bisher erschienenen Bände der Marx-Engels-Gesamtausgabe zu Hause liegen.“ Die ersten 55 Bände, also fast die gesamten bisher erschienen Bücher der ersten drei Abteilungen, könne er mittlerweile auch schon stemmen. „Aber ich will natürlich irgendwann alles schaffen.“ Ein hoch gestecktes Ziel, soll die MEGA doch am Ende über hundert Teilbände umfassen. „Bitte was?!“, ruft Ralf aus, als ich ihm das sage.


Natürlich ist Ralf auch die Reflexion seines eigenen Selbst enorm wichtig – drei Stunden täglich verbringt er damit, sich nackt im Spiegel zu betrachten und zu schauen, wo es bei ihm noch ein wenig hapert, wo er vielleicht doch noch ein wenig mit spezifischen Übungen nachlegen kann. Als er mich auffordert, das auch einmal auszuprobieren, stelle ich fest, dass nach einer halben Minute fruchtloser Anspannversuche tatsächlich bei meinem Bizeps für den Bruchteil einer Sekunde ganz leicht etwas zuckt, sofern ich mir das nicht gerade eingebildet habe, denn mir ist immer noch ein wenig schummrig. Als ich Ralf frage, wo er bei mir Verbesserungsbedarf sieht, meldet er: „Überall.“


Zunächst fokussieren wir uns auf meine Bauchmuskeln, indem wir Sit-Ups am Partner machen: Eine Person springt die andere an, schlingt die Beine um deren Taille und senkt dann am Partner hängend den Oberkörper ab und hebt ihn dann wieder. Als Ralf mich anspringt, kippe ich unter dem massiven Gewicht seines Körpers direkt nach vorne weg und wir fallen beide um. Beim umgekehrten Versuch schaffe ich es, mich an Ralf mit meinen Beinen festzuklammern, mache einen Sit-Up, kann mich dann nicht mehr halten und schlage hart mit dem Hinterkopf auf dem Boden auf.


Nachdem ich wieder zu mir gekommen bin, gehen wir über zu Crunches am Boden. Ich bleibe nach dem dritten Versuch liegen und frage Ralf japsend nach seinem persönlichen Feminismus. Für ihn ist dieser untrennbar mit seinem Fitnesslebensstil verknüpft: „Ich möchte fit und stark sein, um ein besserer Ally sein zu können.“ Bei seinem Fitness-Feminismus geht es eben nicht um Selbstoptimierung oder um antiquierte Geschlechterrollen. Sondern nur darum, dass er seinen Körper optimieren möchte, um beispielsweise eine Frau im Princess Carry auf die Arme nehmen und sie außer Gefahr bringen zu können, wenn sie auf einer Demo zertrampelt zu werden droht. Ralf sieht spezifisch Männer in der Rolle der körperlichen Unterstützer, ein Umstand, den er biologisch begründet: „Denk dir mal eine Frau, die genauso ist wie du, der gleiche Fitnessgrad, Muskelanteil und alles. Aber sie ist eben eine Frau. Ganz offensichtlich bist du dann stärker als sie, weil du ein Mann bist, richtig?“ Ralf wartet meine Antwort gar nicht erst ab, sondern fährt fort: „Und das müssen wir uns halt klar machen. Biologisch betrachtet sind wir Männer den Frauen körperlich überlegen, das sollte auch nicht weggeredet werden. Wichtig ist halt nur, dass aus diesem Fakt keine Überlegenheit konstruiert wird.“ Eine bestechende Dialektik, auf die selbst ein Walter Benjamin neidisch wäre. Ich kann nicht anders, als anerkennend zu nicken. Und doch zwingt mich mein Berufsethos, noch einmal kritisch nachzuhaken: Gebe es nicht viele Frauen, die wiederum stärker wären als ich? Auch hier weiß Ralf die Antwort: „Statistische Ausreißer, die müssen rausgerechnet werden.“ Ich gebe mich geschlagen. Auch bei dem Versuch, eine Plank länger als vier Sekunden zu halten.


„Es geht mir natürlich nicht um Sex“, sagt Ralf, während wir eine Variante von Partner-Liegestützen machen, bei der eine Person unten auf dem Rücken liegt und die andere sich von oben auf den Händen der ersten Person abstützt und beide gleichzeitig die Arme beugen. „Aber manchmal ergibt sich das halt so einfach, und ein muskulöser Körper hilft halt dabei. Wäre bei dir auch so.“ Als ich sage, dass ich demisexuell bin, zeigt sich Ralf verständnisvoll: „Dafür gibt es ja Medikamente.“


In dem Moment habe ich nicht mehr die Kraft, mich hochzudrücken und falle auf Ralf drauf. Ein paar Sekunden starren wir uns in die Augen, unsere Gesichter sind nur wenige Zentimeter voneinander entfernt, dann schubst er mich sanft von sich runter. „Ähm, wir sollten an der Stelle aufhören“, sagt er mit hochrotem Kopf. Ich nicke, bin ich doch tatsächlich langsam ein wenig erschöpft, das Training war sehr intensiv. Ich frage, ob ich wiederkommen soll, doch Ralf verneint: „Ich fürchte, das geht nicht. Dir, ähm, dir fehlt das Durchhaltevermögen. Ich glaube, das wird nichts. Komm besser nicht wieder. Das ist nichts für dich.“


Als ich aus dem Fitnessstudio heraustrete und eine sanfte Frühlingsbrise durch meine verschwitzten Haare fährt, denke ich über Ralfs letzte Worte nach und komme zu dem Schluss, dass er wohl recht hat. Zwar wäre ich gerne ein starker feministischer Ally wie er, aber dazu bin ich wohl einfach nicht geboren worden. Es ist zwar schade, aber mich tröstet der Gedanke, dass es wenigstens mit Ralf jemanden gibt, der diese Rolle an meiner statt ausfüllen kann. Gäbe es doch nur noch mehr Männer wie ihn.

Kommentare 18

  • Der Kleingeist hat Ölengpässe, der Weise kennt Shipping nur wegen Thrawn

    Gefällt mir 2
    • Das war der geilste Spruch, den ich heute gelesen habe, Ulti! xD

      Deine Treffsicherheit beim zeitgemäßen Kommentieren ist wie immer unübertroffen. Silvarro

      Gefällt mir 1
    • Sprachrohr der hohlen und nichtswürdigen Schurken :100:

      Gefällt mir 1
    • Die Schurken brauchen eben auch jemanden, der für sie einsteht. :)

      Sorry für den Vertipper in meinem obigen Beitrag btw, ich habe das jetzt korrigiert. ^^"

  • Thrawni X Ralf Ship confirmed <3 *-* <3

    Gefällt mir 2
  • Just how we imagine, Fitnessstudio

    Empathie 1
  • Wie schade, dass du nicht weiter bei Ralf trainieren wirst. Aber vielleicht begegnet ihr euch ja irgendwann mal zufällig in der Stadt und könnt euch bei einem kleinen Käffchen weiter über feministische Theorie austauschen. :)

    Danke 1
  • Den vorletzten Absatz bitte auf 300 Seiten strecken. Ich sehe das pastellige Taschenbuch schon in jedem Hugendubel stehen. Mit den Tantiemen kannst du auch ein besserer Ally sein, indem du sie z.B. einfach mir überweist.

    Gefällt mir 1 Danke 1
    • Es ist schwierig, denn ich bräuchte dafür idealerweise auch Ralfs Innensicht, und ich habe Probleme, Menschen zu lesen. Beispiel etwa: Als ich so auf ihm lag und meine Hand dabei auf seiner schweißglänzenden und muskulösen Brust ruhte, konnte ich zwar das aufgeregte Pochen seines Herzens fühlen – aber was hat das emotional zu bedeuten?

      Danke 1
  • Wann Buff-Thrawni-Ära??


    Danke 1
  • Das war nicht die Donnerstagmorgen-Fanfiction, die ich erwartet habe, aber schade, dass dir das Durchhaltevermögen fehlt. So werden wir nicht von Ralfs weiteren Taten erfahren können :(

    Danke 1 Empathie 1