Minatos Hafen

Wir sammeln alle Infos von Pokémon Pokopia für euch!

→ Zu den Infoseiten von Pokémon Pokopia
  • Eine neue Geschichte von mir. Ich werde im wöchentlichen Rhythmus immer ein neues Kapitel veröffentlichen, wobei ich dieses auch im pdf-Format zur Verfügung stellen und im Ausgangspost ergänzen werde. Ich hoffe, sie findet einigermaßen Anklang und es würde mich freuen, eure Meinung dazu zu hören. :wink:


    Zum Inhalt:


    Minato Yonezawa ist ein pfennigglücklicher Niemand. Videospiele und Instantramen sind sein Leben. Seine Eltern reisen beruflich durch die Weltgeschichte und so genießt er das Privileg schon als Oberschüler alleine ein Haus bewohnen zu dürfen. Sein Freund Akihiro Kato dagegen stammt aus einer der angesehensten und einflussreichsten Familien Japans und nutzt Minatos Zuhause zum Abschalten. Offiziell gelten die beiden als Anwärter auf die Toudai, Japans renommierteste Universität, weswegen Akihiros Eltern die Freundschaft dulden. Zumindest was Akihiro angeht ist das tatsächlich die Wahrheit. Tatsächlich zocken die Beiden das Wochenende durch, wobei Akihiros Talent sehr zu wünschen lässt.



    Aber Minatos Paradies bekommt Risse. Akihiro bittet seinen besten Freund nämlich einen Gast der Familie Kato bei ihm unterbringen zu dürfen, weil es in dessen alter Unterkunft gebrannt hat. Minato ist wenig begeistert darüber, jemand Fremdes bei sich aufnehmen zu müssen. Zu sehr genießt er seine Junggesellenbude, aber (leider) hat er auch ein sehr weiches Herz und kann niemandem etwas abschlagen.



    So steht sein neuer Mitbewohner bald vor der Tür und die Geschichte nimmt ihren Lauf…


    Kapitel 1 - Alte Rivalen und neue Freunde


    Kapitel 2 - Das Zusammenleben beginnt


    Kapitel 3 - Nicht Fisch, nicht Fleisch


    Kapitel 4 - Willkommen, Dai


    Kapitel 5 - Ein süßes Mädchen


    Kapitel 6 - Was hat man dir angetan?


    Kapitel 7 - Endlich Ruhe...


    Kapitel 8 - Schadensbegrenzung


    Kapitel 9 - Bis bald


    Kapitel 10 - Das Event beginnt


    Kapitel 11 - Ein Kinobesuch mit Folgen


    Kapitel 12 - Die Wahrheit


    Kapitel 13 - Hören wir einander zu


    Kapitel 14 - Nöte


    Kapitel 15 - Gegenwart und Zukunft


    Kapitel 16 - Alles oder nichts


    Kapitel 17 - Fragen

  • Kapitel 1 - "Alte Rivalen und neue Freunde"




    „Hast du dieses Wochenende Zeit? Ich würde gerne wieder einmal die Nächte an der Konsole durchzocken.“



    „Warum schaffst du dir nicht endlich mal selbst eine an? Deine Eltern haben doch wohl genug Schotter.“



    „Den Grund dafür kennst du doch. Videospiele sind…“



    „…Zeit- und Geldverschwendung. Ja, ich erinnere mich dunkel diesen Satz von ihnen bereits einmal vernommen zu haben. Trotzdem. Immerhin sind wir keine Kinder mehr. Wie lange willst du dich noch bei mir durchschnorren? Allein was du an Becherramen verschlingst reißt mir ein echtes Loch ins Monatsbudget.“



    „Dann schauen wir vorher eben noch in einem Konbini vorbei. Auf meine Rechnung.“



    Ich konnte nicht anders als mit meinen Augen zu rollen. Akihiro war zwar mein bester, da einziger Freund, aber ich wollte in meinen vier Wänden auch einfach einmal nur meine Ruhe haben. Lauthals Ramen schlürfen und im Onlinemodus Noobs von der Landkarte fegen – so einfach setzte sich für mich das Paradies zusammen. Nicht, dass das mit Akihiro nicht möglich gewesen wäre, aber mit ihm war es deutlich schwieriger. Er liebte Videospiele mindestens so sehr wie ich selbst, nur hatte er keinen Funken Talent dafür und im Gegensatz zu manchem anderen Bereich im Leben wog hier Einsatzfreude diesen Mangel eben nicht auf.



    Akihiro war so etwas wie der Star an unserer Schule. Er hatte exzellente Noten, glänzte auch ansonsten stets im Unterricht und sah darüber hinaus noch unverschämt gut aus. Dazu kam er aus einer überaus wohlhabenden Familie und seine Zukunft lag strahlendhell vor ihm. Kurzum: es gab viele Mädchen, und auch so manchen Jungen, die nur allzu gerne ihr Leben an seiner Seite verbracht hätten.



    Auf der anderen Seite gab es mich, der so aufregend war wie ein Schluck lauwarmes Wasser: Minato Yonezawa. Durchschnittliche Noten, durchschnittliches Aussehen, durchschnittliche Fähigkeiten – es würde nichts helfen, es zu leugnen. Betrachtete man uns beide, würde man mich nicht einmal für seinen Schatten halten. Aber das war mir egal. In den digitalen Welten hatte ich dagegen einen Ruf wie Donnerhall. Es gab keine Mission darin, die ich nicht zur vollsten Zufriedenheit hätte ausführen können. Es mochte keine Gabe sein, die ich hätte finanziell auswerten können, aber das musste sie auch nicht. Ich war damit zufrieden meine kleine Nische im Leben gefunden zu haben. Irgendwann würde ich zwar als Firmensklave in einem unterbezahlten Job landen, aber wozu sich über etwas aufregen, das sich ohnehin nicht ändern ließ?!



    Wie es dann zur Freundschaft zwischen uns so gegensätzlichen Charakteren kommen konnte?! Es mag sich anhören wie ein schlechter Fernsehfilm, aber wir beide hatten es einst auf dieselbe, da letzte, Kopie eines Videospiels abgesehen. Obwohl wir uns zuvor zumindest vom Sehen in der Schule her kannten, war das das erste Mal, dass wir es direkt miteinander zu tun hatten. Natürlich war es im heutigen Zeitalter kein Problem, sich jede Software auch digital zu ziehen, aber sowohl Akihiro als auch ich waren dahingehend eben vom alten Schlag. Was man nicht physisch besaß gehörte einem auch nicht richtig, fanden wir. Außerdem war es eine Special Edition mit einigen Goodies, die nicht im freien Handel verfügbar waren. Sicher hätte man diese auch später auf diversen Plattformen nachkaufen können, aber deren Preis hätte meine sonstigen Möglichkeiten stark eingeschränkt. Ergo war ich darauf angewiesen, meinen Konkurrenten immer eine Nasenlänge voraus zu sein.



    Für Akihiro galt das freilich nicht. Wenn jemandes Familie förmlich in Geld schwamm, konnte dieser sich auch Wucherpreise leisten. Wo kämen wir denn sonst hin?! Jedenfalls entbrannte ein hitziger Disput um unser Wunschprodukt, der nach einiger Zeit in ein leidenschaftliches Gespräch unter Fans mündete. Und siehe da, eine unerwartete Freundschaft war erblüht. Schließlich hatte Akihiro eingesehen, dass es für ihn keinen Sinn machte, etwas zu erwerben, dass seine Eltern, respektive deren Bedienstete, konfiszieren und dem Abfall übereignen würden, kämen sie ihm auf den Trichter. Seitdem kam er regelmäßig zum Zocken zu mir und wir teilten uns die dafür anfallenden Kosten, sprich Spiele und Hardware. Seitdem waren einige Jahre ins Land gezogen, doch die Sachlage hatte sich (für ihn) kaum geändert.



    Meine Eltern waren mittlerweile beruflich viel auf Reisen und unser Häuschen unterlag mehr oder minder meiner Alleinherrschaft. Bei Akihiro dagegen waren die Daumenschrauben eher noch fester angezogen worden. Alles was er tat musste von oben abgesegnet werden. So konnte es einem ergehen, wenn man kein Normalo war wie ich. Von daher waren unsere wöchentlichen „Lerntreffen“ für ihn mehr so etwas wie kleine Erholungsurlaube und mein Haus sein persönliches Refugium, in dem er ganz er selbst sein durfte. Offiziell war ich daher auch kein mittelmäßiger Schüler, sondern ein Anwärter auf die Toudai, Japans renommierteste Universität. Dabei konnte sogar deren Hausmeister vermutlich bessere Zeugnisse vorlegen als ich.



    Um wieder in der Gegenwart anzukommen: mein Zuhause war eine Gaminghöhle geworden und ein hoffnungsvoller Kandidat auf eine vielversprechende Zukunft ein hoffnungsloser Otaku. Meine Eltern überwiesen mir Monat für Monat einen bestimmten Betrag auf mein Konto, der für meine Haushaltsführung gedacht war, den ich kreativ ausdehnte, um meiner Leidenschaft frönen zu können. Daher rührte auch mein Großeinkauf an Becherramen, von denen mein (bester) Freund immer gut und gerne die Hälfte verschlang. Rechnete man noch die unfreiwilligen Sabotageakte an meiner digitalen Persona dazu, zahlte ich für unsere Freundschaft einen ordentlichen Preis. Aber nun ja, man gewöhnt sich eben an alles…



    „Von mir aus. Aber ich will Markenprodukte und keine Chemiepampe von irgendwelchen No-Name-Brands.“ lautete meine Antwort auf seine „Einladung“.



    Wenn ich schon den Gastgeber gab, wollte ich wenigstens einen (kleinen) Vorteil daraus ziehen. Außerdem half es meine Gaming Skills zu verbessern, wenn ich gezwungen war seine auszugleichen.



    „Danke, Minato. Du bist der Beste.“



    „Aber vergiss nicht die Übungsbücher vorab auszufüllen für den Fall, dass deine Erzeuger Beweise wollen.“



    „Was denkst du denn?! Ist doch nicht unser erster Marathon.“



    Im Prinzip war Akihiro einfach in die falsche Familie hineingeboren worden. Als Sohn einer Ramendynastie etwa wäre er vermutlich weitaus glücklicher geworden, denn als Mitglied einer Sippe, in der Bildung und soziales Ansehen über allem anderen stand.



    Wenn ich mich übrigens kurz vorstellen darf: ich bin Minato Yonezawa, siebzehn Jahre jung, Sternzeichen Waage, Blutgruppe 0. Vieles andere wisst ihr ja schon und was nicht, ist es wahrscheinlich eh nicht wert gewusst zu werden.



    Der langen Rede kurzer Sinn: Freitagnachmittag kam und Akihiro und ich besuchten unseren Stammkonbini. Nicht, dass ich daran je einen Zweifel gehabt hätte. Akihiros Zuverlässigkeit war nur eine seiner vielen guten Eigenschaften. Schlechte dagegen hatte er so wenige, dass mir jetzt spontan nicht einmal eine einfiel.



    Es gab sicher gesündere Wege sich zu ernähren, aber nur wenige, falls überhaupt, waren so praktisch wie diese. Außerdem: wenn man ohnehin sterben musste, war der beste Weg bis dahin glücklich gelebt zu haben.



    Sieh mal einer an. Hackfleisch und Weißkohl waren im Angebot. Fehlten nur noch Knoblauch und Frühlingszwiebeln und Gyoza stand nichts mehr im Weg. Oder hier: das Hühnerfleisch war perfekt geeignet um es zu Karaage zu frittieren. Zum Dippen noch etwas Mayonnaise und es… Wo dachte ich hin? Für derlei Extravaganzen Geld auszugeben stand nun wirklich nicht zur Debatte.



    Ramen mit Rinderaroma, Ramen mit Meeresfrüchtegeschmack, Ramen mit Gemüsepulver und Ramen mit Hähnchennote – alles, was Gottes Garten hergab, bequem in Pulverform und in Becher gepresst. Mehr konnte man vom Leben (zu diesem Preis) schlichtweg nicht verlangen. Akihiro bezahlte den fälligen Betrag wie versprochen an der Kasse und wir trugen dann gemeinsam die zahlreichen Tüten in meine Behausung. Echo gab es dort keines, dennoch konnte man sich hie und da schon mal ein wenig einsam fühlen.



    In meinem Alter bereits alleine ein ganzes Haus bewohnen zu dürfen war Luxus pur. Sicher hätten viele meiner Mitschüler gerne mit mir getauscht, aber dieses Privileg war einzig meines. Den Haushalt reduzierte ich so gut es ging immer auf ein Minimum. Da ich kaum kochte fiel nicht viel Geschirr an, das ich hätte spülen müssen. Einzig das Entsorgen der zahllosen Becher stellte mich manchmal vor logistische Herausforderungen. Gelegentlich tat es zwar Not feucht durchzuwischen und staubzusaugen, aber das fiel nun wahrlich nicht ins Gewicht, zumal ich mir Akihiros Arbeitskraft urbar machen konnte. Soweit ich es beurteilen konnte genoss er es sogar, von Zeit zu Zeit etwas mit seinen Händen arbeiten zu dürfen.



    Das Wasser blubberte im Kocher auf. Unverzüglich gossen wir es über unsere Nudeln und warteten die quälenden Minuten, bis sie zum Verzehr freigegeben waren.



    „Was spielen wir als Erstes? Einen Ego Shooter, eine Rennsimulation oder lieber ein RPG?“



    „Spielt keine Rolle. Du bist in allem gleich schlecht.“



    Akihiro wirkte daraufhin ein wenig eingeschnappt.



    Sorry, Akihiro. Aber das war nun einmal die bittere Wahrheit.



    „Aber nur, weil du viel mehr Zeit zum Üben hast als ich.“



    Eigentlich war es ein Anblick für die Götter, wie der ansonsten so ruhige und gebildete Akihiro beinah kindlich-eingeschnappt reagierte, wenn man ihn ein wenig foppte.



    „Naja, wenigstens gibst du dir alle Mühe nicht völlig abzustinken. Also darfst du die erste Wahl treffen.“



    „Gar nicht so einfach. Unsere Sammlung ist über die Jahre wirklich ganz schön angeschwollen. Was hältst du davon?!“



    „Wie gesagt, es ist deine Beerdigung. Oh, Zeit umzurühren und loszuschlürfen.“



    Unisono erklang das „Guten Appetit“ aus unseren Mündern, bevor wir sie mit Ramen und heißer Brühe füllten. Es war zwar kein sonderlich exquisites Geschmackserlebnis, aber das warme Essen verströmte eine wohlige Wärme in unseren Mägen, die uns (vorübergehend) all unserer weltlichen Sorgen ledig werden ließ. Manchmal bedurfte es so wenig um glücklich zu sein…



    Zeit für unser Massaker an einer feindlichen Goblinhorde. Während Akihiro uns Rückendeckung gab stürmten Osamu, Yu und ich mutig voran um unsere Gegner anzugreifen, bevor sie dahingehend auch nur einen Verdacht hegen konnten. Osamu, Yu, Akihiro und ich kämpften online immer wieder einmal Seite an Seite, auch wenn wir uns in der Realität noch nie wissentlich begegnet waren. Trotz unseres „Handicaps“ war unsere Erfolgsquote in der Vergangenheit mehr als nur zufriedenstellend gewesen und wir waren bestrebt diese noch weiter auszubauen.



    Im Grunde genommen war unser Sieg bereits jetzt eine ziemlich sichere Wette. Osamu und Yu standen meinen Kampfkünsten in nichts nach und Akihiro konnte im Hinterland nicht viel falsch machen. Wie erwartet hatten die feindlichen Goblins nicht mit unserem Angriff von nördlicher Seite her gerechnet und verfielen in ein ziemlich kopfloses Gebaren. Unserer Gilde war der Erfolg eigentlich kaum mehr zu nehmen. Und das, obwohl wir eigentlich unvollständig in die Schlacht gezogen waren. Katsu, unser fünftes Mitglied, hatte sich noch nicht eingeloggt und war auch ansonsten eher als „Mysterium“ zu bezeichnen.



    Ich musste es ihm aber neidlos zugestehen, dass selbst ich noch einiges von ihm lernen konnte. Jeder Angriff, jede Bewegung, ja eigentlich überhaupt jeder Spielzug von ihm erfolgte dermaßen präzise und wohlüberlegt, dass man meinen konnte, er wäre an der Entwicklung des Spiels beteiligt gewesen.



    Ja, Katsu war mir in „Realm of unknown glorified Heros“, kurz „RougH“ genannt, wirklich ein wertvoller Kampfgefährte. Aber nur hier. In anderen Games dagegen waren wir erbitterte Rivalen, die ihre Klingen aneinander schärften. Allerdings war seine Quote in direkten Aufeinandertreffen um ein Vielfaches besser und je länger unsere Rivalität andauerte, umso mehr verschlechterte sich meine. Irgendwie gelang es Katsu seine Fähigkeiten viel schneller zu verbessern als ich, was praktisch betrachtet nur möglich war, wenn er ein noch geringeres Sozialleben besaß als meine Wenigkeit. Ob es sich dabei um einen Hikikomori handelte, der quasi nur in seinem Zimmer vor sich hinvegetierte? Vielleicht war es auch einfach nur ein Schulschwänzer, der es vorzog, digital Großes zu vollbringen, statt sinnlose Informationen zu pauken.



    Sei es wie es sei, auch ohne Katsu hatten wir die Anzahl der grünen Krieger schon deutlich reduziert und es fehlten nur noch wenige, um unsere Quest zu vollenden. Alles lief absolut glatt. Zu glatt vielleicht? Eigentlich waren die Goblinheere für ihre Blutrünstigkeit und Kampfesfreude gefürchtet, aber dieses Bataillon hatte bislang nur aus Schwächlingen bestanden, die es kaum verstanden, ihre Waffen zu führen.



    Verdammt, ein Hinterhalt. Die Mistkerle hatten ihre schwächsten und unfähigsten Krieger einfach geopfert um uns dann vereint aus den Wäldern heraus anzugreifen. Osamu, Yu und ich taten unser Möglichstes, um den Feind zurückzuschlagen und Akihiro… nun, wir würden ihn nie vergessen.



    Zu dritt kämpften wir in Dreiecksformation Rücken an Rücken um unser Überleben. Ja, Goblins waren zähe Biester, aber wir wollten verdammt sein, wenn wir ihrer nicht Herr wurden oder wenigstens als stolze Kämpfer fielen. Yus Rüstung konnte den Angriffen bereits nicht mehr länger standhalten und Osamus Klinge stand kurz davor in mehrere Teile zu zerbrechen. Bei mir sah es nicht viel besser aus. Ich hielt dem feigen Kriegervolk entgegen was ich konnte, aber das war nicht mehr sehr viel. Unsere Heiltränke waren aufgebraucht, unser Waffenarsenal drastisch reduziert und unsere Lage schlichtweg aussichtslos. Wenn niemand ein Wunder wirkte würden die Oger bald zu feiern haben. Die Situation war einfach nur ekelhaft.



    Da. Ein Grünling nach dem anderen sank auf seine Knie, als hätten sie mit einem Mal all ihre Kraft eingebüßt. Von wegen. Unerwartet hatte Katsu die Szene betreten und entleibte jeden Gegner, der sich ihm entgegenstellte. Von neuer Hoffnung beseelt erwuchsen auch in unseren müden Körpern neue Kräfte und wir wurden wieder Herr der Lage. Katsu war als Gamer wirklich nicht von dieser Welt, aber anders als in anderen Spielen zogen wir hier glücklicherweise als Kriegskameraden in die Schlacht.



    Den üblichen Wiederbelebungszauber später stand auch Akihiro wieder an unserer Seite, während wir die gewonnenen Items unter uns aufteilten. Selbstredend überließen wir Katsu die erste Wahl, auch wenn Akihiro viel eher einen mächtigen Gegenstand hätte brauchen können. Aber Katsu hatte sich durch seinen unvergleichlichen Einsatz jedes Recht darauf erkämpft. Katsu und Akihiro waren wohl zwei Extreme auf entgegengesetzten Seiten…



    „Ich hole uns mal eben Nachschub aus der Küche. Bin gleich wieder da.“



    Wenigstens als Versorgungseinheit konnte Akihiro sich wirklich sehen lassen. Mittlerweile waren einige Stunden vergangen und späte Nacht über uns hereingezogen. Ein paar Kohlenhydrate in Form von Ramen waren jetzt wirklich nicht zu verachten. Während Akihiro das Wasser zum Kochen brachte unterhielt ich mich mit Osamu und Yu via Headset über die Strategie für ein anstehendes Event. Katsu war auch zugeschaltet, schwieg sich allerdings aus. Wenn ich so darüber nachdachte hatte ich Katsu tatsächlich noch nie ein Wort sprechen hören. Wenn er etwas beitrug, dann nur in schriftlicher Form. Vielleicht steckte er mitten in der Pubertät und schämte sich für seine heranwachsende Stimme. Etwas in der Richtung war gut möglich. Immerhin war „RougH“ ein Game, in dem sich sowohl junge Anfänger als auch jahrzehntelange Veteranen tummelten und austoben konnten. Insofern wurmte es mich fast noch mehr, dass ich immer weniger an ihn heranreichte. Manche Gaben waren vom Schicksal wirklich ungerecht verteilt.



    „Wollen wir nächstes Mal von Anfang an in Fünferformation loslegen? Wobei… manchmal denke ich, dass wir Katsu eher im Weg sind, als dass wir ihn unterstützen. So wie er spielt sind wir anderen eigentlich beinahe überflüssig.“



    Yu lobte unseren (inoffiziellen) Anführer über den grünen Klee.



    „Blödsinn. Wir können uns nicht nur auf Katsu verlassen. Wenn die anderen Teams ihre Kräfte auf ihn konzentrieren hat selbst er schlechte Karten.“



    Osamu sah die Sache von der strategischen Seite. Wie erwartet enthielt sich Katsu der Diskussion. War es ihm peinlich so in den Mittelpunkt gestellt zu werden? Wenigstens ein paar Textzeilen konnte er uns doch zukommen lassen. An seiner Statt führte Osamu unsere mögliche Strategie weiter aus.



    „Katsu ist und bleibt natürlich unser Ass. Aber je länger wir Anderen Schaden von ihm fernhalten, umso höher sind unsere Siegeschancen. Unser Hauptproblem ist und bleibt jedoch Akihiro. Ja, wir sind Kameraden und menschlich mag er absolut in Ordnung sein, aber im Endeffekt macht es für unsere Gilde absolut keinen Unterschied, ob er dabei ist oder nicht. Schlimmer noch, nach jeder Schlacht müssen wir Ressourcen opfern um ihn wiederzubeleben. Wenn wir uns bei dem kommenden Event wirklich beweisen wollen, brauchen wir dringend richtige Unterstützung. Ich kenne da einen Gamer, der wäre sofort dazu bereit uns…“



    „ABGELEHNT!!!“



    Ich wollte Osamus Satz nicht einmal bis zum Ende hören. Akihiros Gamingskills waren stark eingeschränkt, das konnte man nicht besser formulieren. Aber wer allen Hindernissen zum Trotz so stark für Videospiele brannte hatte es nicht verdient wegen irgendeines Events oder sonst etwas ersetzt zu werden. Schon gar nicht von einem „Verbündeten“.



    „Wenn Akhiro gehen muss kannst du dir auch gleich Ersatz für mich suchen. Keine Ahnung, wie Yu und Katsu das sehen, aber von so einem ‚Team‘ will ich gar nicht erst Mitglied sein!“



    Es folgte ein kurzes Schweigen. Schließlich war es ausgerechnet Katsu, der mit einem „Daumen hoch“-Emoji das Schweigen brach. Dann schloss Yu sich ihm an.



    „Ich bin auch dagegen. Viele von uns Gamern haben es eh immer noch schwer Anerkennung für unsere Leidenschaft zu finden. Da müssen wir uns nicht auch noch selbst in den Rücken fallen. Wenn Akihiro gehen muss bin ich auch raus.“



    Nun befürchtete wohl Osamu selbst derjenige zu sein, der sich im Zweifelsfall die Papiere holen konnte und lenkte kleinlaut ein.



    „Schon gut. War ja nur ein Vorschlag. Minato, soweit ich weiß, bist du mit Akihiro doch auch im Real Life befreundet. Wenn du ihn unter deine Fittiche nimmst, wird es schon werden…“



    Damit war es besiegelt. Die „Iron Blades“ würden in ihrer Gründungsformation das Kampffeld betreten und für Ruhm, Ehre und starke Items in die Schlacht ziehen. Dass gerade mein Rivale Katsu mir als erstes beisprang, wenn auch nur mit einem Emoji, rechnete ich ihm hoch an. Es stimmte einfach, dass gegenseitiger Respekt von unschätzbarem Wert im Leben war.



    „Der Einfachheit halber habe ich für uns beide Ramen mit Rindergeschmack gemacht. Umrühren darfst du aber noch selber.“



    Akihiro hatte wieder den Raum betreten und keine Ahnung davon, dass von einem unserer Kameraden gerade eine Kugel auf ihn abgefeuert worden war. Da es nichts brächte damit womöglich seine Gefühle zu verletzen, würde ich ihm wohl nie davon erzählen…





    Sonntagabend war angebrochen und ich hatte mit Akihiro an diesem Wochenende wohl mehr Abenteuer bestanden als andere in ihrer ganzen „realen“ Lebenszeit. Dies bedeutete, dass mein Waffenbruder wieder in den Schoss seiner Familie zurückkehren musste, mit allen „Annehmlichkeiten“, die sie für ihn vorsah. Normalerweise trug er diesen sozialen Abstieg mit Fassung, heute aber schien ihm noch etwas auf der Seele zu liegen.



    „Fühlst es sich nicht manchmal ziemlich einsam an, so ganz allein zu wohnen?“



    Mit der Frage hatte ich von Akihiro jetzt nicht gerechnet. Zugegeben hatte er damit nicht unrecht, aber mit diesem Umstand ging ich nicht unbedingt gerne hausieren. Erst recht, da es viele japanische Familien gab, die in Überzahl auf engstem Raum wohnten.



    „Das passt schon. Außerdem glaube ich kaum, dass dich deine Eltern bei mir einziehen…“



    Sofort schüttelte Akihiro, überraschend entschieden, den Kopf.



    „Darum geht es nicht. Zumindest nicht meinetwegen.“



    Mein bester Freund machte mich neugierig, auch wenn mir böses schwante.



    „Es ist so: meine Familie, allen voran mein Vater, unterhält beste Verbindungen zur Familie Miura, einer Unternehmerfamilie, mit weit zurückreichendem Stammbaum. Deren Spross ist in unserem Alter und soll demnächst dieselbe Schule wie wir beide besuchen.“



    Ein Wechsel mitten im Schuljahr war nicht gerade landestypisch und von daher unüblich. Ergo musste etwas anderes dahinterstecken, als die Lehrmöglichkeiten unserer Bildungsstätte. Handelte es sich etwa um einen Delinquenten, der zu uns strafversetzt wurde, um ihn vor etwaigen rechtlichen Konsequenzen zu beschützen?! Damit wollte ich absolut nichts zu tun haben. Da konnte sein Stammbaum so weit zurückreichen, wie er wollte.



    „Tut mir leid, aber damit will ich lieber nichts…“



    „In der alten Behausung hat es gebrannt und ich habe mich angeboten, eine neue Unterkunft aufzutun, bis der Schaden behoben ist. Also kann…“



    „Da kommst du auf mich? Ihr habt doch sicher ganz andere Möglichkeiten als mein bescheidenes Paradies. Warum?“



    „Immerhin bist du Toudai-Anwärter. Das wiegt deutlich schwerer als so manche bauliche Mängel.“



    Lügen hatten es wohl wirklich an sich, dass man sich mit der Zeit immer tiefer in sie verstrickte. In dem Fall half nur noch eines.



    „Dann musst du deinen Eltern endlich die Wahrheit sagen. Dass ich nur ein Durchschnittsschüler bin und von daher ungeeignet einem bessergestellten Fatzke Kost und Logis zu bieten.“



    „Sag bitte nicht Fatzke. Das stimmt absolut nicht. Und wenn meine Eltern dahinter steigen, dass ich sie jahrelang angelogen habe um bei dir ungestraft zocken zu können, ist ein Eliteinternat nur die geringste meiner Sorgen. Willst du mir das wirklich antun, nur um dich nicht um einen anderen Menschen kümmern zu müssen?“



    „…“



    „Musst du da wirklich erst ernsthaft darüber nachdenken?!“



    Neue Leute real kennenlernen zu müssen war mir nun einmal zutiefst zuwider. Erst recht mit jemand Fremden zusammenwohnen zu müssen, der sich aufgrund seiner Herkunft vielleicht noch einbildete „besser“ zu sein als ich, war weit mehr als nur ein Freundschaftsdienst. Selbst wenn es für den besten, da wie schon gesagt einzigen, Freund war.



    „Trotzdem. Ihr habt doch selbst noch mindestens ein Zimmer frei, in dem ihr Gäste unterbringen könnt. Ich verstehe nicht, wieso dann ich…“



    „Es ist einfach nicht gänzlich unproblematisch gemeinsam unter einem Dach zu wohnen. Außerdem ist da noch meine Cousine, die wir bald unterbringen müssen. Ihre Eltern lassen sich scheiden und wollen nicht, dass das ganze Brimborium sich auf ihre schulischen Leistungen auswirkt.“



    „Deine Cousine? Meinst du etwa Stöpsel?“



    „Nenn sie bitte nicht mehr so. Dai ist vielleicht ein wenig kurz geraten, aber wir drei haben uns doch immer gut verstanden. Außerdem ist sie gerade einmal nur zwei Jahre jünger als wir. Bitte. Tu mir den Gefallen. Ich weiß, es ist viel verlangt, aber Dai kann genauso schlecht mit neuen Menschen wie du, dann noch die Scheidung ihrer Eltern… Meine Familie hat einfach Angst, dass sie alles überfordern könnte, ihre schulischen Leistungen dann derart nachlassen, dass sie auf eine Allerweltsuni gehen muss und…“



    Reiche Leute hatten wirklich Probleme, die wir gemeines Volk dann ausbaden mussten. Jede Faser in meinem Körper wehrte sich gegen einen (fremden) Mitbewohner und hätte am liebsten „Neiiiiiiiiiiin!!!!“ geschrien, aber ich hatte einfach ein zu weiches Herz. Noch bevor ich irgendetwas sagen konnte, kam mir Akihiro bereits zuvor.



    „Danke!!! Du bist wirklich der Beste. Ich schulde dir was.“



    Meine Welt lag in Schutt und Asche. Aus einem ehemals stolzen Krieger war ein rückratsloses Häufchen Elend geworden und so blieb mir nur noch eines zu sagen.



    „Wann?“



    „Nächster Freitag wäre perfekt. Natürlich nur, wenn dir das passt.“



    „Spielt das wirklich noch eine Rolle?“



    „Übrigens wäre es toll, wenn du das Haus einmal grundreinigen könntest. Ich habe bereits ein paar Spezialmittel besorgt, die bringe ich dir dann morgen nach der Schule mit. Und vergiss bitte nicht bis dahin ein paar Mal auszulüften. Ich meine, mich stört es ja nicht, aber vielleicht…“



    Ich war in dieser Angelegenheit eindeutig über den Tisch gezogen worden. Akihiro mochte ein unschuldiges Gemüt haben, aber das Verhandeln hatte er eindeutig von seinen Eltern gelernt. Eigentlich hätte ich ja erst meine eigenen um Erlaubnis bitten müssen, aber die waren wohl gerade irgendwo am Amazonas unterwegs und unsere Kontaktmöglichkeiten von daher stark eingeschränkt. Ja, es kamen wohl anstrengende Zeiten auf mich zu…





    Ich machte die darauffolgende Zeit die faszinierende Erfahrung, dass eine Woche sich einerseits endlos anfühlen konnte und dann doch viel zu schnell verging. Es kam kein neuer Tag, an dem Akihiro nicht mit einem neuen Wunsch seines Vaters an mich herantrat, was die Wohnraumgestaltung seines, eigentlich ja meines, Gastes anging. Und schließlich sollte ich noch regelmäßig frisches Obst besorgen, damit sich mein Mitbewohner auch stets bester Gesundheit erfreuen konnte.



    Apropos Mitbewohner: ich war so damit beschäftigt mich über dessen ganzen Auflagen zu ärgern, dass ich völlig vergessen hatte Akihiro nach dessen Namen zu fragen. Aber das war mir auch schon einerlei. Ich hoffte inständig, dass er wenigstens mehr als nur im Ansatz pflegeleicht sein würde. Aber na ja, ich würde bald der Wahrheit, ergo ihm, ins Gesicht blicken.



    Punkt vier Uhr klingelte es an meiner Haustür. Adieu, mein Einsiedlertum. Wie ein Verurteilter auf seinem letzten Gang tat ich meine Schritte, griff nach dem Türknauf, drehte ihn, überlegte, ob ich nicht noch ein paar zusätzliche Arbeitsschritte hinzufügen konnte, zog schließlich daran gescheitert die Tür an mich heran und blickte in das Gesicht eines Mädchens. Nanu? Eine Ausländerin?! Wenigstens zur Hälfte. Hatte sie sich verlaufen oder benötigte sonst irgendwie Hilfe?! Verzweifelt kramte ich in meinem Kopf sämtliche Fragmente aus dem Englischunterricht zusammen, die sich irgendwie darin verfangen hatten.



    „Hello… I am Minato Yonezawa… Who… nein, how can I help you???“



    „Hallo, ich bin Marie Miura. Freut mich dich kennenzulernen.“



    Ein Glück, das Mädchen sprach eine zivilisierte Sprache. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Allerdings hatte ich vor lauter Aufregung leider nur die Hälfte von dem was sie sagte mitbekommen. Also hakte ich, was ihren Namen anging, sicherheitshalber nach.



    „Entschuldige, du heißt also Mari...?“



    „Nein, Marie mit einem ‚e‘. Marie Miura. Hat dir Akihiro etwa nicht gesagt, dass ich heute kommen würde?!“



    Mir stand der Verstand still. Ich sollte mit einem Mädchen zusammenleben, dass ich überhaupt nicht kannte?! Was hatte sich Akihiro dabei gedacht? Was sein Vater? Was sollte ich davon halten? Faktum war, dass ich ausgenommen meiner Verwandtschaft nur mit Akihiros Cousine Dai je weiblichen Kontakt hatte. Das konnte doch nicht gutgehen. Und überhaupt: Wo kam sie her? Das meinte ich keineswegs rassistisch, aber andere Länder pflegten andere Sitten. Ich hatte schon von Ländern gehört, in denen es durchaus zum guten Ton gehörte, sich zur Begrüßung auf die Wange zu küssen. Selbst wenn man unterschiedlichen Geschlechts war. Erwartete sie dergleichen auch von mir? Wir kannten uns doch überhaupt nicht. Reichte es, wenn ich mich nach japanischer Sitte verbeugte oder musste ich ihr wenigstens die Hand schütteln?



    Wo war Akihiro überhaupt? Er konnte doch nicht einfach zwei wildfremde Personen aufeinander loslassen und dann nur eine instruieren. Hilfe.



    „Entschuldige… ähm… aber ist Akihiro denn überhaupt nicht mitgekommen?“



    „Akihiro bringt gleich die Einkäufe. Ich wollte dich damit nicht überfallen, aber ich fand es sei das Mindeste, wenigstens für einen vollen Kühlschrank zu sorgen. Und nach dem ganzen Hotelessen hatte ich einfach Lust auf ein wenig Hausmannskost. Ich dachte, es wäre nett, zu meinem Einstand zu dritt etwas zu kochen.“



    An nichts konnte ich jetzt wohl weniger denken denn an Essen. Sicher, es war eine nette Geste, aber die ganze Situation war jetzt nichts, dass ich so ohne weiteres hätte verdauen können. Wenn sie sich ein wenig umsah… vielleicht käme sie dann zu dem Schluss, dass es im Hotel doch besser für sie wäre. Notfalls würde Akihiros Vater sicher seine Brieftasche für seinen Gast öffnen.



    „Möchtest… darf ich dir vielleicht solange das Haus zeigen?“



    „Gerne, wenn es dir nicht zu viel Umstände macht? Das wäre wirklich furchtbar nett. Ich bin schon so gespannt ein uriges japanisches Haus in echt zu sehen.“



    Baute man in ihrer Heimat tatsächlich so viel anders?! Naja, es gab einiges, mit dem ich gelernt hatte hier zurecht zu kommen. Auf sie wirkten solche „Eigenheiten“ hoffentlich abschreckend.



    „Das hier ist das Wohnzimmer. Der Boden ist allerdings…“



    „Echte Tatami-Matten. Von denen habe ich schon so viel gehört. Wie toll.“



    Tatsächlich waren die Matten schon reichlich alt und abgenutzt. Keine japanische Familie, die etwas auf sich hielt, hätte diese in diesem Zustand hingenommen. Für mich taten sie es zwar noch, aber eigentlich war ich immer nur zu faul gewesen sie auszutauschen. Sie dachte wohl, dass sie so aussehen müssten…



    „Leider kann ich mir wirklich nicht vorstellen, dass das Badezimmer deinen Ansprüchen genügen wird. Wie du siehst, ist die Badewanne schon alt und nicht sonderlich groß.“



    Zweiter Versuch. Ein heruntergekommenes Badezimmer war nun wirklich nichts, das jemandem gefallen konnte.



    „Darf ich das wirklich benutzen? In meiner alten Unterkunft gab es nur eine Dusche, genau wie in Europa. Dabei wollte ich so gerne ein traditionelles Bad benutzen. Aber dazu in ein Badehaus zu gehen konnte ich mich einfach nicht überwinden.“



    Unglaublich. Sahen ausländische Augen tatsächlich nur das Gute in Japan?! Aber bitte. Ihr Schlafzimmer. Wenn das nichts half, half gar nichts. Das wusste ich, denn es war ursprünglich meines. Darin fehlte nämlich etwas, was für sie sicher unumgänglich war…



    „Das wäre dann dein Zimmer. Wie du siehst kann ich dir hier leider nichts Besonderes bieten. Im Gegenteil. Du bist es sicher gewohnt in einem Bett…“



    „Ein Futon! So praktisch und gleichzeitig gesund für den Rücken. Ich weiß, wir haben uns gerade erst kennengelernt, aber ich finde es unglaublich, dass ich wirklich hier wohnen darf. Vielen, vielen Dank.“



    War man in ihrer Heimat einfach so oder hatte nur sie einen Schatten? Mir wäre ein Bett viel lieber gewesen als der Fußboden. Vielleicht war es auch nur der Reiz des Neuen und Unbekannten, der sie in allem das Paradies sehen ließ. Aber es war wie ich es vorhergesehen hatte. Mit Marie kamen anstrengende Zeiten auf mich zu. Ein über die Maßen positiver Mensch war genauso schwer zu ertragen wie ein ständiger Pessimist. Oh weh.



    Es klingelte. Akihiro, mein schlimmster „Freund“ kam vollgepackt mit Einkaufstüten zur Tür herein. Am liebsten hätte ich ihm sonst was erzählt, aber die Höflichkeit gegenüber Akihiro gebot mir Einhalt.



    „Na? Habt ihr euch schon angefreundet?“



    „Minato ist wirklich supernett und das Haus einfach ein Traum. Ich kann euch beiden wirklich nicht genug dafür danken, dass ihr mir so helfen wollt.“



    Ich litt einfach schweigend.



    „Marie kommt übrigens aus Österreich, aber sie spricht wirklich sehr gut japanisch, nicht wahr?“



    „Österreich, hm?“



    Tatsächlich wusste ich von ihrer Heimat nur, dass es auf der Landkarte zu finden war. Ich hatte nie das Bedürfnis verspürt, die Grenzen Japans zu überschreiten, ja eigentlich noch nicht einmal jene meines Hauses. Schade, dass Marie da anders dachte.



    „Ich habe alles besorgt, was wir für ein tolles Oyakodon brauchen. Das ist doch was?!“



    „Wie toll. Ich habe schon einen Bärenhunger. Du auch, Minato?“



    „Und wie…“



    So standen wir drei denn in der Küche und kochten Hausmannskost, wie Marie es sich wünschte. Ich schnitt das Fleisch klein, Akihiro die Zwiebeln und Marie wollte sich um die Brühe kümmern. Wenn das mit den beiden nur gut ging. Maries Fähigkeiten kannte ich nicht, aber Akihiro war im Grunde zu nicht mehr zu gebrauchen als für die Arbeit mit dem Wasserkocher. Eigentlich hätte mich das Ergebnis von daher nicht überraschen dürfen, aber Akihiro schaffte es dennoch.



    „Bei Frühlingzwiebeln schneidet man doch nicht den Stängel mit.“



    „Ich dachte, dass es nicht schaden könnte. Schließlich sind wir doch zu dritt.“



    Ich war zwar verärgert, kam aber dennoch nicht umhin seinen guten Willen anzuerkennen. Wann hätte er sich auch Erfahrungen aneignen sollen?! Er war eben ein Theoretiker. In allen Belangen. Ich würde die grünen Stücke eben aussortieren müssen. Hoffentlich stellte sich Marie ein wenig geschickter an.



    „Kommst du mit dem Gasherd zurecht, Marie?“



    „Klar, den gleichen gab es auch in meiner alten Unterkunft. Ich mach nur noch die Flamme an, dann kann es auch schon losgehen.“



    Mit einem Mal wurde es mir ziemlich warm in meinem Rücken. Ich drehte mich um und hatte eine dumpfe Ahnung, was oder vielmehr wer den Brand in Maries alter Behausung verschuldet hatte. Nachdem wir mit vereinten Kräften die Lage unter Kontrolle gebracht hatten stand für mich fest, dass Marie hier auf unbestimmte Zeit nur Becherramen zubereiten dürfte. Alles andere war vorerst einfach zu unsicher…

  • Huhu Ideeus,

    ich bin neulich auf deine neue Geschichte gestoßen und dachte, ich lasse dir mal einen Kommentar da. 😊


    Bereits im Startpost erwähnst du viele Infos zur Geschichte, die auch zu Beginn des ersten Kapitels ausführlicher dargestellt werden. Was ich irgendwie sehr amüsant finde, ist, wie gegensätzlich Akihiro und Minato sind, wobei letzterer das nicht als ein Hindernis für die Freundschaft sieht, auch wenn Akihiro gerne tendiert, Minatos Gastfreundschaft überzustrapazieren. Jedenfalls fand ich die Gaming-Szene sehr schön geschrieben, weil das auch nochmal die Möglichkeit erschuf, die Freundschaft – die anfangs für mich als Leser doch eher zweckmäßig wirkte – zwischen den beiden aufzuzeigen und zu vertiefen. Minato hat sich geweigert, Akihiro aus der Gilde einfach rauszuschmeißen und sogar damit gedroht, selbst auszusteigen, sollte man es wagen Akihiro auszuschließen. Ich fand die Situation sehr gelungen und eindrücklich beschrieben.


    Bei der Situation mit der neuen Mitbewohnerin war ich doch etwas überrumpelt, weil das irgendwie sehr schnell ging. Irgendwie hat mir hier eine Hinführung zur abschließenden Situation, in der sich Minato wiederfindet, gefehlt. Minato selbst wirkt wie jemand, der doch zu einer gewissen Aufopferungsbereitschaft fähig ist, aber gerade bei diesem Thema – obgleich seine Eltern meistens nicht zu Hause sind – hätte ich mir doch vorstellen können, dass man Minato mehr überzeugen hätte müssen. (Nicht nur Minato, sondern auch ich als Leser habe mich sehr überrumpelt gefühlt, lol).

    Akihiro derweil ist doch ein sehr eigentümlicher Charakter und seine ausweichenden Antworten/Aussagen gepaart mit seinem familiären Hintergrund haben in mir den Eindruck erweckt, dass er etwas vor Minato verheimlicht, was erst im Laufe der Story rauskommen wird. Ich fand, dass sein Charakter – was vielleicht auch der Erzählerperspektive geschuldet ist – ein bisschen zu kurz kam. Man wird als Leser sofort damit konfrontiert, dass beide diese Freundschaft haben, bei der sich Akihiro bei Minato zu Hause einnistet, um ein den Eltern unliebsames Hobby nachgehen zu können. Gerade, weil ja so explizit erwähnt wird, dass Akihiro trotz dessen ein Musterschüler ist, hat mir hier etwas dieser eher beiläufige Konflikt zwischen eigenen Bedürfnissen und Fremderwartungen – die es zu erfüllen gilt – gefehlt.

    Marie scheint ein sehr amüsanter Charakter zu sein. Ich denke, dass das Zusammenleben zwischen ihr, Minato und in Teilen mit Akihiro den Gastgeber vor zahlreichen Herausforderungen stellen wird.

    Bin auf jeden Fall gespannt, wie es weitergeht!

  • Dunames:


    Vielen Dank für deinen Kommentar. Ich gebe zu, dass manches übereilt gewirkt haben könnte, aber ich hoffe, dass sich dieses Manko im Verlauf der Zeit noch geben wird. Ob Akihiro vor Minato Geheimnisse hat lasse ich an dieser Stelle noch offen, eines jedoch wird in diesem Kapitel gelüftet. Im Ausgangspost habe ich auch dieses Kapitel wieder als pdf-Datei zur Verfügung gestellt, aber logischerweise poste ich den Text auch hier. Ich wünsche viel Vergnügen und falls es nicht gefällt bitte ich um Verzeihung.




    Kapitel 2 - "Das Zusammenleben beginnt"


    Wir hatten gerade Anfang Mai und befanden uns somit inmitten der „Golden Week“. Dabei handelte es sich um eine alljährliche Ansammlung von Feiertagen von Ende April bis Anfang Mai. Für Firmensklaven war es die seltene Gelegenheit einmal ausspannen zu können, für Angestellte des Einzelhandels und der Gastronomie dagegen waren es zumeist Arbeitstage wie sonst auch. Schlecht für sie, aber nicht übel für Menschen wie mich, die Gäste aus dem Ausland zu betreuen hatten.



    Akihiro hatte mich gebeten, Marie mit Land und Leuten vertraut zu machen, sowie gemeinsam mit ihr einige Besorgungen zu erledigen, die für unseren künftigen Alltag unumgänglich waren. Dazu zählten einerseits so banale Dinge wie Zahnbürsten und -pasta, einige andere Hygieneprodukte und auch unser gemeinsamer Kühlschrank musste ihren Bedürfnissen gewachsen sein. Wobei das Kochen vorerst noch lieber ich alleine übernehmen würde, zumindest was den Umgang mit meinem Gasherd anging.



    Am Wichtigsten allerdings war der Erwerb einer Schuluniform. Wie Marie erzählte war derlei in ihrer österreichischen Heimat eher unüblich, bei uns aber galt sie als Standard. In unserem Land zählte es beinahe mehr, welche Schule man besuchte, denn welche Noten man hatte. Ich konnte kaum fassen, wie simpel der Eintritt in eine höhere Schule in Maries Heimat war, während man bei uns drakonische Aufnahmeprüfungen über sich ergehen lassen musste. Als Besitzer einer Nachhilfeschule konnte man sich von daher gut eine goldene Nase verdienen. Aber auch hier gab es einige mit höchst unterschiedlichen Renommees. Im Endeffekt war auch ihr Ruf letztendlich von der Erfolgsquote ihrer Schüler abhängig. Alles in allem war unser Bildungssystem ziemlich gnadenlos…



    Aber zurück zur Schuluniform. Marie war ein gutes Stück größer gewachsen als die durchschnittliche Oberschülerin hierzulande und auch obenrum sehr… „gesund“ gebaut. Das hieß es war notwendig für sie einige Änderungen vornehmen zu lassen, da sie ansonsten die Phantasie unserer Mitschüler und einiger Lehrer zu sehr „beflügelt“ hätte. Frau zu sein konnte wirklich mitunter ein Kreuz bedeuten und ich kam nicht umhin mich zu wundern, ob sie wohl Probleme mit ihrem eigenen hatte. Aber es schickte sich wirklich nicht sie das zu fragen.



    Praktischerweise bot der Laden selbst Änderungsschneidereien an – allerdings waren diese nicht ganz billig. Erst recht, da Maries Schuleintritt bereits in wenigen Tagen erfolgen würde und diese daher per Express erfolgen mussten. Da ihre Eltern aber wohl keine Geringverdiener waren traf es ja keine Armen. Ich persönlich hoffte mit meiner Schulkleidung die nächsten Jahre auszukommen, um mein Gamingbudget nicht unnötig anzapfen zu müssen.



    Apropos Gaming: ab dem morgigen Tag würde ich mit Akihiro ein Intensivtraining einlegen, um ihn auf das notwendige Mindestmaß für das anstehende Event in unserem Lieblingsgame zu drillen. Viel Hoffnung hatte ich nicht, aber vielleicht würde ihn Maries Anwesenheit dabei irgendwie positiv beflügeln. Für die Mitglieder der „Iron Blades“ waren Ramen als Verpflegung vorgesehen, Marie würden wir im Fall der Fälle Lieferdienste schmackhaft machen.



    „Wollen wir nicht hier was essen?“



    Marie deutete auf einen Ramenshop in unserer unmittelbaren Nähe.



    „Klar, aber du solltest nicht zu viel erwarten.“



    Ich wollte ihre Erwartungen nicht unnötig dämpfen, aber die kurze Zeit, die wir zusammen lebten hatte bislang immer ich für uns beide gekocht. Um die Wahrheit zu sagen wusste ich nicht, wie verwöhnt ihr Gaumen war oder besser gesagt, welche Gerichte sie in ihrer Heimat bevorzugte. Persönlich hatte ich, oh Wunder, nichts gegen den Besuch des Lokals. Gleich beim Betreten allerdings tat sich mir ein etwaiges Problem auf. Ramen wurden hierzulande lauthals geschlürft, während in ausländischen Filmen immer vergleichsweise Ruhe beim Essen eingehalten wurde. Konnte mein Besuch mit den unappetitlichen Geräuschen umgehen? Offensichtlich ja. Es waren nicht viele Gäste anwesend, der Geräuschkulisse dagegen musste man fast annehmen, der Laden wäre rappelvoll. Marie war offensichtlich wirklich ein weltoffener Typ Mensch. Sehr sympathisch.



    Ich studierte noch die Karte, während Marie sich bereits etwas ausgeguckt zu haben schien. Auch wenn sie sehr gut japanisch sprach war ich mir nicht sicher, wie gut es um ihre Lesekenntnisse bestellt war. Japanisch war mit seinen Schriftzeichen zuweilen etwas vertrackt, wenn man diese nicht gewohnt war. Mancher Name auf der Karte beinhaltete ein Wortspiel, das sich sicher nicht eins zu eins in eine andere Sprache übersetzen ließ. Andererseits: was konnte schlimmstenfalls schon passieren? Moment, das hieß bis auf…



    „Marie, gibt es vielleicht irgendetwas, von dem du lieber die Finger lassen solltest? Wegen einer Allergie oder so? Wenn du eine Übersetzungshilfe brauchst kann ich dir sehr gerne…“



    „Danke, aber ich bin eine Allesfresserin. Es gibt eigentlich nichts, das ich nicht vertrage. Aber du bist wirklich ein Schatz, dass du so gut auf mich aufpasst. Akihiro hat wirklich nicht gelogen, als er mir angeboten hat bei dir einzuziehen.“



    Zugegeben, Marie war eine angenehme Mitbewohnerin. Aber dennoch hätte mich Akihiro VOR Marie fragen können. Naja, geschehen war geschehen. Irgendwann würde ihre Unterkunft wieder bezugsfertig sein und ich wieder Alleinherrscher meines Reiches.



    „Guten Tag, Sie wünschen?“



    Der Kellner war an uns herangetreten um unsere Bestellung aufzunehmen.



    „Ich hätte gerne eine mittlere Portion mit Ei. Und du, Marie?“



    „Ich hätte meine Ramen gerne mit Schweinebauch, marinierten Eiern, Frühlingszwiebeln, sautierten Pilzen und Bambusscheiben.“



    Der Kellner wirkte ein wenig ungläubig. Auch wenn es sich nicht gehörte Gäste nach ihrer Herkunft einzuteilen, wirkte sie schon rein äußerlich ziemlich ortsfremd. Eine dermaßen üppige Bestellung hatte er sicher nicht erwartet. Hilfesuchend blickte er in meine Richtung.



    „Ähm Marie, bist du dir sicher, dass dir das nicht zu viel…“



    „Und das ganze bitte Sumo-Style.“



    Sumo-Style war in diesem Laden die mit Abstand größte Portion. Nicht einmal ich traute mir zu, dieser Herr zu werden. Wie sollte dann erst Marie…? Jetzt blickte ich hilflos in die Augen des Kellners und dieser in meine. Es war ein fast schon intimer Moment der Ratlosigkeit. Schließlich notierte er unsere Bestellung und zog damit in die Küche. Sicher war es falsch, dass ich Marie nicht über ihren Irrtum aufgeklärt hatte, aber sie hatte die Order dermaßen selbstverständlich und selbstbewusst platziert, dass ich es schlicht nicht übers Herz gebracht hatte, ihre Japanischkenntnisse in Frage zu stellen. Nun, sie würde ihren Fehler bald selbst erkennen.



    Es war etwas, das mir absolut nicht lag, aber um die Wartezeit zu überbrücken versuchte ich mich im Smalltalk. Aber worüber sollte ich mit ihr reden? Das Wetter? Zu offensichtlich. Ihr Verhältnis zu Akihiros Familie? Wer weiß, ob sich hier nicht ein Wespennest verbarg. Blieb mir also nur noch…



    „Gefällt es dir in Japan? Es ist immerhin ziemlich weit weg von deinem Zuhause.“



    „Ich wollte schon als Kind unbedingt einmal die Heimat meines Vaters sehen. Ich weiß, ich komme äußerlich ziemlich nach meiner Mama, aber ich wollte immer auch meine andere Hälfte erkunden. Oh, habe ich das jetzt falsch ausgedrückt. Papa sagt immer, dass mein Japanisch ziemlich gut sei, aber ich hatte daheim kaum Gelegenheit es in die Praxis umzusetzen.“



    „Keine Sorge. Es ist bess... Du bist bereits echt gut. Den Rest lernst du auch noch schnell. Es klingt auf den ersten Blick schwerer als es ist.“



    „Vielen Dank. Japan ist so toll. Es gibt so vieles, das ich hier noch sehen und erleben will. Ich will unbedingt einmal in einem Originalkostüm cosplayen und zu einem Onsen fahren. Zu Neujahr müssen wir unbedingt einen Schrein besuchen und Lose ziehen und dann will ich um jeden Preis bei einem Kirschblütenfest dabei sein. Das letzte Hanami habe ich ja knapp verpasst, aber ich will unbedingt sehen, wie die Bäume in voller Blüte stehen. Sofern ich dann noch hier bin…“



    „Ist dein Aufenthalt etwa nur auf ein Jahr begrenzt?



    „Nein… ja… es kommt darauf an…“



    Gerade als es anfing wirklich interessant zu werden, musste just der Kellner seine Rückkehr feiern. Sicher, ich war bereits ziemlich hungrig, aber die zwei Minuten hätten mich jetzt auch nicht mehr umgebracht. Gerade, weil Marie anfing sich wirklich zu öffnen, hätte ich gerne gewusst, was es mit ihrem Aufenthalt auf sich hatte…



    Die Suppe duftete herrlich und verströmte allein dadurch ein Gefühl von Behaglichkeit. Maries war von nicht minderer Qualität. Im direkten Vergleich wirkten unsere Schüsseln jedoch beinahe so, als habe Marie um ein Fußbad gebeten. Erstaunlicherweise schien sie mit der Größe ihrer Portion jedoch so gar keine Probleme zu haben. Einige der anderen Gäste staunten jedoch über den Appetit des blonden Mädchens. Und sie wurden nicht enttäuscht. Im gleichen Tempo wie ich meine „normale“ Portion vertilgte leerte sich auch jene meiner Mitbewohnerin. Und nicht nur das. Selbst ihre Schlürfgeräusche waren von nahezu professioneller Qualität. Irgendwie war das Mädchen eine Wundertüte. Immer wenn man dachte man hätte ihr Wesen halbwegs erfasst kamen stetig neue Facetten dazu, mit denen man nicht gerechnet hatte.



    Nach knapp zwanzig Minuten hatte sie die Riesenportion in ihrem Magen verschwinden lassen und es hätte mich nun auch nicht mehr groß gewundert, hätte sie einen Nachschlang verlangt. Sie hatte sich zwar als „Allesfresserin“ bezeichnet, die Menge aber nicht näher eroiert. Ob ich ihr bislang immer zu wenig aufgetischt hatte? Die ganze Szenerie war einfach surreal. Ein älterer Stammkunde kam an unseren Tisch und beglückwünschte Marie regelrecht zu ihrer fabelhaften Leistung. So etwas hätte er noch nicht erleben dürfen und sein Leben sei lang gewesen. Selbst Marie schien peinlich berührt davon für ihren Appetit gelobt zu werden. Ob sie Angst hatte von nun an für einen Vielfraß gehalten zu werden? Jedenfalls hatte sie ziemlichen Eindruck hinterlassen…





    Wieder daheim angekommen verstauten wir unsere getätigten Einkäufe. Marie füllte ihren Bestand im Bad und ihrem Zimmer auf, ich kümmerte mich um die Lebensmittel und alles sonstige Verderbliche. Was die Lebensmittel anging musste ich Marie direkt dankbar sein. Auch wenn das Kochen auf mir lastete, so gesund und gut hatte ich mich zuletzt ernährt, als Mama und Papa noch vor Ort waren. Die Mengen, die meine Mitbewohnerin kaufte, hätten gut und gerne für eine dritte Person im Haus gelangt und kosteten mich keinen müden Yen. Diesen Punkt konnte man sicher missverstehen, aber dafür trug ich die sonstigen Haushaltskosten alleine (mit dem Geld, das meine Eltern mir monatlich überwiesen). Vielleicht sollte ich sie einmal anrufen und sie über meine geänderten Lebensumstände informieren. Immerhin war unserem Haushalt ein neuer Kopf gewachsen und letztendlich gehörten die vier Wände immer noch ihnen. Im Moment durften sie sich wohl in der Gegend um die Sahelzone aufhalten, ergo wäre ein Telefonat nicht nur teuer, sondern auch schwer realisierbar. Naja, irgendwann würde sich mit Sicherheit ein Gespräch möglich machen lassen…



    „Hast du Lust mit mir eine Runde laufen zu gehen? Das Wetter ist so herrlich und eure Gegend hier einfach ein Traum.“



    Eigentlich sollte man meinen, dass Marie mit einem derart vollen Magen der Sinn nach einem Verdauungsschläfchen oder -spaziergang gestanden hätte. Aber was das anging war mit mir nicht zu verhandeln.



    „Vielen Dank, aber… die Nudeln, die viele Brühe… ich muss das erst mal alles richtig sacken lassen. Du verstehst?!“



    „Menno, du bist ein echter Spielverderber. Aber von mir aus. Wir sehen uns später. Übrigens: Was hältst du von Okonomiyaki zum Abendessen?“



    Bekam man in Europa nichts zu essen oder warum war ihr Magen dermaßen aufnahmefähig?! Ich wollte im Moment nicht einmal an Essen denken und sie plante bereits ihre nächste Mahlzeit. Dazu noch etwas derart Gehaltvolles. Nein, dieses Mädchen war nicht von dieser Welt oder zumindest ihr Magen ein schwarzes Loch.



    „Klar, warum nicht?“



    Warum ihr nicht den Gefallen tun?! Im Notfall würde sie sicher auch alleine mit den Pfannkuchen fertig werden.



    „Toll, du bist wirklich der Beste. Dann bis später.“



    Und schon war sie dahin. Nein, Sport war wirklich nicht das richtige Mittel gegen einen vollen Magen. Hier half nur eines: sich in einem Fantasy-Szenario mit dunklen Mächten im Schwertkampf zu messen. Die Natur würde die Dinge auf ihre Art regeln, während meine beiden Hände den Rest übernahmen. So erlebte ich die Vorzüge der Golden Week völlig ohne Stress von zu Hause aus. Und schließlich durften auch meine Fähigkeiten nicht nachlassen. Was für ein Lehrmeister wäre ich ansonsten für Akihiro?



    Ein Klingeln unterbrach meine Gedankengänge, eigentlich vielmehr eine Melodie. Diesen Song hatte ich zwar noch nie gehört, aber das musste ja nichts heißen. Offensichtlich hatte Marie ihr Smartphone liegen lassen. Es ging mich eigentlich auch nichts an. Aber wenn es nun Marie selbst war, die wissen wollte, wo ihr Telefon geblieben war? Vielleicht hatte ihr ein freundlicher Passant gestattet von seinem Gerät aus anzurufen. Dann musste ich rangehen, damit sie nicht unnötig in Panik geraten würde. Immer diese Umstände…



    Glücklicherweise fand ich den Apparat im Badezimmer. Ohne Wissen in ihren Raum einzutreten wäre unhöflich gewesen, selbst wenn es einmal meiner gewesen war. Ich nahm das Telefon in die Hand und besah das Display. „Papa“ war darauf zu lesen. Gottlob auf Japanisch. Ich beschloss das Gespräch nicht anzunehmen und Marie später davon zu berichten. Mit Fremden zu reden behagte mir nicht besonders. Warum es also tun, wenn es schlicht nicht notwendig war? Ich ging wieder zu meinem Spiel und nahm den Kampf gegen feindliche Mächte auf. Es war eine andere Art der Kommunikation, aber um ein Vielfaches einfacher.





    „Bin wieder da.“



    Marie schien ihren Lauf nach einer geschlagenen Stunde ohne größeren Kraftverlust hinter sich gebracht zu haben und meldete sich lauthals zurück.



    „Willkommen daheim…“



    „Ich werde vor dem Essen noch ein Bad nehmen, wenn du nichts dagegen hast. Sag einfach Bescheid, wenn ich dir beim Kochen helfen kann.“



    „Botschaft angekommen. Übrigens hat dein Handy vorhin…“



    Weiter kam ich nicht. Schnellentschlossen wie es ihre Art war hatte sie sich bereits ins Badezimmer zurückgezogen und das Wasser aufgedreht. Wahrscheinlich hat sie nicht einmal mehr den Teil mit dem Handy mitbekommen. Aber es ging mich ja auch nichts an. In einem Manga hätte ich wohl die Badezimmertür geöffnet und sie splitterfasernackt überrascht, bevor mir ein Schuh ins Gesicht geknallt wäre. Aber das gehörte eindeutig in den Bereich der Fiktion. Sie würde den Anruf eh von selbst bemerken und ich musste langsam mit den Vorbereitungen für das Abendessen beginnen. Pfannkuchen zuzubereiten war nicht die Welt, allerdings deren Belag. Der Kohl musste ebenso in Streifen geschnitten werden wie das Fleisch klein. Dazu kamen je nach Geschmack noch andere Gemüsesorten, die dem ganzen dann schon etwas Aufwand angedeihen ließen.



    Ordentlich legte ich mir, nachdem es gewaschen war, alles Notwendige zurecht und begann meine Arbeit. Akihiro wusste hoffentlich zu schätzen, was ich für seinen Gast auf mich nahm. Mir persönlich verpasste Kohl immer ein gewisses Gasaufkommen. Insofern würde ich auf meinem Okonomiyaki davon Abstand nehmen. Einer war für mich bereits mehr als reichlich, aber Marie zuliebe würde ich ein paar davon zubereiten.



    Während Marie ihre Zeit damit zugebracht hatte in der Wanne zu schmoren hatte ich das gleiche mit meinen Zutaten gemacht. Als Kind hatte ich Mama und Papa immer begeistert dabei zugesehen, wenn sie für uns drei gekocht hatten. Und das taten sie gut. Scheinbar waren gewisse Fähigkeiten erblich, immerhin hatte ich in der kurzen Zeit die wir uns kannten von Marie noch keine Klagen zu hören bekommen. Stand nur zu hoffen, dass die Lieferdienste die nächsten Tage würden mithalten können.



    Marie schien sich mittlerweile bereits in ihrem Zimmer frisch zu machen, was immer das auch genau bedeuten würde. Insofern lag ich genau in der Zeit. Das Crêpe und die Zutaten garten bereits auf der Eisenplatte und konnten alsbald verzehrt werden. Meine Eltern hatten unsere Küche wirklich sehr gut ausgestattet. Schade, dass sie mittlerweile so selten hier waren. Ein paar Minuten noch und alles wäre zur Perfektion gebraten.



    Ich ging zu Maries Zimmertür um kurz Bescheid zu geben. Allerdings war sie gerade dabei mit jemanden zu sprechen. Ihrem Vater? Leider sprach sie deutsch und ich verstand somit keinen Ton. Insofern war es auch kein Problem, dass ich mithörte. Nanu? So aufgewühlt hatte Marie noch nie geklungen. Ob es daheim Schwierigkeiten gab? Musste sie vielleicht bereits wieder abreisen? Leise seufzend beschloss ich mich wieder meinen Pfannkuchen zuzuwenden, ehe sie noch anzubrennen drohten.



    „Akihiro Kato...“



    Diese zwei Worte konnte ich in dem deutschen Kauderwelsch verstehen. War der Name meines (besten) Freundes positiv oder negativ gemeint? Der gesamte Tonfall hatte eher bedrückt geklungen, aber das war eindeutig zu wenig, um auf den Kontext schließen zu können. Mein Interesse an anderen hielt sich eigentlich eher in Grenzen, aber hiervon wäre ich im Moment gern Teil gewesen und sei es nur um meine Neugier zu befriedigen.



    Ich beschloss so zu tun als wüsste ich von nichts und kümmerte mich um unser Abendessen. Ich ließ wohl gut 10 Minuten vergehen, bevor ich Marie mit lauter Stimme aus der Küche zum Essen rief. Es dauerte ein wenig bevor sie kurz und knapp: „Komme gleich!“ antwortete. Wieder verging etwas Zeit bevor sie aus ihrem Zimmer trat und so tat als wäre sie nach wie vor bester Laune. Während des Essens versuchte ich zu erspähen, ob etwa ihr Make up verlaufen war oder es andere Anzeichen gab, dass sie geweint hätte. Aber Fehlanzeige. Es wirkte auf mich fast so, dass ich mir alles nur eingebildet hatte. Vielleicht war es tatsächlich so gewesen. Zwischenmenschliche Kontakte waren wirklich anstrengend.



    Nachdem wir gegessen hatten kümmerten wir uns schließlich gemeinschaftlich um den Abwasch, bevor sie sich wieder zurückzog. Angeblich um ein wenig zu lesen und das Essen in Ruhe zu verdauen. Mir sollte es recht sein, fragen konnte ich sie ja schlecht. Wenn sie von sich aus über etwas reden wollte war es etwas anderes. Letztendlich wusste ich ja nichts Gewisses…





    Am nächsten Tag wollte Akihiro vorbeikommen um über das Wochenende zu zocken. Vorbereiten konnte ich dafür nicht viel, aber ich überlegte, ob ich ihn auf Marie ansetzen konnte, ohne großartig etwas Spezifisches erwähnen zu müssen. Immerhin war es gut möglich, dass er in Maries Problemen(?) eine Rolle spielte. Außerdem war sie, genau genommen, ja in erster Linie sein Gast. Ich hätte Marie ja dazu einladen können ein wenig mit uns zu spielen, aber ich schätzte sie eher als aktiven Typ ein, denn als eine Couch Potato wie Akihiro und mich. Aber vielleicht ergab sich eine organische Möglichkeit sie offiziell miteinzubeziehen.



    Der Ramenbestand war gut aufgefüllt, Wasser und diverse andere Getränke ordentlich gekühlt, jetzt fehlte eigentlich nur mehr die Hauptperson. Es war eh erstaunlich, wie gut Akihiro sein Doppelleben beherrschte ohne aufzufliegen. Stille Wasser waren mitunter tatsächlich erstaunlich tief.



    Es klingelte. Schnell schritt ich zur Tür und öffnete. Marie war vorhin wieder einmal zu einem Lauf aufgebrochen, sodass es für mich ohnehin keine Alternative gab. Breit grinsend hielt Akihiro die Faust zum Gruß hin, erwartungsgemäß stieß ich mit meiner dagegen. Ein typisch männliches Freundschaftsritual halt. Konnte man mögen, musste es aber nicht.



    „Wollen wir gleich loslegen? Ich hab mich schon die ganze Woche darauf gefreut wieder bei dir unterschlüpfen zu können.“



    „Von mir aus, aber irgendwie hast du es komisch formuliert. Nicht, dass noch jemand auf falsche Gedanken kommt.“



    „Ach wo. Bei einem Toudai-Anwärter kommt niemand auf dumme Ideen. Außerdem ist Marie ja auch noch da. Also bist du quasi in doppelter Hinsicht gegen Gerüchte abgesichert.“



    Wenn man so war wie Akihiro kannte man wohl keine Probleme, sondern nur Lösungen. Aber das war jetzt nicht das worum es ging. Wie ich in Erfahrung bringen konnte gab es für die vier Topplatzierungen in dem Spiel jeweils ein besonderes Item als Siegprämie. Klar, dass das auch Osamu zu gerne in seinen Besitz gebracht hätte. Also durfte Akihiro, im Vergleich zu uns, nicht zu sehr abstinken. Nicht, dass wieder die Vertrauensfrage gestellt wurde. Sein Platz bei uns war vorerst sicher, aber wer weiß, ob nach einer Pleite nicht auch Yu oder sogar Katsu doch noch mitziehen würden.



    „Brauchst du noch etwas, bevor wir loslegen? Noch eine Cola, Chips oder vielleicht ein Nackenkissen? Ist es dir auch nicht zu kalt oder zu warm hier drin? Sag ein Wort und ich stelle den Thermostat.“



    „Hast du gesoffen oder warum gibst du hier die Mutterhenne? So bist du doch sonst nicht. Es ist alles bestens, genauso wie immer. Oder hat dich Marie so gut erzogen? Man könnte fast meinen, ich müsste bald draufgehen.“



    „…“



    Nein, sterben musste er nicht. Dennoch tat er es. Immer und immer wieder. Egal, wie sehr ich mich auch bemühte seinen Charakter zu beschützen, er fand immer einen Weg um zu seinen Ahnen zu gehen. Eigentlich eine seltene Begabung, aber vielleicht war er in einem früheren Leben ein Lemming gewesen. Dabei hätte es meistens eine ganz simple Tastenfolge getan. Zuerst C und D gleichzeitig drücken, denn Cursor nach unten, dann leicht schräg rechts steuern, dann noch E und F gleichzeitig betätigen, während man das Steuerkreuz nach oben bewegte. War doch wirklich nicht weiter wild. Aber Akihiro schaffte es teilweise noch unseren eigentlichen Feind zu unterstützen, indem er Hiebe gegen mich ausführte. Nein, mit Akihiro war wirklich kein Staat zu machen, geschweige denn ein Königreich zu errichten. Ich fragte mich langsam allen Ernstes, ob er nicht vielleicht ein Troll war, der unser Team von innen heraus sabotierte. Nein, das traute ich ihm dann doch nicht zu. Er führte ja bereits ein Doppelleben, aber ein Dreifaches wohl kaum. Das machte die Sache aber leider nicht besser. Im Gegenteil…



    „Das ist doch eigentlich ganz gut gelaufen, oder nicht? Darum komme ich so gerne her. Einfach zocken und dabei die Seele baumeln lassen.“



    Wollte er mich verar… Wie konnte man einerseits dermaßen in schulischen Belangen glänzen und andererseits so ein unfassbarer Simpel sein? Ich tat mein Bestes um ihn auf Spur zu bringen und er tat so, als wäre alles nur ein Spaß. Halt, jetzt wurde ich ungerecht. Er wusste ja schließlich nicht, dass Osamu ihn auf einen Schleudersitz packen wollte. Für ihn waren Spiele hauptsächlich Mittel zur Entspannung, um dem Druck zu entgehen, den seine Familie ihm aufbürdete. Wahrscheinlich konnte oder wollte er daher gar nicht mehr als das Wenige erreichen, das er tat. Aber untergrub das nicht das Ziel unserer Gilde?! Ich musste eine Lösung für das Problem finden und zwar rasch.



    „Bin wieder da. Hallo Akihiro, ich hatte ganz vergessen, dass du heute kommen wolltest.“



    „Marie, schön dich zu sehen. Wie ich sehe hat Minato dich noch nicht verderben können.“



    „Lustig. Wenn ich dich daran erinnern darf bist du genauso ‚verdorben‘ wie ich. Oder läuft das Spiel nur im ‚Single Player‘-Modus?“



    „Jetzt sei nicht so. Marie, hast du nicht Lust mitzuzocken? Es ist überhaupt nicht schwer.“



    Bekam ich neben einem unfähigen Kameraden noch eine zweite? Hätte nicht so viel auf dem Spiel gestanden wäre es etwas anderes gewesen, aber so…



    „Danke, aber davon verstehe ich nichts. Aber vielleicht kann ich was lernen, wenn ich euch dabei über die Schulter sehe.“



    Ich an ihrer Stelle würde mir keine allzu großen Hoffnungen machen, dass das etwas bringen würde. Aber wenigstens würde es keinen Schaden anrichten. Ich startete das Spiel wieder und war auf das Schlimmste gefasst. Wie erwartet brachte Maries „Unterstützung“ rein gar nichts. Akihiro ließ wieder ein unsinniges Manöver auf das andere folgen. Ich wusste mir einfach keinen Rat, wie ich meinem (besten) Freund hätte helfen können. Zumindest hatte er seinen Spaß an der Sache und war das nicht die Hauptsache?!



    „Sag mal Akihiro, warum drückst du eigentlich die Tasten auf der rechten Seite immer mit dem Zeigefinger? Ist das nicht furchtbar umständlich?“



    War Marie da tatsächlich etwas aufgefallen, was mir bislang entgangen war? Aber konnte sich Akihiro tatsächlich dermaßen blöd anstellen? Andererseits war es Akihiro, also war tatsächlich alles möglich.



    „Zeig mir doch mal die Kombinationsfolge um einen Schwerthieb zu parieren.“



    „Meinst du die?“



    Tatsächlich. Akihiro betätige zwar grundsätzlich die richtigen Tasten, ließ dazwischen aber ungleich viel mehr Zeit vergehen, als es mit dem Daumen dauern würde. Kein Wunder, dass so alles schwer zeitverzögert ablief oder völlig verhunzt wurde.



    „Mein lieber Freund, ich bin mir sicher, dass hinter allem was Menschen tun auch ein mehr oder weniger nachvollziehbarer Grund steht. Nicht, dass ich im Geringsten deine geistigen Fähigkeiten anzweifeln würde, immerhin bist du im Bildungsbereich anerkanntermaßen ein geschmeidiger Geist, ja nachgrade eine Kapazität, aber dennoch ist es mir ein geradezu inneres Bedürfnis dich auf eine Sache anzusprechen, die sich meiner zuweilen etwas trägen Intelligenz nicht auf Anhieb erschließt…“



    Ruhig und sachlich versuchte ich einen Dialog auf hohem Niveau in die Wege zu leiten, um dem Problem auf dem Grund zu gehen.



    „IST DIR WAS AUF DEN KOPF GEKNALLT ODER WAS SOLL DER MIST?!?!?! WILLST DU DIR DEINEN DAUMEN ETWA FÜR EINE BESONDERE GELEGENHEIT AUFSPAREN?!“



    Zugegeben: laut wurde ich in den seltensten Fällen, aber hier riss mir tatsächlich einmal die Hutschnur. Ich mühte mich ab ihm etwas beizubiegen und der feine Herr gab mit seiner Hand die Diva. Wenn er dafür keine sinnige Erklärung hatte, und die Betonung lag auf „sinnig“, würde ich seiner Familie raten, ihn einigen psychischen Tests zu unterziehen. Und sie würde auf mich hören, immerhin war ich Toudai-Anwärter.



    Akihiro blickte mich nur verdutzt an, offensichtlich kannte er diese Seite von mir nicht oder hatte zumindest nicht erwartet sie zu sehen. Marie dagegen hatte ich wohl tatsächlich erschreckt.



    „Entschuldigt, ich habe es nicht so gemeint. Marie, denk bitte jetzt nicht schlecht von mir. Es ist einfach… Akihiro… Warum?! Warum baust du ein dermaßen unnötiges Handicap ein und machst uns das Leben so schwer? Ich will es doch nur verstehen…“



    Akihiro rang mit sich, bevor er ein paar Worte flüsterte: „…der Spitzname…“



    „Wie bitte?!“



    Marie schwieg währenddessen, lauschte aber dennoch aufmerksam.



    „Dieser blöde Spitzname ist schuld daran…“



    „Welcher Spitzname?“



    Ich musste Akhiro scheinbar alles aus der Nase ziehen.



    „Als ich etwa sieben Jahre alt war spielten ich und ein paar andere Kinder aus meiner Schule in der Pause Fußball und ich musste im Tor stehen. Ich hätte angeblich kein Ballgefühl besessen…“



    Das konnte ich mir bei Akihiro zwar gut vorstellen, aber was war der Punkt?



    „Jedenfalls war ich als Torwart vollkommen untauglich und konnte nicht einen Ball abfangen. Die anderen fingen bereits an sich lustig darüber zu machen, also beschloss ich, dass ich den nächsten Schuss abfangen würde. Kostete es, was es wollte. Taro aus der Parallelklasse lief auf mein Tor zu, ohne dass er mich dabei ernst genommen hätte. Ich war also motiviert bis in die Haarspitzen. Taro feuerte mit voller Kraft und ich sprang mit ausgestrecktem Arm hin um ihm zu zeigen, dass ich keine Witzfigur war.“



    „Der Schuss war also so hart, dass du dich verletzt hast?“



    Diese Erklärung erschien mir im Moment am Wahrscheinlichsten.



    „Schlimmer. Der Schuss ging an die Stange und wäre ohnehin nicht im Tor gelandet.“



    „Dann verstehe ich nicht, was das Problem…“



    „Meine Faust schlug mit dem Daumen voraus unabsichtlich ebenfalls dermaßen hart gegen das Metall, dass ich ihn mir prompt angeknackst hatte und einen Gips tragen musste. Dadurch sah es so aus, als würde ich ständig allen ein „Daumen hoch“ zeigen. Die ganze Schule machte sich deswegen lustig über mich, während meine Familie wegen des Unfalls stinksauer auf mich war. ‚Daumen hoch‘‑Hiro wurde ich für den Rest des Schuljahrs nur noch gerufen und alle haben mich nur noch mit erhobenem Daumen gegrüßt. Könnt ihr euch vorstellen, wie demütigend das war? Jedenfalls habe ich mir seit dem Tag geschworen, dass mir so etwas nie wieder passieren wird. Deswegen schone ich meinen Daumen bei jeder Gelegenheit und so gut ich kann. Ich weiß, es klingt albern, aber so ist es eben. Jetzt kennt ihr meine Schande.“



    „Schande“ war tatsächlich nicht das Wort, das mir bei dieser Geschichte eingefallen ist. „Albern“ erschien mir aber auch zu hart. Vielleicht war das Erlebnis tatsächlich eine Art Trauma für Akihiro gewesen, sodass er nicht einmal jetzt darüber lachen oder wenigstens seinen Frieden damit schließen konnte. Aber so konnte es nicht weitergehen. Diese Angst musste er überwinden, nicht zuletzt für die „Iron Blades“, aber in erster Linie seinetwegen.



    „Findest du nicht auch dass es Zeit wird sich dieser Angst zu stellen? Immerhin war das bereits vor ungefähr zehn Jahren. So etwas passiert dir bestimmt kein zweites Mal und erst recht nicht bei unseren geliebten Games.“



    Marie sagte zwar nichts, nickte aber zustimmend in meine Richtung.



    „Was ist, wenn du später mal Kinder hast? Willst du mit denen auch nicht spielen, weil du deine Hand verletzen könntest? Oder wenn dich ein ausländischer Geschäftspartner zum Tennis oder einem sonstigen Schlagsport einlädt? Selbst wenn du dich nochmal verletzt schützt dich jetzt doch mindestens der Name deiner Familie vor einer weiteren Demütigung. Also trau dir wenigstens ab jetzt etwas zu, nicht für deine Freunde oder Familie, sondern allein für dich. Du bist Akihiro Kato, der Erbe eines großen Imperiums, kein kleiner Schisser.“



    Akihiro und Marie sahen mich ungläubig an. Gut, vielleicht hatte ich ein wenig zu dick aufgetragen, aber die Botschaft sollte angekommen sein. Wenn ihm sein Daumen die ganze Zeit im Weg stand, war er des Aufhebens nicht wert, dass Akihiro um ihn machte. Ich drückte ihm seinen Controller in die Hand, sorgte dafür, dass sein hochgeschätzter Lieblingsfinger dort lag, wo er hingehörte und startete wieder.



    Zunächst einmal lief sein Charakter nur herum ohne ansonsten auch nur irgendeinen Move auszuführen. Das fing ja gut an. Dann aber zeigte er tatsächlich eine Aktion gegen unsere Gegner, die auch Sinn machte. Vielleicht war tatsächlich noch Hoffnung vorhanden. Hätte ich geahnt, dass ich Akihiro im wahrsten Sinne des Wortes nur auf die Finger hätte schauen müssen anstatt auf den Bildschirm, wäre mir und unseren Kameraden wohl einiges an Ärger erspart geblieben.



    Allein… es reichte dennoch nicht. Sicher hatte er sich gesteigert, aber er verlor im Schlachtengetümmel immer noch zu sehr den Überblick auf das große Ganze. Er konzentrierte sich zwar auf den Gegner unmittelbar vor ihm, aber übersah dabei jene, die ihm aus dem Hinterhalt den Dolch hineintreiben wollten. Ich war selbst gut damit beschäftigt meinen Teil zu leisten und konnte nicht auch ständig für ihn das Geschehen überblicken. Es half alles nichts. Unserem Kameraden waren natürliche Grenzen gesetzt, die er nicht überwinden konnte. Wir würden mit ihm alsbald in eine große Schlacht ziehen, in der er fallen würde. Daumen hoch, hin oder her.



    „Achtung Akihiro, hinter dem Felsen.“



    Hm?!



    „Jetzt laufen zwei Monster von der rechten Seite auf dich zu. Pass auf.“



    Es war erstaunlich. Normalerweise wäre Akihiro bereits mindestens ein Arm abhandengekommen, aber er parierte sämtliche Hinterhalte anstandslos. War Marie etwa der Scout, den er immer gebraucht hatte? Ihren messerscharfen Augen entging nichts und Akihiro konnte problemlos auf alles reagieren. Marie, ich weiß nicht viel über dich, aber bitte bleib hier wohnen. Jemand mit deinen Fähigkeiten sollte lebenslang in Japan bleiben dürfen, notfalls auf meine Kappe.



    Die „Iron Blades“ hatten jetzt ein Ehrenmitglied in ihren Reihen… Was sage ich? Marie war mehr als das, geradezu ein Streichholz, mit dem wir Akihiros Lunte entfachen konnten… Ach, egal. Marie wurde zu einem immer wertvolleren Menschen in unserem Leben, den wir hoffentlich noch sehr lange unsere Freundin nennen durften…

  • So, neue Woche, neues Kapitel. Ich wünsche wie immer viel Spaß beim Lesen, gerne auch als PDF im Ausgangspost.



    Kapitel 3 - "Nicht Fisch, nicht Fleisch"



    Heute war Montag, der siebte Mai. Die Golden Week war vorüber und mein Leben als Schüler nahm wieder seinen Lauf. Das heißt, nicht nur meines, auch Marie hätte sich heute ihrem ersten Schultag in Japan zu stellen. Da dafür einige zusätzliche Kräfte nicht schaden konnten hatte ich ein besonders reichhaltiges Frühstück für uns beide zubereitet. Es gab gegrillte Makrele, Misosuppe, eingelegtes Gemüse und noch einige andere, japanische Leckereien. Die Mahlzeit langte gut und gerne für drei Personen und das musste sie auch. Eine Portion war für mich gedacht, die anderen beiden standen auf Maries Speiseplan.



    Es war wirklich erstaunlich, welche Mengen dieses österreichische Mädchen verdrücken konnte ohne dabei zuzulegen. Oder sammelten sich etwa alle Kalorien in ihrer Ober… Halt, wo dachte ich hin. Marie war meine Schutzbefohlene beziehungsweise fing ich an, sie als eine Art Schwester wahrzunehmen. Kein Wunder, so familiär wie wir zusammenlebten. Mir war früher nie aufgefallen, wie sehr mir eigentlich eine regelmäßig erklingende, zweite Stimme in diesem Haus gefehlt hatte. Ich gab es ungern zu, aber es war schön jemanden zu haben, um den man sich kümmern konnte. Und für jemanden zu kochen, der es dermaßen schmeckte, hatte irgendwie etwas.



    Ja, ich fing immer mehr an unsere Wohngemeinschaft zu genießen – und das war fatal. Immerhin hatte sie von Anfang an ein kurzlebiges Verfallsdatum aufgedruckt bekommen. Sowie ihre eigentliche Bleibe von dem Brand renoviert wäre lebte sie selbstredend wieder dort. Ansonsten gab es ja auch keinen Grund, warum sie hier wohnte. Es war also besser nicht zu viele sentimentale Gefühle für unsere Situation zu entwickeln. Punkt. Mama und Papa wussten im Übrigen noch immer nichts von unserem vorübergehenden Familienzuwachs. Ob sie wohl noch in der Sahelzone unterwegs waren? Oder waren sie schon an den Kongo aufgebrochen? Karten von ihren Reisen erreichten mich üblicherweise erst lange, nachdem sie sich an den betreffenden Orten aufgehalten hatten. So blieb ich zwar einigermaßen auf dem Laufenden, konnte aber nur sehr schwer Kontakt zu ihnen aufnehmen. Naja, eines Tages würde sich schon die Möglichkeit dazu ergeben, aber ob dann überhaupt noch die Notwendigkeit dafür bestand?





    Akhiro, Marie und ich würden von heute an gemeinsam die Tsuda Umeko-Akademie besuchen, eine Schule, zu der durchschnittliche Typen wie ich normalerweise niemals Zugang erhalten würden. Aber meine Eltern waren erfolgreiche Absolventen dieser Anstalt und hatten deswegen einige Beziehungen spielen lassen, damit auch ich hier ausgebildet wurde. Dass jemand aus einer Familie wie Akihiros hier quasi schon unmittelbar nach seiner Zeugung aufgenommen würde war selbstverständlich. Wie es sich mit Marie verhielt wusste ich, ehrlich gesagt, nicht. Sicher, ihre Familie hatte wohl das Geld, aber reichte ihr Einfluss von Europa aus bis hierher? Oder hatten Akihiros Eltern ihre Finger mit im Spiel? Tsuda Umeko war übrigens eine Pionierin, die sich einst mit Erfolg für die Hochschulausbildung von jungen Frauen stark gemacht hatte. Deswegen war der Besuch unserer Akademie Männern ursprünglich verwehrt, aber im Laufe der Zeit war man zu dem Schluss gelangt, dass es zu beiderseitigem Vorteil war, die Akademie beiden Geschlechtern zu öffnen und niemanden auszuschließen. Dies passierte so ungefähr zur Generation meiner Eltern.



    Sei es wie es sei – obwohl nicht zuletzt Maries blonde Haare einen optischen Kontrast zu uns anderen boten, war ich es eigentlich, der hier nichts verloren hatte. Oder sich zumindest so fühlte. Viel lieber als hierhin wäre ich auf eine ganz gewöhnliche Schule gegangen, wo es noch andere Menschen wie mich gab. Warum auch nicht?! Immerhin war mir ein Leben als Firmensklave unausweichlich. Dann konnte ich zumindest auch den bequemen Weg dorthin gehen. Leichtere Tests, die mit weniger Stress verbunden waren und Kameraden, denen ich geistiger ebenbürtiger war, als meinen jetzigen. Aber, nun ja. Meine Eltern hatten es ja nur gut gemeint.



    Akihiro wollte uns beide am Eingang besagter Lehranstalt erwarten, um Marie alles in Ruhe zeigen zu können. Ihr zuliebe beschloss ich mich auf dem Schulgelände immer weiter hinter sie zurückfallen zu lassen, damit sie wegen mir nicht in Misskredit kam. An die Freundschaft zwischen mir und Akihiro waren die anderen Schüler hier bereits gewöhnt. Sie verstanden sie zwar nicht, aber sie würdigten Akihiros gutes Herz. Marie würde es sicher gut ergehen, sah man sie allein an seiner Seite. Und das war doch das Wichtigste.



    „Minato, wo bleibst du denn? Komm endlich, bevor noch der Unterricht anfängt.“



    Marie war wirklich eine treue Seele, aber ich wusste nicht, was in dem Moment mehr Aufsehen erregte. Die Tatsache, dass eine bildhübsche, europäische Schönheit unsere Schuluniform trug oder der Umstand, dass sie neben Akihiros Nähe auch noch meine suchte? Unfähig zu entscheiden, wie ich mich zu Maries Wohl weiter verhalten sollte entschied ich mich vorerst ihrem Wunsch zu entsprechen. In einer ruhigen Minute würde ich sie wohl darüber aufklären müssen, was hier als standesgemäß angesehen wurde.



    Gemeinsam zeigten Akihiro und ich ihr den Sportplatz, den Chemiesaal, die Bibliothek und noch einige andere Lebensadern unserer Schule, die zu kennen unumgänglich war. Eigentlich gab hauptsächlich Akihiro den Reiseführer, ich war mehr so etwas wie der Blinddarm unserer kleinen Gruppe. Vorhanden, aber gab es ihn nicht, war es auch nicht weiter wild. Von daher hätte es auch mehr Sinn gemacht, wäre Marie Akihiros Klassenkameradin gewesen. Aber sie hatte das Pech meiner Klasse zugeteilt zu sein und so nur einen wenig sozialverträglichen Vertrauten um sich zu wissen. Aber wer weiß? Offenherzig, wie sie nun einmal war, fände sie sicher schnell andere Freunde außer mir und das war auch gut so.





    „Liebe Klasse, in diesem Jahr dürfen wir eine neue Mitschülerin bei uns willkommen heißen. Fräulein Miura, würden Sie nun bitte selbst einige Worte an ihre Klassenkameraden richten.“



    „Guten Tag, ich heiße Marie Miura, bin siebzehn Jahre alt und werde ab heute mit euch gemeinsam diese Akademie besuchen. Ich komme aus Österreich und freue mich darauf euch alle kennenlernen zu dürfen. Ich hoffe, dass wir alle gute Freunde werden. Wenn ihr mehr über mich wissen wollt können wir uns in der Pause sehr gerne miteinander unterhalten. Ich beiße nicht.“



    Marie strahlte die Lebensfreude wirklich aus nahezu allen Poren. Kaum, dass sie ihre Ansprache beendet hatte, gab es bereits erste Wortmeldungen. „Die ist ja nett.“ „Und so hübsch.“ „Glaubt ihr, dass sie schon einen Freund hat?“ „Wollen wir sie zum Karaoke einladen?“ und ähnliche Zuneigungsbekundungen brandeten ringsherum auf, wobei sich männliche wie weibliche Stimmen etwa die Waage hielten. Marie hatte wie erwartet eingeschlagen und war zum Zentrum des Interesses geworden. Schön für sie.



    Normalerweise wäre in Anwesenheit eines Senseis dergleichen nicht vorgekommen, aber in der ersten Stunde hielt Herr Kondo den Unterricht, ein eher schwächlicher Mann, der keiner Fliege etwas zuleide tat. Sicher war es ihm unangenehm, dass er gerade nicht das Heft in der Hand hielt, aber wir kannten unsere Grenzen. Niemals hätten wir sein Wesen als Pflanzenfresser für ihn nachteilig ausgenutzt, dafür ließ er uns hin und wieder ein wenig Verhaltensspielraum. Wir wussten, was wir an ihm hatten und hätten uns nie so aufgeführt, dass er dafür in Misskredit gekommen wäre oder gar seinen Posten verloren hätte. Eine perfekte Symbiose quasi.





    Die erste Stunde war gerade rum und Marie hatte während dieser nicht nur uns, sondern auch den Sensei tief beeindruckt. Sicher, zu wissen, dass Oda Nobunaga die bekannteste historische Persönlichkeit unseres Landes war gehörte für uns Japaner zur Allgemeinbildung. Allerdings die Schlacht von Sekigahara, als die größte Schlacht der japanischen Feudalgeschichte zu benennen und als wichtigste zu zählen stand schon auf einem anderen Blatt. Und dass sie sämtliche japanischen Epochen von der Jomon-Zeit bis zur Gegenwart nicht nur benennen sondern auch aus dem Kopf chronologisch korrekt sortieren konnte zählte in meinen Augen eigentlich bereits zu Expertenwissen. Marie war nicht nur sehr hübsch, sondern schien es auch sehr belesen. Sicher hatte sie keine Probleme sich an unserer Schule einzuleben. Nur in Hauswirtschaft sollte man sie vielleicht besser vom Gasherd fernhalten…



    In der großen Pause stritt man sich förmlich darum, mit ihr in der Cafeteria essen zu dürfen. Klar, dass Akihiro zu den Auserwählten zählte. Ich hielt mich vorerst abseits von Maries Augenmerk auf, damit sie mich nicht auch an den Tisch bat. Sicher, es wäre eine nette Geste, aber ich wollte keine Aufmerksamkeit. Nicht zu nah an der Sonne fliegen und nicht zu dicht am Boden. Sich einfach am Besten im Schatten der Bäume tarnen, bis der Schwarm vorbeigezogen war. So hatte die Natur es für mich vorgesehen, so wollte ich es haben.



    Nanu? Mit einem Mal spaltete sich die Menschentraube, die sich um „das blonde Genie“, wie manche Marie bereits nannten, gebildet hatte. Alles klar. Sakura Fujichika, die Schülersprecherin, hatte die Szene betreten. Obgleich sie als das schönste Mädchen der Schule galt gab sie nichts darauf. Aber nicht nur das. Sie führte bei den Tests die Ranglisten an und es schien kein Problem zu geben, dem sie nicht Herrin werden konnte. Streng aber gerecht führte sie ihr Regiment, stets zum Wohle unserer altehrwürdigen Akademie. Ich glaube nicht, dass ich je auch nur ein Wort mit ihr gewechselt hatte. Gleich danach kam Rin Kuroda, die Vizesprecherin. Obwohl ich mit ihr in dieselbe Klasse ging wusste ich nichts über sie. Nur, dass sie ihrer Chefin in so gut wie nichts nachstand. Selbst die Wahl zur Schülersprecherin hatte sie nur hauchdünn verloren. Die Dritte im Bunde war Yasu Hisakawa, die Sekretärin des Schülerrats. Im Gegensatz zu ihren beiden „Vorgesetzten“ war Hisakawa von sehr schüchterner Natur und eher der Typ unauffälliges Mauerblümchen. Doch ihre Noten waren ebenso wenig von schlechten Eltern. Sie stand als Nummer drei auf dem Siegerpodest. Kein Wunder also, dass sich das Trio für unseren prominenten Neuzugang interessierte.



    „Ich grüße dich, Miura-san. Mein Name ist Sakura Fujichika. Ich bin die Schülersprecherin an dieser Akademie. Bitte gestatte mir dich nochmals im Namen der gesamten Schülerschaft hier bei uns willkommen zu heißen.“



    „Schön dich kennenzulernen, Fujichika-san. Es ist mir eine Ehre mit euch gemeinsam hier zu Schule gehen zu dürfen.“



    Beide verbeugten sich bedeutungsschwer voreinander. Es wirkte beinahe so, als würde die Begrüßung im Namen unserer beiden Länder stattfinden. Bei Fujichika wirkte es aufgrund ihrer unnahbaren Aura allerdings ein wenig formeller. Selbstredend verweigerte auch Akihiro die Respektsbekundung nicht. Hatte zuvor noch eine rege Gesprächskulisse geherrscht, so konnte man nun förmlich eine Stecknadel donnernd fallen hören. Kaum etwas regte sich, niemand wagte einen Ton zu sagen.



    Schließlich stellten sich auch noch Kuroda und Hisakawa ordnungsgemäß dem Neuankömmling vor, wobei Hisakawa kaum aufzusehen wagte. Vielleicht wäre es ihr leichter gefallen, hätte sie keine Brille getragen und die Gesichter um sie herum nur unscharf wahrgenommen. Übrigens war auch Hisakawa ein Mitglied unserer Klasse, aber wie gesagt war es wegen ihrem Naturell leicht möglich, dass man sie einfach übersah.





    Mittlerweile war eine Woche vergangen und Marie hatte sich bereits mehr als nur gut an unserer Schule eingewöhnt. Nicht nur, dass es praktisch keine sprachliche Barriere für sie gab, sie hatte auch schon einen großen Freundeskreis um sich herum geschart. Wobei „Freunde“… Eigentlich waren die meisten davon Fans, die ihrem Idol nahe sein wollten. Erzählte sie aus ihrer eigentlichen Heimat hingen Jungen und Mädchen stets an ihren Lippen. Die meisten setzten Österreich mit Deutschland gleich und waren verwundert, dass nicht alles nur aus Bergen bestand. Dabei dachten sie allerdings an die Schweiz, wie man sie aus dem alten Anime „Heidi“ kannte. Nun gut, Marie nahm es ihnen nicht krumm. Ob wir Japaner wohl so ruhig blieben, wenn Europäer unser Land mit China gleichsetzten und eigentlich Südkorea meinten? Besser nicht zu viel darüber nachdenken.



    Natürlich rissen sich auch die Klubs um ihre Mitgliedschaft. Der Theaterklub etwa träumte davon ihre Stücke mit einer echten westlichen Schönheit aufführen zu können. Der Sportklub war begeistert von ihren athletischen Fähigkeiten und der Sprachenklub träumte von einer Unterweisung einer Native Speakerin in Deutsch. Ja, es lief wirklich alles bestens für sie und warum auch nicht? Marie war jemand, den man irgendwie einfach gernhaben musste…





    An diesem Morgen war ich ungewöhnlich früh zur Schule gegangen. Marie hatte zugesagt, sich den Astronomieklub einmal anzusehen. Dieser hielt zuweilen frühmorgendliche Treffen ab um gemeinsam den Sternenhimmel zu erforschen. Nichts für mich, aber ihnen gönnte ich den Spaß. So war Marie schon in aller Herrgottsfrühe aufgebrochen um dabei sein zu können. Dies hieß allerdings, dass sie nicht zu Hause war um ihr Frühstück einzunehmen. Da ich es ihr schlecht überreichen konnte ohne dass Fragen gestellt wurden, wollte ich es ihr auf ihren Platz stellen und danach noch ein wenig in der Bibliothek Schafe zählen.



    Nanu? War etwa noch jemand bereits im Klassenraum? An Maries Platz? Ich schritt von hinten an ihr Pult, über das sich gerade jemand beugte und sah in großen Lettern die Worte „Verpiss dich, Gaijin!“ geschrieben. Es kam selten vor, dass ich wütend wurde, aber das war einfach nur eine Schweinerei. „Gaijin“ war eine wenig schmeichelhafte Bezeichnung für Ausländer, hauptsächlich aus dem westlichen Teil der Welt. Ich packte die neben mir stehende Gestalt fest an ihrem Arm und war wild entschlossen, den Mistkerl zur Rede zu stellen. Allerdings…



    „Yasu Hisakawa?!“



    „Bitte… bitte lass mich los… du tust mir gerade furchtbar weh…“



    Ich erkannte leider erst auf den zweiten Blick, dass ich gerade einen furchtbaren Justizirrtum begangen hatte und entließ ihren zierlichen Körper umgehend wieder in die Freiheit.



    „Hisakawa… entschuldige… ich hatte nicht bemerkt… dabei wolltest du bloß…“



    Ich schämte mich entsetzlich. Ja, meine Wut mochte gerechtfertigt gewesen sein, aber das entschuldigte nicht, sie an einem Mädchen auszulassen. Erst recht keinem wie Yasu Hisakawa. In meinem Zorn hatte ich vollkommen den Lappen übersehen, den sie in ihrer Hand führte, um die Beschimpfung zu beseitigen. Hier war gerade eine furchtbare Ungerechtigkeit geschehen und ich sprach nicht vom Rassismus.



    Unfähig einen klaren Gedanken zu fassen sah ich Hisakawa verzweifelt an. Ausgerechnet das sonst so stille und nervöse Geschöpf war es nun, welches mir gegenüber die Initiative ergriff.



    „Ist schon gut… es tut auch schon gar nicht mehr weh… ich hätte an deiner Stelle wahrscheinlich dasselbe gedacht…“



    Natürlich war es nicht „schon gut“, aber im Moment ließ es sich nicht ändern. Ich tat einen leisen Schwur alles wieder gut zu machen, sofern es in meiner Macht stand, beschloss aber mich vorerst auf das eigentliche Problem zu konzentrieren.



    „Hast du eine Ahnung, wer das gewesen sein könnte?“



    Hisakawa schüttelte vorsichtig ihren Kopf.



    „Ich… weiß nur, dass Miura von allen Leuten an der Schule sehr geschätzt wird. Von Lehrern wie Schülern gleichermaßen.“



    Nun gut, das Lehrpersonal konnten wir an dieser Stelle wohl ausschließen. Natürlich musste der Täter ein Mitschüler sein. Wobei… warum eigentlich Täter? Ein Mädchen war genauso dazu fähig. Einzig Hisakawa konnte ich wohl ausschließen. Das Pult erst beschmieren um es danach professionell zu reinigen wäre die Tat einer Schwachsinnigen gewesen. Eines war jedoch klar: Marie durfte, vorerst wenigstens, nichts davon erfahren, dass sie das Opfer von Rassismus werden sollte. Zwecks Beweissicherung machte ich mit meinem Smartphone mehrere Schnappschüsse von der Schmiererei, bevor ich ihre Überreste ausnahmslos tilgte. Mehr konnten Hisakawa und ich im Moment nicht für unsere Freundin tun…



    In der Mittagspause beschloss ich Akihiro mit ins Boot zu holen, um unsere nächsten Schritte zu besprechen. Erwartungsgemäß reagierte auch er ebenso fassungslos und wütend, wie ich es bereits getan hatte. Gleichzeitig beschwor ich ihn allerdings sich nichts anmerken zu lassen. Dass die Kreatur nicht ahnte, dass wir beide bereits Bescheid wussten, konnte unter Umständen ein wichtiger Vorteil ihr gegenüber sein.



    „Du musst die Augen offenhalten, Minato. Immerhin geht ihr in dieselbe Klasse. Ich kann mich zwar bei mir ein wenig umhören, aber viel wahrscheinlicher ist es, dass er sich bei euch aufhält.“



    „Soweit hatte ich auch schon gedacht, aber wir wissen ja nicht einmal, ob der Täter nicht eine Täterin ist. Außerdem haben wir nicht einmal einen Hinweis, WANN es geschehen ist. Erst heute Morgen oder bereits gestern Nachmittag nach dem Unterricht. Oder denkst du, es wäre doch klüger, direkt die Polizei einzuschalten?“



    „Bloß nicht. Wenn du für Aufsehen sorgst steigt uns die Schulleitung aufs Dach. Wahrscheinlich ist es besser, den Schülerrat zu informieren, um die nächsten Schritte abzuwägen. Vielleicht gibt es bereits Fälle, die ähnlich gelagert waren und wir können noch mehr in Erfahrung bringen.“



    „Von mir aus. Hauptsache, wir können Marie irgendwie raushalten.“





    Die Schulsprecherin reagierte auf den ersten Blick zwar kühl, aber zeigte Anteilnahme. Wahrscheinlich traf es „cool“ eher. Immerhin hatte sie einerseits dafür zu sorgen, dass ihre Mitschüler unbelästigt am Unterricht teilnehmen konnten, musste zugleich aber darauf achten, dass die Tsuda Umeko-Akademie ebenso schadlos blieb.



    „Wie geht es Miura-san jetzt? Eine derartige Demütigung ist nichts, dass man auf die leichte Schulter nehmen sollte.“



    „Um die Wahrheit zu sagen haben wir mit ihr noch nicht darüber geredet. Wir wollten uns zuerst mit dem Schülerrat besprechen, wie wir weiter vorgehen sollen. Bevor sie es sehen konnte hat Yonezawa hier die Beweise fotografiert und danach die Schmiererei auf eigene Faust beseitigt. Hisakawa-san, die ebenfalls vor Ort war, kann es bezeugen.“



    Spontan hatte Akihiro es übernommen die Situation zu erklären.



    „Ich verstehe. Euer Handeln ehrt euch, aber es ist zu gefährlich, Miura-san im Unklaren zu lassen. Immerhin könnte sich die gesuchte Person jetzt gerade in ihrem unmittelbaren Umfeld aufhalten und noch Schlimmeres planen. Kato-san, wärst du so nett Miura zu suchen und zu uns zu bitten? Ich könnte auch Hisakawa-san bitten, aber in Anbetracht der Situation erscheint mir eine männliche Begleitung zweckmäßiger.“



    „Das ist kein Problem. Ich denke, gerade müsste sie in der Kunst-AG zu Gast sein. Bis gleich.“



    Prompt machte sich Akihiro auf den Weg und schloss die Tür wieder hinter sich. Damit wandte sich die Schülersprecherin mir zu.



    „Hisakawa-san und du seid Maries Klassenkameraden. Ist euch irgendjemand oder-etwas aufgefallen, das uns in dieser Sache weiterhelfen könnte?“



    „Nein… Miura-san ist bei allen sehr beliebt und hat schnell Anschluss gefunden. Sie… ist zu allen sehr höflich und freundlich… sogar zu mir…“



    „Hisakawa-san hat recht. Auch mir wäre niemand aufgefallen, der irgendwie wütend auf Miura-san gewesen wäre.“



    „Ich verstehe. Nun, im Moment möchte ich dich, Yonezawa-san, damit beauftragen, Miura-san im Auge zu behalten. Da das Risiko allerdings schwer einschätzbar ist, kann ich dich nur darum bitten diese Aufgabe zu übernehmen. Als ihr Klassenkamerad hättest du den unschlagbaren Vorteil dich stets unauffällig in ihrer Nähe bewegen zu können. Es liegt ganz bei dir.“



    „Natürlich. Schließlich möchte auch ich, dass dergleichen nicht mehr vorkommt. Das liegt in unser aller Interesse. Du kannst dich ganz auf mich verlassen, Schülersprecherin.“



    „Ich danke dir. Es ist gut zu wissen, dass von den meisten Schülern an unserer Lehranstalt noch Tugenden wie Kameradschaft und Loyalität hochgehalten werden.“



    Es dauerte nicht lange und Akihiro kam mit Marie im Schlepptau wieder zurück. Anfänglich war sie sich unschlüssig darüber, ob nicht SIE etwas ausgefressen hätte, aber Akihiro und ich setzten sie über die Sachlage in Szene. Eigentlich wollte die Schülersprecherin diesen Part übernehmen, aber wir beide waren uns darüber einig, dass es besser für Marie war, wenn sie die Geschichte von ihren Freunden erführe.



    Ich war auf eigentlich jede Reaktion gefasst gewesen: Wut, Tränen, Verleugnung, … aber Marie zeigte keine davon.



    „Danke, dass ihr es mir erzählt habt, aber ich denke nicht, dass ich großartig etwas zu befürchten habe. Wer so etwas macht ist meistens nur ein riesiger Feigling, der sich an der Angst anderer ergötzen will. Aber ich freue mich natürlich, wenn du auf mich aufpassen willst, Minato.“



    „Es freut mich, dass du dich nicht so einfach ins Bockshorn jagen lässt, aber bitte nimm die Sache trotzdem nicht auf die leichte Schulter. Immerhin wissen wir nicht, wer es von uns auf dich abgesehen hat.“



    „Verstanden. Aber immerhin habe ich hier ja nicht nur einen sondern gleich zwei Schutzengel, die auf mich aufpassen werden. Wenn das alles gewesen ist könnt ihr mich ja dann in die Kunst-AG begleiten. Die werden sich schon fragen, wo ihr Modell geblieben ist.“



    Artig verabschiedeten wir uns von der Schülersprecherin und Hisakawa und begleiten Marie wie besprochen in den Raum der Kunst-AG. Um nicht aufzufallen gaben Akihiro und ich vor darüber nachzudenken Mitglieder zu werden. Die Freude über Akihiros Antrag fiel dabei ungleich größer aus als über meinen, aber Beliebtheitswettbewerbe spielten jetzt gerade keine Rolle. Marie sollte so ungestört wie irgend möglich am Sozialleben unserer Schule teilnehmen können. Dafür würden Akihiro und ich Sorge tragen…



    Zum Abendessen schlug ich gewaltig über die Strenge und kochte soviel auf, dass neben Akihiro, Marie und mir noch gut und gerne drei weitere Personen hätten satt werden können. Es war nur Kosmetik an Maries Seelenleben, ich weiß, aber gar nichts zu tun brachte jetzt auch niemanden weiter. Wenigstens ihrem Körper sollte es an nichts fehlen. Marie allerdings probierte, wenn überhaupt, von allem nur ein paar Bissen und schob dann das Geschirr beiseite. So tapfer sie sich in der Schule gegeben hatte, so verletzlich war sie jetzt. Kein Wunder, wenn man sich unter Freunden wähnte, aber jemand ein falsches Spiel spielte.



    „Es schmeckt wirklich gut, aber… …mir ist jetzt einfach nicht danach.“



    Ich vertrat ja die Ansicht, dass man gerade in solchen Zeiten etwas Nahrhaftes zu sich nehmen sollte, aber die Mehrheit der Menschen fühlte hier eher das Gegenteil.



    „Eigentlich wollte ich dir sagen, dass du dir keine Sorgen zu machen brauchst, aber eigentlich ist es viel besser jetzt alles rauszulassen.“



    Akihiros Ansatz war nicht von der Hand zu weisen. Also sprang ich ihm bei.



    „Wenn es dir hilft kannst du mir jetzt eine verpassen und ich gebe sie dann in deinem Namen dem Mistkerl weiter.“



    Mein Angebot stand, aber ich hoffte, dass Marie es ablehnen würde. Immerhin war sie ziemlich sportlich und eine Schelle oder gar ein Hieb würde sicher Spuren an mir hinterlassen. Ob jetzt Akihiros Worte oder mein Angebot als Prellbock herzuhalten Wirkung zeigten – was immer es war, es ließ Maries Lebensgeister wieder aufblitzen.



    „Was soll die ganze Rassenscheiße? Mein Vater ist Japaner, meine Mutter Österreicherin. Auch wenn ich hauptsächlich wie Mama aussehe bin ich beides. Den Österreichern passten meine Augen nicht, die Japaner wollen den Rest nicht haben. Ist mir doch scheißegal. Ich bin Marie Miura – und darauf kommt es an. Von wegen „Reinrassigkeit“. Wenn interessiert denn so was? Bin ich ein Hund oder was? Egal, ob Halbjapanerin oder Halbösterreicherin, mich hat dieser Mistkerl jetzt zu hundert Prozent wütend gemacht.“



    Als wolle sie ihn entzweischlagen schlug Marie zur Bekräftigung ihrer Worte noch mit ihrer Faust ungebremst auf unseren Esstisch. Wer hätte gedacht, dass ihre Augen dermaßen Flammen schlagen konnten? Obwohl Akihiro und ich erfahrene Krieger waren machte sie sogar uns damit ein wenig Angst.



    „Puh, das hat gutgetan. Ich glaube, jetzt vertrage ich doch eine Kleinigkeit.“



    An diesem Tag blieben so wenige Reste übrig, dass selbst eine Ameise enttäuscht gewesen wäre. Jedenfalls war es schön, die alte Marie wieder um uns zu haben. Da konnten Akihiro und ich ruhig einmal mit leerem Magen zu Bett gehen…



    Nachtrag:


    Halb zwei Uhr morgens.


    Ich konnte immer noch nicht einschlafen. Auf zum nächsten Konbini…





    Am nächsten Morgen gingen wir als Dreiergespann zur Schule. Eigentlich war es ja unnötig, dass wir alle beide Marie begleiteten – immerhin war sie nicht aus Pappe – aber hier ging es in erster Linie um moralische Unterstützung.



    Kaum hatten wir das Schulgelände betreten wurde Marie auch bereits von den ersten Fans begrüßt. Es war wirklich schwer zu glauben, dass einer von ihnen sie von hier vertreiben wollte, aber leider entsprach es den Tatsachen. Es mag übertrieben wirken, aber selbst auf den Weg zum Schuhfach überwachten wir jeden von Maries Schritten. Wie sich zeigte nicht umsonst.



    Die Türchen zu den Fächern waren üblicherweise nicht verschlossen. Also war es zu erwarten, dass auch hier früher oder später ein „Anschlag“ stattfinden konnte. Was das anging war die Person gründlich. „Sieh zu, dass du Land gewinnst, Gaijin! Niemand mag Petzen!“ stand in einem Brief geschrieben, der an ihre Hausschuhe gelehnt war. Außerdem befand sich eine große Reißzwecke in jedem der beiden Treter. Allerdings waren diese so platziert, dass man sie nicht übersehen konnte. Im Moment diente alles also noch als Warnung. Dies konnte sich aber jederzeit ändern. Wir mussten zum Angriff übergehen, und das am besten sofort.





    „Hier sind die Anträge für unser diesjähriges Kulturfest, werte Vize-Schülersprecherin.“



    „Vielen Dank, Hisakawa-san. Ich darf doch annehmen, dass die Jungen aus deiner Klasse nicht nochmals eine geschmackliche Entgleisung wie letztes Jahr realisieren möchten?!“



    „Nein… wir haben uns dieses Jahr auf ein Theaterstück geeinigt…“



    „Wie schön. Allein der Gedanke auf dem Gelände unserer ehrwürdigen Akademie ein Maidcafé eröffnen zu wollen spottet wirklich jeder Beschreibung. Immerhin haben wir einen Ruf zu wahren.“



    „…“



    „Welcher Art soll das Stück sein? No, Kyogen, Bunraku oder Kabuki?“



    „Es… …soll unseren Mitschülern das Leben unserer Schirmherrin Tsuda Umeko nahebringen…“



    „Ich verstehe. Was für eine schöne Idee. Ich wüsste auch keine Würdigere, der diese Ehre zuteilwerden sollte. Allerdings muss ich verlangen, dass ihr mehr als sonst noch euer Herzblut in die Umsetzung steckt. Immerhin trug sie wesentlich dazu bei, dass wir Frauen uns als mehr beweisen durften, denn als besseres Zuchtvieh. Wen immer ihr auch in dieser Rolle besetzt, sie muss die Seele Japans in sich tragen.“



    „Marie…“



    „Pardon?“



    „Miura-san wurde einstimmig für diese Rolle vorgeschlagen… Wir… glauben, dass sie am besten dazu geeignet ist.“



    „Ich muss zugeben, ich finde diese Wahl ein wenig ungewöhnlich. Aber die Details seien eurer Klasse überlassen. Ich bin gespannt, das Ergebnis eurer Bemühungen in Augenschein nehmen zu können. Bitte sei so gut und fertige für die übrigen Mitglieder des Schülerrates noch Kopien aller Anträge an, damit sie sich in den nächsten Tagen noch selbst ein Bild von unserem Kulturfest machen können. Schließlich begeht diese Anstalt in diesem Jahr ihr 100jähriges Jubiläum. Dabei darf nichts dem Zufall überlassen werden.



    „…in Ordnung…“



    Daraufhin verließ Hisakawa wieder den Raum und ließ die Vizesprecherin alleine zurück. Es folgten einige Momente der Stille, dann konnte man hören wie sich Tee einschenkte. Wie man es von einer Person in ihrer Stellung erwarten konnte trank sie die heiße Flüssigkeit ohne dabei einen Laut von sich zu geben. Nicht das leiseste Schlürfen war zu hören. Wir wollten die Angelegenheit bereits ad acta legen, dann passierte es. Mit lautem Klirren zerbarst der Becher wohl am Boden und die Vizesprecherin verlor jegliche Beherrschung.



    „Wie kann diese Kreatur es wagen?! Schlimm genug, dass ein Schandfleck wie sie einfach den heiligen Boden dieser Akademie beschmutzen darf, aber das geht endgültig zu weit. Scheinbar hat sie noch immer nicht begriffen, an welchem Ende der Hundeleine ihr Platz ist, aber diese Promenadenmischung wird keinesfalls die großartige Tsuda Umeko verkörpern. Weder jetzt noch sonst irgendwann. Eine Gaijin, man stelle sich vor. Wir, ein Volk von ebenso stolzer wie heroischer Abstammung, sollen von einem wertlosen Mischling repräsentiert werden?! Wie können unsere Schüler es wagen, so etwas auch nur in Erwägung zu ziehen. Eher lasse ich hier alles in Flammen aufgehen.“



    „Meint ihr, das reicht als Beweis?“



    Akihiro und die Schulsprecherin nickten mir zu. Die arme Hisakawa schien vollkommen verstört von dem Wutausbruch ihrer Vorgesetzten. Besser, sie wartete vor der Tür, bis wir anderen alles geregelt hatten.



    „Marie, wenn du auch lieber hier…“



    Doch ich kam gar nicht dazu den Satz zu vollenden. Schweigend schüttelte sie nur den Kopf.



    „Kuroda-san, denkst du, du verhältst dich deiner Position würdig?“



    Kuroda wurde schlagartig blass im Gesicht, als wir durch die Tür traten und sich die Schülersprecherin vor ihr aufbaute.



    „Fujichika-san, was… ich meine, ich hätte nicht erwartet dich heute noch hier zu treffen. Gibt... es dafür einen besonderen Anlass?“



    „Ich habe den Eindruck, du sorgst dich ein wenig zu sehr um das Ansehen unserer Schule. Es macht den Anschein, als hättest du jedes Maß und Ziel aus den Augen verloren.“



    „Wie meinst du…“



    „Ich war sehr wohl im Stande deine Wutrede mitanzuhören. Von Anfang bis zum Ende. Es ist zwecklos alles abzustreiten.“



    „Ich habe nur gesagt, was gesagt werden musste. Dabei handelte es sich um eine rein private Meinungsäußerung, die niemals an irgendjemandes Ohr hätte gelangen sollen. Mich dafür disziplinieren zu wollen stände in keinem Verhältnis zu meiner Tat.“



    „Privates hat in den Räumen des Schülerrates nichts verloren und endet dort, wo es zur Bedrohung unserer Schutzbefohlenen wird. Oder streitest du etwa ab für die Beleidigung und Gefährdung von Marie Miura verantwortlich zu sein?“



    Man konnte förmlich sehen, wie es in Kurodas Kopf zu arbeiten begann. Schließlich entschied sie sich für eine wenig erfolgversprechende Strategie.



    „Mit den Anschlägen auf Miura-san habe ich nichts zu tun. Oder gibt es anderslautende Beweise?“



    „Zumindest viele Indizien, die auf dich als Täterin hinweisen. Etwa der Umstand, dass neben Kato, Yonezawa und Miura nur der Schülerrat in die Sache eingeweiht war. Woher hätte der Täter wissen sollen, dass wir in dem Fall schon Ermittlungen führten? Just zu diesem Zeitpunkt. Gestern erfolgte die Anzeige und heute wurde Miura-san bereits als ‚Petze‘ tituliert. Außerdem ist es mehr als unwahrscheinlich, dass jemand anderes als die Person, die dermaßen großen Groll auf Miura-san hegt, eine derart starke Reaktion auf ihre Ernennung zur Darstellerin von Tsuda Umeko zeigen würde. Zeig ein wenig Würde, sofern du noch darüber verfügst, und stehe zu deinen Taten. Dann kannst du EVENTUELL auf Strafmilderung hoffen.“



    „Wieso habt ihr mir diese Falle gestellt und nicht einem der anderen Mitglieder? An meinem Verhalten gab es doch bis dato nicht das Geringste auszusetzen. Jeder von uns hätte es sein können, dich ausgenommen, Schülersprecherin.“



    „Zufall. Wir wollten von jedem Mitglied die Reaktion auf dieses Thema prüfen. Wir hätten niemals gleichzeitig alle darüber in Kenntnis gesetzt. Du hast dich heute nur als erste angeboten. Behufs dessen hatten wir die Räumlichkeiten mit einem angerufenen Smartphone verwanzt und konnten so aus der ersten Reihe deinen schamlosen Auftritt miterleben. Ich erwarte dein Rücktrittsgesuch spätestens Morgen früh auf meinem Tisch. Es versteht sich wohl von selbst, dass deine schulische Laufbahn an unserer Akademie zu Ende ist. Aber wenn du uns ohne Aufsehen verlässt werde ich von einem Eintrag in deine Schülerakte noch einmal absehen, in der Hoffnung, dass du aus dieser Chance etwas lernst. Übrigens, falls es dir ein Trost ist, es war nie geplant, ein Stück über Tsuda Umeko aufzuführen, weder mit Miura-san in der Hauptrolle, noch jemand anderem.“



    Kuroda sah so aus, als würde sie dem Wahnsinn verfallen. In unseren Games waren Akihiro und ich schon oft Kreaturen begegnet, die man als „verlorene Seelen“ bezeichnete. Sie waren von großer Hässlichkeit und handelten oft, als seien sie verrückt. Ich hätte nie gedacht, dass wir auch einmal im wahren Leben einem solchen Wesen begegnen könnten.



    „Einen Moment noch, bitte.“



    Suchte Marie jetzt ernsthaft noch das Gespräch mit Kuroda? Auch diese konnte es nicht glauben, sah aber von einem (verbalen) Angriff auf sie ab.



    „Es tut mir leid, dass ich deinen ästhetischen Ansprüchen nicht genügen konnte. Mein Haar ist blond, meine Augen blau und auch von der Statur bin ich wohl nicht das, was du dir unter einem Menschen vorstellst. Sicher, mein Japanisch mag einen gewissen Akzent haben, ansonsten jedoch dürfte es nicht viel schlechter sein als deins. Trotzdem sprechen wir nicht dieselbe Sprache. Schade eigentlich, denn bei unserer ersten Begegnung fand ich dich noch ziemlich sympathisch. Und auch wenn es dir wahrscheinlich ziemlich wumpe ist hasse ich dich trotzdem nicht. Denn wenn ich es täte könntest du mir nicht mehr egal sein. Vielleicht sehen wir uns einmal unter anderen Vorzeichen wieder, aber hoffentlich nicht allzu bald. Ich wünsche dir Glück, du kannst es brauchen…“



    Wären Marie und Kuroda allein gewesen, hätte Kuroda Marie wohl mindestens noch ins Gesicht gespuckt. Aber da wir anderen daneben standen sah sie davon ab. Es war unwahrscheinlich, welche Kälte ein Mensch abgeben konnte, aber Marie schien es nichts auszumachen. Sie zeigte unglaubliche Beherrschung und Unnachgiebigkeit. Sicher war diese rein äußerlich, denn Marie war von Natur aus ein irrsinnig lieber und warmherziger Mensch. Traurig, dass diese Attribute bei Kuroda nicht auf fruchtbaren Boden fielen…

  • Hallöchen,


    ich habe schon lange keinen Kommentar mehr im FF-Bereich hinterlassen, da bot sich deine Geschichte geradezu an.


    Fangen wir mal einfach bei Minato und Akihiro an. Ich finde, dass ihre Charakterzüge sehr gut miteinander funktionieren (harmonieren). Minato als Erzähler trägt den Text ziemlich stark. Seine trockene Art, seine Selbstironie und seine Kommentare auf alles und jeden haben mich oft zum Schmunzeln gebracht. Auch die Dynamik zwischen ihm und Akihiro fand ich sehr gelungen. Man merkt schnell, warum die beiden trotz ihrer völlig unterschiedlichen Persönlichkeiten befreundet sind.

    Besonders gefallen hat mir, dass sich viele Szenen sehr natürlich anfühlen. Das gemeinsame Zocken, die Ramen, die Gespräche im Konbini oder später die Begegnung mit Marie haben eine angenehme Slice-of-Life-Atmosphäre.

    Ein paar Kritikpunkte habe ich aber auch.

    Der größte ist für mich das „Pacing“. Die eigentliche Geschichte beginnt gefühlt erst mit Maries Ankunft, davor wird sehr viel Zeit auf Hintergrundinformationen verwendet. Das ist zwar alles nicht uninteressant, aber stellenweise hatte ich das Gefühl, dass die Handlung etwas auf der Stelle tritt. Gerade der längere Abschnitt rund um die Gilde und die Goblin-Schlacht zieht sich für meinen Geschmack etwas.

    Was mir außerdem in Kapitel 1 und teilweise auch in Kapitel 3 aufgefallen ist: Bei Dialogen habe ich hin und wieder den Überblick verloren, wer gerade spricht. Nicht immer, aber so, dass ich einzelne Absätze noch einmal lesen musste. Kapitel 2 fand ich in der Hinsicht deutlich klarer.


    Bei Marie bin ich außerdem noch etwas zwiegespalten. Sie ist sympathisch, keine Frage, aber aktuell wirkt sie noch sehr perfekt. Sie ist freundlich, höflich, dankbar und scheint an allem Gefallen zu finden. Der kleine Herd-Zwischenfall am Ende war deshalb tatsächlich eine meiner Lieblingsstellen mit ihr, weil sie dadurch sofort menschlicher wirkt. Ich hoffe, dass später noch mehr solcher Eigenheiten oder Schwächen dazukommen.

    Sprachlich liest sich das Ganze angenehm flüssig. Man merkt auch, dass du gerne ausführlich erzählst, was mit dem lockeren Ton und der Ich-Perspektive super passt.

    Unterm Strich hat mir die Geschichte bis hierher wirklich Spaß gemacht. Vor allem Minato und seine Sicht auf die Welt sind für mich aktuell der größte Pluspunkt. Ich bin jedenfalls neugierig, wie das Zusammenleben mit Marie weiterläuft und welche Rolle die anderen Figuren später noch spielen werden. Nebenfiguren, insbesondere die Mitspieler aus der Gilde, sind in Kapitel 2 und 3 etwas in den Hintergrund gerückt. Das ist an sich kein Problem, weil der Fokus dort klar auf Marie und der neuen Wohnsituation, sowie der Schulalltag liegt. Gleichzeitig habe ich aber das Gefühl, dass Figuren wie Katsu, Osamu und Yu (ich hoffe ich habe die Namen alle richtig xD) später noch eine größere Rolle spielen werden. Gerade bei Katsu hatte ich beim Lesen den Eindruck, dass da noch mehr dahintersteckt. Vielleicht ein Mädchen?? Generell ist für mich momentan noch nicht ganz ersichtlich, in welche Richtung sich die Geschichte langfristig entwickeln soll. Im ersten Kapitel hatte ich durch verschiedene Hinweise den Eindruck, dass im Hintergrund eine größere Geschichte aufgebaut wird. In den Kapiteln 2 und 3 verschiebt sich der Fokus jedoch, sodass dieser Eindruck für mich etwas verloren geht. Außerdem musste ich mehrmals an Tron denken.


    Ich bin gespannt in welche Richtung du uns führst.

  • Tyto


    Vielen Dank für deine Kritik. Ich muss zugeben, dass ich mich manchmal wirklich in den Hintergrunddetails verliere, wobei ich hoffe ein besseres Gefühl dafür entwickeln zu können. Dass sich die Goblinschlacht zieht ist mir bewusst, habe ich aber in Kauf genommen, weil ich mit den Elementen von Battle Mangas experimentieren wollte um mein Repertoire zu erweitern.

    Was Marie angeht: ja, sie ist ein wenig zu perfekt, weswegen ich in Kapitel 3 erwähnt habe, dass sie wegen ihrer Abstammung nicht nur in Japan mit Rassismus konfrontiert wurde sondern auch in Österreich. Ich hoffte, dass würde sie etwas dreidimensionaler machen.

    Zu 100 Prozent Recht gebe ich dir bei den Dialogen. Bei diesen muss ich in jeden Fall eindeutiger werden wer wann was sagt. Beim Gegenlesen ist mir dieser Makel nicht so bewusst geworden, weil es sich für mich immer ziemlich eindeutig angefühlt, ohne zu bemerken, dass dies meiner Autorenperspektive geschuldet ist.


    So, jetzt habe ich dich ganz schön zugetextet. Nochmals vielen Dank dass du dir die Zeit genommen hast meinen Text bis hierhin zu lesen und dir so viele Gedanken dazu gemacht hast. Es würde mich freuen in Zukunft wieder von dir zu hören.

  • Neues Woche, altes Spiel. Hier kommt Kapitel 4, wem es lieber ist kann es im Ausgangspost als pdf finden. Ich wünsche viel Vergnügen beim Lesen. :wink:


    Kapitel 4 - "Willkommen, Dai"


    Heute war ein guter Tag. Zumindest, wenn man vom Morgen darauf schließen konnte. Die Luft war herrlich klar, der Himmel strahlend blau und ich war dabei in meiner Küche ein Frühstück zu zaubern, dass jedem Hotel zur Ehre gereicht hätte. Es gab Miso-Suppe, dazu frisch gegrillten Fisch, eine großzügige Portion an dampfendem Reis und selbstverständlich fehlte auch das eingelegte Gemüse nicht. Eigentlich wäre es kein großes Ding gewesen, selbst Rettich und Gurken einzulegen, aber dafür waren die letzten Tage einfach zu hektisch gewesen. Vielleicht ja bald einmal. So schlecht waren Industrieprodukte allerdings auch wieder nicht.



    Die dunklen Wolken, die über unsere Köpfe, vor allem aber jenen Maries gezogen waren, hatten sich gelichtet, weswegen Akihiro, Marie und ich beschlossen hatten, dies an diesem Samstag mit einem besonders großzügigen Frühstück zu feiern. Die Menge reichte gut und gerne für fünf Personen, da aber Marie mit uns speiste konnte es knapp werden.



    Nichtsdestotrotz war ich guter Dinge. Marie machte sich noch im Bad zurecht, während wir beide auf das Eintreffen von Akihiro warteten. Marie war so nett gewesen, mir in der Küche zur Hand gehen zu wollen, aber ich lehnte ab. Immerhin fand unsere Feier ihr zu Ehren statt, da wäre es fehl am Platz gewesen, sie zur Arbeit einzuspannen. Einen anderen Grund gab es offiziell nicht.



    Während ich Acht gab, dass die Makrele auf dem Grill nicht zu trocken wurde, behielt ich gleichzeitig die verschiedenen Brühen für die Suppe im Auge. Traditionellerweise verwendete man eine auf Fisch basierende, aus Übermut hatte ich auch eine vegetarische Variante zubereitet. Eine unnötige Fleißarbeit eigentlich. Unser Trio bestand ausschließlich aus Allesfressern, sprich ob es Fisch, Fleisch oder Gemüse gab war uns einerlei. Akihiro und ich hätten uns traditionell ebenso mit Becherramen begnügt, aber ich wollte unsere Kultur vor Marie nicht bloßstellen.



    Langsam wurde es aber Zeit, dass Akihiro in die Puschen kam. Immerhin war es schon fast halb neun. Mit jeder Minute drohte die Makrele zum Trockenfisch zu verkommen. Dabei hatte ich sie vorher ebenso liebe-, wie kunstvoll ihrer Gräten beraubt. Marie würde sie wohl trotzdem essen, aber meine Ehre als Küchenchef unserer Wohngemeinschaft verbot es mir derlei auf den Tisch zu bringen. Auch meine für den Reis gedachten, weichgekochten Eier drohten sich langsam von ihrer harten Seite zu zeigen. Es half nichts, ich musste langsam auftischen oder alle Mühe war vergebens.



    Da begann die Türklingel sich bemerkbar zu machen. Na endlich. Wurde ja auch langsam Zeit. Bei dem Wert, den Akihiros Familie auf gute Erziehung legte, war Pünktlichkeit auch zu erwarten. Noch mit der um meinen Oberkörper gebundenen Schürze betätigte ich den Türknauf und rief in die Landschaft: „Na, endlich. Wo warst du denn? Noch ein paar Minuten und wir hätten ohne dich gegessen. Wirklich, wie kann man in deiner Position nur so… …oh?“



    Da war mir wohl ein Fehler unterlaufen. Anstatt Akihiro meine Meinung zu geigen hatte ich es an seiner Statt Hisakawa getan. Diese blickte mich nun vollkommen eingeschüchtert und verschreckt an. Kein Wunder, wenn man, wie Hisakawa, eher zur schüchternen Sorte gehörte, war so eine Standpauke natürlich das Letzte, was man hören wollte. Natürlich musste ich mich für meine Unverschämtheit umgehend entschuldigen, allerdings… WAS WOLLTE HISAKAWA EIGENTLICH HIER?



    Hatte ich mir vielleicht etwas zuschulden kommen lassen, dass es erforderlich machte, dass der Schülerrat sogar am Wochenende bei mir vorstellig wurde? Mein Gewissen war rein, also konnte es sich eigentlich nur um einen Irrtum, allerhöchstens aber um einen Höflichkeitsbesuch handeln. Aber das passte jetzt so gar nicht. Immerhin wurde es problematisch, wenn…



    „Yo… Yonezawa? Entschuldige, ich habe wohl… einen Fehler gemacht… Eigentlich wollte ich zu…“



    „Hisakawa. Guten Morgen. Du bist pünktlich wie eine Schweizer Uhr. Jetzt lass sie doch rein, Minato. Immerhin ist sie unser Ehrengast.“



    Mein Verstand stand still. Marie begrüßte Hisakawa als wäre es das Normalste von der Welt. Hatte sie sie etwa eingeladen? Aber wie sollten wir erklären, dass… Egal, was es auf Hisakawa für einen Eindruck machte, die Situation erforderte eine Krisensitzung unseres Haushalts. Umgehend! Mit sanfter Gewalt drückte ich Marie zurück ins Bad und sperrte die Badezimmertür hinter uns zu. Sicher gab es eine Lösung für das Problem, wenn wir uns miteinander kurzschlossen. Hauptsache, wir fanden eine.



    „Bist du wahnsinnig geworden? Wie kannst du Hisakawa zu uns einladen? Wenn sie uns verpfeift kriegen wir Schwierigkeiten mit dem Schülerrat, dass es nur so raucht.“



    „Ach, richtig, da war ja was…“



    Wollte Marie mich jetzt extra auf die Palme bringen, oder was?! Das hier war doch keine Fernsehserie, in der man über derlei Dinge lachte.



    „Jetzt krieg dich wieder ein. Wir leben hier in einer 0815-Wohngemeinschaft zusammen, wie viele andere Menschen auch. Der einzige, der ein Staatsdrama daraus macht, bist du. Ich bin mir sicher, dass es für Hisakawa keinen Grund geben wird, an unserer Aufrichtigkeit zu zweifeln. Außerdem…“



    „Was?“



    „Selbst, wenn alle von unserem Arrangement wissen gibt es nichts, für das wir uns schämen müssten. Wir zwei sind nur gute Freunde, die sich ein Haus teilen. Mehr ist da nicht.“



    Marie hatte wirklich die Ruhe weg.



    „Das wissen du und ich, aber an unserer Schule ist man altmodisch. Da lassen sie nur ‚verheiratet‘ oder ‚verwandt‘ als Gründe gelten, wenn man zusammenlebt.“



    „Was kann ich für die unanständige Phantasie anderer? Allerdings, wer weiß was Hisakawa sich jetzt denkt, nachdem du dich mit mir im Bad eingeschlossen hast?!“



    „Schei… …benkleister!!!“



    So schnell es nur in meiner Macht stand öffnete ich die Tür und rannte förmlich auf Hisakawa zu. Natürlich erschreckte ich sie damit noch mehr. Wäre es ihr möglich gewesen hätte sie wohl ihre Beine in die Hand genommen, allerdings war sie wegen meinem Verhalten förmlich starr vor Schreck. Warum nur ging plötzlich alles den Bach hinunter? Der Morgen hatte doch so schön angefangen…





    Mittlerweile war es Viertel nach neun und Hisakawa hatte ihre Nerven wieder halbwegs in den Griff bekommen. Ein starker Beruhigungstee wirkte manchmal eben Wunder.



    „Also eigentlich wohnst du hier, Yonezawa… … und Miura tut es auch, aber nur, weil es in ihrer eigentlichen Unterkunft zu einem Brand gekommen ist…“



    Zum Glück war Hisakawa schnell von Begriff.



    „Genau. Und ich kann es nicht genug betonen, jeder von uns hat sein EIGENES Schlafzimmer und vor allem sein EIGENES Bett. Alles was wir uns teilen sind die übrigen Räumlichkeiten, sprich Wohnzimmer, Küche, Bad. Aber das Bad benutzen wir selbstverständlich nicht gleichzeitig. Wir leben hier nicht anders zusammen, als es auch Geschwister täten. Verstehst du? Wir wissen, dass unsere Schule einen besonderen Wert auf ordentliche Verhältnisse bei ihren Schülern legt. Wir haben es nur deswegen niemandem erzählt, damit keine falschen Gerüchte über uns in Umlauf kommen.“



    „Ich verstehe…“



    Tat Hisakawa das wirklich oder schlug ihre eigene Phantasie bereits Blasen? Ihr Kopf war hochrot angelaufen und ich war mir nicht sicher, ob ich nicht vielleicht sogar ein wenig Schaum in ihren Mundwinkeln wahrnahm. Hoffentlich lag das nur an ihrem Tee…



    „Es wäre wirklich furchtbar lieb von dir, wenn du das Ganze für dich behalten könntest. Ich glaube zwar, dass Minato übertreibt, aber du siehst ja, wie wichtig unser kleines Geheimnis für ihn ist.“



    Lag es allein an Marie oder war man in Europa einfach aufgeschlossener als hier in Japan?!



    „Keine Sorge… …ich werde niemandem etwas erzählen… …ich weiß, dass ihr anständige Menschen seid…“



    „Vielen Dank, Hisakawa, wir schulden dir was…“



    „Und wenn es anders ist… …geht es niemanden außer euch etwas an…“



    Wie war das bitte? Akihiro, der bereits seit einiger Zeit bei uns am Tisch saß, konnte sein Lachen nur mit Mühe unterdrücken. Wer war denn an allem schuld? Mir war jetzt alles gleich. Ich servierte die verkochte Miso-Suppe, tischte den lauwarmen Reis mit den steinharten Eiern auf und wer Proteine wollte, der konnte Fischbrösel essen. Wenigstens das eingelegte Gemüse konnte man noch anstandslos genießen…





    Zumindest ein wenig Glück fand sich an diesem Morgen noch in Gestalt schnittfesten Tofus, den ich allerdings erst für die nächsten Tage eingeplant gehabt hatte. Wenigstens musste keiner von uns mit hungrigem Magen von meinem Esstisch aufstehen. Mit ein wenig Ingwer und Sojasauce hatte er beinahe etwas von Sushi. Mir war der Appetit als Einzigem eh vergangen gewesen. Meine „Freunde“ hatten sich von all den Vorkommnissen nicht stören lassen. Einzig in Hisakawas Kopf schien es zu rumoren. Ob ich wissen wollte was sie dachte wusste ich wirklich nicht.



    „Danke für das Frühstück, Minato. Wenn du so weitermachst werde ich dich noch heiraten müssen.“



    „Ich glaube kaum, dass deine Familie da mitspielen würde, Akihiro…“



    „Auch… von mir vielen Dank, Yonezawa. Ich… werde von Freunden nicht oft eingeladen… Entschuldigt, ich meine, … …ich wollte euch nicht… …wenn ihr nicht wollt…“



    „Klar sind wir Freunde. Aber wir wollen dich natürlich noch viel besser kennenlernen und du uns hoffentlich auch, Hisakawa.“



    Manchmal war Maries herzliche Offensivstrategie wirklich ein Segen. Wir kannten sie zwar noch nicht wirklich gut, aber Hisakawa war wirklich in Ordnung. Wer weiß, was sie wegen ihrer Schüchternheit in der Vergangenheit schon erlebt hatte und heute war sie Sekretärin des Schülerrats. Man konnte nur erahnen, was sie erst erreichen würde, bekam sie ihre Sozialphobie in den Griff. Allerdings wusste ich nicht recht, was ich davon halten sollte, dass sich ein derart kurioser Freundeskreis um mich herum zu bilden begann.



    „Übrigens, Minato, kann ich euer Haus morgen in Beschlag nehmen?“



    Akihiros Frage roch förmlich nach Ärger, also tat ich so, als hätte ich ihn überhört.



    „Klar, wir haben nichts Besonderes vor.“



    Marie war großzügig wie immer. Ach, vermutlich würde es angenehmer werden, wenn ich einfach alles geschehen ließ.



    „Ist dir dein üblicher Palast etwa zu klein geworden?“



    „Lustig. Nein es geht um meine Cousine. Morgen kommt sie angereist um eine Weile bei meinem Zweig unserer Familie zu leben. Das habe ich dir doch schon erzählt.“



    „Klar, aber ohne Datum.“



    „Dann bekommst du ja sozusagen eine Zeitlang eine kleine Schwester. Ich hatte mir auch immer eine gewünscht.“



    Marie strahlte förmlich, als sie diese Feststellung traf.



    „Aber wozu brauchst du dann meine bescheidene Unterkunft? Ihr habt doch Räume ohne Ende.“



    „Ich will eine Willkommensparty für Dai geben. Aber daheim geht das schlecht. Jedenfalls, wenn wir Spaß daran haben wollen. Du kennst doch meine Eltern. Alles unter einem Stehempfang mit zahlreichen Größen aus Wirtschaft und Politik, ist es nicht wert veranstaltet zu werden. Das kann ich Dai doch nicht zumuten.“



    „Meinetwegen. Aber wehe, du drückst dich vor dem Aufräumen. Dai ist selbstverständlich davon freigestellt.“



    „Danke. Du bist der Beste. Hisakawa, bange machen gilt übrigens nicht.“



    „Vielen… Dank, ich war noch nie zu einer Party eingeladen, aber… ich kann leider wirklich nicht… Meine Eltern begehen morgen ihren Hochzeitstag im Kreis der Familie… …da kann ich leider nicht fehlen… tut mir leid…“



    „Schon gut, du musst dich nicht extra entschuldigen. Dann stelle ich dir meine Cousine eben ein anderes Mal vor.“



    Hisakawa sah betreten zu Boden. Wahrscheinlich fiel es ihr schwer die Hand, die man ihr reichte, nicht ergreifen zu können. Aber wenn die Familie rief hatte man eben keine Wahl.



    „Wer übernimmt eigentlich die Kosten für den Aufwand? Ich kümmere mich gern um alles, aber mein monatliches Budget für Lebensmittel ist nicht eben üppig.“



    Unter Freunden von Geld zu sprechen schickte sich nicht, aber wenn man keines hatte kam man nicht darum herum.



    „Mach dir mal keine Sorgen. DAMIT dürfte alles abgedeckt sein.“



    Ich musste förmlich meine Augen bedecken, so sehr glitzerte die Kreditkarte von Akihiros Familie, die dieser soeben aus seiner Tasche gezogen hatte. Für ein Kreditlimit wie dieses war das Plastik wohl einer eigenen Färbung unterzogen worden. Wahrscheinlich hätte es nicht einmal ausgereicht, hätte ich Akihiro im Gegenzug mein Haus und Grundstück als Sicherheit hinterlegt. Ich fühlte mich ihm gegenüber mit einem Mal unglaublich wertlos und schäbig.



    „Da ich morgen noch einiges vorbereiten muss, könnten Marie und du solange damit alles Nötige besorgen?“



    Akihiro wusste, wie man delegierte. Das hatte er sich schon früh von seinen Eltern abgeguckt.



    „Ehrlich gesagt habe ich Angst, dass man mich des Diebstahls bezichtigen wird, wenn man meine schäbige Existenz mit diesem Juwel zusammen sieht. Es ist wohl sicherer, wenn Marie sich damit um das Finanzielle kümmert.“



    „Jetzt übertreib mal nicht so. Am Wichtigsten sind Dinge wie Kuchen, Eiscreme und Mochi. Dai liebt Süßes.“



    „Ist das immer noch so? Obwohl, wenn ich an damals denke, sollten wir besser für sieben Leute einkaufen, anstatt nur für vier. Immerhin hast du ja schon einen Vielfr… ich meine, eine Genießerin bei mir untergebracht.“



    Sorry, Marie. War nicht böse gemeint.



    „Das geht schon klar. Hauptsache ist, dass wir Dai von der Scheidung ihrer Eltern ablenken können. Sie würde es zwar wohl nicht zugeben, aber die Geschichte geht ihr ganz schön nahe.“



    „Keine Sorge, wir werden unser Bestes geben. Stimmt’s, Minato?“



    Marie hatte das Herz am rechten Fleck. Ich nickte bloß zustimmend. Ich hatte mich mit meinem Freundeskreis abgefunden, wozu also anderweitige Ambitionen geltend machen? Nein, Dai war schon in Ordnung. Ihr Familienzweig war um ein Vielfaches liberaler als der von Akihiro. Das sah man allein schon an den Umständen von ihrem Besuch. Akihiros Eltern machten sich lieber gegenseitig das Leben zur Hölle, als zuzugeben, dass ihr Bündnis nicht das Papier wert war, auf dem es festgehalten wurde. Aber was ging mich anderer Leute Verhaltensauffälligkeit an? Nein, Dai sollte sich bei uns willkommen fühlen. Das kriegten wir schon irgendwie hin.





    Es war etwa zwölf Uhr fünfundvierzig, als Marie und ich am Sonntag den Kuchen aus der Konditorei nach Hause schafften. Es gab wohl keine Sorte Torte, von der wir nicht wenigstens ein Stück erworben hatten. Auch mir tropfte der süße Zahn bei dem Gedanken an unser Buffet. Das Eisfach war bereits mit Speiseeis zugestopft und wie vereinbart hatten wir auch Mochis besorgt. Sicher würde es Akihiros Familie nicht einmal bemerken, dass ihre Kreditkarte auch für ein Taxi herhalten musste, aber mit Fahrrädern war ein derartiger Großeinkauf kaum zu bewältigen. Außerdem hatte es vorhin genieselt.



    Unser Tisch wirkte wie die Auslage einer größeren Konditorei, nachdem wir alle Stücke auf Papptellern platziert hatten. Wenigstens bliebe uns damit der Abwasch des Geschirrs erspart. Wann hatten Akihiro und ich eigentlich zuletzt für das große Event in unserem Rollenspiel trainiert? Marie übte eindeutig einen schlechten Einfluss auf uns aus. Hoffentlich ließen Osamu und Yu die Zügel nicht ebenso schleifen. Katsu dagegen war eine todsichere Bank. Er würde einmal mehr unser Trumpfass sein.



    „Was hältst du eigentlich von Akihiros Cousine? Du kennst sie doch von früher.“



    Marie war verständlicherweise neugierig auf unseren Ehrengast.



    „Naja, ich habe sie jetzt schon ein paar Jahre nicht gesehen…“



    Ich war mir nicht ganz sicher, worauf Marie hinauswollte.



    „Ich meine, ist sie eher der offene Typ so wie Akihiro auch oder geht sie mehr in die Richtung von Hisakawa und sie muss erst auftauen?“



    „Weder das eine Extrem noch das andere. Damals war sie mehr so der Typ „kleine Schwester“. Zumindest soweit ich das beurteilen kann. Wir waren oft zusammen und haben gezockt. Sie hatte allerdings schon damals mehr Talent als Akihiro heute. Aber sie ist ziemlich kurzsichtig und muss daher ständig eine Brille tragen.“



    „Das ist doch langweilig. Habt ihr nie etwas zusammen unternommen? Käfer gesammelt, Wanderungen unternommen oder wenigstens auf einem Sommerfest das Feuerwerk beobachtet?“



    „Wir waren auch mal im Freibad…“



    Zugegeben, im Vergleich zu Maries Vorstellungen stank die Realität natürlich ab. Allerdings waren diese voller Klischees über Japan. Sie waren zwar nicht grundsätzlich falsch, aber schließlich tat auch nicht jeder Österreicher jodeln.



    „Das müssen wir ändern. Ab sofort bin ich für unsere kleine Schwester zuständig.“



    Marie war wirklich von der zupackenden Sorte.



    „‘Unsere‘ kleine Schwester? Außerdem ist Dai immerhin schon fünfzehn Jahre alt. Von wegen ‚klein‘. Das passt höchstens zu ihrer Körpergröße.“



    „Trotzdem. Ich habe mir als Einzelkind immer eine Schwester gewünscht. Wenn nicht jetzt, wann dann? Immerhin sind wir doch bereits schon fast so etwas wie eine Familie. Apropos: wann kann ich mich eigentlich endlich bei deinen Eltern dafür bedanken, dass sie mich bei sich aufgenommen haben?“



    „So einfach ist das bei ihnen nicht. Laut letztem Stand sind sie mittlerweile im Tal des Limpopo unterwegs. Bis sie wieder die Zivilisation betreten vergeht sicher noch einige Zeit. Da hilft nur abwarten.“



    „Eigentlich bin ich fast ein wenig neidisch, wie weit deine Eltern in der Weltgeschichte herumreisen. Sind sie Naturforscher oder etwas in der Art?“



    „Nun, genau genommen, sind sie…“



    „Minato, Marie! Ihr müsst mir unbedingt helfen. Dai ist verschwunden!“



    Akihiro war in unser bescheidenes Heim geplatzt und flehte uns beinahe atemlos um unsere Hilfe an.



    „Ganz ruhig. Atme erst einmal durch. Was heißt ‚Dai ist verschwunden‘?“



    Marie war wirklich die Ruhe in Person. Aber genau das war in so einer Situation das einzig Richtige.



    „Der Taxifahrer, der Dai eigentlich zu uns bringen sollte, hat stattdessen nur ihr Gepäck bei uns abgeliefert.“



    „War denn von euch niemand am Bahnhof um sie abzuholen?“



    Ich sprach das offensichtliche an.



    „Eigentlich wollten meine Eltern Personal abstellen, das sie abholen sollte. Aber sie hat am Telefon nur gemeint, dass sie kein Kind mehr und das unnötig sei. Daher haben wir sie gewähren lassen.“



    „Wie ist der Taxifahrer denn an ihr Gepäck gekommen?“



    „Dai war ja am Bahnhof und ist mit ihrem Zeug in das Taxi eingestiegen. Aber auf halben Weg hat sie den Taxifahrer gebeten aussteigen zu dürfen, um sich auf eigene Faust in der Innenstadt herumzutreiben.“



    „Ach so. Dann kann man ja kaum wirklich von ‚verschwunden‘ sprechen. Lass sie doch ruhig ein wenig herumstreunen. Sie ist ja kein kleines Kind mehr.“



    Mir schien die Geschichte nicht wirklich problematisch.



    „Hoffentlich sehen das nicht auch noch andere Typen so. Weißt du was los ist, wenn ihr etwas zustößt?! Dann kann ich auch bei dir einziehen.“



    „Minato, bitte. Akihiro, hast du schon einmal versucht, sie auf ihrem Smartphone anzurufen?“



    Marie sprach einen validen Punkt an. Aber konnte Akihiro wirklich so verstockt sein?



    „Was denkst du denn? Aber es geht niemand ran. Ständig höre ich nur die Mailbox. Vielleicht ist sowieso schon alles zu spät.“



    „Wieso wollen deine Eltern überhaupt dir ans Leder?! DU bist doch nicht für sie verantwortlich.“



    „Minato, du kennst doch meine Eltern. Außerdem war ICH es, der sich dafür eingesetzt hat, dass sie alleine zu uns anreisen darf. Wenn sie rauskriegen, dass ich keine Ahnung habe, wo sie ist, dann bin ich bestenfalls verstoßen.“



    „Deine Eltern haben also noch keine Ahnung?“



    Marie schien eine Idee zu haben.



    „Dann machen wir drei uns auf die Suche nach ihr. Deswegen bist du doch sowieso zu uns gekommen, oder?“



    „Aber Marie hat doch keine Ahnung, wie Dai aussieht. Hast du kein Foto von ihr?“



    „Kein aktuelles, aber das hier habe ich vor zwei Jahren von ihr gemacht. Warte, ich teile es mit euch. Dai ist wirklich ein ganz liebes Mädchen und total verrückt nach Süßigkeiten. Früher hat sie nie einen Schritt ohne mich und Minato gemacht.“



    „Das hat sich mittlerweile wohl geändert…“



    Für diesen Witz hüllte mich Akihiro förmlich in eine Aura dunkelster Verachtung. Ich fand, dass ein bisschen Humor der Situation nicht schaden konnte. Immerhin war es helllichter Tag und einiges los auf der Straße. Was hatte schon Schlimmes passieren können?



    Nichtsdestotrotz machte unser Trio sich auf den schnellsten Weg auf in die Innenstadt. Dummerweise war aber eben Sonntag und dementsprechend herrschte geschäftiges Treiben auf den Straßen. Am liebsten wäre Akihiro wohl auf einen Laternenpfahl geklettert und hätte lauthals nach seiner Cousine geschrien. Verständlich, aber strafbar.



    „Am besten teilen wir uns auf und suchen getrennt nach ihr. Ich übernehme das Einkaufsviertel, Akihiro klappert die Cafés und Restaurants ab und Minato wird sich um die restlichen Einrichtungen kümmern. Wenn wir sie gefunden haben melden wir uns mittels Smartphone bei den anderen und treffen uns wieder hier. Seid ihr damit einverstanden?“



    Weder Akihiro noch ich hatten etwas an Maries Plan auszusetzen oder zu verbessern. Mir kam das ganze immer noch ein wenig übertrieben vor, aber Akihiro war mir als Freund gut genug um diesen Sonntagsspaziergang auf mich zu nehmen. Er und ich waren in der Vergangenheit schon oft hier gewesen um sich über die neuesten Games schlau zu machen beziehungsweise diverse Hardware zu erwerben. Von daher war uns die Gegend auch nicht fremd. Einzig Marie lief hier Gefahr ebenso verschütt zu gehen wie Dai. Aber das Risiko mussten wir eingehen.



    Eigentlich war es erstaunlich wie ein- und dieselbe Gegend es schaffte, dermaßen verschiedene Schichten der Bevölkerung anzusprechen. Da waren die Schulmädchen, die nach der neuesten Mode Ausschau hielten, zwei einsame Otakus, die eigentlich gar nicht so einsam waren, da sie angeregt über die momentanen Manga-Neuerscheinungen quatschten und sogar einige wasserstoffblonde Delinquenten, die mit bunten Energydrinks in einer Ecke standen und die Luft verpesteten. Unsere Innenstadt bot wirklich für jeden etwas. Kein Wunder, dass Dai sich lieber hier herumtrieb, anstatt im goldenen Käfig Staub anzusetzen.



    Eigentlich war es ja zum Lachen. Das zu kurz geratene Mädchen, das Akhiro und mir nicht von der Seite wich, hatte jetzt ihre rebellische Phase erreicht. Aus Kindern wurden eben Leute. Das würde auch Akihiro besser früher als später einsehen müssen. Während ich eher planlos herumlief kam ich an der Spielhalle vorbei, in der ich früher immer meine Zeit totgeschlagen hatte, wenn ich daheim keinen Bock auf Lernen hatte. „Wozu sich jetzt schon anstrengen, wenn ich mich eh einmal in irgendeiner Firma totschuften werde?“ dachte ich mir damals schon. Großes war für mich sowieso nie vorgesehen gewesen, also wollte ich die Zeit bis zum Erwachsenwerden wenigstens voll auskosten. Warum auch nicht?!



    Wahrscheinlich beging ich damit Verrat an Akihiro, aber der Nostalgie wegen konnte ich nicht widerstehen ein paar Schritte in meinen einstigen Tempel zu machen. Ein wenig die Maschinen treten tat ja niemandem weh. Ich wechselte am Eingang einen Schein in ein paar Münzen und suchte nach einem würdigen Gegner.



    Teilweise war hier wirklich die Zeit stehen geblieben und es standen noch dieselben Automaten herum, an denen ich mich bereits vor Jahren bewiesen hatte. Am meisten Spaß hatte ich immer an den Geräten, an denen ich mich im Zweikampf mit anderen messen konnte. Allerdings hieß es heutzutage für mich aufpassen, dass ich nicht versehentlich jemand deutlich Jüngeren aufmischte. So was schickte sich nicht für einen Erwachsenen auf Probe. Außerdem kam es nicht gut, wenn man als MÄNNLICHER Jugendlicher fremde Kinder ansprach. Das konnte leicht ins Auge gehen.



    Nach kurzem Überlegen entschied ich mich für ein Spiel, an dem ich bereits als Kind meine Meisterschaft errungen hatte: „Road Warrior 2 – Speed“.



    Die Regeln hier waren denkbar einfach. Jeder Spieler wählte einen Charakter aus, den man dann in den Zweikampf schickte. Viele begingen einen typischen Anfängerfehler und suchten sich den muskulösesten Krieger aus. Deren Schläge waren zwar verheerend, allerdings waren sie nicht die schnellsten und von daher leicht auszuspielen.



    Oh. Anscheinend hatte noch jemand Lust sich auszuprobieren und daher auf der anderen Seite Platz genommen. Soweit es für mich ersichtlich war, handelte es sich dabei um einen etwa zwölfjährigen Jungen mit Mütze und Sonnenbrille. Sehr gut. Ich warf ein 100-Yen-Stück in den Schlitz und es konnte losgehen. Da man erst nachdem beide Spieler ihren Charakter ausgewählt hatten erfuhr mit wem man es zu tun bekam, musste man auch ein wenig auf das Glück vertrauen. Ich entschied mich für einen wendigen Distanzkämpfer mit großer Reichweite, mein Gegenspieler setzte auf einen brutalen Nahkämpfer.



    „3… 2… 1… BATTLE!!!“ zählte ein Countdown auf dem Bildschirm herunter und es ging los. Von den Möglichkeiten war ich klar im Vorteil. Mein Mann war um einiges schneller als der Muskelprotz von gegenüber und von daher für diesen schwer zu packen. Eine Energiewelle nach der anderen schlug auf mein Gegenüber ein, der damit prompt in die Verteidigung gezwungen wurde. Ganz wie im richtigen Leben. Die Sache war im Grunde genommen gelaufen, bevor sie überhaupt richtig begonnen hatte. Die alten Spiele standen neuen zwar in punkto Spaßes nicht großartig etwas nach, waren dagegen aber vergleichsweise arm an Möglichkeiten und eher nachlässig programmiert. Nicht selten existierte eine Lücke, die einem Spieler unfaire Möglichkeiten einräumte. Schade, aber gerade das machte ja den Reiz an solchen Klassikern aus.



    Die erste Runde war klar an mich gegangen. Wer zwei von dreien dominierte gewann das ganze Spiel. Eigentlich war es sinnlos, noch eine Runde unter den gleichen Voraussetzungen abzuhalten. Was sollte sich schon groß ändern? „1… BATTLE!!!“ Der gleiche Countdown, dasselbe Spiel. Wieder ging ich sofort auf Distanz und machte mich daran eine Druckwelle auf meinen Gegner loszulassen. Wie eintönig… Schuss und… Was war gerade passiert? In einem Tempo, das der Muskelprotz nicht hätte haben dürfen hatte er mich getacklet und in einen Würgegriff genommen. Wehrlos musste ich mitansehen wie mein Energiebalken immer mehr an Farbe verlor und schließlich vollkommen schwarz wurde. Eine glasklare Niederlage.



    Jetzt hieß es aufpassen, die nächste Runde war entscheidend. Wenn ich nochmals auf meinen Händen saß hatte ich mein Geld sinnlos verpulvert. Wie zuvor ging ich auf Distanz und… rutschte zwischen den Beinen des Muskelprotzes hindurch, als dieser sich abermals mit wahnwitziger Geschwindigkeit auf mich werfen wollte. Damit hast du nicht gerechnet, wie?! Jetzt eine Energiewelle anstauen und… Schuss. Leider voll gegen eine Mauer. In der Realität hätte diese bersten müssen, aber das konnte man von den damaligen Programmierern eben nicht erwarten.



    Ich musste meine Strategie ändern. Anstatt Distanz aufzubauen ging ich geradewegs auf Konfrontationskurs und verpasste dem Tier einen gepfefferten Kinnhaken. Damit hatte mein Gegner sichtlich nicht gerechnet und kam ins Schlingern. Das reichte um ihm einige Tritte in die Magengegend zu verpassen. Die Kinder, die heutzutage lieber Monster anstelle von Menschen in die Arenen schickten wussten ja gar nicht, was ihnen entging. Was war das? Ich wurde um meine Mitte herum gepackt und auf den Kopf gestellt. Wollte er mich jetzt darauf krachen lassen? Nein, viel schlimmer. Er wischte mit mir den Boden auf. Wortwörtlich. Er benutzte meinen Afro als eine Art Besen und fegte mit mir den Hinterhof. Dahinter steckte definitiv eine mir unbekannte Cheat-Kombo. Unverschämtheit in einem Straßenkampf derart unfaire Methoden anzuwenden. Hilflos sah ich abermals zu, wie mir die Lebensenergie aus dem Körper wich.



    „GAME OVER! PLAYER 2 WINS!“ Am liebsten hätte ich meinen Gegenspieler dafür zur Minna gemacht, aber das hatte keinen Wert. Außerdem hatte ich selbst ja zuvor festgestellt, dass solche Lücken im System maßgeblich zum Spieleerlebnis beitrugen. Auf einen Handshake verzichtete ich aber dennoch. Wer einen als Besen missbrauchte verdiente keine Würdigung. Allerdings war das Können meines Rivalen beachtlich gewesen. Es hatte sich sogar so ähnlich angefühlt, wie wenn ich früher mit Katsu in einen Online-Battle geraten war…



    Ich hatte zwar noch Kleingeld übrig aber gleichzeitig ein schlechtes Gewissen bekommen. Immerhin verließen sich meine Freunde auf mein Pflichtbewusstsein. Ergo hieß es für mich Straßenkrieger wieder selbige unsicher zu machen. Wahrscheinlich saß Dai in einem Café und schlug sich den Bauch mit Kuchen und Eis voll. Es wäre besser gewesen, ihr von unserer Party vorab zu berichten, anstatt sie damit überraschen zu wollen. Aber man lebte nun einmal um zu lernen.



    Nicht halbherzig aber ziemlich lustlos graste ich einen Laden nach dem anderen ab, sogar jene für Schallplatten und Bademoden. Für Letzteren wäre Marie aber eindeutig besser geeignet gewesen. Es hinterließ einfach keinen guten Eindruck, wenn man sich als Junge alleine zwischen Regalen mit Badeanzügen und Bikinis herumtrieb.



    Schließlich blieb nur noch eine eher trendlastige Geschichte übrig, in der ich genauso wenig etwas verloren hatte. Dort trieb sich eher die Sorte Mensch rum, die sich in ihrer Rolle als Außenseiter gefiel, sich aber als Trendsetter gab. Teure Ware, deren Preis angeblich auf Umweltbewusstsein beruhte, gab es in diesem Laden ebenso zu kaufen, wie irgendwelche Kaffee- und Teesorten, von denen ich beim besten Willen noch nie gehört hatte.



    Normalerweise hätte ich hier nie etwas getrunken, geschweige denn gekauft, aber mein Hals war durch die ganze Lauferei wie ausgetrocknet. Ich orderte einen grünen Tee und ging auf die Suche nach einem Platz, um auf ihn zu warten. Wie gesagt war Sonntag und daher Hochbetrieb. Einzig an einem Tisch in der Ecke gab es noch einen Sitzplatz, aber dem gegenüber saß bereits jemand. Es war natürlich kein Ding zu fragen, ob man sich kurz setzen durfte, aber in diesem besonderen Fall hatte ich ein wenig Schiss. Das Mädchen(?) hatte sich ihren tiefschwarzen Kurzhaarschnitt zum Teil lila gefärbt, und bei ihren Augen nicht eben mit dem Mascara gegeizt. Natürlich war sie harmlos, aber das Unbekannte machte einem eben Angst. War sie für derlei überhaupt schon alt genug?



    Zögerlich schritt ich voran, in der Hoffnung, dass sich mir vielleicht noch eine Alternative eröffnen würde. Fehlanzeige. Das Mädchen(?) fixierte mit ihrem Blick förmlich den Bildschirm in ihren Händen, sodass es mir noch schwerer fiel ein Gespräch zu eröffnen. Soweit ich es ersehen konnte hatte sie sich einen pechschwarzen Kaffee gegönnt, der allein vom Geruch her so bitter schien wie ihre Seele düster.



    „Entschuldigung, darf ich mich vielleicht…“



    Ohne von ihrem Smartphone aufzusehen bedeutete sie mir mich zu setzen. Ich rang mir noch ein halblautes „Danke“ ab, dass jedoch nicht ihr Interesse erregte. Auch gut. Quälende fünf Minuten vergingen bis mir die Kellnerin meinen grünen Tee lieferte. Der stellte sich als Kräutermischung heraus, aber das spielte auch schon keine Rolle mehr. Bis er genügend abgekühlt war wollte ich mir die Zeit ebenso mit meinem Handy vertreiben. Womit auch sonst. Da traf es sich günstig, dass mich Marie in diesem Moment anzurufen gedachte.



    „Habt ihr Dai gefunden?“



    Meine Frage ließ bereits durchblicken, dass ich keinen Erfolg gehabt hatte. Also hoffte ich bei meinen Freunden auf mehr Erfolg.



    „Nein, es bleibt uns wohl nur noch die Polizei einzuschalten. Aber die wird so kurz nach ihrem Verschwinden wohl noch keine Fahndung rausgeben.“



    „Verstehe. Wie geht es Akihiro?“



    „Nicht so besonders. Er macht sich schreckliche…“



    „Bist du etwa Minato? Minato Yonezawa?



    Mit einem Mal begann das farbenfrohe Mädchen Interesse an meiner Person zu zeigen. Ich begann ihr Gesicht hinter dem Mascara genauer zu betrachten und fragte zögerlich: „Bist du Dai? Dai Shimoku? Akihiros Cousine?“



    Sichtlich beleidigt zischte sie nur zwischen ihren Lippen hervor und machte sich daran sich von mir wegzudrehen.



    „Du hast dich wirklich sehr… verändert. Nur zu deinem Vorteil natürlich. Du warst immer so ein unscheinbares Mäuschen und jetzt… Brauchst du deine Brille gar nicht mehr? Aber Kontaktlinsen hast du im Moment auch nicht drin, oder? Kein Wunder, dass du mich nicht gleich erkannt hast. Apropos sehen: gesehen haben wir uns ja schon ewig nicht mehr. Schön, dass du jetzt bei Akihiro wohnen wirst…“



    Man merkte, warum ich mich sonst eher davor drückte den Mund aufzumachen. Ich gab hier einen Stuss von mir wie selten. Aber Dai anschweigen konnte ich auch nicht. Immerhin waren wir ja alte Freunde. Halt, hatte ich nicht noch Marie am Apparat?



    „Marie, Entwarnung. Ich habe sie gefunden. Wir sehen uns gleich am vereinbarten Treffpunkt. Bis gleich.“



    Eher unwillig begleitete mich Dai, aber als ich ihr erklärte, wie sehr sich ihr Cousin um sie sorgte, ließ sie es geschehen. Akihiro fiel Dai sogleich um ihren Hals um nur wenige Augenblicke später vom Glauben abzufallen, wie sehr sich das Nesthäkchen verändert hatte. Marie besaß einmal mehr die höchste Toleranzgrenze in unserer Gruppe und stellte sich ihr ungerührt vor. Wie wohl Akihiros Eltern auf die Typveränderung ihrer Nichte reagieren würden?



    Schließlich folgten wir unserem ursprünglichen Plan und gingen zu mir nach Hause. Richtig Lust auf eine Feier hatte niemand mehr von uns, aber am Wenigsten Dai selbst.



    „Möchtest du vielleicht ein Stück Kuchen? Wie du siehst haben dein Cousin und wir für reichlich Auswahl gesorgt.“



    „Danke, aber das Zeug fass ich nicht an. Wenn ihr euch die Arterien verstopfen wollt tut euch keinen Zwang an.“



    Puh, was war in den letzten Jahren schiefgelaufen, dass aus dem lieben, unschuldigen Mädchen so ein Besen geworden war? Aber Marie ließ sich dadurch nicht beirren.



    „Ab und zu geht so ein kleiner Zuckerschock schon. Man muss sich im Leben auch einmal etwas gönnen können.“



    „Tja, wenn sich einem das Fett nur an den richtigen Stellen festsetzt…“



    Eigentlich hätte Marie ihr für diese Unverschämtheit eine kleben müssen. Meine Unterstützung dafür hatte sie, aber Gewalt war außerhalb von Videospielen eben keine Lösung.



    „Marie und Minato leben hier übrigens zusammen…“



    Was tat das jetzt zur Sache? Aber Akihiro schien bar an Ideen, worüber er mit Dai noch hätte sprechen können.



    „Er tut unserer Familie damit einen sehr großen Gefallen. Eigentlich ist Marie ja ein Gast von uns.“



    Eigentlich hatte ich an dieser Stelle bestenfalls mit Desinteresse gerechnet, aber Dai fand auch hieran etwas auszusetzen.



    „Es kann nicht angehen, dass unsere Familie den Ruf eines ihrer Gäste derart in Gefahr bringt. Das ist absolut inakzeptabel. Wenn unser Ansehen und jenes von Fräulein Marie nicht unter den aktuellen Umständen leiden soll gibt es offensichtlich nur eine akzeptable Wahl: ich werde ebenfalls hier Quartier beziehen.“



    Wie bitte?! War das ihr Ernst?!

  • Kapitel 5 - "Ein süßes Mädchen"


    „Dai, das Frühstück ist fertig. Kommst du bitte?!“



    Ja, Dai war bei Marie und mir eingezogen und ich mittlerweile der Vorstand einer Kleinfamilie, wenn man so wollte. Wäre dies ein Manga mit einem Haremsplot gewesen hätte alles ganz witzig sein können, aber die Realität sah leider anders aus.



    Ich hatte Dais Wunsch entsprochen und sie bei mir aufgenommen, anstelle dessen, dass sie ansonsten bei Akihiros strengen Eltern hätte leben müssen. Alleine ihre Begründung war allerdings lächerlich. Als würden Marie und ich unzüchtig zusammenleben. Allerdings war Dai nicht sonderlich dankbar dafür. Im Gegenteil, sie wirkte eher grundsätzlich angepisst, ohne dass sie uns je den Grund dafür genannt hätte.



    Ihr Look, ihr Charakter – einfach alles an ihr war so anders als noch vor drei Jahren, als ich sie das letzte Mal gesehen hatte. Sie war ein liebes, süßes und verspieltes Mädchen gewesen, dass sich gern mit putzigen und flauschigen Sachen umgeben hatte. Und jetzt war schwarz ihre Lieblingsfarbe. Schwarze Kleidung, schwarze Fingernägel, schwarzer Schmuck, einfach eine schwarze Seele insgesamt. Sicher machten Teenager in der Pubertät auch gerne mal eine dunkle Phase durch, aber bei ihr machte die Metamorphose irgendwie so gar keinen Sinn. Schwer vorstellbar, dass dahinter (nur) die Scheidung ihrer Eltern stecken sollte. Außerdem war sie fünfzehn, da sollte man schon ein gewisses Verständnis für die Gefühle seiner Erzeuger aufbringen können. Schließlich hieß eine Trennung ja nicht, dass sie für beide nicht mehr wichtig war. Nur die Gefühle ihrer Eltern zueinander hatten sich verändert. Andererseits, wenn meine Eltern getrennte Wege gingen… Nein, das war nun wirklich schwer vorstellbar. Zumal sie kaum lange genug auf einem Fleck verharrten, um den rechtlichen Vorgang durchzuziehen.



    Da. Die Tür zu Dais Zimmer öffnete sich und ein schlaftrunkenes Wesen trat ans Tageslicht, in dessen Inneren irgendwo Akihiros Cousine noch im Tiefschlaf lag.



    „Kaffee…“



    „Guten Morgen, Dai. Hast du gut geschlafen?“



    Marie saß schon bei Tisch und hatte nach wie vor nicht aufgegeben, sich mit Dai anfreunden zu wollen. Leider ohne Erfolg.



    „Kaffee…“



    „Willst du nicht lieber etwas Tee? Das wäre viel gesünder. Sieh nur, welche Mühe sich Minato mit dem Frühstück gegeben hat.“



    Doch Dai gab weder etwas auf Maries Zuwendung im Allgemeinen, noch auf Marie selbst im Besonderen. Größtenteils auf Automatik gestellt holte sie sich einen Becher aus dem Küchenkästchen und stellte ihn unter die Kaffeemaschine. Diese war übrigens eine Danksagung ihrer Eltern dafür, dass wir uns um sie kümmerten. Allerdings war Dai die Hauptnutzerin davon. Ich machte mir nicht viel aus der Bohnensuppe und auch Marie pflegte eher einen asiatischen Konsum von Lebensmitteln.



    Die Maschine dröhnte laut auf und ein Strahl dunkler Flüssigkeit ergoss sich in Dais Becher. Sicher, der Kaffee hatte wohl eine grundsätzlich hohe Qualität, dennoch verstand ich nicht, warum er den Hauptbestandteil von Dais Frühstück darstellten musste. Vielleicht gelang es Marie und mir ja positiv auf sie einwirken zu können, wenn sie länger unserem Einfluss ausgesetzt war. Andererseits… war das wirklich meine Aufgabe? Immerhin war ich selbst nur zwei Jahre älter als sie, also im besten Fall ein großer Bruder. Die Rolle des Erziehungsberechtigten kam da eindeutig zu früh für mich, falls ich ihr jemals gewachsen war.



    „Dai, Akihiro kommt nachher noch vorbei. Falls du dich davor noch umziehen möchtest…“



    Andererseits begann ich langsam tatsächlich wie eines dieser nervigen Elternteile zu klingen, denen ihre Kinder nichts recht machen konnten. Ja, ich fand Dais Kleidungsstil unangemessen. Erst recht, da sie in ihrer Schlafkleidung zu Tisch gekommen war. Immerhin hatte ich bereits gekocht UND mich ausgehfertig gemacht. Da war ein wenig Selbstpflege wohl nicht zu viel verlangt. Außerdem bestand es größtenteils aus einem T-Shirt in Übergröße, auf dem ein Totenkopf abgebildet war. Die Schlangen, aus deren Mündern wohl Blut(?) tropfte, machten da das Kraut auch schon nicht mehr fett. Offensichtlich genierte sie sich nicht einmal dafür, dass sie außerordentlich viel Bein damit zeigte. Die Jugend…



    Wie dem auch sei, ich, Marie und Dai nahmen unser Frühstück wenigstens gemeinsam ein. Das war ja auch schon etwas, wenn auch nicht sonderlich viel. Zumindest zog sie sich an der Maschine wenigstens einen zweiten Becher, wenn sie schon ansonsten keine Nahrung zu sich nahm. Aber wenn ihre Gesundheit über kurz oder lang Schaden nahm würde mich auch mein Status als Toudai‑Anwärter nicht vor der Rache von Akihiros Eltern schützen können.



    „Hör mal, zumindest den Reis könntest du versuchen oder wenigstens die Miso-Suppe. Ich habe mir ehrlich Mühe dabei gegeben.“



    Meine Worte zeigten Wirkung. Dai trank ihren zweiten Becher Kaffee in einem Zug aus, stellte ihn in die Spüle und ging wieder auf ihr Zimmer. Kurz darauf tönten bereits Klänge schweren Metalls durch unser Haus. Zumindest dahingehend hatte sich unser Tagesablauf verfestigt.



    „Morgen. Seid ihr schon mit dem Frühstück fertig? Ich wollte…“



    Akihiro war gekommen, hatte aber sofort festgestellt, dass sich der Status quo um keinen Zentimeter verändert hatte. Deprimiert setzte er sich an unseren Tisch und ich schenkte ihm etwas heißen Tee ein.



    „Gar keine Veränderung?“



    Ich schüttelte nur leicht den Kopf.



    „Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass unser Zusammenleben hier besonders viel Sinn macht. Zumindest nicht, wenn du erwartest, dass Dai sich ändern würde.“



    Warum sollte ich Akihiro unnötige Hoffnungen machen?



    „A… aber zumindest verlässt sie ihr Zimmer. Das ist doch ein Anfang.“



    Ich beschloss dazu nichts zu sagen. Akihiro wusste selbst, dass es Blödsinn war, den er da redete.



    „Meinst du nicht, dass es besser wäre, wenn sie doch zu euch ziehen würde? Bei deinen Eltern würde sie wahrscheinlich einsehen müssen, dass sie sich an Regeln zu halten hätte.“



    Marie sprach einen nicht unwesentlichen Punkt an.



    „Ehrlich gesagt habe ich Angst, dass sie dann völlig abdriftet. Immerhin ist sie von ihren Eltern gewöhnt, dass sie ihr ihren eigenen Kopf lassen.“



    „Mich wundert eh, dass sie die ganze Zeit so ruhig bleiben. Immerhin geht sie offiziell noch zur Schule, hat aber keinen Tag dort verbracht, seitdem sie bei uns wohnt.“



    Ehrlich gesagt lebte das Mädchen meinen Traum, aber das konnte ich in dieser Situation schlecht zugeben.



    „Was das angeht…“



    „Sag nicht, du hättest es bis jetzt vor ihnen vertuscht.“



    „Du weißt doch, der Name meiner Familie bewegt so einiges. Da sehen auch die Behörden nicht so genau hin, wenn es Probleme gibt. Ein Anruf im Namen meines Vaters und der Drops war gelutscht.“



    Akihiro wohnte also eine gewisse kriminelle Ader inne. Vielleicht war es ganz nützlich, das zu wissen. Aber das verbesserte unsere Situation nicht im Geringsten. Eher im Gegenteil.



    „Glaubt ihr, wir tun ihr wirklich einen Gefallen, in dem wir ihr alles durchgehen lassen?! Vielleicht sollten wir es genau andersherum machen. Wer weiß, was sonst aus ihr wird?!“



    Marie hatte sicherlich nicht unrecht und ich hätte lieber heute als morgen mit der alten Dai zusammengelebt, aber war es wirklich so einfach? Wenn es sich wirklich nur um eine rebellische Phase handelte wäre eine strenge Hand sicher das beste Mittel gewesen. Aber wenn etwas anderes dahintersteckte? Wurde sie an ihrer alten Schule etwa gemobbt, so wie es Marie auch vor kurzem ergangen war, ergab zumindest ihre Verweigerung des Schulbesuchs Sinn. Blieb aber noch die Frage ihres Hangs zur Dunkelheit… Es half alles nichts. Solange Dai nicht mit uns sprechen wollte war alles andere nur wildes Spekulieren.



    „Meinst du, ich sollte mal allein mit ihr reden? Von Frau zu Frau quasi. Vielleicht würde sie sich dann ein wenig öffnen.“



    „Daran habe ich ehrlich gesagt auch schon gedacht, aber ich denke eher, es wäre sinnvoller, wenn Minato sich mit ihr unterhalten würde.“



    „Wie kommst du gerade auf mich?“



    Die Frage musste ich mir ehrlich stellen.



    „Ach, komm. Du konntest doch immer so gut mit ihr. Immerhin hast du ihr damals in der Spielhalle sogar deine besten Kniffe verraten.“



    „Was aber unnötig war. Sie hätte dich auch so in die Tasche gesteckt.“



    „Na, siehst du. Irgendwie gab es schon immer eine Verbindung zwischen euch und es passte kein Blatt Papier dazwischen. Warum willst du es nicht wenigstens versuchen?“



    „Von mir aus. Ich sag ihr heute Abend einfach, dass Marie sich mit ein paar Freundinnen treffen würde und lade sie zum Zocken ein.“



    „Du bist ein echter Freund, Minato. Das bringt dir für dein nächstes Leben bestimmt ein paar Bonuspunkte.“



    „Auch eine Möglichkeit, sich um eine Revanche zu drücken…“



    Ist doch wahr. Ich war zwar nicht auf Geld oder andere Reichtümer aus, aber zumindest eine Einladung zum Sushi für uns alle vier sollte doch drin sein…





    Es war später Nachmittag und ich mit Dai allein zuhause. Marie ließ den Tag bei Akihiros Eltern ausklingen und erstattete Bericht darüber, wie gut es ihr bei mir gefiel. Dai dagegen hatte ich seit heute Morgen nicht mehr zu Gesicht bekommen, was aber mitunter daran lag, dass heute Freitag und damit ein Schultag gewesen war. Ich konnte es nicht mit letzter Sicherheit beweisen, vermutete aber, dass Dai sich an meinen Becherramen gütlich hielt, wenn ich nicht da war. Inventur führte ich keine, sodass es beim bloßen Verdacht blieb.



    Um Dai dennoch aus ihrem Zimmer locken zu können hatte ich sämtliche meiner Kochkünste aufgeboten und ihre Leibgerichte zubereitet, an die ich mich hoffentlich noch richtig erinnert hatte. Alles war von mir selbst mit Liebe zubereitet – kein Fertigprodukt war mir heute in die Töpfe und Pfannen gekommen. Hoffentlich war es die Mühe wert gewesen.



    Ich ging zur Tür ihres Zimmers und klopfte mit Nachdruck daran, während weiterhin Heavy Metal durch die Flure dröhnte.



    „Dai, es gibt Abendessen.“



    Keine Reaktion.



    „Abendessen ist fertig.“



    Immer noch nichts. Es mochte sich nicht gehören, aber ich öffnete nun einfach die Tür. Egal, welcher Anblick mich dahinter erwarten mochte.



    Es war schlichtweg unglaublich. Trotz der laut wummernden Bässe lag Dai auf ihrer Matratze und schlummerte selig vor sich hin. So wie sie da lag hätte es allerdings auch gut ein Tatort sein können, an dem ich sie vorfand. Ihr T-Shirt, das gleiche, das sie bereits zum Frühstück getragen hatte, war bis an die Unterseite ihrer Brust hochgerutscht, wodurch ihr Bauch vollkommen frei lag. Ihr rechter Arm hing nur so leblos herunter, während ihre linke Handfläche zwischen Hintern und Matratze eingeklemmt war. Ihr Mund war ein wenig geöffnet, wodurch Speichel aus ihrem Mund auf das Kissen lief. Hätte sie nicht gelegentlich geschnarcht wäre wirklich von einem Verbrechen auszugehen gewesen. Ich ging zu ihrer Musikanlage und zog entschlossen den Stecker aus der Dose, um wenigstens dem Lärm ein Ende zu setzen. Das zeigte Wirkung. Die plötzliche Totenstille riss die Dämonenprinzessin aus ihrem Schlaf. Nachdem sie mich verwundert angeguckt hatte bekam ich eine Strafpredigt zu hören.



    „Spinnst du eigentlich? Was machst du überhaupt hier drin? Von Anklopfen hast du wohl noch nie was gehört? Raus hier. Sofort!“



    Ich verzichtete darauf hinzuweisen, dass das hier eigentlich mein Haus war und sie daher lediglich mein (geduldeter) Gast, stellte aber ansonsten einige Dinge richtig.



    „Ich habe geklopft, das ging aber offenbar im Rhythmus der Musik unter. Außerdem würde es nicht schaden, hier mal ein Fenster zu öffnen, damit du siehst, dass draußen immer noch Tageslicht herrscht. Und, was für dich wohl am Wichtigsten sein dürfte: das Abendessen ist serviert. Also ab auf die Hinterläufe, damit es nicht kalt wird.“



    Dai wischte sich mit ihrem Ärmel den Speichel aus den Mundwinkeln und kratzte sich erst einmal ausgiebig am Oberkörper, nachdem sie aufgestanden war. Sie hatte etwas von einer Ehefrau, die sich vollkommen aufgegeben hatte, nachdem sie unter die Haube gekommen war. Aber zumindest schien sie meine Kochkünste zu schätzen zu wissen und machte sich auf den Weg in die Küche. Vor mir lag wohl noch ein sehr langer Abend…





    „Jetzt schling nicht so. Immerhin ist Marie heute nicht da, also bleibt mehr als genug für uns beide übrig.“



    Sah ich da tatsächlich den (leichten) Ansatz eines Lächelns in ihren Mundwinkeln aufblitzen? Ich beschloss dranzubleiben.



    „Ehrlich gesagt finde ich es auch ganz schön, einmal nicht von ihrem ständigen Optimismus zwangsbeglückt zu werden. Man muss wirklich nicht alles und jeden toll finden, was man vor die Nase gesetzt bekommt. Es gibt genug Dinge im Leben, die einfach nur besch***en sind.“



    Zwar folgte kein neuerliches Zucken ihrer Mundwinkel, aber zumindest schien ich ihre Aufmerksamkeit gewonnen zu haben. Sorry, Marie. Vielleicht war die Zeit gekommen, Dai ein wenig aus der Reserve zu locken, indem ich nun anfing, meinen Mund mit Essen zu füllen. Vielleicht erreichte ich damit etwas. Ich kaute auf meinen Garnelen herum und schwieg mich ansonsten aus.



    Dies schien Dai jedoch nicht sonderlich etwas auszumachen. Zumindest aber aß sie etwas Vernünftiges und trank nicht nur Kaffee. Sie beschloss sogar noch nachzufassen, anstatt wie immer nur eine Portion zu vertilgen und sich dann wieder einzuigeln. Offenbar fühlte sie sich tatsächlich heimischer, wenn nur wir beide anwesend waren. Hatte sie aber tatsächlich etwas gegen Marie oder vertraute sie mir nur besonders, aufgrund unserer gemeinsamen Vergangenheit?



    Jedenfalls ließ ich sie für den Moment gewähren. Mein eigentlicher Plan sah ja mehr vor als nur gemeinsam Speck anzusetzen. Da hieß es nichts zu überstürzen.



    Nachdem wir gemeinsam alles(!) aufgegessen hatten machte sich Dai daran sich wieder in ihr Zimmer zurückzuziehen. Das galt es zu verhindern. War sie erstmal wieder mit ihrem Bett zu einer Einheit geworden war es schwer, um nicht zu sagen beinahe unmöglich, sie heute Abend nochmals herauszulocken. Also hieß es schnell ein Störsignal zu setzen.



    „Bist du am Controller eigentlich noch so gut wie früher? Ich komme bei meinem neuen Spiel nicht weiter und mit deinem Cousin ist nichts anzufangen.“



    Dai schien allerdings nicht sonderlich interessiert daran zu sein, also legte ich nach.



    „Außerdem ist er viel zu zart besaitet für ein Splatter-Game. Er hatte schon Schiss, als er nur das Cover von ‚Schlachterzombies im Blutrausch‘ gesehen hat.“



    Dai zuckte mit den Schultern und ging in ihr Zimmer. Innerlich bereit wieder von dröhnenden Bässen und hämmernden Soli hinterlegt zu werden machte ich mich daran das Geschirr abzuräumen und die Maschine damit zu befüllen. Jedoch blieb es still. Wenigstens etwas…



    „Ich dachte, du wolltest zocken…“



    Kaum zu glauben, aber Dai hatte sich lediglich in passendere, da wärmere, Klamotten geschmissen. Ich atmete erleichtert auf. Immerhin waren wir nicht verwandt. Also war halbnacktes Gammeln an meiner Seite von daher ein, nennen wir es eigenwilliges, Verhalten. Auf in die Apokalypse…





    Zugegeben, das Spiel war eigentlich erst ab achtzehn Jahren freigegeben, aber wer hätte sich nicht schon einmal über ein derartiges „Verbot“ hinweggesetzt. Die Spiele von heute waren mit denen aus meiner Kindheit nicht mehr zu vergleichen. Was damals als „nicht jugendfrei“ eingestuft wurde erntete heute oftmals nur mehr ein müdes Lächeln. Die Grafik war sehr realitätsnah, sofern man die Zombies mit echten hätte vergleichen können. Dai ging völlig darin auf, sich mit Kettensägen, Baseballschlägern und anderen Gräuelgegenständen gegen die lebendigen Toten zu behaupten. Sicher, auch ich wusste eine gute Schlacht zu schätzen, aber Dai hatte einen überraschend guten Magen was das anging. Wer dachte, sie wäre lediglich eine Poserin, lag schwer daneben. Der ganze dunkle Lifestyle war offensichtlich wirklich ihrem Lebensgefühl nachempfunden. Die arme Seele…



    Da. Ich hatte nicht aufgepasst und ein Untoter wollte mich zu einem ebensolchen machen. Meine Munition war aufgebraucht und ich konnte unmöglich schnell genug mit meinem Schlagring genug Wucht aufbauen um ihm den Kopf vom Hals zu donnern. Mist. Ich hatte es vermasselt.



    Aber was… Wo war die obere Hälfte des Zombies geblieben?! Dai hatte auf mich aufgepasst und einen Distanzschuss aus der Ferne abgegeben, ohne mich damit zu verletzen. Ich war ehrlich beeindruckt. Derlei Qualitäten legte sonst nur Katsu an den Tag.



    „Dai, ehrlich. Das war unglaublich. Bist du sicher, dass Akihiro wirklich mit dir verwandt ist?“



    Doch Dai reagierte nicht auf meine Spitze und säuberte im Alleingang die Straßen von den Virusopfern. Dem wollte ich in nichts nachstehen. Unter ihrer Führung zu dienen würde mir eine Ehre sein.



    Wir spielten knapp zwei Stunden am Stück und ich sicherte unseren Fortschritt. Es war toll eine mehr als gleichwertige Partnerin an seiner Seite zu wissen. Sorry, Akihiro. Dennoch war es nun Zeit für eine Portion Kohlehydrate.



    „Becherramen?“



    Dai nickte wortlos und ich ging in die Küche, um das notwendige Wasser heißzumachen. Wenn wir dranblieben konnten wir das Spiel vielleicht sogar bis morgen früh beendet haben. Mein Körper war voller Adrenalin und Dai ohnehin gut ausgeruht – es sprach also nichts dagegen, die Nacht zum Tag zu machen. Ich goss das Wasser über die Nudeln und brachte die Nervennahrung aufs Schlachtfeld. Das Timing war perfekt, denn Dai kam zeitgleich aus dem Badezimmer wieder und hockte sich neben mich.



    Wort- aber nicht geräuschlos schlürften wir die heißen Nudeln schnell in uns hinein. Eigentlich sollte es verboten sein, beim Kämpfen in einer apokalyptischen Welt dermaßen viel Freude zu empfinden wie wir beide. Dai sagte zwar nicht viel, allerdings hätte sie sich ansonsten wohl einfach wieder in ihr Zimmer zurückgezogen. Ehrlich gesagt war es mir mittlerweile fast egal, dass Dai so einen Wandel vollzogen hatte. Hier verstanden wir uns auch ohne große Worte zu verlieren. Zwei Menschen, die sich gemeinsam gegen das Ende der Welt stellten – so sollte es immer sein. Sollte tatsächlich einmal eine Viruskatastrophe ausbrechen würden Dai und ich gemeinsam den Tag retten und die Erde wiederbevölkern… Moment, das ging jetzt ein wenig zu weit, aber mein Standpunkt war klar.



    Fünf Uhr dreißig morgens hatten wir den letzten Untoten beerdigt und ich fühlte mich beinah selbst wie einer. Man wurde eben nicht jünger. Dai dagegen zog sich einen Kaffee an ihrer Maschine und nahm am Tisch Platz, während ich die Vorbereitungen für unser Frühstück traf. Marie war über Nacht bei den Katos geblieben und würde mit Akihiros Familie auch frühstücken. Ehrlich gesagt hatte ich gar nicht bemerkt, dass sie die ganze Nacht weggewesen war. Erst als ich auf mein Smartphone sah und fünf(!) verpasste Anrufe sowie zwei Textnachrichten bemerkte wurde ich mir dessen bewusst. Die Mailbox abzuhören war müßig, also las ich dementsprechend nur die Texte. Die erste lautete bloß: „Konntest du was erreichen?“, die zweite „Scheint ja gut zu laufen, wenn du mich ignorierst. Die Katos haben mir angeboten in ihrem Gästezimmer zu übernachten und morgen mit Ihnen zu frühstücken. Ihr habt das Haus also ganz für euch allein. Sieh zu, dass du ihre Schale knackst!!! Aber mit Gefühl.“



    Marie war wirklich ein über die Maßen positiv gestimmtes Mädchen. Dass ich Dais Schale geknackt hatte konnte man jetzt vielleicht nicht direkt behaupten, aber ich hatte ihr zumindest einige Risse zugefügt, wenn man das so nennen wollte. Am liebsten hätte ich mich jetzt einfach aufs Ohr gehauen, aber Dais (leibliches) Wohlergehen lag mir am Herzen. So tischte ich eingelegtes Gemüse, frisch gekochten Reis, sowie einige Onsen-Eier auf. Dai sagte zwar nicht groß etwas, falls überhaupt, aber zumindest schien sie Geschmack an ordentlichem Essen gefunden zu haben, was mir als Koch Lob genug war.



    Nachdem sie ihr Mahl eingenommen hatte machte ich mich darauf gefasst wortlos allein gelassen zu werden. Ich trug unser Geschirr zur Spüle und wollte das Wasser aufdrehen, da vernahm ich die Worte: „Danke für das Essen…“ Ich wollte sogleich etwas darauf antworten, aber da war Dai auch schon wieder verschwunden. Man durfte nicht zu viel auf einmal erwarten, aber offensichtlich hatten die Erinnerungen an früher etwas in ihr bewegt. Man sollte vielleicht erwägen, Videospiele zu therapeutischen Zwecken einzusetzen, aber dafür war Japan wahrscheinlich noch nicht bereit…





    So etwa gegen halb eins sollte mein Wecker klingen. Leider hatte ich Marie nichts davon gesagt und meine „Nachtruhe“ endete damit bereits gegen etwa elf Uhr. „Bin wieder da.“ So freundlich hatte Ruhestörung wohl nur selten geklungen. Schlaftrunken kam ich in die Küche getorkelt um Marie zu begrüßen.



    „Hallo…“



    „Sag mal, sind das nicht die Klamotten, die du gestern schon anhattest?“



    Stimmt. Während Marie allerdings annahm, ich hätte diese ein zweites Mal angezogen, sah die Wahrheit dahingehend aus, dass ich sie nie ausgezogen hatte. Ich war einfach zu müde gewesen. Nicht sonderlich hygienisch, aber ich musste mich ohnehin erst noch reinigen. So schnell fing der Mensch auch wieder nicht an zu müffeln…



    „Wie sieht es aus? Bist du vorangekommen?“



    „Ja, Japan ist jetzt wieder bewohnbar…“



    „Was?!“



    „Vergiss es. Auf jeden Fall scheint sie wieder ein wenig Vertrauen zu mir gefasst zu haben. Ob sie dich jetzt besser leiden mag steht allerdings auf einem anderen Blatt.“



    „Ich habe mir gedacht, dass wir heute Nachmittag vielleicht etwas zusammen unternehmen könnten. Immerhin war sie damals ja auch auf eigene Faust um die Häuser gezogen.“



    „Grundsätzlich wohl nicht verkehrt, aber bist du dir sicher, dass ihr beide da auf einen Nenner kommt? Elfen und Vampire haben nicht viele Gemeinsamkeiten.“



    „Aber gerade unsere Gegensätzlichkeit könnte funktionieren. Diese ziehen sich bekanntlich an.“



    Meiner Lebenserfahrung nach war es wahrscheinlicher, dass gleich und gleich sich gern gesellten. Ich hatte wenig Hoffnung, wollte aber Marie nicht ihres sonnigen Gemüts berauben.



    „Ich mache uns erstmal Mittagessen, vielleicht wird es dann ja was.“



    Da es schnell gehen musste machte ich uns nur eine Kleinigkeit zurecht. Die Kunst war auch, eher einfache Gerichte teuer verkaufen zu können. Meist war das nur eine Frage der Präsentation. Ich holte das bessere Geschirr hervor, dass meine Eltern zuletzt zu ihrer Hochzeit verwendet hatten und richtete die Speisen darauf an. Dai hatte ohnehin keinen Standesdünkel, was ihre Mahlzeiten anging, also würde es schon glattgehen.



    Ich ging zu ihrer Tür und klopfte.



    „Komme…“



    Wortkarg, aber immerhin. Außerdem trug sie mehr als nur ein T-Shirt und Socken, also konnte ich zufrieden sein. „Hallo Dai.“ Marie dagegen warf sie mehr oder weniger nur einen bedeutungslosen Blick als Reaktion auf ihren Gruß zu und setzte sich zu Tisch. Schweigend nahmen wir dann unsere Tonkatsu mit Reis zu uns. Es schickte sich ohnehin nicht mit vollem Mund zu sprechen. Im Prinzip handelte es sich dabei um unsere Interpretation eines europäischen Gerichts, genauer gesagt „Wiener Schnitzel“. Sicher mochte es Abweichungen in den Rezepturen geben, aber wenn es Maries Ansprüchen genügte, die immerhin beide Varianten im Original gegessen hatte, war ich schon zufrieden.



    Auch Dai schien das, zugegebenermaßen, etwas deftigere Gericht gut zu schmecken. Wahrscheinlich hätte sie gerne noch eine Portion bestellt, ließ es aber nach einem Blick auf Maries Taille bleiben. Dummheit durfte man nicht unterstützen. Auf Eigeninitiative nahm ich ihr Geschirr und tat ihr noch eine Portion auf. Wieder einmal sagte sie nichts dazu, aber ich nahm die Tatsache, dass sie auch diese vollständig verzehrte, als Dankeschön. Bitte. Gern geschehen.



    Dass Marie ohnehin eine zweite Portion nahm muss hier wohl nicht gesondert erwähnt werden. Mir war eine mehr als genug. Der Schlafmangel schlug mir etwas auf den Magen.



    Nach dem Essen beschloss Marie in die Offensive zu gehen, damit Dai gar nicht erst Gelegenheit dazu bekam, sich ihr zu entziehen.



    „Dai, wollen wir uns nicht besser kennenlernen? Immerhin leben wir ja schon wie eine Familie zusammen.“



    Natürlich war Akihiros Cousine nicht auf den Kopf gefallen und ahnte sofort, woher der Wind kam. Doch Marie war gnadenlos und ließ sie gar nicht erst zu Wort kommen.



    „Wollen wir vielleicht Klamotten shoppen gehen? Ich habe einen tollen Laden in der Stadt entdeckt. Dort findest du bestimmt auch etwas.“



    „Ich bin mit meiner Kleidung absolut zufrieden.“



    „Wollen wir dann vielleicht in den Park zum Joggen? Das Wetter ist heute absolut himmlisch.“



    „Wozu sinnlos Energie verbrennen?“



    „Wie wäre es mit Kino? Gerade ist ein toller neuer Actionfilm angelaufen.“



    „Beim Streamen hat man viel mehr Möglichkeiten.“



    „Wollen wir uns vielleicht einen Nachtisch gönnen? Ich habe eine Konditorei gefunden, die wahnsinnig tolle Parfaits herstellt.“



    „Hast du jetzt echt noch Hunger?“



    Das war wohl nichts. Jeden noch so gut gemeinten Vorschlag hatte Dai kurz und schmerzhaft abprallen lassen. Wie gesagt, Gemeinsamkeiten brachten Leute eher zusammen als Kontraste. Nachdem sich Dai als Siegerin wähnen konnte beschloss sie wieder ihrer Wege zu ziehen. Also musste ich ran, wenn das noch etwas werden sollte.



    „Schade, dass ihr schon Pläne habt. Ich wollte nachher noch los um ein paar Special Editions zu besorgen. Angeblich ist das Sequel zu „Schlachterzombies“ nur heute in einer limitierten Edition mit einem Bonuscode für einen geheimen Charakter erhältlich, den man ansonsten nicht freischalten kann. Den kann ich mir keinesfalls entgehen lassen.“



    Beim Begriff „Schlachterzombies“ verzog Marie eher angewidert ihr Gesicht. Dai versuchte sich dagegen nichts anmerken zu lassen, sagte dann aber doch: „Ich komme mit…“ Sie war eben kein Mädchen von der Stange, sondern Individualistin. Marie war sich unschlüssig, hatte dann aber doch keine andere Wahl, wenn sie nicht von uns abgehängt werden wollte…





    Der Spieleladen war sehr gut sortiert und bot für jede Alters- und Zielgruppe etwas. Hätte Marie etwas für sich gesucht, wäre sie definitiv auch fündig geworden. So war es eben nur für mich (und Dai?) das Paradies.



    Was ich vorhin erwähnt hatte entsprach der Wahrheit. Die Schlachterzombie-Reihe hatte heute einen neuen Teil herausgebracht. In Anbetracht meiner Lebensumstände ein mehr als nur glücklicher Zufall. Was Dai nicht bedacht hatte war ihr Alter. Sie war erst fünfzehn, und so sah sie auch noch aus. Vielleicht sogar wie sechzehn, aber keinesfalls ging sie als Achtzehnjährige durch. Marie und ich waren ebenfalls noch minderjährig, waren aber weniger leicht einzustufen. Unsere Erfolgsrate war dementsprechend deutlich höher. Das brachte Dai in einen Gewissenskonflikt. Sie mochte Marie nicht, brauchte nun aber ihre Hilfe, um sich eine Kopie zu besorgen. Es wäre einfach zu auffällig gewesen hätte ich gleich zwei gekauft.



    Ich wusste nicht, was Dai eigentlich an Marie widerstrebte. Zugegebenermaßen waren ihre Charaktere wie Tag und Nacht, aber das war an sich noch kein Grund für eine (einseitige) Rivalität. Ich hätte es leicht übernehmen können Marie um den Gefallen zu bitten, aber das wäre strategisch dumm gewesen. Dai war ein taffes Mädchen geworden, umso schwerer war es jetzt für sie um einen Gefallen zu bitten. Aber es half nichts. Um es ihr leichter zu machen tat ich so, als würde ich mich mit einigen weiteren Spielen auseinandersetzen und stand in einigen Abstand zu meinem Weibervolk. Eine andere Brücke konnte ich ihr nicht schlagen. Es lag allein an Dai und daran, wie sie ihre Prioritäten setzen wollte.



    „Würdest du…“



    „Onee-sama? Bist du das? Klar bist du es. Hallo. Was machst du denn hier?“



    Was war denn jetzt passiert? Ein etwas jüngerer Knabe war aus heiterem Himmel an Dai herangetreten und hatte sie unversehens angesprochen. Allerdings schien Dai so gar nichts mit ihm anfangen zu können. Im Gegenteil. Dais Gesichtszüge verkrampften regelrecht. Ihre Augen und Pupillen fingen an sich zu weiten und sie blickte starr auf den jungen Burschen.



    „Erkennst du mich denn nicht? Ich bin es, Senshi-chan.“



    Sofort drehte sie sich um und ging schnellen Schrittes davon. Dai war ein ungewöhnliches Mädchen (geworden), aber das ergab selbst nach ihren Maßstäben erstaunlich wenig Sinn.



    „Dai, warte. Wo willst du denn hin?“



    Doch Maries Ruf verhallte unerwidert. Dai war aus dem Laden gestürmt und ließ uns verdattert zurück. Den Jungen nicht minder.



    „Habe ich etwas Falsches gesagt? Ich wollte Senhime doch nur begrüßen.“



    „Senhime? Bist du dir sicher, dass du unsere Freundin nicht einfach nur verwechselt hast? Wer bist du denn überhaupt?“



    Maries Frage machte an dieser Stelle durchaus Sinn.



    „Mein Name ist Wataru, aber Onee-sama kennt mich eigentlich nur als Senshi. Ihren richtigen Namen weiß ich aber auch nicht.“



    „Ich denke, das musst du uns besser erklären. Dürfen Minato und ich dich vielleicht auf ein Getränk einladen und du erzählst uns alles ein wenig genauer?“



    Wataru nahm Maries Vorschlag dankend an und so gingen wir drei in ein nahegelegenes Café. Genau genommen war das nur möglich gewesen, weil Marie dabei war. Ein fast erwachsener Junge der einen jüngeren ansprach und ihn bat mit ihm zu kommen konnte schlimm missverstanden werden. So viel stand fest. Jedenfalls trank der Junge eine Cola, Marie und ich nahmen je ein Sodawasser. Damit hielten sich unsere Ausgaben in überschaubaren Grenzen.



    „Jetzt erzähl doch mal. Woher kennen du und Dai euch überhaupt?“



    „Kennengelernt haben wir uns auf den Feldern von Saisei, als wir uns für den Kampf gegen Kriegsorks zusammenschlossen.“



    Marie war verwirrt, also klärte ich den Sachbestand auf.



    „Das ist ein ähnliches Videospiel wie das, bei dem du für Akihiro als Späher fungierst. ‚Meiyo no bun'ya‘, also ‚Felder der Ehre‘, stimmt’s?“



    „Genau. Ich hatte es aber schon länger gespielt als sie. Senhime war damals zwar keine Anfängerin, aber auch noch nicht richtig gut. Also habe ich die Vorhut für uns übernommen.“



    Das Problem war mir wohlbekannt, aber ich wollte den Jungen nicht für einen Erfahrungsaustausch unterbrechen.



    „Gemeinsam haben wir die Quest erfolgreich zu Ende gebracht und auch später noch ein Team gebildet.“



    „Aber dabei konntet ihr euch doch wahrscheinlich nicht sehen. Woher willst du also wissen, dass es sich dabei um unsere Freundin gehandelt hat?“



    Einmal mehr sprach Marie das Offensichtliche an.



    „Wir haben angefangen uns über unsere Headsets miteinander auszutauschen und haben uns dabei richtig gut angefreundet. Irgendwann haben wir festgestellt, dass unser Lieblings-Dutuber eine Autogrammstunde für seine Fans veranstaltet und beschlossen, gemeinsam dorthin zu gehen.“



    „Das war aber ganz schön unvorsichtig von dir. Was, wenn es ein älterer Mann oder sonst jemand gewesen wäre, der dir böses wollte?“



    „Ich kannte ja ihre Stimme und außerdem haben wir uns an einem öffentlichen Ort verabredet, wo die ganze Zeit Menschen waren. Da konnte gar nichts schiefgehen.“



    Wahrscheinlich hätte Marie ihm jetzt am Liebsten eine Gardinenpredigt über die Gefahren im Internet gehalten, aber mit einem leichten Kopfschütteln bedeutete ich ihr davon abzusehen.



    „Ich war damals jedenfalls ganz schön aufgeregt, Onee-sama im richtigen Leben kennenzulernen. Und sie war ja auch noch richtig hübsch, damals.“



    Offensichtlich hatte der Junge Dai noch vor ihrer Metamorphose kennengelernt.



    „Hast du Dai… ich meine Senhime eigentlich nie nach ihrem richtigen Namen gefragt?“



    „Ich fand es einfach viel cooler, dass wir unsere Nicknames benutzen. Und es hat ihr ja auch nichts ausgemacht. Jedenfalls waren richtig viele Menschen dort und wir mussten über eine Stunde warten, bis wir drankamen. Aber das war es wert. Parabellum ist einfach der Coolste. Mich hat dann aber auch schon meine Mutter abgeholt, sodass ich an der Meet and Greet-Auslosung gar nicht mehr teilnehmen konnte.“



    „Und was war mit Dai?“



    „Die ist noch dortgeblieben. Wahrscheinlich hat sie gehofft zu gewinnen.“



    „Habt ihr euch danach auch noch getroffen?“



    „Nein… das war ganz komisch. Seitdem habe ich nichts mehr von ihr gehört. Ich hab sie noch öfters zu einer Quest eingeladen und sie angeschrieben, aber sie hat sich nicht mehr gemeldet.“



    „Und es war ganz sicher das Mädchen, das du heute gesehen hast?“



    „Klar. Sie hat sich zwar total verändert, aber ich würde sie überall wiedererkennen. Sie war ja quasi so etwas wie meine erste Verabredung.“



    Ein bisschen frühreif, der Bursche. Aber vielleicht hatte er uns heute mehr erzählt, als er selbst wusste. Wir würden daheim nachhaken müssen.





    Ich beschloss, erst einmal allein mit Dai zu sprechen. Wenn wir zu zweit „über sie herfielen“ trieb sie das sicher wieder in ihr altes Verhaltensmuster zurück.



    „Dai, bist du da? Ich habe uns Erdbeer-Crêpes mitgebracht.“



    Wie befürchtet kam keine Reaktion. Zu Hause war sie aber, denn es wummerte wieder Death Metal durch die Flure. Kurzentschlossen ging ich zu ihrem Zimmer und klopfte an. Natürlich kam weder ein „Herein“ noch eine sonstige Erwiderung. Ich drückte die Klinke nach unten und trat durch die Tür. Der Anblick war auf eine andere Art erschreckend als noch gestern. Dai lag von Kopf bis Fuß mit ihrer Decke verhüllt auf ihrem Bett und rührte sich nicht. Sollte ich sie in Ruhe lassen? Nein, hier lag ganz eindeutig etwas im Argen. Da durfte ich sie nicht alleine leiden lassen.



    Vorsichtig zog ich die Decke unter ihren Kopf, doch sie starrte nur vor sich hin. Ich blieb einige Zeit schweigend neben ihr sitzen und hoffte auf eine Emotion, egal welcher Art. Doch Dai blieb stumm.



    „Hör mal, Dai, du musst nicht reden, wenn du es nicht möchtest. Es ist nur… ich, Marie und Akihiro machen uns Sorgen um dich. Wenn du den Schmerz rauslassen musst, damit es dir ein wenig besser geht, verstehen wir das. Aber wir möchten dir helfen, wenn das möglich ist. Wir wissen nicht, was dir passiert ist, dass es dir so schlecht geht. Du warst früher so ein süßes, liebes Mädchen, dass es…“



    „SAG DAS NIE WIEDER! HAST DU GEHÖRT?! NENN MICH NICHT NOCHMAL SO ODER ES PASSIERT WAS!!!“

  • Kapitel 6 - "Was hat man dir angetan?"


    „Dai, das Essen ist fertig. Hol es dir bitte, solange es noch warm ist.“


    Keine Reaktion. Sicher würde sie abwarten, bis ich mich wieder in die Küche zurückgezogen hätte und dann schnell das Tablet reinholen. Ich wusste, ehrlich gesagt, weder ein noch aus mit ihr. In erster Linie tat Dai mir leid, weil es offensichtlich etwas in ihrem Leben gab, mit dem sie nicht zurechtkam. Aber auch wir anderen, die uns nicht zu helfen wussten, hatten, mich eingeschlossen, mein Mitleid.


    Es war unübersehbar, dass ich es mir mit ihr verscherzt hatte. Das Ding war eben nur, dass ich mir nicht bewusst war, was genau ich mir eigentlich zuschulden kommen hatte lassen. Eigentlich hatten Dai und ich uns einander ja sogar angenähert gehabt, meinem Videospiel sei Dank. Aber eine Bemerkung von mir hatte unsere zarten Bande wieder reißen, ja eigentlich das Ganze schlimmer denn je werden lassen.


    Kaum, dass ich wieder bei meinen Freunden war hörte ich das Zufallen von Dais Tür. Wenigstens nahm sie nach wie vor mein Essen zu sich. Das hieß, sie hatte sich (noch) nicht völlig aufgegeben. Aber ansonsten verweigerte sie jegliche Interaktion. Das nahm selbst ihren Cousin Akihiro nicht aus.


    „Will sie immer noch nicht mit uns reden?“


    Ich beantwortete Akihiros Frage mit einem leichten Kopfschütteln.


    „Das ist doch Irrsinn. Ich gehe jetzt zu ihr rein und sage ihr klipp und klar, dass es so nicht geht. Entweder sie verlässt ihre Höhle und erklärt uns, was das Problem ist oder…“


    „Ja? Oder was?“


    Vielleicht klang es zynisch von mir, aber Akihiro hatte absolut nichts, was er in die Waagschale hätte werfen können, um Dai zu einem Gespräch zu bringen.


    „Ach, sei einfach still. Du hättest ihr niemals so viel durchgehen lassen dürfen. Wenn du ihr von Anfang an klare Regeln aufgestellt hättest wäre es gar nicht so weit gekommen.“


    Ich ließ Akihiro diesen Vorwurf an mich ungeahndet durchgehen. Schließlich meinte er es nicht so. Dai war ein Mitglied seiner Familie. Eines der wenigen, die ihm mit echter Liebe und Zuwendung begegnet waren. Da konnte er ihren Verfall umso weniger hinnehmen denn ohnehin. Aber eines war klar: solange es ging mussten wir seine Eltern aus der ganzen Angelegenheit heraushalten. In ihrem Haushalt wurden alles und jeder, die nicht funktionierten, aus dem Sichtfeld der Öffentlichkeit geschafft, damit ihr Name nicht darunter litt. Sprich es war gut möglich, dass sie Dai dann irgendwohin in die Ferne abschoben, wo sie nicht auffallen konnte.


    Sicher, sie waren nicht ihre Eltern, aber ihr Zweig war die Hauptfamilie, denen uneingeschränkter Gehorsam galt. Dieser ungerechten Sitte konnten sich selbst Dais Eltern nicht völlig entziehen. In ihrer Welt wurden traditionelle Werte noch großgeschrieben, ganz egal, wie unmenschlich ihre Auslegung auch sein mochte. Das musste unbedingt verhindert werden.


    „Meint ihr, wir sollten noch einmal mit Wataru sprechen? Immerhin war er Dai zu dem Zeitpunkt begegnet, als sie sich so ins Gegenteil gewandelt hat.“


    An dem was Marie sagte, war etwas dran. Der Junge, dem wir unlängst im Gamingshop begegnet waren, hatte uns immerhin erzählt, dass Dai sich so stark verändert hatte, nachdem sie mit ihm bei dem Offlinetreffen mit diesem Dutube-Fuzzi gewesen war. Gut möglich, dass darin der Schlüssel zu allem verborgen lag. Aber das war auch schon alles. Es konnte auch mit etwas zu tun haben, was danach geschehen war. Ergo war die Faktenlage ziemlich dürftig.


    „Mit ihm zu reden wird auf keinen Fall schaden. Das Ding ist nur, dass alles schon eine Weile zurückliegt. Und wäre etwas Gravierendes vorgefallen hätte er sicher schon jemandem davon erzählt.“


    „Aber wenn er etwas gesehen hat von dem er gar nicht weiß, wie wichtig es ist?“


    Marie entkräftete auf einen Schlag meine Bedenken.


    „Demnächst tritt dieser Z-Promi doch auch in unserer Gegend auf. Vielleicht sollten wir da alle zusammen mit ihm hin und das Beste hoffen? Jedenfalls ist alles besser als hier zu sitzen und Däumchen drehen.“


    Akihiro machte Nägel mit Köpfen. Große Hoffnung hatte ich zwar nicht, aber wir mussten es zumindest versuchen. Da hatte er schon recht.


    „Dann sollten wir uns schnellstmöglich um die Karten kümmern. Das fällt in deinen Bereich, Akihiro. Marie muss dafür sorgen, dass uns Watarus Eltern ihren Sohn ausborgen und ich…“


    …konnte dafür im Moment eigentlich nur meine grundsätzliche Hilfe beisteuern. Selten hatte ich mich so unnütz gefühlt…



    „Danke, dass ich mit euch mitkommen darf. Das wird so toll. Alleine hätten mir meine Eltern das niemals erlaubt.“


    Wie erwartet war Wataru überglücklich darüber, dass wir ihm ein erneutes Treffen mit diesem Dutube-Star ermöglichten. Was er und Dai in ihm sahen war mir ein echtes Rätsel, vielleicht war ich aber auch einfach nur schon zu alt für so etwas.


    „Wir freuen uns, dass du mitkommen konntest. Dai… ist leider krank, hat uns aber gesagt, dass du dich wohl am meisten über ihr Ticket freuen würdest.“


    „Onee-sama ist echt die beste. Und ich dachte schon, dass sie mich nicht mehr leiden könne…“


    Marie log dem Kind direkt ins Gesicht, aber die Wahrheit war dem Jungen wohl nicht zuzumuten. Außerdem: den Grund für Dais Verhalten kannten wir ja selbst noch nicht. Wataru zu belasten hatte damit noch weniger Sinn als ohnehin schon. Hauptsache war, dass die Veranstaltung ihm möglichst viele Erinnerungen ins Gedächtnis rufen würde. Darin lag unsere ganze Hoffnung.


    Es war erstaunlich einfach, die Erlaubnis seiner Eltern dafür zu bekommen. Naja, Marie wurde als Mädchen von ihnen wohl grundsätzlich eher als vertrauenswürdig eingestuft, denn zwei Jungen wie Akihiro und ich. Wir wussten schon, warum wir sie damit beauftragt hatten.


    Trotz vorher verkaufter Tickets hatte sich bereits eine lange Schlange vor dem Laden gebildet, in dem Parabellum seine Audienz halten würde. Erstaunlicherweise waren die meisten Teilnehmer in einem ähnlichen Alter wie Akihiro, Marie und ich. Wahrscheinlich waren nur wir es, die nicht „in“ genug waren um zu wissen, was oder vielmehr wer als angesagt galt. Auch egal.


    Die Veranstaltung sollte um halb zwei beginnen, dennoch gab sich die Security keinerlei Mühe schneller zu machen. Immerhin war es schon viertel nach eins. Geduldig standen wir am Ende der Schlange an und warteten. Einzig Wataru schien das ganze Prozedere nichts auszumachen. Seine Vorfreude ließ ihn alles geduldig ertragen. Oh, ihr glücksseligen Kindertage.


    „Habt ihr den Stream vom letzten Sonntag gesehen? Krass, wie er die Area gerockt hat. Ich wusste gar nicht, dass so etwas mit dem Chara geht.“


    „Das war doch noch gar nichts. Obwohl sein Team lausig war hat er das Match noch drehen können. Ich weiß echt nicht, warum er sich allein mit Streamen zufriedengibt. Als Profi könnte er doch noch viel mehr Kohle machen.“


    War da etwas an mir vorbeigegangen? So, wie Parabellums Fans hier von ihm schwärmten, würde es sich eventuell noch lohnen hier zu sein. Wenn der Typ so ein krasser Gamer war, vielleicht hatte er dann ein paar Tipps… Halt, dafür waren wir heute nicht hier. Es ging einzig um Dai, nichts anderes.


    Wenigstens kam nun langsam etwas Bewegung in die Schlange, mit Betonung auf langsam. Und wir bildeten nach wie vor deren Schwanzspitze. Quälend zog die Zeit sich dahin bis unser Quartett endlich durch die Tür eingelassen wurde. Da war es allerdings schon viertel vor zwei.


    Von unserem „Star“ war allerdings noch weit und breit nichts zu sehen. Und doch konnte man seiner Visage nirgendwo entgehen. Lebensgroße Pappaufsteller, T-Shirts mit seinem Aufdruck und noch einiges mehr waren überall platziert. Eigentlich logisch und doch mehr als nur aufdringlich. Kein Wunder, dass er das Leben als Dutuber jenem eines E-Sportlers vorzog. Neben seinen Einnahmen als Streamer machte er vermutlich noch ein größeres Sümmchen mit seinem Merchandise und als Werbegesicht eines Energydrinks in Pulverform. Das Merchandise war mir egal, aber solches Pulvergesöff war nur ungesunde Chemiepampe. Was sollte es auch sonst sein?! Vielleicht sprach auch nur der heimische Küchenchef aus mir, aber von derlei Produkten hielt ich einfach nichts. Da war ja Dais Kaffeekonsum noch gesünder. Hoffentlich konnten wir ihr mit unserer Aktion helfen.


    Im Endeffekt sah es in der ganzen Halle so aus wie in jener, die Dai besucht hatte. In der Vergangenheit hatten wir bereits einige Videos davon im Netz finden können, aber die zeigten, was Wunder, hauptsächlich Parabellum und waren daher, nicht nur ermittlungstechnisch gesprochen, absolut belanglos. Ich konnte nicht für Marie und Akihiro sprechen, aber wie gesagt würde Wataru in seiner Unschuld vermutlich der einzige von uns sein, der sich hier wohlfühlen, geschweige denn amüsieren würde.


    Ich hatte vermutet, dass die Jungs bei so einem Event in der Überzahl sein würden, aber zu meiner Überraschung hielten sich die Geschlechter etwa die Waage. Sogar einige Pärchen gab es. Sicher, Dai spielte auch Videogames, aber soweit ich wusste war es ursprünglich eher eine nischige Angelegenheiten für uns Jungs gewesen. Schön, dass es endlich einen größeren Wandel gab.


    „Komm, Marie-chan, das musst du dir unbedingt ansehen.“


    Wataru führte Marie zu einem Verkaufsstand, an dem das derzeit von Parabellum promotete Getränk zur Verkostung ausgeschenkt wurde. Natürlich nur in kleinen Dosen, schließlich sollte das Zeug ja verkauft werden. Daher durfte auch der obligatorische Pappaufsteller von Parabellum nicht fehlen, der einem das Getränk förmlich unter die Nase hielt.


    Wataru spülte seinen Teil in einem Schluck hinunter. Wahrscheinlich schmeckte das Zeug umso besser, je weniger es mit einer menschlichen Zunge in Kontakt kam.


    „Was sagst du dazu, Marie-chan? Schmeckt klasse, oder?“


    „Ziemlich süß…“


    „Ja, genau. Toll, oder? Schade, dass ich so etwas zu Hause nicht trinken darf.“


    Immerhin schienen Watarus Eltern Verantwortungsgefühl zu besitzen, was seine Ernährung betraf, wenn sie schon ihren Sohn mit einem Haufen Teenagern losziehen ließen. Aber bis jetzt waren wir in unserer eigentlichen Mission nicht einen Deut vorangekommen. Wahrscheinlich war es einfach zu viel verlangt gewesen. Wir wussten ja noch nicht einmal, nach was oder wem wir eigentlich suchen sollten. Außerdem war hier heute wahrscheinlich eine ganz andere Schar an Fans vor Ort, als damals. Allerhöchstens Wataru würde neben Parabellum bei beiden Events vor Ort gewesen sein.


    Das schien auch Akihiro aufgegangen zu sein. Immer häufiger stapfte er mit seinen Füßen auf den Boden auf, während er ruhelos durch die Halle ging. Sollte ich versuchen ihn zu beruhigen? Wahrscheinlich war es sogar gut, dass er sich durch Bewegung Luft verschaffte. Ihn nahm es wohl am meisten mit nichts tun zu können.


    „Meine Damen und Herren, liebe Gäste. Hier kommt der Mann auf den ihr alle gewartet habt. Das Charisma himself, die Gaminglegende, Mister Dutube in Fleisch und Blut… hier kommt live zu euch… PARABELLUM!!!“


    Jubel, Applaus und Gegröhle brandeten gleichermaßen laut auf und dröhnten in meinen Ohren bis mir das Trommelfell schier zu platzen drohte. Leute, beruhigt euch. Das ist nur ein Typ mit zu viel Tagesfreizeit, der Games liebt. One on one würde Katsu mit ihm wahrscheinlich den Boden feucht aufwischen und ihn danach im Garten auswringen. Vielleicht war ich zu zynisch, aber derartige Personenkulte gingen mir gegen den Strich. Erst recht, wenn es dieser Type offensichtlich nur darum ging einen schnellen Yen zu machen. Dass ein Kind wie Wataru so jemanden gut fand war ja noch irgendwo nachzuvollziehen, aber ein intelligentes und hübsches Mädchen wie Dai? Das überstieg die Grenzen meines Verständnisses.


    Wasserstoffblondes Haar, ein Stirnband, das vermutlich seine Geheimratsecken abdeckte, ein hässlicher Drei-Tage-Bart und ein schmieriges Grinsen – das war Parabellum. Jemandem, der sein eigenes Konterfei auf dem T-Shirt trug, war nicht über den Weg zu trauen. Klar, dass er nach seinem Bad in der Gunst des Publikums erst einmal einen Schluck seines Energydrinks zu sich nahm, bevor er überhaupt zum Mikrofon griff.


    „Wahnsinn Leute, ihr seid echt die krassesten Fans, denen ich je begegnen durfte. Gebt euch selbst einmal einen riesigen Applaus. Ihr habt es verdient.“


    Vermutlich seine Standarderöffnung, aber die Menge leistete ihm brav Folge. Marie schloss sich hoffentlich nur aus reiner Höflichkeit dem Unfug an.


    „Ihr seid so krass Leute, wirklich.“


    Ein neuerlicher (werbewirksamer) Schluck des Getränks folgte.


    „Aber genug davon. Ihr wisst ja, warum ihr alle hier seid. Nicht nur, um einfach eine gute Zeit zu haben. Nein, ihr werdet die ersten sein, die meine neue Geschmacksrichtung „Purpur Pineapple“ verkosten dürfen, bevor sie am Montag offiziell in die Läden kommt. Ihr könnt euch darauf verlassen, dass die Firma mit der ich zusammenarbeite und ich dafür gesorgt haben, dass nur die besten Zutaten in eure Dosen kommen. Deckt euch also besser gleich ordentlich damit ein, bevor sie völlig vergriffen sind. Denn ihr wisst ja, so etwas Hammermäßiges zu produzieren braucht seine Zeit. Ist die erste Ladung einmal weg kommt die Geschmacksrichtung so schnell nicht wieder. Und Fans wie ihr verdienen nur das Allerbeste. Wooooooooo!“


    Ich hätte zum Frühstück gar nicht so viel essen könne, wie ich meinen Magen nach dem Wolfsgeheul entleeren wollte. Naja, mit einem Schluck seiner pinken Ananas hätte es wahrscheinlich sogar geklappt. Der Typ war ein Menschenfänger vor dem Herrn. Wie konnten all die Leute hier das nicht sehen? Vermutlich wollten sie es einfach nicht. Marie war wirklich die geborene Schauspielerin. Sie hatte sich perfekt die Gebräuche des primitiven Volkes angeeignet und heulte gemeinsam mit den Wölfen. Auch Wataru war schlichtweg begeistert von seinem Idol.


    Wo war eigentlich Akihiro abgeblieben? Seitdem sich die Menschentraube vor der Bühne gebildet hatte war er wohl in ihr verschütt gegangen. Am liebsten wäre ich einfach für eine Weile vor die Tür um ein wenig der Ruhe zu frönen. Da es allerdings fraglich war, ob die Security mich dann wieder reingelassen hätte ließ ich es „lieber“ bleiben.


    „Wie sieht es aus? Habt ihr Lust auf eine Runde „World’s Destiny“?“


    Abermals brauste lauter Jubel auf.


    „Was habt ihr gesagt? Ich kann euch nicht hören.“


    Daraufhin wurde es noch lauter. Konnte nicht bitte jemand die Polizei wegen Ruhestörung rufen?!


    „Seid ihr etwa heiser? Das muss lauter werden.“


    Oh, nein. Die Lautstärke in der Halle nahm eine Intensität an, die für das menschliche Ohr nicht mehr gesund sein konnte. Die Akustik der Räume tat ihr Übriges dazu.


    „Na bitte. Ich wusste doch, dass ihr eine Stimme habt. Jetzt wird gezockt.“


    Von der Hallendecke fuhr ein riesiger Bildschirm herab, während die Mitarbeiter einen sündig teuren Gaming-Sessel heranschafften. Reiner Protz, den ich aber ehrlicherweise selbst gerne besessen hätte. Wenigstens den Bildschirm. Kaum, dass sich Parabellum in den Sessel gefläzt hatte flackerte auch schon der Bildschirm auf und das Intro von „World’s Destiny“ wurde abgespielt. Dieses Game besaß ich auch, hatte es aber nie so beeindruckend wahrgenommen wie in dieser Größenordnung. Zugegeben, Parabellum verstand sein Handwerk. Unterm Strich war es „RougH“ sehr ähnlich nur anstelle einer Fantasy-Welt diente hier ein real aussehendes Szenario als Kriegsgebiet. Auch die Waffen waren realen Vorbildern nachempfunden worden und hielten sich beinahe abgöttisch an die Wirklichkeit. Auch in punkto Funktionsweise und Wirksamkeit. Ich hielt es eindeutig für besser, so etwas Wataru vorzuenthalten. Sollte er später Interesse zeigen wäre es eine andere Kiste.


    Marie verstand zwar nicht viel von Videospielen hatte aber selbst sofort bemerkt, dass hier pädagogisch Bedenkliches vorgeführt wurde. Ich bedeutete ihr mit einer Geste meiner Hand sie solle mit Wataru zu mir kommen, was sie auch prompt tat. Watrau verstand nicht recht, warum ihn „Marie-chan“ nicht ihn Ruhe das Match verfolgen ließ, ging aber mit ihr mit. Er war wirklich gut erzogen.


    „Marie-chan, was ist denn? Parabellum ist gerade dabei, die Area zu klären. Das darf ich nicht verpassen.“


    „Entschuldige, aber du siehst ja selbst, wie wenig gerade an den Merchandise-Ständen los ist. Wollen wir uns die Gelegenheit wirklich entgehen lassen uns ordentlich einzudecken? Du kannst dir aussuchen was du willst. Wir laden dich ein.“


    „Wirklich? Marie-chan, du bist die Coolste! Vielen Dank!“


    Wataru war überglücklich. Das „wir“ in „Wir laden dich ein.“ bezog hoffentlich nicht mich ein. Immerhin war ich mit Abstand das finanzschwächste Mitglied in unserem Freundeskreis und das Angebot hier lächerlich überteuert. Das konnte man nicht anders sagen. Das aber kümmerte Wataru nicht sonderlich und machte einen Großeinkauf. Mützen, Stirnbänder, Trinkbecher – von praktisch allem fand etwas den Weg in seinen Besitz. Hoffentlich machte Maries Kreditkarte nicht schlapp.


    „Marie-chan, guck mal. Wäre die Sonnenbrille nicht etwas für dich? Probier sie doch gleich mal an.“


    Marie musste leise seufzen. Eine derart billige wie bunte Fassung war nun wirklich nicht ihr Fall. Aber sie wollte Wataru nichts abschlagen. Außerdem war es ja ihre Idee gewesen. Da musste sie jetzt durch. Ohne Rücksicht auf (finanzielle) Verluste. Ich beschloss mich erst einmal auf die Suche nach Akihiro zu machen. Nicht, dass ich sonderlich viel für ihn tun konnte, aber wenigstens moralisch konnte ich ihn unterstützen.


    Aus den Lautsprechern tönte lautes Rattern von Maschinengewehren und die Schmerzensschreie derer, die ihnen vor den Lauf kamen. Selbst mir als Gamer wurde all der Lärm langsam zu viel. Wie mochte es dann erst „Marie-chan“ und Wataru damit gehen? Da. Akihiro war in einer Ecke „gefangen“ und versuchte sich mühselig seinen Weg durch die stoischen Massen zu bahnen. Normalerweise hätte so ein Gaming-Event ihm und mir durchaus Spaß bereiten können, aber unsere Situation war dafür nicht geeignet. Indem ich mir selbst einen Weg durch den Pulk bahnte versuchte ich ihm seinen Gang zu erleichtern. Etwa auf halben Weg trafen wir uns dann schließlich.


    „I… h..lt… e… hie… ni… me… aus. Da… bri… do… all… ni…ts.“


    „WAS HAST DU GESAGT?“


    „LASS UNS GEHEN. DAS HIER IST DOCH TOTALE ZEITVERSCHWENDUNG!“


    Einige Personen in unserem unmittelbaren Umfeld straften uns mit ebenso verständnislosen wie genervten Blicken. Wie konnten wir es bloß wagen den Kriegslärm zu unterbrechen?! Aber ich stimmte meinem Kumpel mit einem simplen Nicken zu. Es war von Anfang an unsinnig gewesen uns hier einen Hinweis auf Dais Verhalten zu erhoffen. Aber wir hatten es wenigstens versucht. Während Akihiro sich bereits auf den Weg zum Ausgang machte ging ich zu den Merchandise-Ständen um Marie vor der völligen Verarmung zu bewahren.


    Marie hatte ich auch schnell gefunden, aber wo war Wataru abgeblieben? Stattdessen stand sie nun mit einem fremden Typen da und quatschte mit ihm. An seiner Kleidung war offensichtlich, dass er zu Parabellums Crew gehörte. Naja, wenn sie meinte. Aber sie nach Wataru zu fragen musste dennoch drin sein. Noch bevor ich allerdings einen Schritt auf die beiden zumachen konnte löste sich mein Problem bereits spontan von selbst.


    „Oni-san, findest du es nicht auch absolut toll hier? Soviel Spaß hatte ich schon lange nicht mehr.“


    Ich drehte mich nach Wataru um und bekam einen Heidenschreck. Mit seinen ganzen Fanartikeln von Parabellum an seinem Leib hatte er sich förmlich in eine Mini-Version seines Idols verwandelt. Nur der Drei-Tage-Bart fehlte.


    „Hat Marie dich etwa alleine hier rumlaufen lassen?“


    „Bin ich vielleicht ein Kind? Nein, das war ihr Freund da. Er hatte noch einen Gutschein für ein Freigetränk übrig, den hat er mir geschenkt.“


    Klar hatte er den Kleinen loswerden wollen. Wenn man ein Mädchen kennenzulernen versuchte waren Kinder dabei nur hinderlich.


    „Das war fast genauso wie beim letzten Mal.“


    „Wie meinst du das?“


    Wataru hatte meine Neugier geweckt.


    „Als ich damals mit Onee-sama unterwegs war hat er sich auch schon so toll um uns gekümmert. Aber er scheint mich gar nicht wiedererkannt zu haben.“


    „Er hat sich um euch gekümmert?“


    „Naja, vor allem um Onee-sama. Er hat ihr total viele Komplimente gemacht, wie hübsch sie ist, dass sie eine hübsche Figur hätte und so Zeug halt. Er hat ihr dann sogar vorgeschlagen, ob sie nicht Parabellum persönlich kennenlernen wollte nach der Veranstaltung. Das wäre für ihn gar kein Problem. Ich wollte fragen, ob ich dann auch mitkommen darf, aber dann hat mich bereits meine Mama abgeholt. Total uncool. Onee-sama ist dann wahrscheinlich allein zu Parabellum gegangen. Als ich sie dann am nächsten Tag angeschrieben habe um zu fragen wie es war hat sie mir aber schon nicht mehr geantwortet.“


    Waren wir jetzt unverhofft doch noch auf Gold gestoßen? Auch wenn ich jetzt einige Hinweise hatte war das Bild noch lange nicht vollständig. Auf jeden Fall musste ich ein Foto des Typen haben. Schnell holte ich mein Smartphone heraus, tat so als machte ich ein Selfie mit Wataru und knipste den Kerl. Das war geschafft. Danach schickte ich Wataru nach draußen zu Akihiro, um alles ungestört beobachten zu können. Da ich in der Nähe von Marie blieb war sie in jedem Fall in Sicherheit. Wenn es eine Masche war, dass er die Popularität seines Brötchengebers für sich ausnutzte, konnte das Gespräch mit Marie wertvolle Hinweise liefern und ich durfte nicht einschreiten. Sorry, Marie, aber da musst du leider durch.


    Das ganze Geschehen dauerte mehrere Minuten lang und es schien nicht so, als wäre der Aufreißer jemand, der leicht aufgeben würde. Selbst aus einiger Entfernung konnte ich deutlich erkennen, wie Marie sich aus dem Gespräch herausreden wollte. Hätte er etwa nach ihrer Hand oder einem sonstigen Körperteil gegrapscht hätte ich selbstverständlich unverzüglich eingegriffen. Aber er schien es bei bloßem Quatschen zu belassen. Gut für ihn. Schließlich kam ein anderes Crew-Mitglied auf ihn zu und bedeutete ihm mit ihm zu kommen. Scheinbar wurde er an anderer Stelle gebraucht. Besser hatte es nicht laufen können.


    „Marie, ist alles in Ordnung? Hat dich der Kerl belästigt?


    „Ja… nein… mach dir keine Sorgen. Das war bloß so ein Aufreißer, der sich wichtigmachen wollte. Wenn ich Lust hätte könnte ich später durch ihn Parabellum persönlich kennenlernen. Angeblich gäbe es eine kleine Party für sämtliche Mitglieder der Crew und er dürfe jemanden mitbringen. So hübsch wie ich sei wäre es Verschwendung, wenn ich nicht mitkäme. Als würde ich auf so etwas hereinfallen.“


    „Natürlich tust du das nicht…“


    „Wo ist eigentlich Wataru? Hast du ihn gesehen? Er wollte sich eigentlich nur ein Freigetränk holen.“


    „Keine Sorge, der ist bereits draußen bei Akihiro. Lass ihn uns bei seinen Eltern abgeben und dann selbst nach Hause gehen.“


    Offensichtlich war auch Marie froh, endlich dem Lärm und Trubel hier entgehen zu können. Jedoch hatten sich die Zahnräder in meinem Gehirn bereits angefangen zu drehen. Vielleicht war meine spontane Eingebung noch ein wenig zu wagemutig um sie in die Tat umsetzen zu können, aber ich würde erst noch herausfinden müssen was Akihiro und Marie von meiner Idee hielten…



    Es war eine Woche vergangen, seitdem wir auf Parabellums Event gewesen waren. Heute fand wieder ein solches, allerdings in einer anderen Stadt statt. Und wir waren mit von der Partie. Wir, das waren Akihiro, Marie und ich. Was wir vorhatten war nicht von ungefähr, aber es musste sein. Nicht nur um Dais Willen. Aufgrund dessen hatten wir dieses Mal davon abgesehen Wataru wieder mitzunehmen. Er mochte es uns verzeihen.


    Der Ablauf der Veranstaltung war im Grunde genommen ident mit jenem beim letzten Mal: eine lange Warteschlange, viel überteuertes Merchandise und ein mehr als nur von sich überzeugter Star. Aber das war es nicht, worum es ging. Wir waren nur wegen einem Typen hier: dem Kerl, der Marie so unverschämt angebaggert hatte. Hoffentlich würde er es wieder tun.


    Damit Marie auch wieder anziehend genug auf ihn wirken würde hielten Akihiro und ich uns in einigem Abstand zu ihr auf, waren aber dennoch nah genug um sie im Auge behalten und notfalls eingreifen zu können. Schließlich konnten wir nur mutmaßen, wie weit er diesmal gehen würde. Eigentlich war es weder ihm noch mir recht Marie als Köder zu missbrauchen, aber sie hatte sich selbst dazu entschieden. Krümmte ihr der Kerl auch nur ein Haar würde selbst Gott ihn nicht mehr zusammensetzen können. Das klang vielleicht ziemlich martialisch, aber es entsprach ziemlich genau unseren Gefühlen.


    Maries Aufgabe bestand darin wieder mit ihm ins Gespräch zu kommen und ihn seine Anmache vollenden zu lassen, bei der ihm sein Kollege letztes Mal dazwischengefunkt hatte. Wenn sich alles nach Wunsch entwickelte würden wir ihn dann daraufhin auf frischer Tat dabei ertappen wie er versuchen würde ihr ein Leid anzutun. Wichtig war nur, dass Marie zu keinem Zeitpunkt alleine mit ihm sein würde. Ansonsten würden wir es uns unser Leben lang nicht verzeihen können.


    Marie hatte sich eigens besonders in Schale geworfen und sah mit ihrem Makeup bezaubernder denn je aus. Der Kerl würde ihr in hundert Jahren nicht wiederstehen können, die Mists*u. Da vorne stand er ja und sprach in sein Funkgerät, über das er wohl mit seinen Kollegen Kontakt hielt. Mit einem unauffälligen Fingerzeig gab ich Marie ein Signal und sie bewegte sich prompt auf ihn zu.


    Ich konnte aufgrund des Trubels nicht verstehen, was sie miteinander sprachen, aber der Kerl war offensichtlich hocherfreut über das Wiedersehen. Was Wunder, nahm eine solche Schönheit freiwillig Kontakt mit einem auf. Es dauerte ein paar Minuten, dann ging Marie zu einem Getränkestand und kaufte sich eine Flasche Wasser. Das war das vereinbarte Signal, dass alles nach Plan lief.


    Die Zeit verlief quälend langsam für uns und wir begannen unser Unternehmen in Frage zu stellen. Konnten Akihiro und ich im Zweifel wirklich für Maries Schutz sorgen? Bestand die Möglichkeit, dass wir sie nicht vielleicht doch aus den Augen verloren? Würden wir etwaige Beweise so sichern können, dass sie bei der Polizei Beweiskraft hätten? Nein, wir durften jetzt keinen Rückzieher machen. Wir mussten alles in unserer Macht stehende tun um diesem Albtraum ein Ende zu setzen. Wenn wir Dai damit ihr Lächeln wiedergeben konnten war es alles wert gewesen.


    Endlich. Wie schon beim letzten Mal hatte Parabellum seine Zeit damit verbracht vor den Augen seiner Fans den Kriegshelden zu geben. Böse Zungen behaupteten sogar, dass er möglicherweise gar nicht richtig spielen, sondern stattdessen ein vorab produziertes Video zeigen würde, damit nicht das geringste Risiko bestand, das Ansehen seiner Fans zu verlieren. Von mir aus.


    Mehr als zwei Stunden hatten wir uns das ganze Brimborium jetzt angetan, vom Lärmpegel einmal ganz zu schweigen. Für so etwas musste man eben ein Hardcore-Fan sein. Jetzt hieß es aufpassen, dass unsere Freundin nicht verloren ging. Akihiro und ich taten so, als interessierten wir uns noch für irgendwelche Fanartikel, während sich bereits ein Großteil der Leute auf den Weg nach draußen machte. Hauptsache war, dass man uns nicht fortschickte. Währenddessen frischte Marie ihr Makeup auf um wirklich auf Nummer Sicher zu gehen. Welche Verschwendung.


    Wie aufs Stichwort tauchte dann auch schon ihr „Freund“ auf. Man sah ihm förmlich an, welche Hoffnungen er sich machte. Träum weiter. Galant legte er seinen Arm um Maries Rücken und führte sie in einen Nebenraum, dessen Tür die Aufschrift „Nur für autorisiertes Personal!“ trug. Klar, dass er unter Ausschluss der Öffentlichkeit „zu Werke“ gehen wollte. Aber nicht mit uns. Wir ließen eine unglaublich zäh verlaufende Minute verstreichen, dann folgten wir den beiden. Ich konnte nicht für Akihiro sprechen, aber mein Herz schlug mir vor Aufregung bis zum Halse. Wenn nur alles glatt ging.


    So leise wie möglich öffneten wir die Tür und schritten hindurch. Ich hatte bereits meine Handykamera gezückt um auch alles wirklich festhalten zu können. Der Raum wurde ansonsten wohl nur als eine Art Lager genutzt. Tische waren hier ebenso gestapelt vorzufinden, wie Stühle und diverse Kisten ohne ersichtlichen Inhalt. Geputzt war hier auch schon eine Weile nicht mehr geworden, denn überall war eine millimeterdicke Staubschicht vorzufinden. Aber hier ging es jetzt nicht um Hygiene.


    Wo waren die Zwei nur hin? Verdammt, hatten wir es dem Mistkerl jetzt etwa ermöglicht sich an Marie zu vergehen? Nein, das durfte nicht geschehen. Um keinen Preis. Hier gab es einige Winkel, die nicht auf den ersten Blick einsehbar waren. In einen von diesen hatte er sie sicher gebracht. Jetzt hieß es die Ruhe bewahren. Wenn wir jetzt die Nerven wegschmissen war alles zu spät.


    „Sag mal, was wollen wir denn hier? Ich dachte, du bringst mich auf eine Party.“


    Maries Stimme. Sie kam von der linken Seite. Nichts wie hin.


    „Wieso? Wir feiern jetzt eine kleine Privatparty. Nur du und ich.“


    „Lass das. Ich will das nicht. Lass mich sofort gehen oder…“


    „Was ‚oder‘?! Glaubst du kleine Schlampe etwa ich lass mich von dir heißmachen und schau dann zu wie du mit deinem süßen Hintern wieder abhaust? Ihr seid doch alle gleich. Für diesen Trottel Parabellum würdet ihr sofort die Beine breit machen, aber nicht für mich? Was denkst du kleiner Gaijin eigentlich wer du bist? Wenn ich mit dir fertig bin wirst du gar nicht mehr nach Hause fahren wollen. Und glaub bloß nicht, du könntest mir dann irgendwas. Wenn du behauptest, dir wäre auf einer Veranstaltung von ‚Parabellum‘ gegen deinen Willen deine Unschuld gestohlen worden machen seine Fans dich sowas von rund, dass du dich nicht mehr auf die Straße wagen kannst. So und jetzt hör auf dich zu wehren und genieß die Show. Dann tut es auch gleich weniger weh.“


    „Lass sie sofort los, du Dreckschwein!!!“


    Wütend wie noch nie zuvor in seinem Leben stürmte Akihiro mit geballten Fäusten auf Maries Peiniger zu. Dieser drehte sich erschrocken um und ging sogleich auf seine Knie. Bevor Akihiro ihn überhaupt berührt hatte. Marie war selbst Frau genug gewesen sich zu wehren und hatte ihm mit ihrem Knie einen dermaßen gezielten Stoß in seine „Juwelen“ versetzt, dass wir vor der Rache seiner Kinder wohl auf Lebenszeit nichts zu befürchten hatten.


    „Geht es dir gut? Hat er dich irgendwo verletzt? Wenn er dir wehgetan hat, dann…“


    Akihiro war noch aufgeregter, als wir es eigentlich von Marie erwartet hatten.


    „Alles in Ordnung. Zu mehr als großen Worten hat es nicht gelangt. Habt ihr alles aufzeichnen können?“


    Beeindruckt von Maries Kampfkünsten wagte ich bloß zu nicken, während Akihiro beruhigt aufseufzte und die Hand auf seine Brust legte. Da der Kerl vor Schmerz nicht wusste wohin mit seinen Gefühlen war es ein Leichtes ihn auf dem Boden zu fixieren bis die Beamten eintrafen. Erst versuchte er sich noch rauszureden, aber unser Beweisvideo war zu eindeutig um es zu widerlegen. Weitere Ermittlungen würden später ergeben, dass er sich immer wieder an jungen Mädchen zu vergehen versucht hatte, oft leider mit Erfolg. Seine bisherigen Opfer schämten sich leider wegen dem, was er ihnen angetan hatte und die Androhung mit der Rache von Parabellums Fans tat ihr Übriges. Die übliche Täter-Opfer-Umkehr funktionierte auch heute leider noch häufig und Frauen gaben sich viel zu oft selbst die Schuld an solchem Missbrauch. Es war zum Kotzen, dass der Typ so lange mit seiner Masche durchgekommen war ohne belangt zu werden. Rache war ein kontraproduktives Gefühl, aber ich hoffte von Herzen, dass seine Mitgefangenen ihn deutlich spüren lassen würden, dass Vergewaltiger in der Gefängnishierarchie weit unten standen.


    Nachdem wir unsere Aussage und das Video auf dem Präsidium abgegeben hatten konnten wir es kaum erwarten daheim anzukommen. Während Akihiro für Marie einen heißen Tee vorbereitete um über den Schreck hinwegzukommen, klopfte ich an Dais Tür.


    „Du brauchst dir keine Sorgen mehr zu machen. Die Polizei hat ihn festgenommen.“


    Kurze Zeit war nichts zu hören, dann öffnete Dai die Tür. Sie sah mich kurz an, dann fiel sie mir um den Hals. Ich erwiderte ihre Umarmung und streichelte ihr sanft über den Rücken, während ihre Tränen sich Bahn brachen. Mir war nie aufgefallen, wie warm ihr zierlicher Körper eigentlich war. Minutenlang blieben wir so stehen und ich hielt sie einfach nur im Arm, während all ihre Angst und Verzweiflung aus ihrer Seele wichen. Sie hatte Unvorstellbares durchmachen müssen, ohne sich jemandem anzuvertrauen. Kein Wunder, dass sie sich so verändert hatte. Und wir hatten ihr die ganze Zeit auch noch Vorwürfe gemacht.


    Meine Hoffnung, dass sie überhaupt darauf reagieren würde, als ich ihr damals das Foto zeigte, war dabei gering gewesen:


    „Dai, ich muss dir etwas zeigen. Bitte mach auf.“


    Wie erwartet kam keine Reaktion.


    „Dai, ich schicke dir jetzt ein Bild auf dein Smartphone. Ich weiß, du willst nicht, aber es ist wirklich wichtig. Du musst mir unbedingt sagen, ob du diesen Mann schon einmal gesehen hast.“


    Einige Zeit war gar nichts zu hören und ich wusste noch nicht einmal, ob sie überhaupt auf ihr Smartphone gesehen hatte. Ich wollte schon nachsetzen, dann hörte ich wie der Schlüssel sich drehte.


    Ich trat ein und sah Dai wie sie auf dem Bett saß und sich die Hände vor ihr Gesicht hielt. Ich nahm neben ihr Platz, dann schwiegen wir beide einige Augenblicke. Es musste für sie noch viel schwerer sein überhaupt zu antworten als für mich sie zu fragen, aber ich nahm all meinen Mut zusammen:


    „Hat er dir etwas angetan?“


    Dai hielt sich die Hände vor den Mund als wolle sie ihr Innerstes davor schützen gesehen zu werden.


    „Er… hat es versucht… er hat gesagt… so ein süßes kleines Mädchen wie ich sei genau sein Fall… aber er wurde von einem Kollegen gerufen und musste mich gehen lassen, bevor er… er hat gedroht meinen Ruf zu ruinieren, wenn ich zur Polizei gehen würde… ich wollte einfach nur weg… alles vergessen und mich nie wieder so schwach und hilflos fühlen müssen… ich schäme mich so furchtbar…“


    Schon damals hatte ich sie in meinen Armen gehalten und lange Zeit getröstet. Zur Polizei gehen hatte damals keinen Sinn gehabt, da es keine Beweise gab und Aussage gegen Aussage gestanden hätte. Und sie hatte solche Angst gehabt, wie Akihiros Eltern reagieren würden, wenn durch sie der Ruf der Familie Schaden genommen hätte. Die Gesellschaft war wirklich am A**ch, wenn sie eher das Opfer schmähte, als den eigentlichen Täter. Aber es war nun endlich für sie vorbei. Sicher würde sie nicht von heute auf morgen wieder in ihr altes Leben zurückfinden, aber wir würden sie nach besten Kräften dabei unterstützen, wieder mutig einen Schritt auf die Welt zuzumachen…

  • Kapitel 7 - "Endlich Ruhe..."


    „Das sieht einfach nur toll aus. Kann ich das schon auf den Frühstückstisch stellen oder fehlt noch was?“



    „Nein, die Eier und das Gemüse sind servierbereit. Danke, dass du mir zur Hand gehst, Marie.“



    Ein neuer Morgen war angebrochen und es sah so aus, als würde es noch dazu ein guter werden. Viele Hausfrauen empfanden es eher als lästige Pflicht mehrmals am Tag eine Mahlzeit auf den Tisch bringen zu müssen. Mir aber war es bereits eine liebgewonnene Gewohnheit geworden. Es tat gut, ein wenig mit seinen Händen werkeln zu können, bevor man dann stundenlang öde an einem Pult saß und sich Vorträge anhörte, von denen vielleicht fünfzig Prozent einmal von Nutzen sein würden.



    Marie ließ mir gerne ein wenig Unterstützung zukommen, wenn sie auch vielleicht ein wenig viel von dem geschnittenen Gemüse naschte. Wir waren gut vorangekommen, also stand einem gemütlichen Frühstück innerhalb der nächsten fünf Minuten nichts mehr im Wege. Heute war Donnerstag, also hatten wir den schlimmsten Teil der Woche bereits hinter uns gebracht. Ich trug die restlichen Speisen aus der Küche in den Essbereich, also fehlte eigentlich nur noch…



    „Guten Morgen…“



    „Morgen, Dai. Hast du gut geschlafen?“



    „So halbwegs. Aber mittlerweile geht es schon deutlich besser als die letzten Monate…“



    „Guten Morgen, Dai. Minato hat wieder ordentlich für uns aufgekocht. So gut esse ich erst seitdem ich hier wohnen darf. Er ist ein echter Goldschatz.“



    „Morgen…“



    Dai öffnete das Küchenkästchen und nahm ihren gewohnten Becher heraus. Es vergingen nur wenige Augenblicke, dann dröhnte bereits die Kaffeemaschine. Schließlich kam Dai zurück und nahm zu meiner Linken Platz. Der Inhalt ihres Bechers verströmte einen starken, aber angenehmen Kaffeeduft, aber nur Dai schaffte es, ihn völlig schwarz zu sich zu nehmen. Mir und Marie war er so viel zu bitter. Aber solange er Dai guttat sprach nichts dagegen.



    Marie hatte vorhin nicht gelogen. Ihr schmeckte mein Essen wirklich ziemlich gut. Kaum, dass sie sich eine Schale mit meinem eingelegten Gemüse zurechtgemacht hatte, bediente sie sich auch gleich am gegrillten Fisch und dem frisch gekochten Reis. In anderen Häusern hätte man wohl befürchten müssen, dass für den Rest des Haushalts nichts mehr übrigblieb, aber ich hatte mich mittlerweile schon auf die notwendige Menge eingestellt. Hier kam niemand zu kurz. Dai aß morgens zwar immer noch eher wie ein Spatz, aber zumindest nahm sie mehr zu sich als nur ihren Kaffee. Ich wertete das als Erfolg.



    Ich führte gerade meinen Becher mit heißem Tee zu meinem Mund, als Dai von sich aus etwas zu unserer morgendlichen Konversation beisteuerte.



    „Am Montag möchte ich es versuchen…“



    Sofort stellte ich meinen Becher beiseite und legte meine Hand unterstützend auf ihre Schulter.



    „Das ist toll, aber du musst dich zu nichts zwingen. Wenn du noch ein wenig warten möchtest verstehen wir es.“



    Dai lächelte zaghaft.



    „Nein, es ist gut so… ich will mich nicht mehr länger verstecken.“



    Ich begann ihr Lächeln zu erwidern.



    „Wir sind wirklich stolz auf dich. Wenn es irgendetwas gibt, wie wir dich unterstützen können, ein Wort genügt und wir stehen Gewehr bei Fuß.“



    Zugegeben, das klang ein wenig altmodisch. Wichtig in erster Linie war aber, dass Dai einmal mehr spürte, dass wir wie eine Familie an ihrer Seite standen.



    „Danke, aber so schlimm wird es schon nicht werden. Ich weiß aber ehrlich gesagt nicht, ob ich nicht bereits zu viel versäumt habe.“



    „Im Zweifel kannst du immer noch bei mir Nachhilfe nehmen oder besser noch bei Marie. Sie hat mit Abstand die besten Noten in unserer Klasse.“



    „Vielleicht…“



    Dai griff nach ihrem Becher und nahm einen tiefen Zug daraus. Ich entließ ihre Schulter aus meiner Hand und setzte mein Frühstück fort. Es klang vielleicht ein wenig seltsam, aber mir war, als könnte ich noch immer Dais zitternden und bebenden Körper in meinen Armen fühlen, als sie all ihrer Verzweiflung Luft gemacht hatte. Damals empfand ich soviel Hass auf den Kerl, der ihrer unschuldigen Seele so eine Narbe geschlagen hatte. Aber gleichzeitig war da noch viel mehr Liebe für meine Kindheitsfreundin, die endlich dabei war aus einem Albtraum zu erwachen. Ich tat damals einen Schwur, dass ich nicht zulassen würde, dass es ihr noch einmal so schlecht gehen würde und zu meinem Wort stand ich. Normalerweise. Wichtiger war jedoch, dass sie von mir unabhängig ihr Leben würde aufbauen können. Klar würde ich ihr, wenn nötig, unterstützend dabei zur Seite stehen. Aber je mehr sie zu ihrer alten Stärke fand, umso gesünder war es für sie.



    „Danke, es hat sehr gut geschmeckt…“



    Immerhin ein Ei, eine kleine Schale Reis und ein wenig Gemüse hatte Dai zu sich genommen. Während sie diesen Tag noch zu Hause an ihrer mentalen Gesundheit arbeitete war es für Marie und mich Zeit die Tsuda Umeko-Akademie aufzusuchen. Eigentlich hätte ich noch das Geschirr spülen müssen, aber das konnte auch noch bis nach dem Unterricht warten. Es war unnötig Marie auf dem Weg in die Schule zu begleiten, aber da Akihiro sie und Dai in meine Obhut gegeben hatte, wollte ich auf Nummer Sicher gehen.





    Wir waren heute ziemlich früh losgezogen und hatten demzufolge auch eine frühere Bahn erwischt. Das hieß wiederum, dass auf dem Schulgelände noch ziemlich tote Hose herrschte. Während Marie beschloss am Kiosk noch ein Melonenbrötchen zu mampfen, stand mir der Sinn nach simpleren Genüssen, sprich meinen Kopf auf meinem Pult abzulegen und ein wenig zu dösen, damit ich nicht während des Unterrichts einnickte.



    Ganz wie erwartet war der Klassenraum noch völlig leer und ich hatte freie Bahn. Fast. Auf dem Boden lag ein Schreibheft, jedoch ohne Namen. Jemand musste es verloren haben und das höchstwahrscheinlich heute Morgen. Beim Reinigen der Klasse gestern nach dem Unterricht wäre es sicher nicht übersehen worden. Vielleicht fand sich ja im Inneren ein Hinweis auf den Eigentümer.



    „Ms Hand glitt gierig an ihrem Bein nach oben, wohlwissend, dass sein Verlangen verboten war. Viel zu lange hatte er danach geharrt, sich das westliche Mädchen zu nehmen. Eine Träne lief ihre Wange hinunter. Sie hatte lange ihre Unschuld bewahrt, aber jetzt würde sie zur Frau werden. Gemacht von dem Jungen, dem sie anvertraut worden war. Aber nichts wollte sie in diesem Moment mehr als ihm gehören. Zu lange hatten beide sich ihrer Gefühle gewehrt, sich wie Geschwister eine Unterkunft geteilt. Das spielte alles keine Rolle mehr. Sie hatten jegliche Menschlichkeit verloren, waren ihren animalischen Instinkten erlegen. M riss ihre Bluse auf und legte ihren üppigen Busen frei, der unanständig ihren Büstenhalter wölbte. Seine Männlichkeit war bereits zum Bersten prall gespannt und es gab nichts, dass seinem Urinstinkt noch hätte Einhalt gebieten können…“



    „Kyaaaah!“



    Erschrocken schlug ich das Heft zusammen und drehte mich um. Hisakawa hatte mich ertappt. Ausgerechnet. Wenn jemand für derlei Literatur nicht gemacht war, dann sie. Was musste sie jetzt von mir denken? Ich war nicht der Schmutzfink, für den sich mich jetzt mit Sicherheit halten musste. Ich hatte das Heft ja nur gefunden, aber wie glaubhaft war das? Verpetzen würde sie mich sicher nicht, aber trotzdem war das Ganze ziemlich unangenehm.



    „Wieviel… …hast du gelesen…“



    Was?!



    „Bitte… erzähl niemandem, dass du es gesehen hast…“



    Mit wahrscheinlich hochrotem Kopf wagte ich Hisakawa nicht ins Gesicht zu sehen. Etwas weiter unterhalb wäre unangebracht gewesen, erst recht, nach so einer Lektüre, weswegen mein Blick dem Fußboden galt.



    „Wenn herauskommt, dass ein Mitglied des Schülerrates so etwas zu Papier bringt…“



    Man sagte ja, dass stille Wasser tief sind, aber das war wirklich nichts was mir jemand glauben würde. Nicht einmal Marie, Akihiro oder Dai, wobei ich letzterer ohnehin nicht von so etwas berichten würde. Ich reichte Hisakawa das Heft und nahm an, dass sie mich in diesem Moment ebenso wenig ansah, wie ich sie. Gerade einmal konnte ich wahrnehmen wie sie sich umdrehte und den Raum verließ. Konnte eine Situation eigentlich unangenehmer sein als diese? Mein Nickerchen konnte ich auf jeden Fall abhaken. Mein Kopfkino hätte bestimmt einen nicht jugendfreien Film aufgeführt. Mir war jetzt auf jeden Fall mehr nach körperlicher Betätigung. Einige Runden um den Sportplatz zu laufen würde mir jetzt sicherlich nicht schaden…





    „Stimmt irgendetwas nicht? Du bist heute den ganzen Tag bereits schon so komisch.“



    „Auch nicht mehr als sonst auch. Das bildest du dir ein.“



    Marie war nicht entgangen, dass etwas vorgefallen sein musste.



    „Hab ich einen Pickel oder warum versuchst du krampfhaft mir nicht ins Gesicht zu schauen?“



    „Was heißt hier krampfhaft? Und überhaupt bin ich schon immer der schüchterne Typ gewesen. Manchmal habe ich eben meine bunten fünf Minuten.“



    Bitte, Marie. Je weniger du weißt, umso besser.



    „Als Kind hatte ich einen Welpen. Immer, wenn er etwas ausgefressen hatte, konnte er mir auch nicht in die Augen schauen.“



    „Ich habe nichts ausgefressen, angestellt oder mir sonst was geleistet. Ich bin eben einfach ein komischer Kauz.“



    Angestellt hatte ich ja wirklich nichts. Aber meine Phantasie schlug eben unangebrachte Blasen. Kein Wunder, wenn man plötzlich die Hauptfigur in einem Pornoroman war. Ich war eben noch in der Pubertät und hatte Marie bisher noch nie als Frau wahrgenommen. Hoffentlich konnte ich mir das wieder abgewöhnen. An und für sich war es ja nichts Schlimmes, eigentlich etwas völlig Natürliches und sogar sehr Schönes, was sich vor meinem geistigen Auge abspielte. Solange es dort blieb war alles in Butter. Aber es ärgerte mich, dass Marie plötzlich zu einer Phantasie von mir geworden war. Wie konnte ich ihr da noch ins Gesicht schauen, wenn ich gleichzeitig Unzucht mit ihr trieb? Wir Männer waren manchmal schon arme Schweine…



    Der Heimweg war mir schier endlos vorgekommen. Ich hatte das Gefühl, dass jeder ernste Blick der restlichen Passagiere in der Bahn mir galt um mich zu verurteilen. Wenigstens daheim würde ich meine Ruhe finden können. Erst würde ich den übriggebliebenen Abwasch erledigen, dann meine überschüssige Energie beim Kochen entladen. So, wie es sein sollte.



    Ich ging in die Küche, aber von dreckigem Geschirr war da keine Spur. Es war nahezu alles peinlich sauber. War das etwa Dai gewesen?



    Ich ging durch das Haus um mich bei ihr zu bedanken, aber es war keine Spur von Akihiros Cousine zu finden. War sie etwa ausgegangen? Da hörte ich, wie sich im Schloss der Haustür ein Schlüssel drehte. Das musste sie sein. Ein warmer Sonnenstrahl glitt durch einen Spalt ins Haus, dann war bereits Dai zu sehen. In ihren beiden Händen trug sie prall gefüllte Einkaufstüten.



    „Warte, lass mich dir das abnehmen. Hast du etwa das Einkaufen übernommen?“



    Eine ziemlich blöde Frage von mir, aber etwas besseres fiel mir in dem Moment eben nicht ein.



    „Ich dachte, wir könnten heute Abend vielleicht frittiertes Hähnchen machen. Reis und Kartoffeln waren auch alle, da bin ich eben losgezogen…“



    Ich war ehrlich gerührt, dass Dai sich dermaßen anfing Mühe zu geben. In Ermangelung von Worten fing ich an ihr den Kopf zu tätscheln.



    „Lass das… …das ist mir peinlich…“



    Zugegeben, sie hatte nicht unrecht. So etwas gehörte sich vielleicht zwischen Eltern und ihrem Kind, aber nicht zwischen Hausbesitzern und ihren Gästen. Ich ließ von ihr ab und trug die Lebensmittel in die Küche. Eine Frage aber hatte ich noch.



    „Aber es war doch kaum noch Geld in der Haushaltskasse. Wie hast du das alles dann bezahlt?“



    „Als ich vierzehn geworden bin habe ich von meinen Eltern eine eigene Kreditkarte bekommen. Normalerweise gebe ich sie sonst nur für Klamotten und ähnlichen Kram aus, aber ich wollte mich einfach mal bei dir für alles bedanken.“



    Ging das denn, dass ich mich von Dai einfach so einladen ließ? Sicher, bei Akihiro war das nie ein Thema gewesen, aber das war ja auch etwas ganz anderes. Wir waren beinahe so etwas wie Brüder, aber Dai war ebenso wie Marie mein Gast. Wenn, dann hätte Akihiros Familie Geld locker machen müssen und nicht Dai. Mir war das ganze ziemlich unangenehm…



    „Hör mal, Dai, ich…“



    „Dai, bist du etwa schon einkaufen gewesen? Das ist ja toll. Ich hatte schon befürchtet, es würde deswegen mit dem Abendessen heute später werden. Vielen, vielen Dank. Das war furchtbar lieb von dir.“



    Marie hatte keine Probleme mit Dais Handeln gehabt. Ich haderte zwar noch mit mir, beschloss aber, es auf sich beruhen zu lassen. Warum sollte ich deswegen ein Fass aufmachen? Ich würde in Zukunft einfach irgendwie dafür sorgen müssen, dass es immer genug Bargeld im Haus geben würde, damit Dai nicht für uns aufkommen müsste. Vielleicht übertrieb ich in meiner Sorge, aber ich fand es einfach unangenehm mich von jemandem aushalten zu lassen, der jünger war als ich…





    So gut hatte es mir lange nicht geschmeckt. Kaum zu glauben, dass Dai als Anfängerin instinktiv dermaßen gutes Hühnerfleisch ausgewählt hatte. Viele Hausfrauen machten den Fehler und wählten etwa vormarinierte Fleischstücke, weil sie dachten, es würde ihnen Zeit ersparen. Dabei war das ein beliebter Trick von Metzgern und Supermärkten um Ladenhüter loszuschlagen. Und selbst unter der unbehandelten Ware gab es oft flachsigen und trockenen Ausschuss. Normalerweise erforderte es dafür ein geschultes Auge. Dai war entweder ein Naturtalent oder hatte einfach ein glückliches Händchen. Vielleicht sollte ich mir von ihr einen Lottoschein ausfüllen lassen…



    „Puh, das war einfach nur herrlich. Danke Dai. Langsam muss ich echt aufpassen, sonst muss ich meine Schuluniform noch ein paar Nummern weiter machen lassen…“



    „Ich glaube nicht, dass die Kalorien bei dir auf die Hüften wandern…“



    Wo Dai recht hatte… Ich war momentan viel zu satt um mich groß mit Maries Körperbau zu beschäftigen oder auch nur daran zu denken. An Frauen war mehr dran als ihre Oberweite. Punkt. Diese stach einem zwar zuerst in die Augen, aber Dai sollte nicht glauben, dass sie deswegen weniger wert war. Ich beschloss, ihre Bemerkung (vorerst) als unschuldige Spitze abzutun, war mir aber nicht sicher, ob Dai nicht doch mit Marie zu konkurrieren versuchte. So beschloss ich das einzige zu tun, was ich in dieser Situation tun konnte: abräumen und Ordnung schaffen…





    Freitagnachmittag. Endlich schulfrei und zwei Tage ausspannen. Akihiro wollte am Abend vorbeikommen, damit wir gemeinsam wieder ein wenig zocken konnten. Wir hatten Dai noch nichts davon erzählt, hofften aber, dass sie mitmischen würde. Marie war ebenso ein essentieller Anteil unseres Erfolgs. Dank ihrer Fähigkeiten als Scout war aus Akihiro ein passabler Spieler im kompetitiven Bereich geworden. Sie ergänzte ihn wirklich wunderbar.



    Einzig bei den Snacks wurde es kompliziert. Für mich und Akihiro gab es meine berühmten Fertig‑Ramen, Dai würde sich zur Not auch noch damit begnügen, aber was sollte ich für Marie aufwarten? Sicher, sie hatte gesagt, sie würde sich langsam um ihre Figur sorgen, aber wie ernst sollte man diese Aussage nehmen? Selbst wenn sie etwas Speck ansetzte war das egal, sofern sie sich gesund ernährte. Wie wäre es etwa mit Heißluftpopcorn? Kein Fett, allerdings enthielt es Salz oder Zucker. Weintrauben? Ebenfalls zu viel Zucker. Zugegeben, das bereitete mir ein wenig Kopfschmerzen. Aber mir würde schon noch etwas bis heute Abend einfallen.



    Marie war losgezogen, um wieder ein wenig zu laufen. Dai dagegen hing daheim rum und las Manga. Sie war eben nicht der sportliche Typ, auch wenn man ihr das nicht ansah. Hauptsache, sie würde sich bis zum Montag noch gut erholen. Da sie zwei Jahre jünger als der Rest von uns war musste sie noch in die Mittelschule. Es wäre leichter gewesen wäre sie bereits alt genug für die Oberschule, so konnten wir ihr nur aus der Ferne moralische Unterstützung leisten. Hoffentlich ging alles glatt… Wie kamen andere „Eltern“ eigentlich mit so einer Situation zurecht? Im Großen und Ganzen lief bei uns ja alles glatt, aber manchmal wäre es schon ganz praktisch gewesen, wären meine Eltern öfter mal in Japan, als in der restlichen Welt. Außerdem wussten sie ja noch gar nichts von meiner Wohngemeinschaft, also konnte ich auch schlecht am Telefon Rat von ihnen einholen. Meinem letzten Wissenstand zufolge waren sie gerade im Hochland von Oimjakon unterwegs, bevor sie nach Mawsynram in Indien weiterziehen wollten. Wohin auch sonst.



    Ich war im Gegensatz zu Akihiro schon in der Mittelschule äußerst unbeliebt gewesen. Aber wer brauchte schon Menschen, wenn es Games gab? Gab ich mir beim Fußball alle Mühe im Tor den schärfsten Bällen auszuweichen, war ich auf dem digitalen Rasen der Torjäger. Vielleicht hätte ich ja als Trainer mehr Erfolg gehabt. Wir werden es wohl nie erfahren…



    Da das Schuljahr schon angefangen hatte musste sich Dai wohl oder übel in eine bereits vorhandene Klassengemeinschaft integrieren. Bei der fröhlichen, unbekümmerten Dai aus meiner Vergangenheit hätte ich auch keinerlei Bedenken geworden. Aber Dai hatte mittlerweile eher an nischigen Themen Interesse entwickelt, da war es nicht unbedingt leicht auf Gegenliebe zu stoßen. Ich wusste, wovon ich sprach. Akihiro war von diesem Schicksal verschont geblieben, da er seine Maskerade perfekt aufrechterhielt. Da konnte ihm selbst unsere Freundschaft keinen Schaden zufügen. Ich fand allerdings, dass Dai sich nicht verbiegen sollte um Anschluss zu finden. Lieber nur wenige Freunde, dafür aber echte.



    Ich hatte mich mittlerweile dafür entschieden für Marie Apfelchips zum Knabbern herzustellen. Simple im Ofen getrocknete Apfelscheiben ohne irgendwelchen Firlefanz. Die schmeckten auch, waren aber kein Widerspruch zu einer schlanken Linie. Auch wenn Marie sich meiner Meinung nach unnötig Sorgen machte…



    Aber was wollten wir heute eigentlich spielen? Das Zombiegame, das ich mir letztens mit Dai gegeben hatte kam jedenfalls nicht in Frage. Wenn Akihiro herausfand, dass ich Dai mit so etwas in Kontakt brachte war Feuer unterm Dach. Akihiro war von seiner Natur her eigentlich Pflanzenfresser, aber selbst Faultiere wurden mitunter unerwartet aggressiv, wenn sie ihren Nachwuchs bedroht sahen. Und für ihn war Dai immer so etwas wie eine kleine Schwester gewesen und er sah wohl auch deswegen immer noch ein Kind in ihr, dass er beschützen musste. Egal, wie unnötig das in diesem Fall auch war.



    Was sah ich eigentlich in ihr? Eine simple Mitbewohnerin jedenfalls nicht, dafür war sie mir zu wichtig. Auch ich war dazu bereit für sie in die Schlacht zu ziehen, allerdings musste dafür so wie letztens wirklich Not am Mann sein. Sie vor Pixeln bewahren zu müssen war wirklich zu extrem. Geschweige denn, dass es Akihiro war, der Untote nicht abkonnte. Er war so etwas wie eine Glucke, die sich auch dann noch auf ihren Nachwuchs hocken würde, wenn bereits ein stattliches Huhn aus ihm geworden war. Ein weiterer Grund warum es besser für sie war, dass sie bei mir Unterschlupf gefunden hatte. Ich ließ ihr ihren persönlichen Freiraum, auch wenn es schwerfiel. Sie sollte einmal selbstständig ihr Leben gestalten können und nicht mit Vierzig noch bei ihren Eltern auf der Couch sitzen und Reality TV gucken. Das war nur möglich, wenn man ihr nicht alles aus der Hand nahm, sondern sie soweit als möglich als gleichberechtigtes Mitglied eines Haushalts behandelte.



    Ich hatte mittlerweile alles vorbereitet, wobei Dai mir hilfreich zur Hand gegangen war. Sicher, bei den Snacks gab es für sie nicht viel zu tun, aber sie war so nett gewesen eigens noch loszuziehen um unseren Getränkevorrat aufzustocken, damit wir genug Zeit hatten, alles gut einzukühlen. Nichts gegen heiße Getränke, aber warm waren nur die wenigsten Flüssigkeiten genießbar. Wasser, Limo und Saft gehörten definitiv nicht dazu. Und es gehörte sich schlichtweg nicht auf dem Schlachtfeld eine Tasse Tee zu trinken.



    Dai schmökerte noch etwas in ihrem Manga, während Marie nach dem Laufen ihren verschwitzten Körper im Badezimmer wusch… Halt, jetzt kein Kopfkino. Langsam begann die Erinnerung an Hisakawas Roman zu verblassen, da brauchte ich keinen neuen Input. Besser ich traf die Auswahl für den heutigen Abend. Vielleicht etwas Lockeres um in Stimmung zu kommen. Da gab es diese Sammlung von Minispielen, in denen man gegeneinander antrat: „Giovanni Party“ von Tinnendo. Nicht das Anspruchsvollste aus meiner Kollektion, aber Spaß gab es bei diesen freundschaftlichen Rivalitäten eigentlich immer. Wahrscheinlich würde ich sogar Marie zur aktiven Teilnahme daran überreden können. Aber wenn es danach ernster werden sollte gab es eigentlich nur ein Spiel, dass von allen gleichermaßen genehmigt werden konnte: „RougH“



    Außerdem stand in nicht allzu ferner Zukunft das große Online-Event an, also tat es Not, dass wir unsere Fähigkeiten darin weiter schärften. Besonders, da dafür spezielle Regeln angekündigt worden waren, die allerdings erst bei dem Event selbst verkündet werden sollten. Besonders Akihiro und ich, die wir aktiv mit unserer Gilde daran teilnahmen, durften keine Schwäche zeigen. Mit Katsu würden wir zwar definitiv gut darin abschneiden, aber die Vergabe der errungenen Gegenstände erfolgte intern nach erbrachter Leistung. Dass Katsu das beste Stück erhielt war demnach unvermeidbar, aber auch das zweite, und mit Abstrichen das drittbeste, waren für zukünftige Schlachten nicht von der Bettkante zu schubsen. Gerade Akihiro würde ich es gönnen, wenn er deutlich besser abschnitt als Osamu.



    Innerlich hegte ich immer noch ein wenig Groll gegen ihn, nachdem er Akihiro einfach ersetzen wollte. Eine kleine Lektion in Sachen Demut würde ihm definitiv nicht schaden. Mit Marie an seiner Seite hatte er gute Karten und wenn ich mein eigenes Ranking hintanstellte um Akihiro zum zweiten Platz bei uns zu verhelfen wäre das unbestritten ein Denkanstoß für Osamu, wie schnell man sein Ansehen einbüßen konnte.



    Aber im Moment waren das noch Wunschträume. Heute sollte es einfach nur ein geselliger Abend unseres Freundeskreises werden, quasi als Belohnung dafür, wie sehr wir immer für uns einstanden. Es musste ja nun wirklich nicht immer ein Debakel das andere jagen…





    18.30 Uhr. Ich und mein Weibervolk hatten gerade zu Abend gegessen. Eigentlich wollten wir auch gerne Akihiro einladen, aber das gemeinsame Abendessen war seinen Eltern heilig. Es war mehr so etwas wie eine Zeremonie um familiäre Einigkeit und Stärke zu verkörpern. Nicht, dass auch nur irgendetwas daran Spaß machen würde. Ausnahmen wurden nur selten genehmigt, dafür reichte nicht einmal der Besuch bei einem angehenden Toudai-Studenten als Grund. Dai, die nur einem Nebenzweig entstammte, zählte nicht zum inneren Kreis. Auch ein Grund, warum sie bei mir Unterschlupf nehmen durfte. Keine Ahnung, wie Akihiro seine geistige Gesundheit erhalten konnte.



    Dai und ich spülten gemeinsam das Geschirr, Marie trocknete ab. Es war nicht allzu viel und von daher auch leicht alleine bewältigbar, aber es hatte einen positiven, sozialen Aspekt die Hausarbeit als Familie zu erledigen. Familie, ja mit diesem Begriff konnte ich für unsere WG gut leben. Ob Dai und Marie diesen Begriff wohl auch für uns wählen würden? Wir mochten uns und konnten gut miteinander, viele Blutsverwandte waren da anders. Es hieß zwar, Familie konnte man sich nicht aussuchen, aber es hatte unbestreitbare Vorteile, wenn man es dennoch tat.



    Ich war mit meinem Leben als Einsiedler immer ganz zufrieden gewesen und war auch gut allein zurechtgekommen, aber Nestwärme war einfach nur schön. Irgendwann würden sich unsere Wege auch wieder trennen müssen, spätestens wenn Marie, Akihiro und ich auf unterschiedliche Unis gingen, sofern mich überhaupt eine annahm, aber das war ein Problem für den Minato der Zukunft. Im Moment konnte ich nicht anders als einfach nur zufrieden zu sein, den üblichen Stolpersteinen des Lebens zum Trotz.



    Das Summen der Türklingel riss mich aus meinen poetischen Gedanken. Vielleicht auch besser so, bevor ich noch schmalziger wurde. Ich öffnete und ließ Akihiro herein.



    „Hast du das Abendessen gut überstanden?“



    „Hör mir bloß auf. Wenn man gegen die große Schwester nur wegen seines Y-Chromosoms anstinken kann und man ansonsten nur zweite Wahl ist überlegt man schon, ob es zu spät für eine Adoption ist. Wenigstens gehört das Wochenende jetzt mir.“



    „Neidisch?“



    „Weil du ohne elterliche Aufsicht mit zwei hübschen Mädchen zusammenwohnen darfst? Sicher nicht.“



    „Spinner. Vergiss nicht, eine der beiden ist deine Cousine.“



    „Bleibt immer noch die hübsche Austauschschülerin. Sieh es ein, dein Leben ist bedeutend besser als meins. Wenigstens bleibt mir noch mein gutes Aussehen.“



    „Fragt sich nur, wie lange noch. Trägt dein Vater nicht Halbglatze? Soweit ich weiß ist Haarausfall erblich.“



    „FALLS ich eine Glatze kriege liegt das nur am Testosteron. Ich bin einfach viel männlicher als du.“



    „Und trotzdem versteckst du dich bei mir vor deinen Eltern…“



    Daraufhin verpasste mir Akihiro einen leichten Schubs gegen die Schulter. Ich ließ mich nicht lange bitten und konterte mit einem leichten Kick gegen seinen Allerwertesten. Daraufhin hatten wir beide die gleiche Idee und versuchten uns gegenseitig in einen Schwitzkasten zu nehmen.



    „Gibst du auf?“



    „Von wegen. Bevor du mich dazu bringst hast du schon zwei Mal abgeklopft.“



    „Ähem…“



    Während wir noch versuchten den Kopf des jeweils anderen mit unserem Arm zu umschlingen waren Marie und Dai zu uns ins Zimmer gekommen. Wohl wegen des Lärms. Dai kannte unsere unsinnigen Männlichkeitsrituale bereits von früher und wirkte eher gleichgültig. Marie dagegen hatte ihre Arme ineinander verschränkt und schüttelte bewusst überzogen den Kopf.



    „Können wir euch vielleicht irgendwie helfen oder sollen wir eine Aufsichtsperson holen?“



    „Das ist nur, weil… Minato braucht manchmal einfach eine strenge Hand.“



    „Von wegen. Akihiro ist ein noch viel größerer Kindskopf. Ihr beiden wisst doch, wer von uns beiden der Vernünftigere ist.“



    „Egal ob Europa oder Asien, Männer sind wohl überall gleich unreif. Oder was denkst du, Dai?“



    Dai nickte nur und rückte ihre Brille zurecht. Alles in allem war es einem ziemlich peinlich, wenn man dabei beobachtet wurde, wie man sich zum Affen machte. Das einzig Gute daran war, dass der ansonsten so tadellose Akihiro im Moment nicht um einen Deut besser dastand, als ich…



    Schließlich ließen wir beiden Kindsköpfe es gut sein und entließen unsere Hälse in die Freiheit. Sicher hatte Marie recht und wir hatten uns reichlich unreif verhalten, aber freundschaftliches Rangeln tat manchmal einfach gut. Mädchen waren einfach geschickter darin ihre gegenseitige Zuneigung auszudrücken. So etwas war mit einem zweiten X-Chromosom vielleicht einfacher oder es lag einfach nur an der Erziehung.



    Wie dem auch war, den Rest des Abends sollten Raufhändel besser nur elektronisch ausgetragen werden. Es wäre auch eine zivilisiertere Art der Kriegsführung gewesen, so denn etwas wie Kriege überhaupt als zivilisiert zu bezeichnen waren. Zumindest wären Unschuldige vor „globalen Konfliktsituationen“ in Sicherheit gewesen. Waffen waren Schwachsinn und sollten nur digital existieren.



    Akihiro war so nett gewesen und hatte bereits im Vorfeld zwei weitere Controller für unsere weiblichen Familienmitglieder besorgt, damit niemand, wenn auch nur zeitweise, zum Zusehen verdammt war. Ich bestätigte das Icon für „Giovanni Party“ auf dem Bildschirm und es konnte losgehen. Jeder von uns wählte einen Charakter und der Spaß konnte beginnen. Während Marie beinahe klischeehaft eine Prinzessin wählte, hatte ich mich für den Fliegenpilz entschieden. Er war weder besonders groß oder kräftig, noch sah er nach jemandem aus, der als attraktiv gelten würde. Mein Charakter war einfach eher der unscheinbare Typ von nebenan, mit dem man ab und zu Spaß haben konnte. Das saß wie die Faust auf Auge. Akihiro hatte sich für den großgewachsenen Bruder des Hauptcharakters Giovanni namens Giuseppe entschieden, weswegen Dai Giovanni selbst auswählte.



    Damit konnte es losgehen. Nacheinander durfte jeder Spieler den Würfel rollen, wodurch der nächste Wettkampf und das Voranschreiten des Spiels bestimmt wurden. Einmal maßen wir uns im Angeln, machten einen Wettlauf, wichen herabfallenden Steinblöcken aus und anderen liebevoll gestalteten Aufgaben. Wie gesagt war es kein Spiel, das Stadien füllen würde, aber es war einfach nur lustig, wie wir manchmal zu diskutieren begannen, ob wirklich alles mit rechten Dingen zuging oder das Game nicht doch manchmal einen von uns bevorzugen würde. Der Endstand nach neunzig Minuten sah aus wie folgt: Platz vier gehörte Akihiro, relativ knapp davor kam ich, die sehr solide Silbermedaille gehörte Dai und ausgerechnet die Person mit der geringsten Erfahrung von uns allen hatte uns düpiert, nämlich Marie.



    War das ein Omen für das große Onlineevent in „RougH“? Umso mehr mussten wir dann jetzt üben. Marie hielt nichts von taktischer Kriegsführung in einer Fantasy-Welt und nahm ihre gewohnte Position als Akihiros Augen ein. Da Katsu aus unbekannten Gründen keine Zeit für unser Training, und dieses wohl auch nicht nötig hatte, übernahm Dai interimsweise den freigewordenen Platz in unserer Gilde. Hätte Osamu gewusst, dass sie und Akihiro Verwandte waren hätte er wohl nur fassungslos mit den Augen gerollt, so aber versuchte er seinen Charme via Headset bei ihr spielen zu lassen. Kein Wunder, in „RougH“ traf man deutlich häufiger ein Einhorn, denn ein echtes Mädchen. Es gab viele weibliche Krieger, aber dahinter verbargen sich mit 99 %iger Wahrscheinlichkeit einsame, ledige Männer. Aber das ging schließlich niemanden was an. Solange wir uns alle an (sämtliche) Spielregeln hielten war „RougH“ eine Welt für alle Menschen, ungeachtet jeglicher Restriktionen.



    Ein Problem allerdings war, dass Dai bisher keine eigene Figur erschaffen oder hochgelevelt hatte, sprich sie musste einen Gastcharakter nehmen ohne wirkliche spezifische Eigenschaften. Das war ein nicht unwesentlicher Nachteil. Egal, ob man sich nun einen Krieger, Zauberer oder Elf erschuf: jede Klasse hatte ihre individuellen Vor- und Nachteile, die Gastcharaktere waren allerdings in jeglicher Hinsicht nur Durchschnitt und noch nicht mal gehobener. Graue Kleidung, graue Aura und gräuliche Gesichter waren ihre „Markenzeichen“. Kein Wunder wurden sie von den Stammspielern nur belächelt und als Rattenwesen bezeichnet. Nicht sehr schmeichelhaft. Die Welt von „RougH“ war in die verschiedensten Farben getaucht und sollte damit interessierte Gamer anhalten sich lieber einen richtigen Charakter zu formen, statt eines seelenlosen Datenklumpens. Aber dafür fehlte es uns nunmehr an der Zeit. Außerdem war Dai, wie gesagt, „nur“ Katsus Vertretung.



    Unser erstes Duell lieferten wir uns mit einer in Amerika beheimateten Gilde, die etwa auf dem gleichen Niveau rangierte wie wir selbst. Doch trotz ähnlichen Rankings konnten wir uns in punkto Taktik nicht mehr unterscheiden. Während die „Iron Blades“ ein grundsätzlich strategischeres Vorgehen bevorzugten und zu Beginn unsere Gegner eher erst abtasteten, setzten die Amis auf brachiale Gewalt und versuchten uns bereits nach nur wenigen Momenten in die Knie zu zwingen. Sie stürmten unser Revier geradezu mit Magie auf hohem Niveau und verwandelten unsere Wälder mit ihren Drachen in ein flammendes Inferno. Sicher, offiziell war ein solches Vorgehen erlaubt, eigentlich aber gehörte es zu den ungeschriebenen Regeln, sich auch in einer Schlacht gegenseitig mit Respekt zu begegnen.



    Wir gerieten von Anfang an gehörig unter Druck und hatten gut damit zu tun die Invasoren in Schach zu halten. Marie tat ihr Möglichstes Akihiro stets auf dem neuesten Stand zu halten, aber der Kampf war eine Hölle, wie es sie in „RougH“ nur selten gegeben hat. Schmerzlich wurden wir daran erinnert, wie sehr wir von Katsu abhängig waren. Yu schied als erster aus, kurz darauf folgte ihm Osamu, also befanden sich die verbliebenen Krieger der „Iron Blades“ nun allesamt in unserem Zuhause. Die Headsets waren damit eigentlich überflüssig, aber wir hatten im Moment wirklich andere Sorgen.



    Dai hielt trotz ihres großen Handicaps erstaunlich gut mit und dagegen und auch ich tat was ich konnte um möglichst viel unseres Terrains zurückzugewinnen. Allerdings waren dank ihrer Drachen flammendheiße Angriffe aus der Luft möglich, was uns in eine zusätzliche Bredouille brachte. Normalerweise waren unsere metallenen Rüstungen ein guter Schutz vor Pfeilen und Hieben mit Klingen. Da das Feuer sie jedoch übermäßig erhitzte schmolzen unsere Energieleisten wie Butter in der Sonne. „RougH“ war an manchen Stellen wirklich erstaunlich detailverliebt programmiert worden.



    Zu sagen es sah nicht gut aus wäre eine romantische Verklärung der Tatsachen gewesen. Wir konnten von Glück sagen, wenn wir danach im Ranking nicht gleich um zig Plätze zurückgestuft wurden. Plötzlich war auch Akihiros Energieleiste erloschen. Aber wieso? Eigentlich hatte er sich bis jetzt doch ganz gut gehalten.



    „Spinnst du? Was soll der Scheiß? Ich hatte doch alles im Griff.“



    Was hatte Dai auf einmal?



    „Hätte ich einfach zusehen sollen, wie der Typ dich von hinten eliminiert?“



    Jetzt ergriff auch Akihiro das Wort.



    „Denkst du, das hätte ich nicht gesehen? Der hätte niemals damit gerechnet von so einem Witzcharakter in eine Falle gelockt zu werden. Jetzt ist mein ganzer Plan im Eimer.“



    Ein interner Streit war das Letzte, was wir jetzt gebrauchen konnten. Aber ich war zu sehr damit beschäftigt Widerstand zu leisten, als dass ich jetzt hätte schlichten können.



    Da! Jetzt war es passiert. Weil Dai sich nicht mehr auf das Spiel konzentrierte hatte Akihiros Assassin leichtes Spiel und konnte auch ihren Charakter zu den Ahnen schicken. Ich sah mich mit einem Mal der immer noch vollständigen transatlantischen Übermacht gegenüber... Schluss, aus und vorbei. Die „Iron Blades“ hatten eine vernichtende Niederlage hinnehmen müssen.



    „Verdammt. So brauchen wir uns bei dem Event gar nicht erst blicken lassen.“ tönte Osamu aus dem Headset. „Wir haben uns aufgeführt wie die hinterletzten Versager. Akihiro, dich für jemand anderen zu opfern ist vielleicht unfassbar edel von dir, aber wenn du das ohne Absprache durchziehst bringt das gar nichts.“



    „Hätte ich zusehen sollen, wie sie vor meinen Augen einfach abgeschlachtet wird?“



    „Vielleicht übersiehst du hier was Wesentliches: ‚RougH‘ ist ein Videospiel. Wenn sie besiegt wird können wir sie nach dem Kampf ganz einfach wiederbeleben. Du solltest das eigentlich am besten wissen.“



    „Ach, was weißt du denn schon. Du bist doch lange vor mir im Gras gelegen.“



    „Bild dir mal bloß nichts darauf ein. Das war das erste Mal, dass du länger durchgehalten hast als ich. Herzlichen Glückwunsch auch. Mach so weiter und du verlässt das Schlachtfeld vielleicht sogar einmal auf deinen eigenen Beinen.“



    „Ach, hab mich doch gern. Wenn du meinst, dass du so viel besser als wir anderen wärst, dann mach doch bei dem Event alleine mit.“



    Unsere Gilde hatte zuvor schon einige Risse gehabt, aber das hier hatte eindeutig eine andere Qualität. War unsere Moral wirklich so sehr von Katsus Teilnahme abhängig?



    Plötzlich ploppte eine Nachricht auf unserem Bildschirm auf. Von Katsu. Schlimmer konnte es jetzt ohnehin nicht mehr werden, also öffnete ich sie umgehend.



    „An die Mitglieder der Iron Blades,



    leider werde ich an dem Online-Event in ein paar Wochen aus unvorhergesehenen Gründen nicht teilnehmen können. Um die Wahrheit zu sagen weiß ich im Moment nicht einmal, ob ich euch je wieder werde unterstützen können…“

  • Kapitel 8 - "Schadensbegrenzung"


    „Was möchtet ihr trinken, Männer?“



    „Danke, wir warten noch auf zwei Freunde.“



    Die üppig gebaute, blonde Kellnerin nickte und ging zu einem anderen Tisch. Akihiro und ich saßen in unserem Stammlokal und warteten auf das Eintreffen von Yu und Osamu.



    „Hast du deine Meinung geändert, Akihiro? Ich meine, viel Zeit haben wir nicht mehr.“



    „Du weißt doch selbst am besten, dass Dai sich jetzt voll und ganz darauf konzentrieren muss, den verpassten Stoff nachzuholen. Daneben noch einen Charakter auf Turnierniveau zu leveln macht da absolut keinen Sinn.“



    Akihiros Bedenken waren nicht von der Hand zu weisen. Dennoch vertrat ich meinen Standpunkt.



    „Davon redet ja auch keiner. Aber wenn Yu, Osamu und ich uns abwechseln, könnten wir das für sie übernehmen. Sie müsste dann lediglich an dem Sonntag, an dem das Turnier stattfindet, antreten. Du hast doch selbst gesehen, wie gut sie bereits mit dem Rattenkrieger war. Mit einem professionellen Charakter könnte sie uns echt aus der Klemme helfen, jetzt, wo Katsu ausgestiegen ist.“



    „Ist das echt dein Ernst?“



    „Ehrlich gesagt, ja. Sogar ich weiß, wie wichtig Schule sein kann, aber wenn du sie an ihren Schreibtisch ketten willst, könnte sie auch gleich bei euch wohnen. Hin und wieder eine kleine Ablenkung muss einfach drin sein. Selbst, wenn wir nichts davon hätten. Das musst du doch am besten verstehen.“



    Akihiro sagte darauf erstmal nichts. Sicher wollte er seine Cousine nicht zu seinem Vorteil ausnutzen. Erst recht nicht auf Kosten ihrer Bildung. Aber Dai mochte Videospiele genauso wie wir und bevor wir letztens aneinandergerieten hatte auch sie sichtlich Spaß an „RougH“ gefunden. Warum also ihr die Teilnahme am Event verbieten, wenn sie es wollte und sie sich die Belohnung für ihre Fortschritte verdient hatte?



    „Seid gegrüßt, Waffenbrüder.“



    Osamu hatte das Lokal betreten und war gemeinsam mit Yu an unseren Tisch gekommen. Yu war wohl von Osamus Gruß überrumpelt worden und erhob erst einmal nur die Hand. Sofort stand auch die üppige, blonde Kellnerin wieder an unserem Tisch und wiederholte ihre Phrase.



    „Was möchtet ihr trinken, Männer?“



    „Ich nehme einen Krug Stärke-Met.“



    „Für uns bitte nur zwei Gläser Wolfsmilch.“



    Yu verneinte nur stumm mit einer leichten Bewegung seines Kopfes.



    Stärke-Met war mit Abstand das teuerste Getränk auf der Karte und kostete gut 3 Edelsteine. Bei häufigerem Genuss sollte es allerdings den Energieverlust bei Kampfwunden um ein Drittel reduzieren. Der Vorteil war nicht von der Hand zu weisen. Allerdings hatten es Akihiro und ich nicht so dicke und nahmen daher nur eine Milch, die die Aura von Flüchen reinigen sollte. Je eine Bronzemünze war auch für uns erschwinglich. Osamu verbrachte deutlich mehr Zeit in dieser Welt als wir es konnten und hatte von daher einiges an Geldeswert an sich bringen können.



    „Dass Katsu uns einfach so im Stich lässt ist einfach nur eine Riesensauerei von ihm. Der soll sich noch mal hierherwagen. Dann…“



    „…wirfst du dich vor ihm in den Staub und bittest ihn um Entschuldigung?“



    Akihiro war heute ungewöhnlich auf Krawall gebürstet und kaufte seinem Rivalen den Schneid ab. Aber auch Osamu war kein Kind von Traurigkeit, was das anging.



    „Willst du mir damit vielleicht irgendetwas sagen?“



    „Nichts, was wir nicht alle ohnehin schon wüssten. Selbst wenn wir vier gegen ihn kämpfen würden sähen wir keine Sonne. Also bringt es nichts auf dicke Hose zu machen, wenn er mit uns allen problemlos den Boden aufwischen würde.“



    „Eure Getränke, Männer. Auf dass sie euch bekommen mögen.“



    Die seelenlose Kellnerin war wiedergekommen und stellte alles vor uns ab. Offensichtlich entsprach ihr über die Maßen weibliches Design den Sehnsüchten unterdrückter Programmierer. Aber dafür hatte jetzt keiner von uns einen Sinn.



    „Sei bloß vorsichtig, Akihiro. Vielleicht kann ich es nicht mit Katsu aufnehmen, aber dich krieg ich auf jeden Fall kleingehäckselt. Wir können uns gleich gerne auf dem Kampffeld treffen.“



    Tatsächlich machte Akihiro Anstalten von seinem Stuhl aufzustehen. Keine gute Idee. Ohne Maries Augen waren seine Fähigkeiten tatsächlich ziemlich eingeschränkt. Also beschloss ich das Wort zu ergreifen, bevor es noch zu Schlimmerem kam.



    „Leute, beruhigt euch bitte. Unsere Situation mag im Moment vielleicht aussichtslos erscheinen, aber vergesst bitte nicht, dass wir die „Iron Blades“ bereits gegründet hatten, bevor wir Katsu überhaupt kannten. Und damals waren wir auch nicht unbedingt die Schlechtesten.“



    Ich bemühte mich redlich, die internen Streitigkeiten zu glätten. Allerdings hatte ich nicht wirklich Hoffnung, was das anging. Dafür stießen Akihiro und Osamu viel zu häufig ihre Köpfe gegeneinander.



    „Ist das tatsächlich alles, was wir sein wollen? ‚Nicht die Schlechtesten‘? Vielleicht hast du es vergessen, aber das kommende Turnier beschränkt sich nicht nur auf Teilnehmer aus Japan. Es ist geöffnet für Teilnehmer vom ganzen Kontinent. Sehr wahrscheinlich werden wir es mit Konkurrenten zu tun bekommen, die einen völlig anderen Stil haben, als wir es gewohnt sind. Wenn wir nur ein wenig besser als der absolute Bodensatz sind gehen wir unter. Harmlos ausgedrückt. Sicher, auch mit Katsu war Platz eins ein fernes Ziel. Aber alles was schlechter ist als die oberen zehn Prozent wäre einfach eine Demütigung nach allem, was wir uns aufgebaut haben. Und auch wenn ich zugeben muss, dass sich Akihiro unter deinem Training merklich verbessert hat, ist das viel zu wenig. Erst recht gerade jetzt. Außerdem kennen wir noch nicht einmal die Regeln während des Events.“



    Akihiro öffnete sein Menü und durchsuchte seine Ausrüstung nach einer geeigneten Waffe. Er schwankte zwischen einem Drachenschwert und einer magieabweisenden Hellebarde.



    „Muss das wirklich sein? Ihr beide konntet euch ja von Anfang an nicht riechen, aber das geht jetzt echt zu weit. Wenn wir anfangen gegeneinander zu kämpfen können wir uns auch gleich auflösen. Aber dann war es das mit dem Event. Vergesst nicht, jede Gilde muss aus mindestens fünf Mitgliedern bestehen. So schnell kriegt ihr kein fähiges Team mehr auf die Beine gestellt. Also lasst uns jetzt auf das eigentliche Problem konzentrieren, statt künstlich neue zu schaffen.“



    Meine Rede zeigte Wirkung. Akihiro, der dazu bereit war einen Morgenstern aus besonders schwerem Eisen zu ziehen, schloss sein Menü und leerte stattdessen seine Wolfsmilch in einem Zug.



    „Was ist denn mit dem netten Mädel, das neulich den Rattencharakter genommen hat? Die war doch ganz fähig. Wenn wir die überreden könnten, das wär doch was. Ich schmeiße danach auch eine kleine Siegesparty bei mir. Alles ganz real…“



    „Ich lass dich nicht einmal auf hundert Kilometer an sie rankommen. Ich krieg das Kotzen, wenn ich mir deine schmierigen Hände auch nur ansatzweise in ihrer Nähe vorstelle.“



    Soweit einen das sein Charakter erkennen ließ war Osamu sichtlich überrascht von Akihiros Gefühlsausbruch. Er schwieg sich kurz aus, bevor er wieder das Wort ergriff.



    „Alles klar. Sorry, Kumpel, ich wusste ja nicht, dass die Kleine dir derart viel bedeutet. Nichts für ungut. Alles easy.“



    Hätte Akihiro gekonnt hätte er Osamu wohl eine gescheuert. Da wir uns aber nur virtuell im selben Raum aufhielten, blieb das vorerst ein Wunschtraum.



    „Yu und Minato, ihr erinnert euch doch sicherlich noch an den Gamer, den ich uns neulich empfohlen habe. Ich bin sicher, dass er immer noch gerne bei uns mitmachen würde, wenn ich mich bei ihm melde. Und Akihiro müsste jetzt noch nicht einmal mehr Platz für ihn machen. Wäre das nicht DIE Lösung?“



    „Jetzt fang nicht wieder damit an. Bevor wir nicht wissen, wer…“



    „Was soll das heißen, ich ‚müsste nicht mehr Platz für ihn machen‘?“



    Akihiro blickte mich tiefernst an. Allerdings tatsächlich in der Realität neben mir sitzend.



    „Hat dir Minato davon gar nichts erzählt? Vor einiger Zeit hatte ich den anderen bereits schon einmal vorgeschlagen, deinen Platz neu zu besetzen, nachdem du uns jedes Mal nur runtergezogen hast. Der Typ ist ein echtes Ass. Vielleicht nicht ganz so gut wie Katsu, aber dennoch mehr als brauchbar. Aber die anderen hatten nicht genug Charakter um dich rauszuschmeißen. Jetzt können wir ihn reinholen ohne dass du gehen musst. Du kannst dich freuen.“



    „Du hast das gewusst und mir nichts davon gesagt?“



    Jetzt richtete sich Akihiros Zorn gegen mich.



    „Weil wir praktisch alle hinter dir standen. Und dass du und Osamu euch nicht mögt war nichts Neues. Ich wollte deine Gefühle nicht verletzen. Erst recht nicht wegen Osamu. Du weißt doch, wie er sein kann. Du hättest dich nur unnötigerweise über ihn aufgeregt.“



    „Dann ist es ja gut, dass es jetzt nicht umsonst ist. Ich dachte, wir wären Freunde. Dabei stehe ich wegen dir da wie der letzte Trottel. Vielen Dank auch. Wirklich.“



    Wutentbrannt, wie ich ihn nur selten zuvor gesehen hatte, riss Akihiro sein Headset vom Kopf und stürmte aus meinem Zimmer. Sein Ingame-Charakter dagegen blieb reg- und seelenlos in der Schenke sitzen. Instinktiv wollte ich ihm nachlaufen um die Sache zu klären, aber mein Verstand hielt mich zurück. Was hätte ich ihm auch erklären sollen? Außer Osamu hatte niemand aus unserer Gilde gewollt, dass er uns verlässt. Aber dass alle davon wussten und er nicht war offensichtlich demütigend für ihn. Im Moment musste ich wohl akzeptieren, dass ich nichts machen konnte, bis sich die Gemüter beruhigt hatten. Ich verabschiedete mich noch schnell von Yu, ließ dabei aber Osamu links liegen und loggte sowohl mich als auch Akihiro aus.



    Osamu war von Zeit zu Zeit ein richtiger Mistkerl, jedenfalls Akihiro gegenüber. Aber der konnte das nicht nur ab, sondern konterte Osamu auch regelmäßig auf intellektueller Ebene aus. Manchmal hatte es direkt etwas Unterhaltsames gehabt, wie die Beiden sich mit ihren Sprüchen beharkten. Aber Osamu war diesmal einfach zu weit gegangen. Das war kein normales Feixen mehr. Er hatte es mit voller Absicht darauf angelegt Akihiro zu verletzen. Wenn er nicht bald eine Entschuldigung dafür folgen ließ konnte er sein Zeug nehmen und gehen. Event hin oder her. Einen anderen Ausweg gab es schlichtweg nicht.



    Mir stand nicht der Sinn nach einer Mahlzeit, aber ein wenig mit den Händen zu werkeln würde mir jetzt helfen auf andere Gedanken zu kommen. Außerdem war ich als Hausherr dafür verantwortlich, dass Dai und Marie etwas Ordentliches zu Essen bekamen. Um Marie machte ich mir dabei aber eher weniger Sorgen. Dai war es gewohnt wie ein Spatz zu essen und nahm hauptsächlich Flüssigkeiten zu sich. Das durfte ich nicht zulassen. Ich klang zwar wie die hinterletzte Hausfrau, aber gutes Essen hielt nun einmal Leib und Seele zusammen und gerade in Dais Fall war es ein nicht unwesentlicher Bestandteil meines Plans ihr zu mehr physischer und psychischer Gesundheit zu verhelfen.



    „Habt ihr euch irgendwie verkracht?“



    Beinahe wären mir vor Schreck die Eier aus der Hand gefallen. Ich war so sehr in meine Gedanken vertieft, dass ich gar nicht bemerkt hatte, wie Dai am Küchentisch saß und sich einen weiteren Becher ihres geliebten Kaffees gönnte. Nach wie vor schwarz und ohne Zucker.



    Ich legte die Eier und die anderen Zutaten ab und setzte mich gegenüber von Dai kurz hin.



    „‘Verkracht‘ trifft es nicht ganz. Ich habe ihn wohl ziemlich verletzt, als ich eigentlich das Gegenteil vorhatte.“



    „Verstehe. Das gibt es öfter. Allerdings meistens im Fernsehen. Willst du darüber reden?“



    Eigentlich wollte ich Dai so kurz vor ihrem ersten Schultag schonen. Andererseits war es falsch sie in Watte zu packen. Sie war ein starkes Mädchen. Außerdem ging es um „unsere Familie“. Da sollte es keine Geheimnisse geben.



    „Um es kurz zu machen: noch bevor du oder Marie hier eingezogen sind wollte einer unserer Mitstreiter Akihiro aus der Gruppe schmeißen und ein neues Mitglied dazu holen, weil…“



    „Schon klar, mein Cousin hat euren Schnitt gesenkt. Auch das kommt öfter vor.“



    Ich weiß nicht, ob ich es gut finden sollte, wie abgebrüht Dai in manchen Dingen agierte. Andererseits waren weitere starke Emotionen im Moment auch nicht hilfreich.



    „Es haben sich aber alle anderen dagegen ausgesprochen. Deswegen dachte ich, dass es Akihiro vielleicht gar nicht erfahren müsste. Wozu ihn unnötig aufregen, wenn eh keine Gefahr bestand?“



    „Aber heute hat er es erfahren. Klar, dass er davon nicht begeistert war.“



    „Aber wir standen doch hinter ihm. Es gab keine Gefahr, dass ihm etwas geschehen konnte.“



    „Habt ihr das wirklich? Im Endeffekt habt ihr ihn ja doch ausgeschlossen, indem er der einzige war, der keine Ahnung hatte. Ihr habt ihn nicht gleichberechtigt behandelt und einer eurer Freunde wollte ihn sogar verraten. Dass er da erst einmal das Weite sucht überrascht dich da doch nicht wirklich?!“



    Ich schwieg. So hatte ich das Ganze nicht gesehen. Wir hatten ihn zwar nicht physisch ausgeschlossen, aber dennoch war er außen vor gewesen. Unsere WG funktionierte bisher so gut, weil wir offen miteinander umgingen. Hätten jetzt etwa Marie, Dai und Akihiro ein Geheimnis gehabt, von dem ich nichts wissen durfte, hätte ich mich wohl auch ziemlich beschissen gefühlt.



    „Hast du dich eigentlich nie gefragt, wie es Akihiro wirklich geht?“



    Dai sprach einen Punkt an, über den ich mir bislang nie groß Gedanken gemacht hatte.



    „Wieso? Normalerweise ist er doch eine echte Frohnatur?!“



    „So einfach ist das nicht. Du hast keine Ahnung, wie es in unserer Familie zugehen kann. Ich entstamme zwar nur einem Nebenzweig, aber selbst wir blieben nicht immer von der Hauptfamilie verschont. Das beste Ergebnis bedeutet für sie gerade einmal die absolute Mindestanforderung. Nichts und niemand kann ihren Ansprüchen genügen und traditionelle Werte gehen ihnen über alles. Nur weil er ihr einziger Sohn ist kann Akihiro ein einigermaßen angenehmes Leben führen. Hätten seine Eltern noch einen würden sie die beiden gnadenlos gegeneinander ausspielen.“



    „Seine Schwester Asuka kommt genau nach ihren Eltern. Aber weil sie ein Mädchen ist zählt sie für die Beiden weniger als Akihiro. Sie erkennen ihre Leistungen an, aber für die Erbfolge zählt einzig und allein Akihiro als ihr Sohn. Im Prinzip haben sie wohl bereits sein ganzes Leben für ihn geplant, ohne dass er ein Mitspracherecht gehabt hätte. Wahrscheinlich haben sie sogar bereits eine Zukünftige für ihn im Auge…“



    Ich wusste, dass Akihiros Eltern nicht mit normalen Maßstäben einzuordnen waren. Aber ich war ihnen bisher kaum begegnet, sodass ich davon ausgegangen war, mein bester Freund würde übertreiben. Aber Dai besaß natürlich einen ganz anderen Einblick in diese Welt als ein Normalsterblicher wie ich.



    „Ich glaube, darum waren Videospiele für ihn auch immer so wichtig. Er konnte in eine Welt fliehen, zu der seine Eltern keinen Zugang hatten. Er konnte sein wer er wollte und eigene Entscheidungen treffen. Aber dass jetzt auch dort über ihn gemauschelt wurde hat sein Vertrauen wohl ziemlich zerstört. Ihr habt über ihn Entscheidungen getroffen ohne dass er selbst ein Teil davon gewesen wäre. Genau wir im wirklichen Leben. Das konnte er nicht einfach so verkraften.“



    Ich fühlte mich wie der allerletzte Dreck. Ich hatte alles nur gut gemeint, aber das war nun einmal häufig das Gegenteil von gut gemacht. Ich hatte Akihiro eindeutig in seinem Stolz verletzt, da gab es keine Ausflüchte.



    „Ich werde morgen in der Schule mit ihm reden, sofern er mir zuhören wird. Etwas anderes bleibt mir jetzt gerade kaum übrig.“



    „Ich bin stolz auf dich. Anscheinend wirst auch du noch erwachsen…“



    Ich wollte es eigentlich nicht, aber Dais aufmunternde Worte brachten mich tatsächlich ein wenig zum Schmunzeln.



    „Danke. Heute gibt es übrigens Gyudon. Du hast nicht zufällig Lust die Zwiebeln dafür zu schneiden?“



    „Hat Marie keine Zeit?“



    „Die ist noch beim Joggen.“



    „Wenn du es alleine nicht gebacken kriegst bleibt mir ja wohl kaum etwas anderes übrig. Aber das ist eine Ausnahme. Immerhin gehöre ich ab morgen ebenso wieder zum lernenden Volk wie ihr auch und habe deutlich weniger Zeit zur Verfügung. Sonst übernehmen Akihiros Eltern am Ende auch noch meine Lebensplanung…“





    Es war Montagmorgen und für ausnahmslos alle brach ein neuer Schultag an. Gerne hätte ich Dai zumindest bis in die Nähe ihrer neuen Mittelschule gebracht, aber das stand nicht zur Debatte. Um das zu tun hätten Dai und ich unsinnig früh losgemusst, damit ich noch rechtzeitig zu meiner eigenen kam.



    Ich sagte zwar immer, dass ich Dai in keinerlei Abhängigkeit von mir bringen wollte, aber dennoch war ich immer um sie besorgt. Ich hatte es nicht oft zu sehen bekommen, aber es immer schlimm gefunden, wenn ein neuer Mitschüler sich zu Unterrichtsbeginn vor der Klasse zur Schau stellen musste. Klar war es ein Gebot der Höflichkeit sich anderen gegenüber vorzustellen, dennoch war meiner Meinung nach ein etwas intimerer Rahmen angemessen. Bei der Dai wie ich sie von früher her kannte wären meine Sorgen kaum wahrnehmbar gewesen, aber Dai hatte sich seit dem Vorfall damals nun einmal gewandelt. Wenn nur ihr Trauma nicht wieder aufflammte…



    Aber auch ohne Dai hatte ich mit Problemen zu kämpfen. Dass Akihiro nicht bei uns aufgetaucht war um seine Cousine moralisch zu unterstützen sprach Bände. Normalerweise hätten ihn vierzig Grad Fieber nicht davon abhalten können, aber sein Wunsch mir aus dem Weg zu gehen war offensichtlich stärker. Die Chancen, dass er selbst in der Schule nicht mit mir reden wollen würde standen gut, was aber schlecht war.



    Die Bahn fuhr so schnell wie immer, dennoch kam es mir vor, als kämen wir kaum vom Fleck.



    „Keine Sorge, du kriegst das schon hin. Das hast du bis jetzt immer noch.“



    Marie legte ihre Hand auf meine Schulter und lächelte mich an. Es tat gut von dermaßen viel menschlicher Wärme umgeben zu sein, wie ich in den letzten Monaten. Akihiro war sich ebenso wenig zu schade gewesen mit einem Verlierer wie mir abzuhängen, umso mehr musste ich ihm jetzt zeigen, wieviel mir seine Freundschaft bedeutete. Keine großen Gesten, sondern ehrlich empfundene Worte des Bedauerns und der Entschuldigung. Das war ich ihm einfach schuldig. Nicht zuletzt unserer WG-Familie wegen.



    Endlich war unsere Bahn an ihr Ziel gekrochen und es waren nur noch ein paar wenige Minuten Fußweg zu unserer Akademie. Nebeneinander gingen Marie und ich die Straßen entlang, wobei Marie sogar ein wenig größere Schritte setzte als ich. Es war eine Mischung aus Hoffnung und Angst, die mich an diesem Morgen ausfüllte. Am Einfachsten wäre es gewesen Akihiro hätte mir ein paar gelangt und wir uns danach wieder vertragen. Aber das war reines Wunschdenken.



    Manche hätten es wohl als gefühllos empfunden von Marie allein gelassen zu werden um sich am Kiosk noch ein Brötchen zu kaufen. Aber es war eine Sache die nur zwischen mir und Akihiro stand und nicht zwischen den beiden. Ich schritt durch den Flur und wagte einen zögerlichen Blick in seinen Klassenraum, aber Akihiro saß ungewöhnlicherweise noch nicht an seinem Platz. Ein paar seiner Klassenkameraden sahen mich verwundert an, wie ich so im Eingang stand ohne ein Wort zu sagen. Aber das war mir egal. Ich beschloss es in der Mittagspause in der Mensa zu versuchen. Dort war er eigentlich immer anzutreffen und eigentlich war es auch viel angenehmer im allgemeinen Sprachgewirr den Dialog zu suchen als hier, wo seine Mitschüler sicher die Ohren spitzten.



    Auch in meinem Klassenzimmer waren bereits einige meiner Kameraden zugegen, darunter auch Hisakawa. Da ich nichts anderes zu tun hatte entschied ich mich dafür sie zu grüßen und ein wenig mit ihr zu plaudern um mich auf andere Gedanken zu bringen.



    „Guten Morgen, Hisakawa. Erledigst du gerade Schreibkram für den Schülerrat?“



    „Kyaaaah!“



    Erschrocken schlug sie das Heft zusammen, in das sie eben noch mit Feuereifer geschrieben hatte. Den Umschlag kannte ich doch…?! Mensch, Hisakawa. Hier musste das doch wirklich nicht sein. Würde sie erwischt käme nicht nur sie in Verruf, sondern auch das Geheimnis von Marie und mir wäre in Gefahr. Mit hochrotem Kopf rang das arme Geschöpf um Fassung und sie wusste nicht wohin mit ihren Händen. Schließlich siegte aber die Vernunft und sie ließ erstmal ihr Schreibheft in der Tasche verschwinden.



    „Gu… guten Morgen, Yonezawa. Hast… du ein gutes Frühstück gehabt?“



    Ihr Plan war nur allzu offensichtlich, aber weil ich ihr Hobby auch nicht direkt ansprechen wollte, spielte ich eben mit.



    „Ja… Eier, Reis, Gemüse und Misosuppe. Für mehr fehlte mir heute einfach die Zeit… Ist deine Brille neu? Das Gestell ist mir nie so wirklich aufgefallen…“



    „Das… habe ich schon seit der Grundschule… Nur… die Gläser werden immer stärker… Ich bin früher immer deswegen aufgezogen worden, aber es war schön zumindest ein wenig Beachtung zu bekommen…“



    Du liebe Zeit. Jemand sollte Hisakawa dringend einmal in den Arm nehmen. Wo war denn Marie? Sie war sozial um ein Vielfaches kompetenter als wir beiden Blindgänger.



    „Sie steht dir wirklich gut. Du hast das passende Gesicht dafür… ich meine… versteh das bitte nicht falsch… ich wollte nicht… du bist wirklich sehr hübsch…“



    Wieder falsch. Ihr Gesicht lief daraufhin dermaßen krebsrot an, dass ich mir Sorgen um ihren Kreislauf machte. Hoffentlich klappte sie mir nicht zusammen. Manche Menschen reagierten aber auch einfach zu empfindlich auf eine harmlose Bemerkung.



    „Sag bitte sowas nicht… ich weiß schon, wie ich aussehe… wenigstens verdeckt die Brille ein wenig von mir…“



    Was war dem armen Mädchen in der Vergangenheit bloß angetan worden? Und überhaupt, wie konnte meine harmlose Begrüßung dermaßen entgleisen?! Ich hatte in den paar Augenblicken mehr von Hisakawa erfahren, als es für uns beide auf diesem Stand unserer Freundschaft(?) gut gewesen wäre. War das Ganze vielleicht nur ein Traum oder ich auf dem Schulweg verunglückt und nun in der Vorhölle? Nein, nicht einmal die Unterwelt hätte mein Seelenheil dermaßen gefordert. Jetzt war alles egal und ich setzte einfach auf ein paar Sätze aus einer Dating-Sim.



    „Warum versuchst du dich selbst zu quälen? Deine Augen sind blauer, als der tiefste Ozean. Selbst die prächtigsten Saphire können nicht mit ihrem Feuer mithalten. Ich…“



    Meine Worte hatten gefruchtet. Hisakawa zeigte keinen Funken mehr von Selbstzweifel. Eher wirkte sie fast ein wenig… angewidert?!



    „Yonezawa, vielen Dank für deinen Versuch… aber du solltest solche Formulierungen lieber uns Profis überlassen… Das ist nicht so einfach wie es aussieht…“



    Ich nickte nur und trollte mich mit eingezogenem Schwanz auf meinen Platz zurück. Neben der Angst meinen besten Freund verloren zu haben kam jetzt auch noch das Gefühl der Scham heftigst in mir auf. Was hatte ich mir nur dabei gedacht?





    Das „Gute“ an solchen Situationen war, dass sie einem halfen, das ganze Drumherum um einem auszublenden und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Ich bekam bis zur Mittagspause kaum einen Satz der Senseis mit, aber sie dies auch nicht. Ich suchte verzweifelt nach Worten, mit denen ich Akihiro mein Handeln verständlich machen konnte. Aber Gefühle waren nun einmal nicht meine Welt und mit anderen darüber zu sprechen noch viel weniger. Ich selbst hatte mich zwar auf das Mittagessen als Gesprächstermin festgelegt, aber eigentlich keinen Plan, wie ich vorgehen sollte, geschweige denn überhaupt mit Akihiro in Kontakt treten, ohne dass er mir einfach auswich.



    Ich wartete ein wenig, ehe ich den Speisesaal betrat. Wenn Akihiro bereits an unserem Tisch saß und angefangen hätte zu essen, wäre er wahrscheinlich eher bereit mich anzuhören, anstatt einfach abzuhauen. Ich ging hinein und sah bereits Marie gegenüber meinem besten Freund(?) sitzen. Immerhin würde er wahrscheinlich auch ihretwegen die Fassung wahren.



    Alibihalber hatte ich mir ein belegtes Brötchen und einen Tee auf mein Tablett gestellt und ging zu unserem Stammtisch. Akihiro saß mit dem Rücken zu mir, sodass es an mir war ihn anzusprechen. Ich machte mich bereit eine Hand auf seine Schulter zu legen und „Hallo“ zu sagen, aber ohne dass er sich umdrehen musste schien er mich bereits bemerkt zu haben.



    „Wenn du reden willst kannst du dich setzen. Wenn du nur etwas essen willst such dir einen anderen Tisch.“



    Ich sagte erstmal nichts, stellte mein Tablett neben ihm ab und setzte mich. Marie tat das exakte Gegenteil davon und ließ uns allein zurück. Meine Kehle war wie ausgedörrt und ich nahm erst einmal einen tiefen Zug aus meinem Becher.



    „Du hast das alles in den falschen Hals gekriegt…“



    „Also ist es meine Schuld?“



    Das fing ja gut an. Aber musste Akihiro mir jetzt wirklich die Worte im Mund verdrehen?



    „Nein… natürlich nicht… ich hätte dir einfach alles erzählen sollen… ich wollte es nicht, aber es muss für dich so aussehen, als nähme ich dich nicht für voll…“



    Akihiro sah mich ebenso schweigend wie ernst an.



    „Ich wollte dich einfach schützen, dabei hast du das absolut nicht nötig. Von uns beiden warst du immer der deutlich gefestigtere und zielstrebigere Charakter. Ich würde es genauso zum Kotzen finden, wenn ihr hinter meinem Rücken über mich mauscheln würdet.“



    Vielleicht war es reines Wunschdenken, aber mir kam es vor, als wenn Akihiros Züge ein wenig weicher wurden.



    „Als wir die ‚Iron Blades‘ gegründet hatten wollten wir uns alle absolut gleichberechtigt behandeln. Was es schlimmer macht ist, dass wir auch im echten Leben beste Freunde sind und nicht nur Online‑Bekanntschaften. Wir haben uns zig Wochenenden um die Ohren gehauen und, auch wenn ich den Begriff ein wenig hochtrabend finde, ich habe dich verraten. Du dachtest, du könntest mir vertrauen, dabei habe ich dich genauso bevormundet wie deine Eltern. Eigentlich sogar noch schlimmer, weil du es von mir nicht erwartet hast. Einfach gesagt, ich war ein Arsch.“



    Immer noch keine Antwort.



    „Jetzt komm aber. Ich klinge eh schon wie in einer Seifenoper. Na gut, wenn es sein muss… du bist für mich mehr als nur ein Gaming-Partner oder mein bester Freund. Im Endeffekt bedeutest du mir so viel, als wärst du mein Bruder. Bist du jetzt zufrieden?“



    Akihiro sah mich noch kurz mit versteinerter Miene an, dann konnte er nicht mehr anders und fing an loszuprusten. Toll.



    „Wenn das Alles für dich nur ein einziger Witz war, dann…“



    „Entschuldige, aber ein wenig Strafe musste schon sein. Ich gebe es ja zu, ich war ziemlich sauer auf dich, aber deswegen schmeiße ich doch nicht gleich alles weg. Oder denkst du, ich würde Dai noch einen Tag länger bei dir wohnen lassen, wenn ich dich nicht mehr sehen wollen würde? Wir sind und bleiben beste Freunde, auch wenn wir es uns nicht immer leicht miteinander machen. Aber als einen Bruder will ich dich nicht sehen, damit du nicht auch unter meinen Eltern leiden musst.“



    Irgendwie war das gleichzeitig ein Kompliment als auch eine Enttäuschung. Aber egal. Ich schämte mich zwar dermaßen schwülstige Worte gefunden zu haben, aber Hauptsache die Welt war dahingehend wieder in Ordnung.



    „Kommst du nach der Schule noch mit zu mir um auf Dai zu warten? Ich bin mir sicher sie freut sich, wenn du da bist.“



    „Ich glaube, das ist nicht nur wegen mir, aber klar. Was kochst du uns heute Schönes?“



    „Ist das wichtig?“



    „Nein, aber du bist darin irgendwie sogar besser als unsere Haushälterin daheim. Wenn du nach deinem Abschluss noch keine Pläne hast, an unserem Herd bist du immer willkommen…“





    Nachdem sowohl Marie, Akihiro als auch ich zuhause angekommen waren gab es von Dai noch keine Spur. Dies war insofern merkwürdig, als dass wir noch einige Einkäufe für das Abendessen erledigt hatten und demnach später als eigentlich geplant eintrafen. Aber das musste ja nichts heißen. Vielleicht machte sie einfach noch einen Spaziergang.



    Nachdem die Aufgaben in meiner Küche klar verteilt worden waren machte ich mich daran, das herrlich marmorierte Rindfleisch fachgerecht in Stücke zu schneiden. Das war ein wenig tricky, da die Stücke einerseits nicht zu dünn werden durften aber auch nicht zu dick. Sonst wären sie beim Braten entweder zu schnell ausgetrocknet oder nicht richtig durch gewesen. Aber für einen geübten Koch war das natürlich keine Option.



    Eine halbe Stunde später schmorte das Fleisch bereits genüsslich in seinem eigenen Saft. Ebenso ich, der anfing sich ein wenig mehr um Dai Sorgen zu machen. Es war nicht ihre Art unangekündigt so lange weg zu bleiben.



    „Keine Panik, wahrscheinlich hat sie sich nur ein wenig verquatscht. Das wäre doch toll.“



    Ich hatte zwar kein Wort diesbezüglich von mir gegeben, aber Marie hatte instinktiv erfasst, wem meine Gedanken galten. Ich musste wirklich aufhören mich derart wie eine Glucke zu verhalten. Sicher, auch um Marie würde ich mich in so einer Situation sorgen. Um Akihiro allerdings nicht. Aber irgendwie konnte ich nicht anders als mir ständig um Dai Gedanken zu machen. Ich war wirklich furchtbar. Ich sollte mich freuen, dass sie wieder aktiv am Leben außerhalb unserer vier Wände teilnahm. Aber ich fühlte mich sogar ein wenig schlecht. Wahrscheinlich war es in meinem Fall sogar besser, wenn ich wieder anfing mich ein wenig mehr auf mich selbst zu konzentrieren als immer nur auf andere. Nicht nur, dass ich nicht alle Probleme lösen konnte, es war grotesk, dass ich alle Last auf mich laden wollte. Die anderen kamen auch sehr gut ohne mich zurecht. Ich war schließlich nicht der Mittelpunkt des Universums.



    Ich drehte den Herd zurück auf Stufe eins und fing an den Tisch zu decken. Ich war der Hauswirt, alle anderen Anwesenden meine Gäste und das von daher meine Pflicht.



    „Warte, wir helfen dir.“



    „Danke, Marie, aber Geschirr für vier Personen kriege ich gerade noch hin. Das Essen ist zwar fertig, aber bis Dai kommt werden wir es schon noch aushalten.“



    Marie und Akihiro sahen mich ein wenig verwundert an. Sicher, ich drückte mich gerade wenig altersgerecht aus, aber dennoch. Schließlich ließen sie mich gewähren und blätterten ein wenig in meinen alten Manga-Bänden um sich die Zeit zu vertreiben.



    Um 18.00 Uhr war Dai immer noch nicht daheim angekommen. Jetzt durfte ich mir aber Sorgen machen. Für die Polizei war es eindeutig noch zu früh, aber vielleicht konnten wir getrennt voneinander ein wenig die Straßen absuchen. Das war doch wohl nicht übertrieben?!



    „Leute, hört mal. Wollen wir nicht langsam…“



    Im selben Moment wurde ein Schlüssel ins Schloss gesteckt und begann sich zu drehen. Endlich! Mir fiel ein Stein vom Herzen. Die Tür öffnete sich und Dai trat ins Haus. Sichtlich abgekämpft aber ansonsten unversehrt.



    „Dai, endlich. Wo bist du denn bloß gewesen? Wir haben uns schon Sorgen gemacht.“



    „Sorry, ich hab mein Handy im Spind vergessen und konnte euch deswegen nicht Bescheid geben. Ein paar meiner neuen Mitschülerinnen haben mich zum Karaoke mitgeschleift um mich besser kennenzulernen. Ein Albtraum, aber sie haben es ja nur gut gemeint.“



    „Das hast du doch schon früher nicht gemocht, Cousinchen.“



    „Weil du und Minato immer zu mir gesagt habt, ich klänge wie eine Katze, der man auf den Schwanz gestiegen sei. Sonst hätte ich es früher eigentlich ganz okay gefunden.“



    „Und heute?“



    „Die drei haben es ja nett gemeint, aber Schlager sind wirklich nicht mein Fall. Aber ich habe es durchgezogen um es mir nicht gleich wieder zu verscherzen.“



    „Das hätte ich auch gerne gesehen.“



    Dai warf mir für meinen Spruch einen bitterbösen Blick zu. Aber ich stand dazu. Die ernste Dai schwülstige Schlagertexte schmettern zu sehen wäre sicher zum Schießen gewesen. Aber sei es denn drum. Vielleicht ergab sich ja für mich irgendwann dazu noch einmal die Gelegenheit.



    „Jedenfalls ist es jetzt endlich vorbei. Was essen wir?“



    „Schmortopf mit Rindfleisch und viel frischem Gemüse.“



    Kurz hellte sich Dais Gesicht auf, bevor sie wieder ihr Pokerface aufsetzte. Wenn Dai schon aß, dann am Liebsten Rindfleisch. Gemüse mochte sie weniger, aber darum kam sie nicht herum. Schon lustig: einerseits machten wir alle vier große Schritte auf die Welt der Erwachsenen zu, gleichzeitig benahmen wir uns aber hin und wieder wie Kinder. Dai war da ebenso wenig eine Ausnahme wie wir anderen.



    In jedem Fall hatte das Singen aber ihren Appetit enorm angestachelt und Dai fasste sogar noch einmal nach. Ungewöhnlich, aber vielleicht war sie auch tatsächlich eine besonders innbrünstige Sängerin?



    Es wurden keine Gefangenen genommen, sprich alles bis auf den letzten Happs verzehrt. Ich hatte genauso viel gekocht wie immer, aber da Dai heute mehr gegessen hatte musste sich Marie auf einen Nachschlag beschränken. Aber das nahm sie weder mir noch Dai krumm. Dafür war sie einfach ein viel zu liebes Mädchen. Außerdem gab es noch genug frisches Obst im Haus, von dem sie im Zweifelsfall hätte zehren können. Wie lange lebten wir jetzt eigentlich schon zusammen? Ein paar Monate waren es definitiv. Ursprünglich hatte ich nicht einmal einen Mitbewohner gewollt, nun hatte ich schon zwei. Verrückt, was bereits alles geschehen war. Dabei war Marie eigentlich nur bei mir untergeschlüpft, weil…



    Da klingelte Maries Handy. Sie fischte es aus ihrer Tasche und nahm das Gespräch an.



    „Marie Miura, guten Tag? Herr Tsurusaki? Von ihnen habe ich schon lange nichts mehr gehört. Was gibt es denn? Ach so. Ich verstehe. Vielen Dank, dass sie sich deswegen nach Feierabend noch bei mir melden. Alles klar. Dann bis bald.“



    „Schlechte Nachrichten?“



    Maries betretener Gesichtsausdruck machte mir ehrlich Sorgen.



    „Ja… nein… eigentlich… Das war Herr Tsurusaki, mein Vermieter. Er meinte, meine eigentliche Wohnung wäre weitestgehend wiederhergestellt und ich könnte in drei Wochen wieder dort einziehen…“

  • Kapitel 9 - "Bis bald"


    Samstagmorgen. Ich stand wieder einmal in der Küche und bereitete das Frühstück zu, während am Esstisch bereits geschäftiges Treiben herrschte. Marie, Dai, Akihiro und Hisakawa saßen bei mir zu Hause und unterhielten sich angeregt. Nun gut, Hisakawa war eher ein stiller Teilnehmer und auch Dai verknotete sich nicht gerade die Zunge, aber zumindest nahm sie hie und da am Gespräch teil. In der Hauptsache waren es Akihiro und Marie, die sich austauschten.



    „Wann dürfen wir dich in deiner neuen alten Bleibe denn besuchen kommen?“



    „Am Besten so früh wie möglich. Aber ich möchte mich erst einmal richtig einrichten, bevor ich euch empfange. Schließlich will ich mir keine Blöße geben.“



    „So etepetete sind wir wirklich nicht. So gut solltest du uns schon kennen.“



    „Trotzdem. Aber spätestens am Samstag in drei Wochen will ich eine große Einweihungsfeier für euch geben. Das sollte selbst für mich reichen, um alles picobello zu machen.“



    „Dann lass dir doch von uns helfen. Minato hat eh immer viel zu viel Zeit rumliegen.“



    Unverschämtheit von Akihiro. Abgesehen davon hatte er aber recht. Ich hätte gerne mal einen Blick in Maries Unterkunft geworfen. Immerhin hatten wir jetzt einige Monate mein Haus geteilt, da wäre es nur fair gewesen.



    „Vielen Dank, aber das möchte ich alleine hinkriegen. Immerhin habe ich eure Freundschaft jetzt lange genug in Anspruch genommen, da sollt ihr wenigstens mit meiner Einladung keine Arbeit haben. Es ist mir eh schon peinlich, dass deine Eltern die Kosten für den Umzug getragen haben.“



    Marie hatte zwar nicht ganz unrecht, aber da sie eigentlich der Gast von Akihiros Eltern war, war es dennoch eine Ehrensache für sie gewesen.



    „So was zahlen die doch aus der Portokasse. Das könnten die locker noch einige hundert Mal machen, ohne dass sie es überhaupt spüren würden.“



    „Wie viel Geld hat die Hauptfamilie eigentlich wirklich? Selbst meine Eltern konnten mir nie eine richtige Antwort darauf geben.“



    Die Antwort auf diese Frage interessierte nicht nur Dai, sondern auch mich. Akihiro hatte selbst mir gegenüber nie wirklich durchblicken lassen, wieviel Vermögen seine Eltern besaßen. Ehrlich gesagt hatte ich auch keine Ahnung, wie sie es verdienten. Akihiro meinte immer nur, dass selbst er nicht genau wüsste, worin seine Familie überall verstrickt war. Nur, dass es besser war, wenn man nicht allzu viele Fragen darüber stellte.



    Früher hatte ich mir immer ausgemalt, dass sie mit der japanischen Mafia, den Yakuza, verbandelt wären. Das war natürlich Blödsinn(?), aber Verbindungen bis in die höchsten Kreise hatten sie tatsächlich, so weit ich es feststellen konnte. Ich bildete mir ein, Akihiros Eltern einmal auf einem Foto in der Zeitung erkannt zu haben, auf dem auch der japanische Kaiser abgebildet war. Leider waren alle Personen außer dem Würdenträger ein wenig unscharf, sodass ich es nicht mit letzter Sicherheit sagen konnte. Akihiro meinte damals nur, dass dies eines der Dinge sei, über die er nicht sprechen könne. Wahrscheinlich waren sie es eh nicht und Akihiro machte nur einen Witz auf meine Kosten, aber der Rest eines Zweifels war mir seit jeher geblieben.



    So, ich war fertig. Als formvollendeter Gastgeber trug ich höchstpersönlich sämtliche Speisen auf. Meine Freunde boten mir zwar ihre Hilfe an, aber dies sollte eben mein alleiniger Beitrag zu dieser kleinen Abschiedsfeier sein. Und gerade Marie sollte am Wenigsten Mühe damit haben, dafür aber umso kräftiger zulangen. Es würde mir sehr fehlen, jemanden im Haus zu haben, für den ich dermaßen aufkochen konnte und durfte. Was Dai und mich anging, würden es mit Sicherheit deutlich kleinere Portionen tun. Schade…



    Beim Essen gaben wir kaum Worte von uns. Sicher, es gab einige Geräusche beim Verspeisen, die waren aber ausschließlich tugendhafter Natur. Schließlich, als der Verzehr beinahe hinter uns lag, war es ausgerechnet Marie, die in ein wahres Wespennest zu stechen drohte, als sie und Hisakawa zeitglich von dem eingelegten Gemüse nehmen wollten.



    „Oh, entschuldige, bitte bedien dich nur.“



    Selbstredend überließ Marie Hisakawa den Vortritt.



    „Nein… entschuldige bitte… nimm du dir nur zuerst. Ich bin auch gar nicht so hungrig…“



    Vielleicht hätten sich Marie und auch wir anderen uns mit dieser Aussage zufriedengegeben, wenn nicht ausgerechnet in diesem Moment Hisakawas Magen ein ziemlich lautes Brummen von sich gegeben hätte.



    „Entschuldigung…“



    Es war dem armen Mädchen ziemlich peinlich, dermaßen bei einer Lüge ertappt worden zu sein und Hisakawa sah beschämt zu Boden. Es war uns ursprünglich gar nicht aufgefallen, aber wenn ich es genauer bedachte, hatte sie tatsächlich kaum etwas zu sich genommen und, wenn überhaupt, die meiste Zeit, hauptsächlich nur Reis zu ihrem Mund geführt. Das durfte natürlich nicht so bleiben, aber wie konnten wir ihr auf charmante Weise zu verstehen geben, dass sie sich nicht zu genieren brauchte?



    „Minato, es tut mir leid, aber die Eier hast du zu lange garen lassen. Die sind dir diesmal nicht gelungen.“



    Selbstredend konnte ich Akihiros Einwand nicht einfach so auf mir sitzen lassen.



    „Das kann doch gar nicht sein. Timer und Temperatur waren doch genau wie immer eingestellt.“



    „Dann soll Hisakawa für uns entscheiden. Würdest du bitte unseren Streit schlichten und eines von den Eiern probieren?“



    Ach so! Akihiro hatte ebenso das Problem erkannt und im Gegensatz zu mir gleich eine Lösung gefunden. Dafür ließ ich mein Können natürlich gerne hinterfragen. Wie erwartet ließ sich Hisakawa nicht lange bitten endlich zuzugreifen, da nun nicht die Gefahr bestand als verfressen angesehen zu werden, sondern wir offiziell ihrer Hilfe bedurften.



    „Es tut mir leid, Kato, … …aber ich kann nichts feststellen. Das Ei war absolut so, wie es sein sollte, eher sogar noch besser.“



    „Dann entschuldige, mein Freund, dann habe ich mich wahrscheinlich geirrt.“



    Daraufhin fing Dai an, Kritik zu üben.



    „Stimmt, die Eier waren echt in Ordnung. Aber die Miso-Suppe hat eindeutig zulange auf dem Herd gestanden. Der Geschmack ist viel zu intensiv. Sonst kriegst du das besser hin.“



    „Ich wollte zuerst nichts sagen, aber ich fand auch, dass ihr diesmal eindeutig der Pfiff fehlt.“



    „Schlechter Geschmack liegt bei euch wohl in der Familie. Hisakawa würdest du uns bitte nochmals als Unparteiische zur Verfügung stehen?“



    „Natürlich… danke schön. Ihr seid wirklich toll…“



    Hisakawa war selbstredend nicht so dumm unseren Bluff nicht zu durchschauen. Auch wenn es ein wenig albern war, aber wenn es Hisakawa half sich besser bei uns einzugliedern, war es die Umstände allemal wert. Schließlich wurde absolut alles verzehrt, auch wenn Marie sich in die Bresche warf, den letzten Rest zu schmausen, da es Hisakawa sichtlich peinlich war, diejenige zu sein, die den letzten Bissen nahm. Alles in allem war das gemeinsame Frühstück ein großer Erfolg gewesen, schade nur, dass derlei in Zukunft wohl deutlich seltener werden würde, wenn Marie wieder für sich alleine lebte…



    Während ich das Geschirr abräumte versuchte Marie unterdessen sich mehr mit Hisakawa anzufreunden.



    „Entschuldige bitte, wenn ich zu neugierig bin, Hisakawa, aber was sind eigentlich deine Hobbies? Ich, zum Beispiel, gehe für mein Leben gern laufen und probiere laufend neues Essen, das ich noch nicht kenne.“



    „Ehrlich gesagt… habe ich keine besonderen Interessen oder Talente…“



    „Unsinn, jeder hat doch etwas, das er gerne tut oder kann. Du musst dich aber nicht zwingen, wenn du nicht darüber sprechen willst…“



    „Ich schreibe… ganz gerne in meiner Freizeit. Meine Mutter hält das aber für Zeitverschwendung und meint, ich solle mich lieber auf die Schule konzentrieren…“



    „Das ist doch toll. Und was schreibst du so? Ist es eher Poesie oder Prosa?“



    „Am Liebsten schreibe ich Ero…“



    KLIRRR!



    „Verflixt. Jetzt sind mir die Schalen aus der Hand gefallen. Marie, könntest du mir bitte kurz helfen, die Scherben aufzufegen?“



    „Klar, ich komme schon.“



    Schade um die schönen Schalen, aber wenigstens hatte ich nun einen guten Grund um neue anzuschaffen. Es war wahrscheinlich unfair so voreingenommen zu sein, aber ich wusste nicht wie Marie über Hisakawa denken würde, wenn sie erfuhr, dass ihre Phantasie wegen unserer WG Blasen schlug. Zumindest aber mir war es peinlich, ungeachtet von jeglicher sprachlichen Qualität. Marie als offenherzige Europäerin stand vielleicht sogar über solchen Dingen, aber mir als Japaner war in jungen Tagen bereits mehr als nur angemessenes Schamgefühl eingeimpft worden.



    Danach ging alles gut und weder Marie noch Hisakawa selbst verloren noch ein Wort über ihre schriftstellerischen Ambitionen. Vielleicht würde irgendwann der Tag kommen an dem wir ungeniert über ihre Fanfiction sprechen konnten, aber das war eher unwahrscheinlich. Schließlich fuhr der Wagen vor, der Marie in ihre alte Unterkunft bringen sollte. Merkwürdig, aber ich war über ihren Weggang bestürzter als ich erwartet hatte. Sie war ja nicht aus der Welt. Sie zog nur in ein anderes (und teureres) Wohnviertel. Außerdem würden wir uns in der Schule beinahe täglich über den Weg laufen. Was sollte also dieser Kloß in meinem Hals?



    Ganz unjapanisch umarmte Marie noch jeden von uns zum Abschied, wobei Akihiro am Problemlosesten damit umgehen konnte. Ich hatte eigentlich auch kein Problem damit, nur wusste ich nicht, ob es angemessen war, ihre Oberweite so eng an meine Brust gedrückt zu fühlen. Am Schlechtesten steckte es übrigens wie zu erwarten war Hisakawa weg, die nicht wusste, wie sie mit dieser ungewohnten Nähe umgehen sollte. Dabei waren beide schließlich Mädchen.



    „Macht es gut. Wir sehen uns dann übermorgen in der Schule.“



    Marie drehte sich um, stieg in ein (von Akihiros Eltern gesponsortes) Taxi und weg war sie. Wie ich sagte, es gab keinen Grund zur Bestürzung und dennoch fühlte sich mein Zuhause sofort ungleich leerer an. Marie und ich waren in punkto Offenheit absolute Gegensätze und doch tat es weh, sie in Zukunft hauptsächlich nur noch zwischen den grauen Mauern unserer Akademie zu sehen.



    „Also dann, danke für das Frühstück mein Alter, aber ich muss jetzt auch los.“



    Akihiro war der Nächste, der sich auf die Socken machte.



    „Ich… verabschiede mich auch. Ich habe meinen Eltern versprochen, sie zu einem wichtigen Geschäftsessen zu begleiten. Vielen Dank für die ausgesprochen köstliche Mahlzeit.“



    Auch Hisakawa verließ mein Heim. Damit blieb nur ich übrig und daneben Dai, die ebenfalls hier wohnte.



    „Hast du Lust etwas zu zocken? In „Schlachterzombies im Blutrausch“ gibt es ein Gebiet, dass wir noch von Zombies befreien müssten.“



    Danke Dai. Solange du hier bist ist die Welt noch in Ordnung. (Natürlich sprach ich das nicht laut aus. Es wäre auch eine deutlich zu kitschige Aussage gewesen.)



    „Klar doch. Gerüchten zufolge sollen sich noch einige Benzinkanister in Zone 9 befinden. Wenn wir die erobern können wir unseren Jeep wieder fitmachen.“





    So ging die erste Woche an mir vorbei. Wie versprochen sahen Marie und wir anderen uns in der Schule, zuhause führte ich für Dai und mich den Haushalt und wir ließen die Konsole heißlaufen. Alles in allem war es weniger schlimm gewesen, als ich es mir ausgemalt hatte. Dai und ich waren dabei richtig eng zusammenzuwachsen, bis etwas… sagen wir mal „Merkwürdiges“ passierte…



    Das Internet tat es nicht und so waren wir gezwungen anstelle eines Streamingdienstes klassisches Fernsehen zu benutzen. (Die Landkarte in „Schlachterzombies im Blutrausch“ hatten wir mittlerweile übrigens bereits von allen Zombies befreit und ein Wiedererwachen moderner Zivilisation in die Wege geleitet.) Wir hatten die Auswahl zwischen Reality TV, was wir beide ablehnten, einer politischen Debatte, die ebenfalls kein Interesse bei uns hervorrief und einem Anime, den wir beide nicht kannten. Also blieben wir bei Letzterem hängen.



    Wie gesagt hatten wir beide die Serie noch nicht gesehen, aber sowohl Dai als auch mir kam das Setting seltsam bekannt vor. Die Kulisse, die Charaktere, das waren doch… Takeshi Miyajima und Ashley Ishiyama aus „Schlachterzombies im Blutrausch“. Hatten sie unser Spiel etwa als Grundlage für die Serie genommen? Das mussten wir unbedingt sehen. Egal wie kurz die Nacht dadurch werden würde. Ich zeigte mich vor Freude deutlich emotionaler, aber auch Dais Augen leuchteten auf. Wie lange war es eigentlich her, dass wir beide zusammen Animes geguckt hatten? Egal, das spielte jetzt auch keine Rolle. Die Serie war top animiert, aber am Wichtigsten war mir eh die Handlung. Hatten sie auch Handlungsstränge aus dem Game übernommen oder aufgrund der Charakterdesigns etwas Neues daraus gemacht?



    Takeshi Miyajima war mein Charakter gewesen und Ashley Ishiyama wurde immer von Dai genommen. Takeshi war ein Mediziner, der an der Ursache der Zombieseuche forschte und immer neue Präparate erfand, mit denen er den Untoten zu Leibe rückte. Ashley war eine halbjapanische Ex-Marine, die extrem fit und wendig war, aber auch die strategische Führung übernahm. Gemeinsam bildeten sie inmitten der Apokalypse eine Zwei-Personen-Armee, die vor nichts und niemanden zurückschreckte, um der Menschheit das Überleben zu sichern. Diese Fakten stimmten eins zu eins mit dem Spiel überein. Die Drehbuchautoren hatten aber auch ansonsten sehr gute Arbeit geleistet. Die Optik und das Ambiente waren sehr gut eingefangen worden und auch bei der Musik war nicht geknausert worden. Wer brauchte Hollywood, wenn er so etwas haben konnte?



    Da die Handlung allerdings ungeeignet für das Hauptabendprogramm war, außer man hätte zu explizite Stellen deutlich zensiert, hatte man die Premiere in die Nacht verlegt und als Bonus die ersten acht Folgen für die Premiere als Marathon angelegt. Man merkte deutlich, wie das lineare Fernsehen versuchen musste gegen das Streaming anzustinken und uns Zuschauer daher auf Händen trug. Nur weiter so.



    So toll das alles auch war, aber passiv einer Handlung zu folgen war etwas anderes als aktiv das Geschehen mit dem Controller zu steuern. Es war knapp nach ein Uhr morgens und Dai war im Begriff wegzunicken. Kein Thema, ich konnte ja alles auf Festplatte aufzeichnen. Aber Dai wollte nicht kleinbeigeben.



    „Von wegen. Ich hole mir nur schnell noch einen Kaffee dann steh ich die Nacht problemlos durch.“



    „Keine Chance. Ich hasse es so altmodisch zu klingen, aber morgen ist Schule. Bleib meinetwegen sitzen, aber Koffein ist nicht. Ich hole uns eine Decke, dann sehen wir weiter (zu).“



    Dai war sichtlich zu müde um gegen mich in die Schlacht zu ziehen und setzte sich artig wieder hin. Ich nahm aus einem Schrank eine dünne, aber große Decke, die für uns beide genug Platz darunter bieten würde. So wurde ich sowohl meiner Rolle als Aufsichtsperson gerecht als auch jener als Dais Kumpel.



    Wie erwartet dauerte es nicht lange und Dai war weggeratzt. Ob ich ihr am Morgen erzählen sollte, dass sie im Schlaf (leise) vor sich hin schnarchte? Aber so gegen Folge sieben um ein Uhr dreißig nachts fiel auch mir das Wachbleiben deutlich schwerer. Ich hatte aber bereits so meine Erfahrung mit der Müdigkeit gesammelt, sodass ich den einen oder anderen Trick anwandte, der auch beim Gaming nützlich gewesen war.



    Endlich. Es war schon gegen zwei Uhr als die letzte Folge ihren Anfang fand. Gentleman der ich war hatte ich für Dai nebenher alles auf die Festplatte geladen, damit wir demnächst alles noch einmal gemeinsam sehen konnten. He, was soll das? Dai war im Schlaf zur Seite gekippt und lehnte nun mit ihrem Körper an meinem, wobei ihr Kopf an meiner Schulter lehnte. Das war so unverschämt angenehm und behaglich, dass auch ich ins Schwanken kam. Eigentlich war es sogar ein wenig niedlich, wie ein wenig Speichel aus ihrem Mundwinkel lief, aber dieser Umstand half mir jetzt auch nicht weiter.



    Während ich mit der ehernen Müdigkeit kämpfte begann sich auch auf dem Bildschirm Unsagbares abzuspielen. Takeshi war von einem Zombie gegen ein verrostendes Auto gestoßen worden und hatte sich dabei eine klaffende Wunde am Arm zugezogen. Eigentlich hätte er ja nun eine Tetanusspritze benötigt, aber wer sagt, dass so eine Zombieapokalypse zu einhundert Prozent der Realität entsprechen musste?! Wesentlicher war, was danach passierte. Ashley kam ihrem Gefährten zu Hilfe, enthauptete kurzerhand den Untoten, der sogleich endgültig das Zeitliche segnete und beugte sich über Takeshi. Bedeutungsschwangere Worte fielen zwischen den beiden Protagonisten und schließlich begannen sie mit ihren Mündern Speichel auszutauschen. Was war das denn bitte für ein lahmes Klischee? Dai und mir wäre so etwas nicht im Traum eingefallen, als wir das Spiel spielten. Dai und ich hatten immer klar unsere Mission vor Augen gehabt. Dai und ich…



    Gott weiß warum, aber in dem Moment blickte ich in Dais schlafendes, schnarchendes und sabberndes Gesicht und bekam schweres Herzklopfen. Was war denn das bitte wieder für ein Klischee? Sie war eine Kindheitsfreundin und ich fing an bei ihrem Anblick Unaussprechliches zu empfinden? So wie sie da lag, unangenehme Geräusche produzierte und mein Hemd einspeichelte – was fiel mir ein, da Gefühle zu entwickeln? Was war ich denn für ein Freak?! Zwei Charaktere küssten sich und nur weil Dai sich an mich schmiegte wollte ich das auch? AUF KEINEN FALL!!!



    Vorsichtig befreite ich mich von dem Klammeraffen, legte ihn sanft auf der Couch ab und schaltete das Licht ab. Eine Mütze voll Schlaf und am Morgen wäre alles wieder beim Alten. Wenn nicht würde ich mir einfach einen guten Therapeuten suchen. So einfach war die ganze Geschichte.





    Sieben Uhr und mein Handy weckte mich pflichtbewusst. Ich hatte sehr unrund geschlafen und wenn, träumte ich von der Zombieserie. Leider aber nicht von den Zombies… Sicher würde Dai heute besonders schwer aus den Federn zu holen sein. Kein Wunder, wenn man die halbe Nacht fernsah. Wenigstens hatte sie den fatalen Kuss nicht mitbekommen. Wer weiß, ob sie mich nicht sogar damit aufgezogen hätte. Und für so jemanden legte mein Herz eine Extraschicht ein? Nicht mit mir. Wenn ich Dai heute Morgen sah, wäre alles wieder beim Alten. Dai wäre zwar immer noch ein hübsches Mädchen, aber in meinen Augen würde dies nichts mehr wert sein.



    Ich ging zur Couch, allerdings ohne die schlafende Schönheit darauf. War sie etwa nachts wach geworden und noch in ihr Bett gepilgert? Möglich. Dann wären aber noch Kissen und Decke vorzufinden gewesen. Letztere war aber ordnungsgemäß weggeräumt worden. Also war es wahrscheinlicher, dass es erst heute Morgen geschehen war. Aber egal. Jedenfalls musste jetzt das Frühstück zubereitet werden.



    Ich ging in die Küche und fand Dai vor, wie sie bereits ihren Morgenkaffee trank. Sie sah von ihrem Becher hoch und lächelte mich an, wie sie es zuvor noch nie getan hatte.



    „Guten Morgen, Minato. Hast du gut geschlafen?“



    Vor Nervosität brachte ich kein Wort heraus und nickte, wenn überhaupt, nur leicht.



    „Willst du auch einen Kaffee?“



    Auch hier antwortete ich nur mit einem leichten Nicken, gefolgt von einem Geräusch das so ähnlich wie ein Brummen klang. Warum war Dai heute Morgen bloß so freundlich zu mir? Normalerweise musste ich mir alles selbst holen und zubereiten. Dass jemand das für mich tat kam abgesehen von der Schulkantine nie vor.



    „Milch und/oder Zucker?“



    „Danke, lieber schwarz. Nach der kurzen Nacht schadet das absolut nicht.“



    „Du hast recht. Vielen Dank, dass du die restlichen Folgen für mich aufgezeichnet hast. Aber bitte keine Spoiler.“



    „Bestimmt nicht.“



    Dai sah mich ob meines Tonfalls zwar etwas verwundert an, ließ es aber damit bewenden, dass ich einen tiefen Zug aus meinem Becher mit (zu) heißem Kaffee nahm, aber jedes Gefühl, das mich nicht verwirrte, war mir im Moment recht.



    „Hast du vielleicht etwas dagegen, dass ich heute nur ein kleines Frühstück mache?“



    „Tut mir leid, aber du brauchst heute nicht für mich zu kochen. Meine Freundinnen und ich wollen heute früher los um auswärts eine kleine Konditorei auszuprobieren. Das hatte ich selbst völlig verschwitzt. Zumindest hast du jetzt noch etwas Zeit um dich zu erholen. Ich bin dann auch schon weg. Wir sehen uns nach der Schule.“



    Und weg war sie. Wie lange war es her, dass ich zuletzt einen freien Morgen gehabt habe? Gut, dann brauchte ich eigentlich nur ein wenig kochendes Wasser und meine altbewährten Becherramen. Nicht das gesündeste Frühstück, aber ich hatte schon schlimmer gegessen. Warum sollte ich mir auch nur für mich selbst großen Aufwand antun?!





    Ich stand in der Schulkantine gerade um ein Melonenbrötchen Schlange, als Akihiro an mich herantrat. An sich nichts Ungewöhnliches, aber seine Aura war anders als ich es gewohnt war.



    „Solltest du jetzt nicht eigentlich auf deinem Pult noch bis zum Unterrichtsbeginn schlafen?“



    Akihiro kannte mich wirklich gut.



    „Red nicht vom Schlafen. Wenn mir heute die Augen zufallen, schnarche ich vermutlich bis zur Mittagspause durch.“



    „Schlecht geschlafen?“



    „Auch. Aber lassen wir das. Soll ich dir auch was besorgen? Dann will ich aber das Geld dafür sehen. Im Voraus.“



    „Lass mal. Aber wir haben nach der Schule etwas miteinander zu besprechen.“



    „Wir beide?“



    „Du, ich und Dai, ehrlich gesagt. Du gehst doch nach dem Unterricht direkt nach Hause?“



    „Seitdem ich nicht mehr im großen Stil einkaufen muss…“



    „Perfekt, wir sehen uns dann. Also bis später.“



    Was war das denn gewesen? Aber von mir aus. Erstmal musste ich sowieso den Tag wachen Auges überstehen, dann würde ich mich um Akihiros Problem kümmern.





    Der Tag war eine einzige Tortur gewesen. Irgendwann nach der dritten Stunde hatte ich mich in die Krankenstation begeben, weil ich angeblich Magenschmerzen hatte. Eine glatte Lüge, die leicht durchschaubar war, aber ebenso sehr schwer widerlegbar. Mein Sensei in dieser Stunde mochte mich sowieso nicht recht leiden und war froh meine Visage nicht sehen zu müssen. Eine Win-Win-Situation. Hauptsache ich konnte ein wenig Schlaf nachholen. Dai hatte zwar mehr Schlaf gehabt, aber es war mir ein echtes Rätsel, woher sie die Energie für heute bezog.



    Im Gegensatz zu mir sah sie hellwach aus, als Akihiro und ich bei uns zu Hause eintrafen. Es herrschte eine etwas merkwürdige Stimmung und im Gegensatz zu mir schien sie schon zu ahnen, warum ihr Cousin um dieses Treffen gebeten hatte. Gleich wäre ich wohl auch im Bilde.



    „Minato, zuerst einmal spreche ich dir im Namen der Familie Kato den größten Dank aus für all die Mühe, die du während der letzten Monate auf dich genommen hast. Du hast nicht nur einem unserer Gäste Obdach gewährt, sondern sogar einem Mitglied unserer Familie.“



    Kam jetzt etwa das, wonach es sich anhörte? Bitte nicht!



    „Trotz allem Vertrauen, dass du von uns genießt, müssen wir dennoch immer dem Ruf unserer Familie gerecht werden. Daher können wir es nicht befürworten, dass du als lediger junger Mann alleine mit Dai unter einem Dach wohnst. Als Marie noch hier gelebt hat war die Situation eine gänzlich andere als sie es heute ist. Daher wird Dai, wie ursprünglich vorgesehen, zu mir und meiner Familie ziehen und dieses Haus verlassen.“



    Meine Stimme hatte mich verlassen, sodass mein „Wann?“ mehr gekrächzt und kaum hörbar war.



    „Morgen, genauer gesagt, morgen nach der Schule werden Dai und ihre Sachen von hier abgeholt und in ihr neues Zimmer in unserem Haus gebracht werden.“



    „In Ordnung. Wenn das der Wunsch der Hauptfamilie ist, werde ich mich dem beugen.“



    „Schön. Danke für euer Verständnis. Ich werde dann meinen Eltern Bescheid geben, dass du keine Einwände hast. Vielen Dank nochmals Minato, für alles, was du für uns getan hast.“



    Ich bekam mein Haus zurück. Schon morgen. Warum machte mich das eigentlich nicht glücklich? Vor ein paar Monaten hatte ich mir nichts sehnlicher gewünscht, als wieder meine Ruhe zu haben. Aber wollte ich sie wirklich zurück? In einer Familie zu leben hatte sich nach und nach eigentlich sogar sehr schön angefühlt. Und jetzt brach alles innerhalb weniger Wochen vollkommen in sich zusammen? Dann musste ich wohl einfach damit leben. Schließlich konnte ich sowieso nichts daran ändern…





    Zwei Wochen später…



    Es klingelte an der Tür und ich öffnete in meiner Unterhose. Akihiro stand davor und sah mich mit großen Augen an.



    „Alter, so kann es echt nicht mehr weitergehen. Weißt du eigentlich, dass in der Schule bereits das Gerücht umgeht, du hättest Selbstmord begangen?“



    Mir doch egal.



    „Mir geht es im Moment eben einfach nicht so gut. Das ist auch schon alles. Sollen die Anderen doch denken was sie wollen.“



    „Und dass du hier im Müll haust gehört auch zu deiner neuen Lebenseinstellung?“



    „Sind doch nur leere Plastikbecher…“



    „Was ist denn bloß mit dir los? Geht es dir echt so nahe, dass du wieder alleine hier lebst? Dann solltest du erst recht unter Menschen gehen, anstatt dich hier einzuschließen. Weil du den Fall wegen dem Rassismus geklärt hast sieht die Schülersprecherin noch davon ab wegen deiner Fehlzeiten Nachforschungen in die Wege zu leiten, aber das ist auch keine Dauerlösung. Du musst das echt wieder auf die Kette kriegen.“



    „Danke, dass du dich sorgst, aber du verstehst das alles einfach nicht.“



    „Dann erklär es mir. Warst du in Dai oder Marie verknallt und hast jetzt Liebeskummer? Dann musst du dich dem stellen und mit ihnen reden. Von nichts kommt nichts.“



    „Blödsinn. Mir fällt es im Moment einfach schwer überhaupt aus dem Bett aufzustehen, geschweige denn mich zu irgendetwas aufzuraffen. Es fühlt sich einfach alles so an, als hätte ich einen riesigen Schwinger in den Magen bekommen, was einfach nicht aufhören will wehzutun.“



    „Wenn es dir echt so dreckig geht, solltest du dir vielleicht Hilfe suchen. Ich kann meine Eltern bestimmt dazu überreden, dir einen Arzt oder Psych…“



    „Bitte nicht. Im Moment will ich mich einfach nur unter meiner Decke zusammenrollen und schlafen. Mir ist wirklich völlig egal, ob die Leute mich für einen Hikikomori oder sonst etwas halten. Ich will einfach nur meine Ruhe haben. Sonst nichts.“



    „Gehst du nicht mal mehr zu einem Konbini? Irgendwann ist dein Ramenvorrat auch aufgebraucht und was dann?“



    „Es gibt Lieferdienste. Aber ich habe ohnehin keinen allzu großen Appetit. Wenn das alles war, dann…“



    „Dann kommst du nicht einmal mit auf Maries große Einweihungsfeier?“



    „Ist die denn überhaupt schon? Ich dachte, die wollte sie erst in ein paar Wochen geben, wenn alles eingerichtet ist.“



    „Diesen Samstag ist in ein paar Wochen. Wenigstens deine Emails könntest du doch checken. Tut mir leid, so meinte ich das nicht. Aber ich kann mir wirklich nicht vorstellen, wie es momentan in dir aussieht. Auch wenn du keine Lust hast, versuch es wenigstens. Alle werden da sein: Ich, Hisakawa, Marie natürlich und auch Dai. Wenn du sie wirklich so sehr vermisst solltest du dir nicht die Gelegenheit entgehen lassen sie zu treffen.“



    „Ich werde mir Mühe geben…“



    „Mehr verlange ich doch auch nicht. Was meinst du, wie sehr unser bester Freund uns allen am Herzen liegt? Oder glaubst du, wir wären echt so gefühlskalt?“



    „Danke…“



    „Gerne. Nur eine Sache… ich bin da ja nicht so empfindlich, aber trotzdem. Gönn dir doch vorher ein LANGES, AUSGIEBIGES Bad, um deine Lebensgeister wieder zu wecken. Du wirst sehen, wenn dein Alltag erst wieder etwas mehr Struktur bekommen hat, geht es auch mit dir wieder aufwärts. Ich schaue nach der Schule noch einmal rein und dann beseitigen wir gemeinsam den Müllberg. Einverstanden?“



    „Ja…“





    Samstag war gekommen und dank Akihiros Hilfe war mittlerweile sogar wieder der Boden in meinem Haus vom Müll befreit. Ich fühlte mich nach wie vor nicht nach einer Party, aber vielleicht tat es wirklich gut, wenn meine Familie wieder an einem Ort versammelt war. Danach allerdings in ein vollkommen leeres Haus zurückzukehren war aber nichts, an das zu denken mir guttat. Akihiro war sogar so nett gewesen und hatte ein paar meiner Klamotten in eine Wäscherei gebracht. Ich besaß zwar eine Waschmaschine, aber mein Kumpel hatte nicht den leisesten Tau davon, wie man sie bediente. Sie war ein älteres Modell, deren Steuerung mittlerweile einige Tricks und Kniffe erforderte. Eigentlich war ich neben meinem Vater die einzige Person, die sie zu bedienen wusste. Ein Familiengeheimnis quasi.



    Ich saß gekrümmt in einem Stuhl, als wolle ich mein Innerstes vor Angriffen schützen. Nach wie vor fühlte ich diesen dumpfen Schmerz in meiner Magengegend und hatte einen regelrechten Kloß in meinem Hals. Hätte man mich geröntgt wäre aber nichts zu sehen gewesen. Ich wusste, dass das alles psychisch bedingt war, wusste aber kein Heilmittel dafür. Ich musste die Sache einfach nur aussitzen, dann würde es sicher wieder werden. Hoffentlich…



    Es klingelte an der Tür und Akihiro stand darin um mich abzuholen. In seiner Hand hatte er einen bunten Strauß Blumen.



    „Bist du fertig? Wir müssen los, sonst kommen wir noch zu spät. Hier, nimm die.“



    Mit diesen Worten drückte er mir den Blumenstrauß in die Hand.



    „Jetzt guck nicht so. Du hast doch sicher kein Geschenk für Marie besorgt. Da ist so etwas das absolute Minimum. Oder hast du etwa gedacht, die wären für dich?!“



    Normalerweise hätte ich sicher mit irgendeinem Spruch gekontert, aber mir war nicht nach Wortspielen oder Kalauern.



    „Auf geht’s. Jetzt mach. Hast du auch die Zähne geputzt? Mann Mann Mann, ich komme mir vor wie deine Mutter.“



    Ich sagte zwar nichts, wusste aber durchaus zu schätzen, wieviel Mühe Akihiro sich mit mir gab. Das war definitiv nicht selbstverständlich. Meinen Freunden zuliebe würde ich mir heute Abend Mühe geben mich von meiner besten Seite zu zeigen. Danach konnte ich mich immer noch unter meiner Decke einigeln.



    Kaum, dass wir in der U-Bahn waren, bot mir ein kleines Mädchen umgehend ihren Sitzplatz an. War sie einfach nur übertrieben höflich oder war mein seelischer Verfall mittlerweile derart offensichtlich? Ich bedankte mich höflich, nahm das Angebot aber nicht an. Hoffentlich waren die anderen Mädchen weniger feinfühlig.



    Schließlich kamen wir an Maries neuer Unterkunft an. „Unterkunft“ war allerdings zu wenig, um ihrem offensichtlich riesigen Appartement gerecht zu werden. Kaum zu glauben, dass sie sich freiwillig mit meiner Behausung zufriedengegeben hat. Im Vergleich dazu war mein Zuhause regelrecht als schäbig zu bezeichnen.



    Kurz nachdem wir geklingelt hatten, stand uns auch schon Marie gegenüber. Angesichts ihres Outfits war ich mir nicht sicher, ob dass hier nicht eigentlich eine Abendgala werden sollte.



    „Akihiro, Minato, schön, dass ihr gekommen seid. Sind die Blumen für mich? Vielen Dank, das wäre doch nicht nötig gewesen. Kommt rein, Dai ist mit Hisakawa schon vor zwanzig Minuten aufgeschlagen.“



    „Vielen Dank für die Einladung, Marie. Wie versprochen habe ich Minato von seiner Konsole losgeeist und mitgebracht. Das war gar nicht so einfach.“



    „Danke, dass du gekommen bist. Heute kann ich mich zumindest ein wenig dafür revanchieren, was du alles für mich getan hast. Wir haben uns jetzt schon so lange nicht gesehen, dass ich gedacht habe, du wärst jetzt ein Hikikomori. Akihiro hat mir dann erzählt, dass du dich nur auf dein großes Event in deinem Videospiel vorbereitest. Ich wollte schon länger mal wieder bei dir reinschauen, hatte aber Angst dich zu stören. Aber pass auf, in der Schule gibt es wegen deinem langen Fehlen schon komische Gerüchte über dich.“



    Nachdem Marie sich weggedreht hatte um sich um die anderen Gäste aus der Schule zu kümmern, stieß mich Akihiro in die Rippen und meinte nur: „Gern geschehen. Marie hätte sich sonst sicher nur Vorwürfe gemacht.“ Ich nickte dankbar und ging dann ein paar Schritte in Richtung Dais. Ihre Kleidung war offensichtlich von Akihiros Eltern ausgewählt worden. Sicher, sie machte etwas her, aber es war eindeutig nicht ihr Stil, geschweige denn etwas, das sie von sich aus kaufen würde.



    „Hallo, Dai…“



    „Hi Minato, es tut so gut nach all der Zeit wieder einmal einfach nur unter normalen Menschen zu sein. Ich sag dir, werde bloß nie reich, es ist zum Ausrasten bei Onkel und Tantchen. Außer Regeln und Vorschriften gibt es bei denen nichts. Glaub mir, wenn ich könnte, würde ich sofort wieder in meine Bude bei dir einziehen.“



    „Jederzeit…“



    Ich nötigte mir ein schiefes Grinsen ab und mischte mich unter die anderen Leute. Dai durfte am Allerwenigsten bemerken, wie es mir ging und außerdem wollte ich ihr nicht den Spaß verderben, wenn sie schon einmal Freigang hatte. Es half ja ohnehin alles nichts.



    Mit der Zeit wurde die Party immer ausgelassener und damit auch lauter. Ich begann mir Sorgen zu machen, dass eventuell die Polizei bald hier aufschlagen würde, sich mindestens aber die Nachbarn beschwerten. Ich bahnte mir einen Weg durch die Menschentraube, die sich um Marie herum gebildet hatte. Sie hatte eindeutig Charisma, von welchem sich die Menschen angezogen fühlten.



    Da die Musik allerdings meine Stimme übertönte zeigte ich stattdessen einfach auf ihre Musikanlage.



    „Keine Sorge, die Wände sind hier ziemlich dick. Außerdem habe ich vorher alle Nachbarn im näheren Umkreis mit österreichischen Süßigkeiten besprochen. Das geht schon klar. Aber wenn es dir zu laut ist kannst du gerne etwas runterdrehen. Außerdem habe ich sowieso eine besondere Überraschung vorbereitet, die ich jetzt ankündigen möchte.



    Ich drehte wie geheißen die Musik herunter und Marie setzte umgehend zu einer kleinen Ansprache an:



    „Liebe Freunde,



    bereits seit einigen Monaten lebe ich nun in Japan, dass mir dank eurer Unterstützung bereits zu einer Heimat geworden ist. Seit ich ein Kind war wollte ich stets jenes Land besuchen, das mein Vater einst verließ um seiner großen Liebe in deren Land zu folgen. Es hat mir dort nie an etwas gefehlt und doch fühle ich mich erst jetzt als vollständig.“



    Applaus brandete auf. Ich fand die Rede ein wenig pathetisch, aber so gehörte sie sich wohl. Kurzzeitig war auch Marie ausnahmsweise ein wenig verlegen, aber das unterstrich nur ihren natürlichen Charme.



    „Und deswegen habe ich mich entschieden, für euch heute dieses wunderbare Dessert aus Europa selbst vor euren Augen zuzubereiten.“



    Zwei Leute vom Partyservice karrten eine riesige Schale mit einer Art Pudding heran, die von einer Vielzahl an Kirschen umrankt wurde. An und für sich eine tolle Sache, aber was meinte sie damit, sie würde es „zubereiten“?



    „Ich präsentiere euch: Flambiertes Crème brûlée an Kirschragout.“



    Sofort bildete sich wieder eine neue Menschentraube um Marie herum, die bereits eine Schachtel mit Streichhölzern in ihren Händen hielt. Mir schwante aufgrund ihrer Vergangenheit mit Feuer Böses, allein die Mauer war zu dicht gedrängt um sie davon abzuhalten. Unter großem Jubel hielt sie das brennende Streichholz an die Süßspeise…



    Langer Rede, kurzer Sinn: nachdem der Brand von der Feuerwehr professionell gelöscht worden war, schlug Marie noch am selben Abend wieder ihr Lager bei mir auf, Dai zog am nächsten Tag wieder bei mir ein…

  • Kapitel 10 - "Das Event beginnt"


    Samstagabend, 19.30 Uhr – in einer halben Stunde würden endlich die Regeln für das große Event in „RougH“ bekannt gegeben, auf das wir schon so lange warteten. Normalerweise gab es immer irgendwelche Leaks oder Spoiler, aber was „RougH“ anging hatten selbst die größten Plappermäuler Respekt vor dessen Rechtsabteilung. Sicher gab es einige Gerüchte, aber die entbehrten jeglicher Bestätigung.



    Alle waren wir bei mir versammelt und bereit unsere Klingen mit jenen des Rests der Welt zu kreuzen: ich, Dai und Akihiro im Team mit Marie, die kein Interesse zeigte selbst in den Ring zu steigen. Mit Yu und Osamu waren wir via Headset verbunden, sodass die „Iron Blades“ in voller Kampfstärke aufliefen. Dai war übrigens diesmal mit einem echten Charakter vertreten, den wir abwechselnd hochgelevelt hatten, damit Dais Schulbildung nicht darunter litt. Im Prinzip also konnte nichts mehr schiefgehen, außer wir vermasselten es aus eigener Kraft.



    Es war noch etwas Zeit, also beschloss ich noch für die Erfrischungen zu sorgen.



    „Bin gleich wieder da.“



    „Warte, ich komme mit.“



    Das war zwar nicht nötig, aber ich wusste Akihiros Einsatzfreude zu schätzen. Gemeinsam gingen wir in die Küche und ich öffnete die Tür des Kühlschranks.



    „Alles in Ordnung soweit?“



    Akihiro war nach wie vor besorgt um mich.



    „Klar, ich war mit Marie extra einkaufen. Wir haben mehr als genug ‚Proviant‘ vorrätig.“



    „Stell dich bitte nicht dumm. Du weißt genau, was ich meine.“



    Ich seufzte leise.



    „Es ist wieder alles in Ordnung, wirklich. Ich weiß selbst nicht, warum ich derart herumgejammert habe. Das war einfach nur ein kleiner Durchhänger. Nichts weiter.“



    „Du weißt selbst am besten, dass das nicht stimmt. Eigentlich hätte ich dich zu einem Arzt bringen müssen. Das war echt kein Zustand mit dir.“



    „So schlimm war es auch wieder nicht. Ich bin wieder eindeutig auf dem Damm. Oder machst du dir etwa Sorgen, ich würde unser Team heute runterziehen?“



    „Manchmal machst du es einem wirklich schwer ernsthaft mit dir zu reden. Mit einer Depression ist echt nicht zu spaßen. Letztes Mal bist du nur herumgelegen, wer weiß ob du beim nächsten Mal nicht auf ganz andere Gedanken kommst und dir etwas…“



    „Hör mal, ich war einsam, weiter nichts. Mir ist einfach nur die Decke auf den Kopf gefallen. Jetzt genieße ich einfach die Zeit mit unserer ‚Familie‘ und wenn sich unsere Wege wirklich einmal trennen sollten, dann…“



    „Dann?“



    „Dann werde ich mich seelisch besser darauf vorbereiten. Es ist alles so schnell gegangen, dass ich keine Zeit hatte mit der neuen Situation zurechtzukommen. Das passiert mir nicht wieder. Ich bin schließlich kein kleines Kind, dass alleine nicht lebensfähig ist.“



    „Trotzdem wäre es besser, wenn Dai und Marie Bescheid wüssten. Nur zur Sicherheit.“



    „Damit sie ein schlechtes Gewissen bekämen und Angst hätten mich alleine zu lassen? Bloß nicht. Außerdem sollen sie sich nicht gezwungen fühlen bei mir zu bleiben. Das würde unsere ganze schöne Freundschaft nur zerstören. Also sei bitte einfach still, was das angeht.“



    Akihiro sah mich einige Augenblicke schweigend an, bevor er antwortete.



    „In Ordnung. Aber bitte sag wenigstens mir Bescheid, wenn du Hilfe brauchst.“



    „Klar. Aber heute haben wir wirklich andere Sorgen. Immerhin sind wir heute Abend Krieger, die in die Schlacht ihres Lebens ziehen. Da sind Gefühle fehl am Platz.“



    Da wir nicht wussten, ob es Pausen geben würde hatten wir vorsorglich eine Kühlbox vorbereitet, die wir mit zur Konsole brachten. Sollte es unablässig zur Sache gehen konnten wir die leeren Flaschen vielleicht auch noch anderweitig gebrauchen.



    „Na, endlich. Marie und ich hatten schon gedacht, ihr hättet euch verlaufen. Jetzt setzt euch schon. Gleich geht es los.“



    Auch Dai war schon ganz heiß darauf endlich die Klingen zu kreuzen. Sie war zwar nicht auf dem Level von Katsu, aber das waren ohnehin nur wenige. Dai war für die kurze Zeit, die sie erst in „RougH“ verbracht hatte, mehr als nur in ihre Rüstung hineingewachsen. Vielleicht war der Totalsieg ein bisschen zu groß gedacht, aber eine sehr ordentliche Gesamtplatzierung sollte wohl drin sein. Solange wir wenigstens eines der begehrten Items abstaubten war die Welt mehr als nur in Ordnung.



    Schlag zwanzig Uhr. All jene Spieler, die sich noch nicht auf dem Hauptplatz eingefunden hatten, wurden umgehend via Teleportationszauber dorthin gebracht. Obwohl die Gesichter der spielbaren Charaktere keine sonderlich ausgefeilte Mimik besaßen war die Aufregung aller Teilnehmer deutlich spürbar. Etwas Großes lag in der Luft und „RougH“ würde uns sicher nicht enttäuschen.



    Über dem Platz begann eine Gestalt zu erscheinen. Es war die des blauen Ritters, des stärksten Kämpfers im Spiel. Üblicherweise waren es eher schwarz gekleidete Kämpen, die überall Furcht und Schrecken verbreiteten, aber in dieser Welt hatte der Champion die Farbe „blau“ gewählt. Das war aber nichts, dem man größere Gedanken widmen würde müssen. Es war einfach so, ohne dass der genaue Grund dafür je bekannt geworden wäre.



    Allmächtiges Schweigen herrschte unter den Kriegern, vielleicht hatte man aber auch nur die Chatfunktion für einen Moment deaktiviert.



    „Krieger aus ‚RougH‘, ich grüße euch. Heute wird zu Ehren der Götter ein Turnier ausgetragen, das nicht nur eure Kampfkünste erproben, sondern auch eure Teamfähigkeit unter Beweis stellen wird. Reine Zweckgemeinschaften werden untergehen und nur wahre Freundschaft wird obsiegen. Jede Gilde wird Zweierteams in die Schlacht schicken, wobei es erlaubt ist, dass mehrere Teams je Gilde an dem Turnier teilnehmen werden. Jedoch wird die Entscheidung, wer euer Waffenbruder sein wird nicht bei euch, sondern in den Händen höherer Mächte liegen.“



    „Jedes Zweierteam wird gegen ein anderes in den Kampf ziehen. Erst wenn ein Team komplett besiegt ist gilt die Schlacht als gewonnen und die Triumphanten rücken eine Runde weiter vor. Wurde ein Mitglied eines Teams besiegt, aber das andere ist siegreich, so steigt das gesamte Team auf. Dies geht so lange, bis nur noch ZWEIUNDDREISSIG Teilnehmer übrig sind. Diese nehmen dann an einer finalen Battle Royal teil, in der jeder gegen jeden kämpft. Es ist nicht verboten, gegen seine eigene Gilde zu kämpfen, aber eine Frage des Charakters. Die finalen vier Krieger werden offiziell zum Sieger gekürt und erhalten ein besonderes Item, das bisher keinen regulären Weg in unsere Welt gefunden hat. Seinen Wert zu erkunden wird dann eure Aufgabe sein. Nun ziehet in die Schlacht und mögen euch die Götter gewogen sein.“



    Ein grelles Licht hüllte den gesamten Hauptplatz ein und für einige Augenblicke war auf dem Bildschirm nur ein helles Weiß zu sehen. Danach fanden wir uns bereits auf dem Kampfplatz wieder. Akihiro und ich waren einander als Team zugeteilt worden, sowie Dai und Osamu. Da unsere Gilde eine ungerade Zahl an Mitgliedern hatte wurde Yu einem anderen unbekannten wie ebenso überzähligen Spieler zugeteilt. Eine etwas unfaire Regel, aber daran konnten wir im Moment nichts ändern.



    „Ausgerechnet. Das fängt ja gut an.“



    Akihiro war mit der Auslosung eindeutig nicht einverstanden. Dies war aber nicht unserer Gruppe geschuldet, sondern jener von Dai und Osamu.



    „Pass bloß auf. Wenn du Dai zu nahe trittst bekommen wir ein echtes Problem.“



    „Keine Sorge. Ich werde nichts tun, dass sie nicht auch will…“



    „Du!!!“



    Es war schon gut, dass Osamu und Akihiro nicht im selben Raum waren und noch besser, dass das auch für Dai und Osamu galt. Er konnte schon ein echtes Ekelpaket sein, aber solange kein persönlicher Kontakt zwischen uns zustande kam war das noch einigermaßen tolerierbar. An und für sich war Akihiro eine Seele von Mensch, aber Osamu wusste genau welche Knöpfe er bei ihm drücken musste um ihn zur Weißglut zu treiben.



    Unsere ersten Gegner waren ein Team aus Südkorea, die es vorzogen durch Magie erschaffene Wesen zu steuern und an ihrer Statt kämpfen zu lassen. Mit anderen Worten: konnten wir ihren Monstern den Garaus machen, waren unsere eigentlichen Gegner weiter kein großes Problem, da all ihre Kraft in ihren Kreaturen ruhte. Uns gegenüber standen ein Behemoth und eine Chimäre. Beide verfügten über keine eigene Intelligenz, sondern waren allein von der Führung ihrer Herren abhängig. Während ich mir die zweiköpfige Kreatur zur Brust nahm kämpften Akihiro und Marie gegen die Teufelsgestalt. Es war nach wie vor erstaunlich, wie gut Marie und Akihiro auf dem Schlachtplatz harmonierten. Alles in allem wurde es zu einem ungefährdeten Sieg für unser Duo, für den wir zwar hart arbeiten mussten, der aber nie wirklich außer Frage stand. Wie schlugen sich wohl Dai und Osamu, die deutlich weniger eingespielt waren?



    Oha. Sie hatten ihren Kampf ebenfalls schon hinter sich gebracht und waren nicht minder erfolgreich. Genau genommen hatten sie ihren Sieg sogar früher eingefahren als Akihiro und ich. Erstaunlich. Dai hatte sich in der Vergangenheit immer als Teamplayerin erwiesen, während Osamu eher ein Einzelkämpfer war. Das hatte in der Vergangenheit zwar schon zu internen Diskussionen geführt, aber solange unsere Gilde erfolgreich war hatten wir ihn immer gewähren lassen.



    So ging es weiter voran. Akihiro und ich, sowie Dai und Osamu ließen keine Müdigkeit vorschützen. Wenn ursprünglich etwa Zweitausend Teilnehmer anwesend waren, waren es nach der ersten Runde nur noch Tausend und nach der zweiten fünfhundert. Da über kurz oder lang aber eine ungerade Anzahl entstehen würde hatte ein Team wohl das Glück ein Freilos zu bekommen. Auf jeden Fall würde noch einiges an Arbeit auf uns warten…



    Schließlich waren wir unter den letzten vierundsechzig Teilnehmern. Ein weiterer Sieg und wir standen in der Battle Royal, genauso wie Dai und Osamu, die sich bereits dafür qualifiziert hatten. Mit Spannung erwarteten wir das Los, das uns zugeteilt werden würde. Da! MAXimum und Christilicious hießen unsere Gegner. Typisch. Eine ziemlich geschmacklose Namenswahl, aber darauf kam es jetzt nicht an.



    Aber egal. Der Countdown zählte von drei auf null herunter und es ging los. Aber es tat sich nichts. Sowohl wir als auch unsere Gegner blieben erst einmal auf unserer Position und warteten, welche Strategie unser Gegner jeweils auf der Pfanne hatte. An sich nicht dumm, aber da beide Teams es taten, war erst einmal nur tote Hose. In einer früheren Version des Spiels war es möglich gewesen, dass sich die Kämpfer bei Körperkontakt gegenseitig mit einem Versteinerungszauber belegten und dann nur noch wie Statuen in der Gegend herumstanden. Diese Mechanik war aber keineswegs vom Entwickler beabsichtigt gewesen, da das Spiel vor allem mit seinen einzigartigen Actionsequenzen auf sich aufmerksam machen sollte. Daher war mit Hochdruck daran gearbeitet worden, dieses Problem schnellstmöglich mit einem Update zu beheben.



    Ich nickte Akihiro (in der Realität) zu und setzte auf ein Solomanöver um unsere Gegner aus der Façon zu bringen. Ich lief schnurstracks auf die beiden zu und war bereit die notwendige Tastenkombination zu wirken, die mindestens einen der beiden durch erhöhte Schwerkraft deutlich verlangsamen sollte. Ein beliebter Trick, den vor allem Neulinge gerne einsetzten, der aber in Profimatches eigentlich nie zur Anwendung kam. Genau auf diesen Überraschungseffekt setzte ich.



    Ich befand mich bereits in unmittelbarer Nähe der beiden. Z A Y B musste gedrückt werden, damit sie schwer wie Blei wurden. Aber sie schien das nicht zu interessieren. Bewegungslos standen sie starr da und rührten keinen Finger. War vielleicht die Verbindung zwischen Spielern und Charakteren unterbrochen worden? Schade für sie, aber darauf konnten Akihiro und ich keine Rücksicht nehmen. Gleich würde es vorbei sein. Z A…



    Was war das? Christilicious hatte nur den Arm ausgestreckt und meinen Charakter damit zum Stillstand gebracht. Wie zum Geier… Durch meine Rüstung begann eine rote Flüssigkeit zu sickern. Ich war eindeutig verletzt worden. Hätte Christilicious gekonnt, er hätte in diesem Moment sicherlich gegrinst. Er zog seinen Arm zurück und hielt in seiner Hand einen magischen Dolch. Derlei Waffen wurden eher für Diebstähle denn für Schlachten genutzt. Kein Wunder, dass ich nicht damit gerechnet hatte.



    Diese spezielle Waffe war zwar nicht unbedingt tödlich, sorgte aber dafür, dass ich vorerst pausieren musste. Während ich in meiner Regenerationsphase unfähig war einen Schlag auszuführen stürmten MAXimus und Christilicious los um Akihiro in die Zange zu nehmen. Sie nahmen wohl an, dass ich der eindeutig Schwächere des Teams war und empfanden es als unnötig mir im Moment größere Beachtung zu schenken. Akihiro musste im Moment alleine sehen wie er klar kam. Auf ihm ruhte nun allein unser ganzes Wohl und Wehe. Die Lage war damit zwar nicht völlig aussichtslos, aber zumindest reichlich verfahren.



    Es würde nur noch wenige Sekunden dauern, bis sie Akihiro in Schlagweite hätten. Einen mochte er ja abwehren können, aber beide? So gut war er einfach nicht.



    „AKIHIRO!!!“



    „L Z X B A!“



    Was hatte Marie da gerade von sich gegeben? Das klang ja fast wie die Tastenkombination für… Tatsächlich. Akihiro hatte sich seiner Rüstung entledigt um sich dank des geringeren Gewicht vom Boden abstoßen zu können und mittels Salto hinter die Amis zu befördern. Die hatten mit einer solchen Aktion sichtlich nicht gerechnet und standen erst einmal fassungslos in der Gegend herum. Dies nutzte Akihiro aus und verpasste Christilicious einen vernichtenden Hieb mit seiner Axt in dessen ungeschützten Rücken. Unglaublich. Wann hatten er und Marie nur solche Manöver einstudiert?! Christilicious‘ Energiebalken war deutlich in den roten Bereich gefallen, aber noch nicht am Ende. MAXimus schien wütend, aber nervös. Anstelle von ausgefeilten Techniken wollte er das Duell jetzt mit bloßer Kraft entscheiden. Keine gute Idee. Akihiro war durch die abgelegte Rüstung zwar verletzlicher, aber hatte wie gesagt auch einiges an Tempo dazugewonnen. Kraftaktionen bedurften eine gewisse Zeit um sich entsprechend aufzuladen und die hatten die ausländischen Invasoren einfach nicht.



    „A B Y R“



    Erneut hatte Marie die Übersicht behalten und hatte Akihiro den perfekten Rat gegeben. Mit einem weiteren Hieb seiner Akt entzweite Akihiro den Griff der gegnerischen Hellebarde, die immer noch dabei war mit Energie aufgeladen zu werden. Schach und Matt. Entwaffnet konnte MAXimus nur mehr auf die Gnade von Akihiro hoffen. Von wegen. Wer mit solchen billigen Tricks in die Schlacht zog musste damit rechnen im Staub zu enden. MAXimus war Geschichte. Damit waren wir in der Überzahl.



    Was war das? Cristilicious hatte sich ausreichend erholt um seinen Dolch erneut zum Einsatz zu bringen. Verbunden mit seiner schlechten Verteidigung hätte das ausgereicht, um Akihiro in die Knie zu zwingen. Christilicious holte aus und…



    …musste hilflos zusehen, wie seine Energie auf null ging. Er hatte eindeutig damit gerechnet, dass ich noch länger brauchen würde, um mich zu erholen. Nichts da, als würde ich meinen besten Freund und Kriegskameraden einfach im wahrsten Sinne des Wortes ins offene Messer laufen lassen.



    „CONGRATULATIONS!“ leuchtete in großen Buchstaben auf unserem Monitor auf. Wir hatten es geschafft. Wir waren im großen Finale angekommen. Zwar knapp, aber das spielte in diesem Moment absolut keine Rolle. Akihiro und ich fielen uns vor Freude um den Hals, was Dai und Marie sichtlich belustigte. Was solls? Wenn man schon Gefühle hatte konnte man sie auch zeigen. Hauptsache, die Iron Blades waren ins Finale eingezogen. Wenn wir vier als Einheit fungierten hatten wir alle Chancen dieser und der digitalen Welt. Yu hatte mit seinem Partner leider weniger Glück gehabt und war schon nach zwei Runden ausgeschieden.



    Gute zweieinhalb Stunden waren seit dem Beginn des Events vergangen, weswegen den Teilnehmern jetzt erst einmal eine halbe Stunde Pause zugestanden wurde, um sich wieder zu regenerieren. Ich sah das zwiegespalten. Immerhin zerstörte das den Rhythmus, denn man sich im bisherigen Verlauf angeeignet hatte und wenn man sich zu sehr entspannte hatte das fatale Auswirkungen auf das Finale.



    „Ich muss mal kurz wohin.“



    Akihiro sah die Angelegenheit eindeutig von der praktischen Seite. Recht hatte er, denn auch meine Blase meldete sich zu Wort. Akihiro war Gast, also ließ ich ihm den Vortritt. Wie lange konnte das schon dauern? An sich nicht lange. Aber als eigentlich ich an der Reihe gewesen wäre griff Dai zuerst nach dem Türgriff und ging wortlos an mir vorbei. Sicher, über derlei gehörte es sich nicht zu sprechen, aber zu sagen hätte ich in diesem Moment einiges gehabt. Manche Teesorten sollte man wirklich nicht zu sich nehmen, wenn man nicht alleine lebte. Ich wette, Osamu hatte im Moment nicht mit solchen Schwierigkeiten zu kämpfen…





    23.00 Uhr. Zeit für die letzte Schlacht. Selbstredend waren alle teilnehmenden Mitglieder der „Iron Blades“, Osamu eingeschlossen, übereingekommen zusammenzuarbeiten und notfalls auch das Ausscheiden eines Kameraden, in Dais Fall einer Kameradin, zu verhindern, auch wenn es das Ranking verbessert hätte. Via Headset wünschte Yu uns alles Gute. Es war schade, dass er solches Pech gehabt hatte, aber komplett ins Finale einzuziehen war ohnehin kaum denkbar gewesen.



    Wir waren als Viererformation vertreten und außer uns gab es nur wenige mit einer solchen Kampfstärke. Unter den zweiunddreißig verbliebenen Teilnehmern waren nur noch zwei weitere Gilden soweit gekommen, den Rest bildeten ausschließlich Zwei-Mann-Teams. Gut für uns, aber kein Grund zum Übermut. Immerhin waren nicht wenige Gilden einander in Freundschaft verbunden, sodass deren Bündnisse nicht auf den ersten Blick ersichtlich waren.



    Anstelle des blauen Ritters war es nun ein Elfinnencharakter, der den Start der Battle Royal verkündete. Sowie sie die Fahne mit dem Logo des Spiels darauf in den Boden gerammt hätte würde es losgehen. Dai, Akihiro und ich sahen uns aus den Augenwinkeln heraus an. Unsere Finger umklammerten so fest als möglich die Controller.



    Los geht’s. Aus allen Richtungen stürmten die Kontrahenten los, um einander aus dem Turnier zu kicken. Das Adrenalin floss nur so in Strömen und ich hatte mich selten lebendiger gefühlt. Ich war nun wirklich nicht jemand, der abends zu Pferd die Kühe von der Weide holte, aber in der digitalen Welt konnte ich eine andere Seite von mir zeigen und leben. (Kommt mir jetzt nicht mit toxischer Männlichkeit, immerhin gab es auch genug Mädchen und Frauen, die solche Videospiele liebten. Dai saß immerhin als lebender Beweis neben mir. Außerdem hatte ich meine fürsorgliche und familiäre Seite bereits mehr als nur einmal gezeigt. ;))



    Dai bewies mehr als genug Selbstbewusstsein, um sich gleich mit einem der höherrangigen Krieger zu messen. Sein Pech. Akihiro und ich dagegen setzten eher auf unsere bewährte Stärke als Duo um nicht die Waffen strecken zu müssen. Wo war Osamu eigentlich abgeblieben? Er war wie Dai auch im Alleingang zu sehr viel fähig, sodass wir uns um ihn nicht zu sorgen brauchten. Dennoch wäre es nett gewesen, ihn als Backup in unserer Nähe zu wissen. Vielleicht stieß er ja später wieder zu uns.



    Alle Anwesenden hatten sich in den Vorrunden als sehr fähig herausgestellt. Kein Wunder also, dass es nicht eben leicht war, jemanden zu besiegen. Früher hätte ich mich um Akihiro sorgen müssen, aber mit Marie hatte er eine sehr fähige Ratgeberin an seiner Seite. Ich hätte nie erwartet, dass sie sich sogar die verschiedenen Tastenkombinationen einprägen würde. Das war umso schwerer, da sie die Namen der Tasten auswendig lernen musste. Saß man selber hinter dem Controller automatisierten sich die Bewegungsabläufe irgendwann. Das war in etwa so, als würde man das Zehn-Finger-System auf der Tastatur lernen.



    Am Rande des Monitors zeigte eine große rote Zahl an, wie viele Spieler noch im Rennen waren. Noch waren alle zweiunddreißig Kämpen dabei. Vergesst das. Soeben waren zwei Spieler ausgeschieden und die Zahl auf dreißig gesunken. Einer der Gefallenen war der arme Teufel gewesen, der es mit Dai zu tun bekommen hatte. Hatte Osamu sich vielleicht um den anderen Recken gekümmert? Unsinn, das wäre wirklich zu viel des Zufalls gewesen. Außerdem war es egal. Solange wir nicht selbst der Schlacht zum Opfer fielen war alles in bester Ordnung.



    Eine halbe Stunde war mittlerweile vorbei und noch sechzehn Spieler auf dem Feld, von denen zwölf besiegt werden mussten um zu den Gewinnern zu gehören. Unser Trio war weiterhin komplett im Rennen, auch wenn unsere Energiebalken bereits von grün zu gelb gewechselt hatten. Das hieß bis auf jenen Dais. Sie war wirklich toll. Eine echte Naturbegabung. Ehrlich gesagt tat es mir mittlerweile immer mehr leid, dass ich sie früher wegen ihrer geringen Größe aufgezogen hatte. Aber, zu meiner Verteidigung, nie aus böser Absicht. Es hatte mir einfach immer zu viel Freude bereitet ihre Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, indem ich sie neckte. Ich glaube, sie hat es mir auch nie wirklich krummgenommen, sonst wären ihre Tritte und Hiebe viel stärker ausgefallen. Und auch wenn es jetzt ein anderes Spiel als früher war bildeten wir immer noch ein richtig gutes Team. Ich würde es ihr wohl nie sagen, aber ich glaube, dass es mich echt fertig machen würde, wenn sie…



    Mist. Ich hatte die Konzentration verloren und nicht auf meine Umgebung geachtet. Ein Magier hatte aus einem schwer einsehbaren Winkel einen Versteinerungszauber gewirkt und mich für die nächsten fünfundvierzig Sekunden zur absoluten Bewegungslosigkeit verurteilt. In Angriff UND Verteidigung. Zu sagen, dass das nicht gut war wäre der Situation absolut nicht gerecht geworden. Aber es half nichts. Akihiro war gerade selbst damit beschäftigt sich eines Gegners zu erwehren und ich konnte damit nicht auf die Hilfe meines Partners hoffen. Alles was mir blieb war auf ein Wunder zu hoffen.



    Mein Energiebalken sank und sank. Ich war mittlerweile bereits auf orange und es fehlte nicht mehr viel auf rot. Der dämliche Magier versetzte mir Schlag um Schlag und verständlicherweise hatte niemand außerhalb meiner Gilde daran Interesse mir zu Hilfe zu kommen. Ich konnte mich zwar nicht wehren, aber hielt meinen Controller immer noch fest umklammert, gerade so, als wäre er ein echtes Schwert. Wenn ich schon fallen sollte, dann wenigstens mit Stolz.



    Jetzt war meine Lebensenergie bereits im roten Bereich und es war klar, dass ich die restlichen zehn Sekunden nicht mehr standhalten können würde. Vorbei. Aber wenn Dai, Akihiro und Osamu übrig blieben konnte unsere Gilde immer noch hoch erhobenen Hauptes ihre Fahne schwenken.



    „Spinnst du? Warum sagst du denn nichts? Ich sitze doch direkt neben dir!!!“



    Ich wusste nicht, ob sich meine Situation jetzt verbessert hatte. Dai hatte meine Situation bemerkt und hatte meinen Peiniger mit einem vernichtenden Klingenhieb zur Strecke gebracht. Das war gut. Schlecht war, dass Dai jetzt wütend war. Schlecht für mich, weil ich sie nicht um Hilfe gebeten hatte. Schlecht aber auch für die gegnerischen Krieger, denn wenn Dai einmal verärgert war, kannte sie nichts und niemanden mehr. Ich hatte Dai nicht um Hilfe gebeten, weil sie sich auf sich selbst konzentrieren sollte und nicht um das Bleigewicht namens Minato. Allerdings stand jetzt zu befürchten, dass sie meinte, ich wäre zu stolz eine junge Frau um Hilfe zu bitten, eben aus dem Grund, weil sie weiblich war.



    „Lass den Schei**. Sonst werfe ich dich nächstes Mal höchstpersönlich raus. Hast du verstanden?!“



    Ich antwortete mit einem stimmlosen „Ja“ und nickte nur leicht. Dai und ich waren ein sehr gutes Team. Bekam sie aber das Gefühl, dass man sie nicht für voll nahm, warum auch immer, dann war Schluss mit lustig. In einem Manga wäre eine solche Charaktereigenschaft wahrscheinlich sogar ziemlich lustig gewesen, aber dies hier war bittere Realität. Und es hatte mir in der Vergangenheit bereits immer zu schaffen gemacht, wenn sie mir ihre Zuneigung entzog. Es war definitiv kein schönes Gefühl…



    Eine Viertelstunde später waren, mich eingeschlossen, immer noch acht Spieler im Rennen. Vier davon wurden von den „Iron Blades“ gestellt, die restlichen Anwärter auf den Sieg waren einzelne Krieger anderer Gilden. Rein von der Papierform waren wir damit im Vorteil. Eigentlich. Da wir anhand unserer Wappen aber eindeutig als Gruppe erkennbar waren entschieden sich unsere Gegenspieler allerdings dazu, ebenfalls als Gruppe auf uns loszugehen, anstatt weiterhin gegeneinander zu kämpfen.



    Da Heilzauber in der Battle Royale verboten waren war meine Kondition nach wie vor unbestreitbar miserabel. Die anderen hatten zwar ebenfalls Federn lassen müssen, aber ich war eindeutig der Schwächste von uns acht. Akihiros Anzeige war ein sehr solides orange und Dai sogar noch im gelben Bereich. Lediglich Osamus Anzeige war sogar noch stärker. Genau genommen war es sogar die stärkste, die es hier gab. Ich wollte ihm nichts unterstellen, aber logisch betrachtet gab es dafür keine Erklärung. Osamu war ein versierter Einzelkämpfer, keine Frage, aber dieses Ergebnis war beinahe schon verdächtig zu nennen. Immerhin hieß es hier jeder gegen jeden und im Zweifelsfall ging man zu mehreren auf einen übermächtigen Gegner los. Vor allem auf jemanden, der geradezu provozierend gesund war. Aber hätte er unredliche Methoden wie einen Cheat angewendet wäre das den Administratoren des Games definitiv aufgefallen. In „RougH“ herrschte eine Null-Toleranz-Politik, was Betrüger anging und ein lebenslanger Bann von den Servern wäre die Folge gewesen. Es musste also alles mit rechten Dingen zugegangen sein…



    Dai und Akihiro kämpften wie die Wilden und ich begann mich zu fragen, ob es Marie nicht langsam überforderte Akihiros Augen zu sein. Für jemanden, der kein geübter Bildschirmkrieger war, konnte das stundenlange Anstarren eines Monitors zur echten Belastungsprobe werden. Erst recht, wenn man ansonsten nicht viel damit zu tun hatte.



    Akihiro und Dai hatten sich so gut es ging um mich herum positioniert um mich vor übermäßigen Angriffen zu bewahren. Da es mir aber so schwerfiel, selbst einzugreifen, war es für unsere Feinde ein Überzahlspiel. Osamu bestritt etwas abseits einen Einzelkampf, sodass drei Mitglieder des Zweckbündnisses auf Dai und Akihiro trafen. Dai konnte das ab, aber Akihiro begann müde zu werden. Er gab alles, allein es war einfach zu viel.



    Alles oder nichts, friss oder stirb. Ich erinnerte mich an das Manöver, das Akihiro in der letzten Vorrunde zum Einsatz gebracht hatte und machte es mir zu eigen. Ich erhöhte meine Geschwindigkeit deutlich, indem ich meine Rüstung abstreifte und setzte alles auf eine Karte. Meine Gesundheit war eh im Keller, also verursachte eine weitere Schwächung meiner Verteidigung ohnehin keinen Schaden mehr. Ich stieß mich vom Boden ab und setzte aus der Luft zu einem Angriff an. Mein Schwert vor meinen Körper haltend, als handelte es sich dabei um einen Speer, versuchte ich es in den feindlichen Ork zu rammen. Dieser konnte mit meinem Tempo definitiv nicht mithalten und würde mir zum Opfer fallen. Eigentlich. Da ich aber mein Körpergewicht mit in den Angriff schickte war ich gerade unfähig mich anderweitig zu bewegen. Der Ork hatte keine Chance, aber wenn jetzt ein Treffer aus einer anderen Richtung kam war ich Geschichte.



    Wie ein Blitz stieß ich vom Himmel herab und war auf alles gefasst. Ein Elf erfasste meine Strategie und war bereit mich mit einem Pfeil aus der Distanz zur Strecke zu bringen. Aus und vorbei, aber ich hatte mir nichts vorzuwerfen. Wenigstens fiel ich meinen Freunden nicht mehr länger zur Last. Lebt wohl, wir treffen uns in Walhalla wieder, wenn ich am Herd stehe um uns ein paar Snacks zuzubereiten.



    Der Elf stieß einen schrillen Schrei hervor und sein Lebenslicht verlosch. Ausgerechnet Osamu hatte mir den Hals gerettet, indem er die Ablenkung des Elfs ausgenutzt hatte. Das wiederum führte dazu, dass auch der Ork keine Hilfe mehr zu erwarten hatte und auch er kurz vor Schluss die Waffen strecken musste.



    Die Situation sah nun folgendermaßen aus: Osamu hatte seinen ursprünglichen Gegner besiegt und war mir zu Hilfe geeilt, indem er auch dem Elf den Garaus machte, somit waren zwei Kontrahenten besiegt und noch sechs übrig. Zog man den Ork, der durch meinen Luftangriff gefallen war, ebenfalls ab, blieben, uns eingeschlossen, noch fünf. Ergo hieß es die „Iron Blades“ gegen nur noch einen Feind.



    Jetzt wäre es ein Leichtes gewesen wären wir zu Viert auf ihn losgegangen. Aber das war nicht unser Stil. Wir wollten es Osamu überlassen sich im Zweikampf mit ihm zu messen. Das war ein faires Angebot. Wer sich von den beiden durchsetzte, sollte uns in den Gewinnerkreis folgen, auch wenn klar war, dass Osamu deutlich die besseren Karten hatte. Allein schon wegen seines Energiebalkens.



    Der Gegner, übrigens ein kampferprobter Kleinwüchsiger, zog mit seiner Streitaxt alle Register und hieb ununterbrochen auf Osamu ein. Zumindest versuchte er es. Tatsächlich aber traf seine Klinge nur die Luft. Osamu machte sich nicht einmal die Mühe zurückzuschlagen und machte einfach nur einen Schritt nach dem anderen nach hinten. War das jetzt eigentlich gekonnt oder nur eine Demütigung, die Osamu da vollführte?



    Gelinde gesagt hätte es gereicht, hätte Osamu kurzen Prozess gemacht. Aber er wollte seine Übermacht beweisen. Wenn ihm das nicht noch zum Verhängnis wurde. Wir anderen standen währenddessen einfach nur in der Gegend herum und warteten ab. Für die Zuschauer, die per Stream dabei waren mochte dies sicherlich enttäuschend sein, aber eine Schlacht musste schließlich nicht automatisch ein Gemetzel sein.



    Was war das? Der Kleinwüchsige hörte plötzlich auf, Osamu bezwingen zu wollen, machte ein paar Schritte zur Seite, nahm seine Axt und warf sie mit aller Macht auf Akihiro. Es ging alles zu schnell um irgendwelche Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Akihiro versuchte noch auszuweichen, aber die Axt traf seinen Körper mit ganzer Kraft und verursachte einen verheerenden Volltreffer. Wir konnten nichts anderes tun als dabei zuzusehen, wie sein Energiebalken in den roten Bereich fiel und schließlich vollends erlosch.



    Es war eine unnötige Niederlage, aber es war unser aller Schuld. Wir hätten die Waffen nicht senken dürfen, auch wenn Osamu die Kontrolle hatte. Der Überraschungsangriff hätte jeden von uns treffen können, aber für Akihiro war es besonders bitter. Er hatte sich mit Marie so immens verbessert, nur um dann durch einen blöden Anfängerfehler kurz vor Schluss zu scheitern…



    Drei von uns hatten sich als siegreich erwiesen, aber zumindest für Dai und mich fühlte es sich ebenso wie eine Niederlage an. Osamu mochte Akihiro nicht sonderlich und auch dem kleinen Krieger dürfte seine Niederlage ziemlich egal gewesen sein.



    Der blaue Ritter schwebte vom Himmel herab und teleportierte uns in den Festsaal eines Schlosses, dessen Betreten ausschließlich den Siegern des Wettkampfes vorbehalten war. Er lobte die Stärke und Einsatzfreude von uns Vieren und die Kreativität, die wir unter Beweis gestellt hatten. Aber ich hörte nur mit einem Ohr hin. Akihiro ließ sich nichts anmerken und gratulierte Dai und mir (in der Realität) zu unserem Erfolg. Ich wusste, er meinte es ehrlich, aber gerade für ihn, der in der Vergangenheit ohne Marie immer unter die Räder gekommen war, wäre eine solche Auszeichnung besonders wichtig gewesen.



    Das Item, das wir gewonnen hatten, war übrigens eine besondere Rüstung, die jener des blauen Ritters nachempfunden worden war. Vorne war das Wappen unserer jeweiligen Gilde angebracht worden, auf dem Rücken jenes der ritterlichen Garde, welche vom blauen Ritter ins Leben gerufen worden war. Sicher, es war ein schöner Preis und eine besondere Auszeichnung, da er nicht auf regulärem Weg im Spiel erhältlich war, trotzdem fühlte ich mich, als hätte ich reinen Essig zu trinken bekommen. Akihiro hatte mich beschützt und ich hatte nichts für ihn tun können…



    Hoffentlich führte das Ganze nicht zu einem neuerlichen Zerwürfnis zwischen Osamu und Akihiro. Auf der einen Seite konnte man anführen, dass das Alles nicht passiert wäre, hätte Osamu keine Spielchen gespielt und seine Aufgabe erfüllt. Auf der anderen Seite waren wir zu leichtsinnig gewesen, indem wir uns unserer Position zu sicher waren. Die, die dabei keine Reue verspürten, waren Osamu und der Zwergenkrieger. Wir anderen fühlten uns hundeelend, auch wenn Dai und Akihiro ein Pokerface aufsetzten.



    Nachdem das Zeremoniell abgearbeitet war wollten wir uns eigentlich nur noch ausloggen und die Angelegenheit gut sein lassen. Ausgerechnet Osamu aber hielt uns noch über das Headset davon ab.



    „Na? Waren wir klasse oder was? Sorry, Akihiro, dass es für dich so dumm gelaufen ist, aber das war einfach Pech.“



    Wir schwiegen.



    „Was haltet ihr davon, wenn wir unseren Erfolg demnächst feiern? Nicht im Spiel, sondern ganz real. Ich finde, es ist an der Zeit, dass wir uns endlich alle einmal persönlich treffen. Ich kenne da einen Laden, der genau richtig dafür wäre. Was sagt ihr?“

  • Kapitel 11 - "Ein Kinobesuch mit Folgen"



    Es war der Morgen nach dem großen Event in „RougH“. Eigentlich hatten wir Grund zur Freude, denn die „Iron Blades“ konnten gleich drei siegreiche Teilnehmer vorweisen. Derjenige, der eine Niederlage hatte einstecken müssen war just Akihiro gewesen. Und das ausgerechnet wegen Osamu.



    Nein, es wäre unfair gewesen, dies allein Osamu anzulasten. Fakt ist, wir waren großspurig geworden und hatten die Feinheiten einer Battle Royal außer Acht gelassen. Es war legitim einen von uns anzugreifen anstatt sich im Zweikampf mit Osamu aufzureiben. Wäre es mein Charakter gewesen, der angegriffen wurde, hätte es mich zwar geärgert, aber ich wäre darüber hinweggekommen. Was mich aber tatsächlich letzte Nacht um den Schlaf gebracht hatte war, dass es Akihiro getroffen hatte. Jenen Akihiro, der mich davor noch gemeinsam mit Dai mit Zähnen und Klauen vor dem sicheren Ausscheiden bewahrt hatte. Wäre ich gefallen, wäre Akihiro verdient unter den finalen Vieren gewesen. So aber hatte es den ekligen Beigeschmack, dass ich meinen besten Freund im Stich gelassen hatte. Ja, es war nur im Videospiel, aber trotzdem. Er hatte sich dermaßen für mich ins Zeug gelegt und ich hatte nicht auf ihn aufgepasst. Das nagte an mir.



    „Mach dir keine Vorwürfe. Beim nächsten Mal packen wir es alle. Gemeinsam.“



    Erschreckend, wie präzise Akihiro mich lesen konnte. Ich hatte kein Wort gesagt und trotzdem wusste er, dass ich mir Vorwürfe machte. Ich nickte.



    „Sorry, dass ich es verpatzt habe. Vielleicht bin ich der nächste, den Osamu ausbooten möchte.“



    Akihiros Gesichtszüge erstarrten für einen kurzen Moment. Eigentlich hatte ich ihn nur mit einem Witz aufheitern wollen, aber damit nur das Gegenteil erreicht.



    „Entschuldige, so habe ich das nicht gemeint. Ich wollte nur…“



    „Kein Ding. Aber du verstehst sicher, dass ich keinen sonderlichen Bock habe mich mit ihm zu befassen. Schon gar nicht in echt.“



    Akihiros Vorbehalte waren nur allzu verständlich.



    „Ich glaube auch nicht, dass er das Treffen ohne einen Hintergedanken vorgeschlagen hat. Außerdem sehen Dai, du und ich uns sowieso schon ständig. Also macht es nicht sonderlich viel Sinn für uns. Aber das konnte er ja nicht wissen.“



    „Yu würde ich aber schon gerne einmal persönlich treffen. Er scheint ein echt netter Kerl zu sein. Außerdem konnte er noch nicht mal an dem Finale teilnehmen. Er scheint ein noch größerer Pechvogel als ich zu sein.“



    „Stimmt. Zumindest das mit dem netten Kerl. Er redet zwar nicht viel, aber das muss ja nichts heißen. Vielleicht können wir uns ja auch nur mit ihm in einem Familienrestaurant oder etwas Ähnlichem treffen. Osamu muss es ja nicht wissen.“



    „Nein, wenn, dann müssen alle dabei sein. Ich kann Osamu zwar nicht ab, aber wenn wir ihn ausschließen sind wir auch nicht besser.“



    Akihiro hatte wirklich einen großen Sinn für Gerechtigkeit. Osamu war ein zweifelhafter Charakter, aber kein Verbrecher. Vielleicht war es sogar gut, dass er mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hielt. Dann wussten wir wenigstens woran wir bei ihm waren. Direktheit war nicht immer angenehm, aber auch kein Grund ihn auszugrenzen. Ein Gedanke bereitete mir aber Unbehagen.



    „Was ist mit Dai?“



    „Sollte das nicht eigentlich mein Text sein? Aber ich verstehe was du meinst. Wenn er meiner Cousine zu nahetreten sollte, bekommt er ein Problem mit uns beiden.“



    „Wie männlich. Die kleine Dai kann sich nicht selbst zur Wehr setzen und braucht ihre großen starken Beschützer, die ihre Ehre bewahren. Oder wie darf ich euch verstehen?“



    Dai war unbemerkt an uns herangetreten und hatte uns völlig falsch verstanden.



    „Dai, entschuldige. So hatte Akihiro es nicht gemeint. Was er eigentlich sagen wollte war…“



    „Hm?“



    „Ich war besorgt um dich. Weiter nichts. Klar brauchst du uns nicht um mit so einem Lappen wie Osamu fertigzuwerden. Du bist stark genug, um so etwas allein zu regeln. Ich hatte nur so geredet, weil…“



    „…ich ein Mädchen bin, das nicht allein klarkommt in der großen bösen Welt.“



    „…weil du Familie bist. Oder würdest du nichts unternehmen, wenn ich Probleme hätte?“



    Dai stierte ihrem Cousin tief in die Augen.



    „Die Antwort lasse ich gelten. Aber entscheidet nie wieder etwas über meinen Kopf hinweg. Haben wir uns verstanden?“



    Als wären wir zwei Schuljungen, die sich etwas zuschulden hatten kommen lassen, senkten wir beide unsere Köpfe. Sie hatte recht. Sich um andere Menschen zu sorgen war eine Sache, sie aber nicht in Entscheidungen miteinzubeziehen, die sie direkt betrafen, eine andere. Das war einfach nicht mehr zeitgemäß. Dai und Marie waren wie Schwestern für uns. Aber das hieß nicht, dass sie nicht gleichberechtigt waren. Wobei…



    …sah ich Dai wirklich noch mit solchen Augen? Klar, wir waren Kindheitsfreunde und darüber hinaus war sie noch die Cousine meines besten Freundes. Aber seitdem ich angefangen hatte sie als junge Frau wahrzunehmen hatte ich auch nicht mehr damit aufhören können. Meine Art der Zuneigung zu ihr hatte sich eindeutig verändert. Wir aßen zusammen, wir sahen zusammen fern, wir sahen einander bereits am frühen Morgen und wünschten einander eine gute Nacht bevor wir zu Bett gingen. Wir konnten über alles miteinander sprechen und teilten unser Leben miteinander. Die Art, wie wir unter einem Dach miteinander lebten, sorgte zwangsläufig für einen gewissen Grad an Intimität. Wir zeigten uns einander so, wie wir wirklich waren. Keiner von uns dachte nur im Geringsten daran, sich verstellen zu müssen.



    Fakt war, ich hatte Gefühle für Dai entwickelt, die für sie als Frau galten. Nicht als Mitbewohnerin oder Freundin. Und das durfte aus diversen Gründen nicht sein. Die Hauptsache war, dass ich mit ihnen umzugehen wusste, ohne dass sie davon erfuhr. Wir hatten diesen wunderbaren, unbefangenen Umgang miteinander, den ich nicht gefährden wollte. Es war schön, so wie es war. Das musste ich mir einfach immer wieder vor Augen führen.



    „Hab ich was im Gesicht oder warum schaust du mich die ganze Zeit an?“



    „Sorry, ich war nur in Gedanken.“



    Genau solche Patzer durfte ich mir nicht mehr erlauben. Außerdem war es albern. Nur weil ich damals diesen Anime gesehen hatte musste ich ihn nicht eins zu eins auf Dai und mich umlegen. Sie hatte ihn genauso gesehen und keinen Vogel bekommen. Ich war wirklich jämmerlich.



    „Morgen. Ist das Frühstück schon fertig?“



    Marie war ein Engel in der Not. Wenn sie im Raum war sank die Anspannung darin gleich um die Hälfte. Von Hunden und Katzen sagte man, glaube ich, dasselbe.



    „Steht schon auf dem Tisch. Ich wollte dich vorhin eigentlich schon rufen, aber ich hatte mitbekommen, dass du telefonierst.“



    „Stimmt. Mein Papa hat mich vorhin angerufen, bevor er ins Bett ging. Er hat wieder bis in die Nacht gearbeitet, aber trotzdem noch an mich gedacht. Der Gute. Übrigens habe ich eine Überraschung für euch. Einer seiner hiesigen Geschäftspartner schenkt mir fünf Freikarten für die Premiere des neuen Kinofilms von Hiroyuki Sanada am nächsten Wochenende. Habt ihr Lust?“



    „Klar, Kino geht immer. Können wir uns dafür irgendwie bei dir revanchieren?“



    Für Kino war Akihiro immer zu haben. Vor allem, wenn es um Action lastige Streifen ging.



    „Zahlt für Getränke und die üblichen Naschereien und wir sind quitt. Nur Spaß. Soweit kommt es noch, nach allem, was ihr für mich getan habt.“



    „Nein, das geht schon klar. Oder was sagst du Minato? Gehen wir auf ein Doppeldate?“



    „Was?!“



    Akihiro hatte zwar nur einen Witz gemacht, trotzdem entgleisten mir für einen Moment meine Gesichtszüge. Das war auch Dai nicht entgangen.



    „Ich hatte nicht erwartet, dass dich der Gedanke mit mir gesehen zu werden so sehr schockiert. Tut mir leid, dass ich deinen hohen Ansprüchen nicht genüge.“



    Dai hatte meine Reaktion eindeutig missinterpretiert. Warum musste Akihiro auch so einen geschmacklosen Witz reißen?!



    „Dai, warte. So hatte ich das doch gar nicht gemeint. Aber als Akihiro von einem Date sprach, hat er mich einfach auf dem völlig falschen Fuß erwischt. Es war einfach nur ein saublöder Witz von ihm. Das ist alles.“



    „Jetzt komm mal wieder runter. Ich entschuldige mich für meine Bemerkung sogar. Aber dir ist doch klar, dass das mit dem Doppeldate nur Spaß war. Oder, Minato?“



    Akihiro sprang mir bei, auch wenn er mein Problem nicht erfassen konnte.



    „Klar weiß ich das. Aber was solche ‚Scherze‘ angeht bin ich einfach etwas empfindlich. Ich finde auch, dass das nichts ist worüber man sich lustig macht. Stell dir nur vor, jemand nimmt das ernst.“



    „Genau genommen bist du aber der einzige, der sich über Akihiros Bemerkung unnötige Gedanken macht.“



    Musste Marie mir jetzt auch noch in den Rücken fallen? Genau deswegen war Liebe in meinem Fall so überflüssig wie ein Kropf. Konnte ich mit meinen Freunden nicht einfach nur in Ruhe zocken und eine gute Zeit haben? War es überhaupt normal, dass ich auf derart absurde Gedanken mit Dai kam? Früher war sie so etwas wie meine kleine Schwester und jetzt entwickelte ich Gelüste nach ihr. Wir waren doch nicht Protagonisten eines dieser perversen Hentais aus dem Internet. Unsere Beziehung zueinander war sauber und lustig. Nichts weiter.



    „Es tut mir leid. Mir geht zurzeit einiges im Kopf rum und deswegen fehlt mir momentan der Sinn für so etwas. Dai, ich würde mich natürlich geehrt fühlen mit dir auf ein Date zu gehen. Denkst du etwa, ich weiß nicht, wie toll du bist?! Aber das spielt alles keine Rolle. Wichtig ist, dass wir gemeinsam einfach eine gute Zeit im Kino haben. Was haltet ihr davon, wenn wir danach die Küche kalt sein lassen und einfach essen gehen? Auf meine Kappe.“



    „In Ordnung, aber das wird nicht billig. Für die Nummer eben will ich das volle Programm.“



    Schön, dass Dai bereit war, mir zu vergeben. Außerdem: wie teuer konnte sie mich schon kommen? Sie aß normalerweise eh nur wie ein Spatz. IHREN Anteil konnte ich locker verkraften. Marie würde da schon eher ins Geld gehen…





    „Seid ihr sicher, dass ihr mich dabeihaben wollt? Hier sind sicher genug andere Leute, mit denen ihr mehr Spaß hättet.“



    Es war nicht leicht Hisakawa eine Freude zu machen. Zumindest fiel es ihr schwer, sie von uns anzunehmen. Also übernahm Akihiro.



    „Auch wenn du es nicht glauben möchtest, aber wir sind Freunde. Mach dich nicht immer so klein. Wenn wir nicht gerne Zeit mit dir verbringen wollten würden wir dich auch nicht einladen. Stell bitte dein Licht nicht so sehr unter den Scheffel. Wenn du allerdings keine Lust hast…“



    „Doch… ich würde sehr gerne mit euch den Nachmittag verbringen… Vielen Dank für die Einladung…“



    Na bitte. Manche Leute musste man eben einfach zu ihrem Glück zwingen. Hisakawa fiel es zwar schwer mir oder Akihiro in die Augen zu schauen und sah deswegen lieber zu Boden, aber ihr Lächeln konnte sie nicht verbergen. Sie brauchte eindeutig mehr Selbstvertrauen. Kaum zu glauben, dass sie in ihrer Freizeit ein dermaßen „intensives“ Hobby hatte.



    „Dann ist es abgemacht. Treffpunkt ist eine halbe Stunde vor dem Einlass vor dem Kino. Oder wäre es dir lieber, wenn wir dich daheim abholen kommen?“



    „Nein… das ist schon in Ordnung. Vielen Dank, dass ihr an mich gedacht habt…“



    „Ach ja, bevor ich es vergesse: iss lieber nur leicht zu Mittag. Minato lädt die ganze Clique hinterher noch groß zum Essen ein…“



    „Oh… seid ihr sicher, dass ihr dann nicht lieber unter euch bleiben wollt? Ich freue mich schon allein über den Film… das müsst ihr wirklich nicht für mich tun…“



    „Worüber haben wir vorhin geredet?! Also hör auf dich selbst auszuschließen. Wenn du dir unsicher deswegen bist sieh es einfach als eine Art Befehl von uns an. Bange machen lassen wir nicht gelten.“



    Hisakawa sagte nichts mehr dazu, sondern verbeugte sich einfach nur vor uns. Sie war wirklich gut erzogen, aber in punkto Selbstvertrauen hatten ihre Eltern wirklich sehr schlampig agiert. Vielleicht würde es ihr helfen, wenn wir sie noch mehr in die Gruppe integrierten. Allerdings konnte ich sie dazu nicht auch noch bei uns einziehen lassen. Mehr Zimmer hatte ich wirklich nicht zu vergeben. Ich fand ja schon selbst kaum mehr privaten Platz in meinem Zuhause…



    Der Rest des Tages dümpelte mehr oder minder ereignislos vor sich hin. Der Unterricht war auch nicht aufregender als sonst und ich freute mich bereits zu Mittag darauf nachhause zu kommen um meine überschüssige Energie beim Kochen zu entladen. Marie war ebenfalls schon zuhause und sah mir dabei zu, wie ich die Zutaten aus dem Kühlschrank holte.



    „Brauchst du meine Hilfe oder kann ich mit meinen Eltern telefonieren?“



    „Mach ruhig. Dai trifft sich sowieso noch mit ihren Schulfreundinnen, also habe ich keine Eile. Richte ihnen meinen Dank für die Kinoeinladung aus.“



    „Mach ich. Darüber freuen sie sich bestimmt. Sie sind eh so dankbar dafür, dass du dich so gut um mich kümmerst. Ich hoffe, dass sie mich irgendwann einmal hier besuchen kommen, damit ihr euch kennenlernen könnt. Du würdest die beiden bestimmt mögen.“



    „Klar, warum auch nicht? (Solange ich sie nicht auch noch unterbringen muss…)“



    „Hm?“



    „Ach, nichts…“



    Schön, dass der Kontakt mit ihren Eltern wieder Fahrt aufnahm. Wobei, vielleicht fand er auch öfter statt als ich dachte und Marie ging einfach nur sehr diskret damit um. Es ging mich auch schlichtweg nichts an. Meine Aufgabe war es, das Fleisch von seinen Sehnen und Knochen zu befreien und es in mundgerechte Stücke zu portionieren. Sicher, weder klang noch war es sonderlich romantisch, aber manche Dinge erforderten nun einmal eine gewisse Opferbereitschaft. Daran gab es nichts zu rütteln.





    „Sorry für die Verspätung, aber meine Mitschülerinnen haben mich von einer Konditorei zur nächsten geschleppt, um sich durch diverse Kuchen zu futtern und wollten unbedingt, dass ich auch etwas bestelle, damit sie möglichst viele verschiedene Sorten probieren konnten. Ich hab mir allerdings nur Kaffee gegönnt. Sozialkontakte sind wirklich lästig…“



    Dai gab sich zwar Mühe möglichst genervt zu wirken, in Wirklichkeit wäre sie aber nicht mitgegangen, wenn sie wirklich keine Lust gehabt hätte. Fand ich dieses Verhalten jetzt süß oder anstrengend?



    „Das heißt, in deinem Magen ist noch ordentlich Platz. Heute gibt es Rindereintopf mit Kartoffeln. Sagst du bitte Marie Bescheid?“



    „Mach ich. Aber eine Portion Becherramen für jeden hätte es auch getan. Wegen mir musst du dir so eine Mühe echt nicht jeden Tag antun.“



    Wieder eine Lüge. Aber wenn sie die Tsundere geben wollte, mir sollte es recht sein. Dabei hätte es ihr niemand als Schwäche ausgelegt, wenn sie zu ihren Gefühlen gestanden hätte. Vor allem, wenn es um nichts Großartiges ging. Aber ich war ja selbst nicht besser…



    „Lass dir ruhig Zeit. Marie hängt am Telefon. Offensichtlich ist sie wegen irgendwas unglücklich.“



    Dai kam mit schlechten Nachrichten.



    „Du sprichst deutsch?!“



    „Nein. Ich hab‘s am Klang ihrer Stimme rausgehört. Aber ich wusste nicht, dass sie auch eine ernste Seite hat. Ich dachte, sie wäre mehr so der Typ Mary Poppins.“



    Hatte ich nicht selbst bereits einmal bemerkt, dass sie ihren Eltern gegenüber einen eher ernsten Tonfall an den Tag legte? Das musste kurz nach ihrem Einzug gewesen sein. Streit in der Familie war nie schön, erst recht nicht mit den eigenen Eltern. Andererseits hatte ich selbst seit einiger Zeit nicht mehr mit meinen Eltern gesprochen. Das lag aber wiederum an deren Lebenswandel und nicht an persönlichen Differenzen.



    Ich beschloss darüber Stillschweigen zu bewahren. Ja, wir lebten wie eine Familie zusammen, aber jeder hatte ein Anrecht auf Privatsphäre. Wenn sie wirklich unsere Hilfe brauchte würden wir nicht zögern sie zu unterstützen. Aber noch war es zu früh um überhaupt irgendetwas dazu zu sagen. Vielleicht litt sie auch einfach nur unter Heimweh. Die Hoffnung starb bekanntlich zuletzt.



    Dai und ich saßen bereits zu Tisch, als Marie eine Viertelstunde später ebenfalls ihr Zimmer verließ und zu uns stieß. Waren ihre Augen vielleicht gerötet oder ähnliches? Nein, sie sah genauso aus wie immer.



    „Entschuldigt, dass ich euch habe warten lassen. Aber Papa wollte unbedingt hören, was sich hier alles so tut und ich musste ihm auch jede Einzelheit über euch erzählen. Wahrscheinlich war er froh, auch einmal Pause machen zu können. Sonst ist er eigentlich nicht so neugierig. Aber euch scheint er echt bereits in sein Herz geschlossen zu haben, obwohl ihr euch noch nie begegnet seid. Der Eintopf duftet wirklich toll. Das Essen in Österreich ist schon wirklich stark, aber hier in Japan hat es gleich nochmal eine ganz andere Qualität. Irgendwann muss ich auch einmal für euch kochen. Wenigstens das Dessert. Habt ihr schon einmal von Palatschinken gehört? Das ist so eine Art Pfannkuchen oder Crêpe. Wenn man die Dinger noch leicht warm serviert und mit Eis füllt sind die echt der Wahnsinn. Dazu kommen noch Schokosauce und Schlagsahne. Glaubt mir, es gibt nichts besseres als Nachspeise. Allerdings kann man sie auch einfach nur mit Marmelade füllen. Das ist auch nicht schlecht und weit weniger aufwendig. Mann, ich habe heute echt Hunger. Wahrscheinlich nehme ich heute sogar doppelt Nachschlag. Aber ich freu mich auch echt schon auf unseren Kinobesuch. Ich habe mir schon ewig keinen Film mehr auf der großen Leinwand angesehen. Bei uns daheim wird ja praktisch jeder Film synchronisiert. Das führt dazu, dass dann ihre deutsche Stimme meistens besser zu ihnen passt als ihre echte. Es gibt ja viele, die sagen, man muss sich die Filme unbedingt im Original ansehen, aber das halte ich für pure Angeberei. Immerhin gibt es auch genug Akzente und Dialekte im Englischen, die du in keiner Schule lernst und wenn du dann ständig mitlesen musst bringt das ja auch nichts. Überhaupt…“



    „Alles in Ordnung?“



    Ich unterbrach Maries Redeschwall.



    „Klar, wieso fragst du? Ach so, entschuldigt bitte, ich habe euch in Grund und Boden geredet. Das ist einfach nur, weil… die Freude mit meinen Eltern zu reden, meine andere Muttersprache zu hören… das regt mich einfach irrsinnig auf… ich meine, ich bin aufgeregt deswegen. Kein Grund zur Beunruhigung.“



    Marie fiel, gelinde gesagt, aus dem Rahmen. Noch mehr als sonst schon und weder ich noch Dai kauften ihr die Nummer ab. Wir sagten zwar nicht viel dazu, aber es war klar, dass irgendetwas im Busch lag. Vermutlich nichts Angenehmes, aber ich war schlicht nicht entschlossen genug nachzuhaken. Marie hatte weder geweint, noch war sie in einer Art aufgewühlt, dass ihr Körper bebte. Damit wollte ich mich im Moment einfach begnügen. Ich war nicht die Art Mensch, die sich Probleme suchte um sie zu lösen. Ich tat alles, um meinen Freunden zu helfen, aber ich hatte schlichtweg Schiss, durch mein (verfrühtes) Eingreifen alles schlimmer zu machen als es eigentlich von selbst würde. Ich war nicht stolz darauf meine Augen zu verschließen, aber, um die Wahrheit zu sagen, hatte ich manchmal immer noch „schwermütige“ Phasen, auch wenn mein Alltag sich wieder stabilisiert hatte. Ich konnte nicht alle Not der Welt auf meine Schultern laden. Erst recht, wenn ich selbst darauf achten musste, mein Leben im Griff zu behalten. Sorry, Marie.





    Die restliche Woche war ansonsten ziemlich unspektakulär verlaufen. Marie lachte wie üblich sehr viel und war die reinste Frohnatur. Abgesehen von den für Dai und mich unverständlichen Worten am Telefon gab es nichts, was uns irgendwie zu denken geben sollte.



    Es war nur ein Kinobesuch, aber Marie hatte sich sehr in Schale geworfen und auch Dai war die reinste Augenweide. Ehrlich gesagt kam ich mir in meinen Freizeitklamotten neben ihnen direkt ein wenig schäbig vor, aber ich war eh nicht der Typ der sonderlich hervorstach. Was half die schönste Tapete, wenn das Haus nichts taugte? Aber genug der Selbstkritik.



    Pünktlich wie die Maurer stand Akihiro vor der Tür um uns abzuholen. Auch er war sehr gut gekleidet und ich begann mich zu fragen, ob meine Freunde sich vielleicht einen Scherz mit mir erlauben wollten, indem sie hinter meinem Rücken eine Kleiderordnung verabredet hatten. Akihiro traute ich einen solchen Prank durchaus zu.



    Wie vereinbart trafen wir Hisakawa vor dem Kino. Genau genommen war sie bereits vor uns vor Ort gewesen. Auf das Mädchen war wirklich Verlass. Auch sie war sehr gut angezogen, wenn auch ein wenig brav. War das wirklich noch ein Zufall oder herrschte mittlerweile selbst in Freizeiteinrichtungen wie einem Kino ein gewisser Dresscode? Merkwürdig, aber ich wollte jetzt auch nicht unbedingt ein Haar in der Suppe suchen. Fakt war, im Inneren würde es mit Sicherheit angenehm kühl sein, ganz im Gegensatz zu den momentanen Außentemperaturen. Der Film an sich war mir von daher eigentlich Wurst, Hauptsache, ich kam nicht ins Schwitzen.



    „Leute, es gibt ein kleines Problem mit den Karten.“



    Kam Marie etwa mit schlechten Nachrichten vom Ticketschalter zurück?



    „Das ist schon in Ordnung… ich habe mich schon gefreut, euch heute hier zu treffen… ich muss den Film auch nicht unbedingt sehen, wenn ihr zu wenige Karten habt…“



    Hisakawa musste aber auch immer gleich vom Schlimmsten ausgehen und sich selbst als Opfer darbieten.



    „Nein, es gibt schon ein Ticket für jeden. Keine Sorge. Allerdings sind sie nicht nebeneinander. Ich habe drei für die mittleren Ränge und zwei für hinten. Kein großes Ding also. Es ist ja nichts so, als würden wir uns während des Streifens unterhalten.“



    „Dann nehme ich freiwillig einen der Mittelplätze. Mir macht das nichts aus.“



    Ich opferte mich freiwillig. Wobei „opfern“… ich gab es nicht gerne zu, aber meine Augen waren um einiges schlechter geworden als sie es früher waren. Wahrscheinlich brauchte ich einfach einen besseren Bildschirm. Im Dunkeln auf den grellen Monitor zu starren war vermutlich auch nicht ideal gewesen. Aber zu Kontaktlinsen konnte ich mich einfach nicht durchringen. Furchtbar, sich ins Auge fassen zu müssen…



    „Wenn es nicht zu viel verlangt ist, würde ich auch lieber vorne sitzen…“



    Hisakawa schien es nichts auszumachen, neben mir Platz nehmen zu müssen.



    „Dann nehme ich den dritten.“



    Dai war ebenfalls dazu bereit einen der billigeren Plätze zu nehmen.



    „Seid ihr euch sicher? Eigentlich ist es ja meine Einladung an euch. Ihr müsst euch wirklich zu nichts zwingen.“



    „Das geht schon klar. Ich sitze sowieso ungern mit dem Rücken zur Wand. Hisakawa, hilfst du mir Getränke für uns alle zu holen?“



    „Natürlich…“



    Lief hier etwas unter meinem Radar? Warum bat Dai Hisakawa um Hilfe und nicht einen von uns anderen? Ich fand es nicht gut, dass ausgerechnet sie eingespannt wurde. Sie sollte das Zusammensein mit uns einfach genießen können und sich nicht zur „Arbeit“ verpflichtet fühlen.



    „Minato, kommst du bitte auch mit? Nur zur Sicherheit.“



    Ich sah das Kino nicht als sonderlich unsicheren Ort an, wollte es mir mit Dai aber auch nicht gleich wieder verderben. So schloss ich mich den Beiden an.



    „Was kann ich für Sie tun?“



    „Bitte zwei stille Wasser, einen Orangensaft, einen großen Kaffee to go, schwarz, und eine Himbeerlimonade.“



    „Darf es sonst noch etwas sein?“



    „Nein, das ist alles. Ich zahle mit Kreditkarte.“



    „Sehr wohl. Das macht dann…“



    „Mussten wir für die paar Sachen wirklich zu dritt losziehen? Du und ich hätten dafür doch vollkommen ausgereicht. Dafür hättest du die arme Hisakawa wirklich nicht belästigen müssen.“



    „Schon gut… ich freue mich, wenn ich euch helfen kann…“



    Dai schwieg. Es kam mir sogar so vor, als hätte sie absichtlich lange nach ihrer Karte gesucht. Dabei hatte sie die immer griffbereit in ihrem Handy-Etui.



    „Mist!“



    Dai war unversehens ihr Becher mit Kaffee aus den Händen geglitten und zu Boden gefallen. Es versteht sich von selbst, dass der Deckel dem Aufprall nicht standgehalten hat. Die heiße Flüssigkeit ergoss sich über den steinernen Boden und hinterließ auf ihm eine bittere Lache, wenn man es ein wenig poetisch formulieren wollte.



    „Minato, kannst du dich nach dem Reinigungspersonal umsehen? Ich warte hier so lange gemeinsam mit Hisakawa und passe auf, dass niemand reintritt.“



    Ich tat, wie mir geheißen. Allerdings verstand ich nicht, warum sie unbedingt Hisakawa schon wieder mit hineinziehen musste. Sie hätte doch genauso gut zu Marie und Akihiro zurückgehen können, anstatt Dai hier das Händchen zu halten. Es fühlte sich absolut bescheiden an außen vor gelassen zu werden, aber Hisakawa zuliebe wollte ich Dai jetzt auch nicht ausfragen, was sie eigentlich im Schilde führte. Stattdessen ging ich in das „Büro“ des Hausmeisters, entschuldigte mich in Dais Namen und bat ihn um seine Hilfe, die er mir auch prompt gewährte.



    Nachdem Dai einen neuen Becher mit Kaffee erstanden und erneut überdurchschnittlich lange gebraucht hatte um ihre Karte hervorzuholen konnten wir (endlich) zurück zu Akihiro und Marie. Egal ob nun ein großer Plan hinter Dais Verhalten steckte oder (unwahrscheinlicherweise) doch nur Ungeschick und Zufall, ich freute mich darauf endlich den Kinosaal zu betreten und mich hinzusetzen.



    Wir überließen Hisakawa den augenscheinlich besten Platz unserer Dreiergruppe. Ich nahm jenen in der Mitte der Mädchen und Dai saß zu meiner Linken. Es war erstaunlich, wie sich die angenehme Raumluft auf meine Laune auswirkte. Wahrscheinlich war ich mit Dai vorhin auch einfach zu hart ins Gericht gegangen. Mich machte einfach die ganze Situation um sie derart fertig, dass ich einen gewissen Selbsthass entwickelte. Aber wenigstens diesen Nachmittag würden der Surround-Sound und die große Leinwand meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen und mich meine Sorgen vergessen machen.



    Die ersten fünfundvierzig Minuten vergingen beinahe wie im Flug. Hiroyuki Sanada mimte einen Regierungsangestellten, der eine ungeheure Sache in Erfahrung brachte, die der Präsident eigentlich vertuschen wollte. Dadurch kam er in die Zwickmühle, ob er seinem Land weiterhin treu dienen sollte oder den unglaublichen Betrug an der Bevölkerung öffentlich machen. Doch die Entscheidung wird ihm abgenommen. Als er wegen angeblichem Hochverrat festgenommen werden soll wird er von einer mysteriösen Organisation gerettet, die von einer wunderschönen ausländischen Frau angeführt wird. Da er, trotz beeindruckendem Körperbau, bisher nur ein Schreibtischhengst war, nimmt sie ihn nach einigem Hin und Her unter ihre Fittiche…



    Es reihte sich Klischee an Klischee, aber das war genau das, was ich brauchte. Popcornkino oder Blockbuster – die Bezeichnung hierfür war mir einerlei. Hauptsache, die Handlung sog einen in sich auf und nahm meine Aufmerksamkeit in Anspruch. Mehr wollte ich auch gar nicht…



    …dafür aber etwas anderes. Dai zeigte eine schlechte Eigenschaft, die ich zuvor nie an ihr wahrgenommen hatte. Sie war eine Lehnendiebin! Ungeniert legte sie ihren Arm in meinen Bereich. An sich keine große Sache. Aber da wir beide trotz allem eher kurze Kleidung trugen entstand starker Hautkontakt. Nennt mich ruhig einen Lappen oder überempfindlich, aber das löste einen Gefühlstornado in mir aus. Ich hatte absolut keine romantische Erfahrung und wusste, dass Dai es auch nicht so meinte. Aber gerade, weil ich die Berührung ihres Körpers so sehr genoss fühlte ich mich auch entsetzlich schuldig. Mir kam es vor, als würde ich das Vertrauen meines besten Freundes missbrauchen, der mir seine Cousine anvertraut hatte, weil es mich so glücklich machte. Und was am Schlimmsten war, es fühlte sich so an, als würde ich Dais Unschuld ausnutzen, die mir so arglos vertraute. Ich zog meinen Arm so schnell ich konnte von Dai weg und presste ihn eng an meinen eigenen Körper.



    „Tut mir leid, dass ich so eklig bin…“ zischte Dai deutlich hörbar in meine Richtung, bevor sie mich für den Rest der Vorstellung keines Blickes mehr würdigte. War mein Unglück reiner Zufall oder eine Strafe aus einem früheren Leben? Irgendwie schien es mein Schicksal zu sein, Dai ein ums andere Mal vor den Kopf zu stoßen. Unnötig zu sagen, dass ich den Rest des Films weder genießen konnte, noch sonderlich viel von ihm mitbekam. Wenigstens hatte Hisakawa von meiner Schmach nichts mitbekommen. Sie schien völlig fasziniert von der überbordenden Chemie, die sich zwischen den beiden Hauptcharakteren aufbaute. Vielleicht bezog sie daraus auch einfach eine gewisse Inspiration für einen ihre nächsten Texte…





    „War der Film nicht der Wahnsinn? Alleine die Szene mit der Explosion im U-Boot und der Sprung vom Hochhaus in den Lastwagen. Da kann die Realität nicht mithalten.“



    Akihiro war wie gesagt ein waschechter Fan von Actionfilmen. Was diese betraf konnte die Glaubwürdigkeit für ihn auch gerne einmal außen vor bleiben, sofern es nur spektakulär genug aussah.



    „Minato, was fandst du am besten?“



    „Ich weiß nicht. Vielleicht die Szene, indem die ausländische Spionin dem Helden vergibt, dass er sie durch übermäßiges Nachdenken in Gefahr gebracht hat?“



    „Das war vollkommen unglaubwürdig. Der Typ war ein echter Lappen, der in Wahrheit keine fünf Minuten standgehalten hätte. Und dann verliebt sie sich auch noch in ihn. Vollkommen unnötig. Solche Loser kriegen doch schon Herzflattern, wenn ihnen eine Frau nur zu nahekommt. Bei einer Berührung geschweige denn einem Kuss läuft der doch gleich davon.“



    Schon klar, was Dai mir „durch die Blume“ sagen wollte. Ich hätte den Schlag einfach einstecken sollen und es hätte sich gehabt. Aber leider musste ich mich unbedingt rechtfertigen.



    „Ich denke, er wollte einfach nur jegliches Missverständnis bereits im Vorfeld ausmerzen. Immerhin hatten sie ein höheres Ziel vor Augen. Dem stand die Romantik doch nur im Weg.“



    „Welche Romantik? Sie berührt seine Hand und er bildet sich gleich weiß Gott was darauf ein? Das zeigt doch, dass er von Frauen überhaupt keine Ahnung hat. Und sie fängt dann auch noch wirklich was mit dem Kerl an? Absolut überzogen und unrealistisch.“



    „Unrealistisch? Er mag nicht viel hergemacht haben, aber sie konnte sich immer zu einhundert Prozent auf ihn verlassen. Außerdem war er auch nur ein Mensch. Da von ihm perfektes Verhalten zu verlangen war einfach absolut unfair. Er hat sich stets bemüht richtig zu handeln. Ihm das vorzuwerfen war und ist einfach nicht gerecht.“



    Marie und Akihiro wussten nicht recht, was sie von unserer Filmkritik halten sollten. Auch einige andere Kinogänger waren bereits auf unseren Disput aufmerksam geworden, waren aber zu taktvoll um stehenzubleiben.



    „Ich fand die Liebesnacht am besten…“



    Für Hisakawas Einwurf hatten weder Dai noch ich jetzt einen Kopf. Am Ende verließen wir das Gebäude dergestalt, dass Marie, Hisakawa und Akihiro einen Puffer zwischen uns bildeten und Dai und ich uns anschwiegen. Dabei hätten wir es auch belassen können, wäre der Tag an dieser Stelle ausgeklungen. Allerdings stand ja noch meine Einladung zum Essen aus und dafür hatte Akihiro eine besondere Reservierung getroffen…



    „Ein Sushi-Lokal?! Kein Wunder, dass ihr euch so in Schale geworfen habt bei der Preisklasse. Du weißt aber schon, dass ich selbst in Yen gerechnet kein Millionär bin?!“



    „Jetzt hab dich nicht so. Man muss sich auch einmal was gönnen. Außerdem haben wir hinter deinem Rücken bereits ausgemacht die Rechnung unter uns aufzuteilen. Aber allein dein Gesichtsausdruck als wir hier angekommen sind war bereits das Ganze wert.“



    „Wenigstens etwas. Trotzdem falle ich in meinen Klamotten mehr auf als ich möchte. Dir ist klar, dass ich dir das irgendwann heimzahlen werde?!“



    „Ehrlich gesagt freue ich mich sogar darauf. Bei deinen lahmen Gags habe ich nicht viel zu befürchten.“



    „Dass die Rechnung aufgeteilt wird gilt aber nur für euch. Wenn ich mich recht erinnere hat Minato ursprünglich mich eingeladen um sich zu entschuldigen. Oder sehe ich das falsch?!“



    Dai sprach einen validen Punkt an. Auch wenn zwischen uns erneut die Funken flogen, aber versprochen war nun einmal versprochen.



    „Ich habe keine Einwände. Dai, deine Bestellung geht einzig auf meinen Nacken. Wie ausgemacht.“



    „Dann ist ja alles geklärt. Und mach dir keine Sorgen: niemand hier sieht das als Date an.“



    Marie versuchte sich ein Lächeln abzuringen um die Situation ein wenig zu entschärfen. Hisakawa dagegen wusste nicht recht wohin mit ihrem Blick. Kein Wunder, Dai und ich verhielten uns wirklich kindisch. Aber ich hatte nichts falsch gemacht. Körperkontakt war nicht schicklich außerhalb der Familie und einer Beziehung. Es wäre falsch gewesen, daraus einen emotionalen Vorteil zu ziehen.



    Das Sushi war wirklich von tadelloser Qualität. Ich wurde zwar von der Bedienung etwas schief angesehen, aber wenn ich nicht in ihr ästhetisches Weltbild passte war das nicht mein Problem. Dann hätte sie mir von Anfang an den Zutritt verweigern müssen. Ihr Pech.



    Dai ging meinen Ruin äußerst professionell an und ließ sich darüber beraten, welche Fischarten die Spezialität des Hauses waren. So wählte sie unter anderem Thunfisch-Sashimi und dazu eine besonders erhabene Sorte grünen Tees. Ich ließ mir nichts anmerken, auch wenn sie mein Budget für Videospiele von mindestens zwei Monaten verschlang.



    Es war bemerkenswert still an unserem Tisch, selbst Marie schien von der Fehde zwischen Dai und mir peinlich berührt zu sein. Ich würdigte Dais kindisches Verhalten keines Blickes und kümmerte mich um meine Kappa-Maki, einer Sushi-Variante mit Gurke anstelle von Fisch. So musste ich mir wenigstens keine Sorgen wegen irgendwelcher Schwermetalle machen.



    Dai fing bereits bei ihrer zweiten Portion an zu kämpfen. Wenn sie sich quälen wollte selber schuld. Mit ihrer Bosheit schadete sie sich in diesem Fall nur selber. Im Gegenteil, dafür war ich sogar sehr gern bereit Geld hinzublättern. Mich hätte es viel härter getroffen, wenn sie einen Großteil einfach zurückgegeben hätte.



    Schließlich neigte sich unser Essen dem Ende zu und Dai hatte sich deutlich überfressen. Keine Ahnung, warum sie in letzter Zeit überhaupt so kratzbürstig auf mich reagierte. Aber das war ihre Sache. Ich war bereit mich auszusprechen, aber dafür musste auch sie ein paar Schritte auf mich zu machen. Ich war ja kein Unmensch.



    Es kam die Rechnung und wie versprochen ging Dais Portion einzig auf meine Kappe. Über Geld zu sprechen schickte sich nicht, aber für diese eine Mahlzeit hätte ich locker einen Jahresvorrat Ramen erhalten. Auch egal. Der Tag war sowieso ein einziger Reinfall gewesen, daher war dieser Abschluss nur passend.





    Mitternacht. Ich lag im Bett und mein Magen knurrte. Was Wunder, von dem bisschen Reis mit Gurke. Aber ich hatte ja noch meinen treuen Wasserkocher und meine geliebten Nudeln. Ein oder besser noch zwei Becher würden das Problem sicher beheben.



    Mein Weg in die Küche führte mich zuvor noch an der Toilette vorbei. Ich hatte eindeutig zu viel Tee getrunken. Nanu? Abgeschlossen. Überhaupt: Was waren das für Geräusche? Jedenfalls nicht solche, die man normalerweise hörte. Jemand übergab sich eindeutig. Das ließ eigentlich nur einen Schluss zu.



    „Dai? Geht es dir gut?“



    „Hau ab!!!“



    „Kann ich irgendetwas tun, damit du dich besser fühlst?“



    „Lass mich einfach in Ruhe…“



    „Mach bitte auf, damit ich sicher sein kann, dass du nicht noch umkippst.“



    Keine Reaktion.



    „DAI?! Sag bitte irgendwas.“



    Der Schlüssel begann sich im Schloss zu drehen. Ich drückte den Hebel nach unten und betrat die heiligen Hallen. Zu sagen, dass kein angenehmer Geruch über allem schwebte, war eindeutig untertrieben. Aber das spielte keine Rolle. Dai hing mit ihrem Kopf kreidebleich über der Toilette und war bereit sie weiter zu füllen.



    „Das ist alles deine Schuld…“



    „Hab ich dir vielleicht gesagt, dass du essen sollst bis du kotzen musst?! Aber glaub es mir oder nicht, dass es dir so schlecht wird habe ich wirklich nicht gewollt. Wenn ich könnte würde ich dafür sorgen, dass es dir wieder besser geht.“



    „Du kannst meinen Nacken ein wenig massieren…“



    Ich beugte mich über sie und erfüllte ihren Wunsch.



    „Interessant, ausgerechnet jetzt ekelt es dich nicht davor mich zu berühren?!“



    „Red nicht so einen Unsinn!“



    „Also doch?!“



    „Red kein Blech. Ich weiß gar nicht, wieso du mir in letzter Zeit ständig alle Worte im Mund verdrehst.“



    „ICH bin jetzt schuld? DU warst doch völlig entsetzt von der Vorstellung über ein Date mit mir. DU hast doch im Kino deinen Arm völlig angewidert weggezogen, als wir uns ein bisschen berührt haben. Was glaubst du, wie es mir da geht? Wir kennen uns jetzt schon eine Ewigkeit und ich muss erfahren, dass ich dir völlig zuwider bin.“



    „Davon kann gar keine Rede sein. Es ist nur… ich…“



    „Sag schon. Sei einfach ehrlich oder ist das auch schon zu viel verlangt?!“



    „Ich weiß selbst nicht was mit mir los ist. Es ist einfach alles nicht mehr so einfach für mich, wie es sein sollte. Wenn ich dich sehe… wenn ich an dich denke… Dai, lach mich meinetwegen aus, aber ich habe mich in dich…“

  • Kapitel 12 - "Die Wahrheit"


    Die Melodie des Intros von „RougH“ ertönte und erinnerte mich daran, dass ich aufstehen sollte. Ich hatte sie mir als Weckton heruntergeladen, aber nie hatte sie mir weniger Freude bereitet als in diesem Moment. Ja, es war an der Zeit aufzustehen und mich um alles Nötige für das Frühstück zu kümmern. Allein, ich wollte es nicht.



    Es war vertane Mühe mich überhaupt aus meinem Schlummer reißen zu wollen, denn ich lag schon wer weiß wie lange wach in meinem Futon. Ich war mir nicht einmal sicher, ob ich überhaupt eine Sekunde Schlaf in dieser Nacht gefunden hatte. Ich hatte stundenlang in der Dunkelheit meines Kämmerchens gelegen und meine Gedanken waren mit der Finsternis zu einem undefinierbaren Brei aus Phantasie und Realität geworden.



    Ich wollte nicht aufstehen, aber auch nur hier zu liegen bedeutete mir Kummer. Am Liebsten hätte ich einfach existiert ohne mir meiner Existenz bewusst zu sein. So wie es etwa Pflanzen taten. Sie funktionierten, fühlten aber weder Schmerz noch Leid. Einfach atmend hier liegen und funktionieren – mehr wollte ich in diesem Augenblick nicht.



    In den vergangenen Wochen und Monaten hatte sich so furchtbar viel ereignet. Die meisten Ereignisse hatten einen mehr oder minder guten Ausgang genommen, aber ich fühlte mich trotz allem einfach nur furchtbar ausgebrannt und leer. Die Wärme meiner Decke tat mir gut und milderte meinen Kummer, der sich wie ein brutaler Schlag in die Magengegend anfühlte. Kam die Kälte des Morgens an meinen Körper so würde ich mich noch um ein Vielfaches schlechter fühlen als im Moment schon.



    Wieviel Zeit war eigentlich schon vergangen, seitdem mein Smartphone mich angehalten hatte meine Pflicht zu tun? Es waren erst ungefähr acht Minuten. Für mich fühlte sich die Zeitspanne gleichzeitig unendlich lange und unfassbar kurz an.



    „Noch zwei Minuten. Dann stehe ich auf…“



    Ich wickelte mich um ein Vielfaches fester in meine Decke ein, um ihre Wärme noch enger an meinem Körper zu spüren. Es war ein wenig, als umgäbe mich ein Kokon, der alles Schlechte und Furchtbare an sich abprallen ließ und mir Schutz in seinem warmen und weichen Inneren bot. Ich wünschte mir ich müsste ihn nie mehr verlassen, aber der Realität entfliehen konnte niemand. Egal, wie sehr man es sich auch wünschte…



    Ich schleppte mich ins Badezimmer und verrichtete auf der Toilette hockend meine Notdurft. Alles fühlte sich so unglaublich kalt und abstoßend an und ich bereute mich der Welt gestellt zu haben. Die Spülung ließ eine Gischt kalten Wassers in die Schüssel fließen und ich ging ans Becken um meine Hände zu reinigen. In der Vergangenheit hatte ich immer die unbegründete Angst gehabt aus den Hähnen käme dasselbe Wasser, welches ich gerade weggespült hatte, wenn ich nicht genug Zeit verstreichen ließ. Das war auch heute Morgen der Fall, aber ich war müde mir dessen Gedanken zu machen.



    Ein warmer Lichtstrahl fiel durch die Küchenfenster. Ich stellte mich in ihn, ganz so, als könne ich ihn in mich aufnehmen. Dann ging ich zum Kühlschrank, holte das Gemüse heraus und spülte es in einem Strahl lauwarmen Wassers, bevor ich es in mundgerechte Häppchen teilte. Ich schaltete den kleinen Elektrogrill ein und entgrätete die Makrele, während er aufheizte.



    Im Hintergrund hörte ich wie eine Tür sich öffnete. Marie war aufgestanden. Obwohl sie ein sehr aktiver Mensch war brauchte sie nach dem Aufwachen immer etwas Zeit, um in die Gänge zu kommen. Allein deswegen tat es Not, dass ich meine körperliche Hygiene vor ihre Aufstehzeit legte. Stünden wir gleichzeitig auf, wäre es unmöglich, alles vor der Schule unter einen Hut zu bringen. Aber unsere Routine gab meinem Leben wenigstens eine gewisse Struktur.



    Was Dai anging… Nun, sie schlief gerne bis zum allerletzten Augenblick und drückte dann nochmals die Schlummertaste. Daher konnte Marie sich gerne alle Zeit nehmen, die sie brauchte. Sie und Dai waren meine Gäste, daher verstand es sich von selbst gewisse Opfer zu bringen, wenn es ihrem Wohlergehen diente.



    Ich hatte den Grill etwa auf mittlere Hitze gestellt, damit das Fleisch der Makrele nicht zu schnell garte und austrocknete. Die Miso-Suppe köchelte vor sich hin und die Eier würden es ihnen bald gleichtun. Die meiste Arbeit hatte ich hinter mich gebracht und ich konnte mich ein wenig setzen. Wenigstens hatte die Zubereitung meine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen und meinen Kopf ein wenig aus der Finsternis gezogen, die meine Seele umgab. Aber das war mein Problem, für das ich eine Lösung finden musste…



    „Morgen, Minato. Danke, dass du dich immer um das Frühstück kümmerst…“



    „Klar, kein Ding. Mir macht es sowieso Spaß.“



    Marie hatte die Küche betreten und war bereits fix und fertig für den Tag zurechtgemacht. War sie erst einmal in die Gänge gekommen handelte sie wirklich unglaublich effektiv. Obwohl es auch etwas hatte, wenn sie frisch aus dem Bett kam. Unsere Mitschüler würden nicht glauben, wie zerzaust die Schulmadonna aussehen konnte. Aber das war ja nur allzu menschlich.



    Eine Tür knarrte. Dai hatte sich aus den Laken gequält. Wenn auch aus anderen Gründen wollte sie ebenso wenig den Tag beginnen wie ich. Aber seitdem sie den Schulbesuch wieder regelmäßig aufgenommen hatte, gab es keinen Tag, an dem sie nicht dort erschienen wäre. Außerdem hatte sie dort auch Freundinnen gefunden, die ihr die Eingewöhnung erleichterten. Irgendwann sollte sie sie einfach hierher einladen. Ich würde mir für den Tag dann einfach etwas anderes vornehmen. Es machte einfach keinen guten Eindruck, wenn sie mit einem älteren Jungen unter einem Dach lebte, mit dem sie nicht verwandt war. Marie würde dann einfach ihre einzige Mitbewohnerin sein.



    Ich nahm den Fisch von der Platte und legte ihn auf einen vorgewärmten Teller. Daneben stellte ich den Topf mit der Suppe und kontrollierte, ob sich auch eine ausreichend große Zahl an Geschirr für alle Speisen auf dem Tisch befand. Damit hatte ich mein Soll erfüllt und konnte durchatmen. Es duftete herrlich, trotzdem hatte ich kein allzu großes Verlangen nach Frühstück oder Speisen im Allgemeinen. Im Hintergrund hatte die Kaffeemaschine angefangen zu zischen und zu brummen. Dai holte sich ihre übliche Dosis an Koffein.





    Die Waage im Badezimmer knarrte ein wenig, als ich mich auf sie stellte. Ihr Display wurde kurz schwarz, während sie mein Gewicht berechnete. 59,2 Kilogramm. Ich hatte wieder etwas an Gewicht verloren. Im Durchschnitt wogen meine Altersgenossen etwa 62,5 Kilo, also war alles noch im Lack. Außerdem war zu viel Gewicht ohnehin ungesund. Wenn ich erst wieder anfing regelmäßig Ramen zu essen, löste sich das „Problem“ sowieso von selbst.



    Ich kämmte mein Haar zu einem gepflegten Scheitel und knöpfte meine Uniform zu. Fertig. Ich war bereit für einen weiteren Tag in der Tretmühle. Marie wartete auf mich im Eingang, damit wir gemeinsam zur Bahn gehen konnten. Dai hatte einen etwas längeren Weg und musste deswegen bereits immer ein wenig früher los. Im Moment vielleicht auch besser so. Ich nahm meinen Rucksack, band meine Schnürsenkel und rang mir ein Lächeln ab.



    „Los geht’s!“



    Das Leben musste einfach herrlich sein, wenn man so ein enthusiastischer Mensch wie Marie war. Sie fand einfach in allem und jedem irgendetwas Positives. Selbst in so einer zermürbenden Maschinerie wie dem japanischen Schulsystem. Kunststück, wenn sie nicht zwangsläufig darauf angewiesen war es zu absolvieren. Notfalls konnte sie immer noch zurück nach Europa oder in der Firma ihres Vaters anfangen.





    Endlich war Mittag. Marie und Hisakawa waren gemeinsam in die Schulkantine aufgebrochen. Ich dagegen wollte einfach nur meinen Kopf auf meinem Pult ablegen und die Welt um mich herum ausblenden.



    „Alles klar mit dir?“



    Akihiro hatte die Pause genutzt um mir in meinem Klassenraum einen Besuch abzustatten. Ich seufzte leise in mich hinein.



    „Klar, warum auch nicht?“



    „Ich meinte nur. Immerhin würden alle anderen hier mit dir tauschen, um ihre Mittagspause gemeinsam mit Marie verbringen zu dürfen.“



    „Ich bin nicht alle anderen. Außerdem tut es ihrem Ruf nur gut, umso weniger sie hier mit mir gesehen wird.“



    Wenn ich nicht die Wahrheit aussprach, wer dann?!



    „Die Leier mal wieder. Bist du noch nie auf den Gedanken gekommen, dass es eher sie sein würde die deinem Ansehen guttut als umgekehrt. Hier hat niemand was gegen dich. Es kennt dich eben nur keiner wirklich. Das ist das ganze Problem. Eigentlich bist du ein ziemlich herzlicher Kerl. Wenn du ein wenig mehr aus dir herauskommen würdest…“



    „Dafür bin ich nicht der Typ.“



    „Ich meinte ja nur. Es ist schließlich deine Sache. Aber was anderes. Bist du am Wochenende mit Lernen beschäftigt?“



    „War ich noch nie.“



    „Sehr gut. Wie wär‘s, wenn wir uns dann die Nächte um die Ohren schlagen? Ist immerhin schon eine Weile her, dass wir durch die Wälder gezogen sind.“



    Im Grunde seines Herzens war Akihiro irgendwo ein Abenteurer.



    „Von mir aus gerne. Wenn du die Kosten für die Verpflegung übernimmst…“



    „Abgemacht. Dann müssen wir nur noch Dai und Marie überzeugen. Nichts gegen dich allein, aber in unserem Rudel ist es gleich nochmal so lustig. Außerdem ist Dai eine echte Verstärkung. Kaum zu glauben, dass sie erst so kurz dabei ist. Das Talent liegt eben in unserer Familie.“



    „Schon klar. Ich mach uns was zurecht. Allein schon wegen den beiden.“



    „Mach dir aber keinen allzu großen Aufwand. Gyoza, Mochi und Onigiri sind vollkommen ausreichend. Vielleicht machst du auch noch ein paar Fruchtsandwiches. Nichts Großartiges.“



    Ich nickte einfach. Es würde mir guttun, mich über das Wochenende mit etwas anderem zu beschäftigen, als mit meinem kaputten Seelenleben. Akihiro, ich mag dich, aber lass mich jetzt bitte endlich zufrieden. Du kriegst ja, was du willst. Ich will einfach nur meine Ruhe haben, soweit das an einem stupiden Ort wie diesem überhaupt möglich ist.



    „Das krieg ich hin. Wenn es sonst nichts mehr gibt, würde ich eigentlich gerne noch etwas an der Tischplatte lauschen.“



    „Sorry, ich wollte dich nicht stören. Also dann, wir sehen uns nach der Schule, um alles Notwendige zu besorgen.“



    „Vergiss dein Portemonnaie nicht.“



    Einkaufen musste ich sowieso noch, also war es kein unnötiger Mehraufwand. Hauptsache, ich bekam endlich noch etwas Zeit in mich zu gehen und wieder zu Kräften zu kommen. Gott, wieso konnte ich nicht einfach mit einer Erkältung zu Hause liegen…





    Es war Freitagnachmittag. Demnächst würde Akihiro wohl bei mir aufschlagen. Die Fruchtsandwiches machten mir noch die geringste Arbeit Die Gyoza und Onigiri waren da schon deutlich aufwendiger. Das Wochenende würde lang werden und ich wollte im Moment nichts mehr als mich noch ein wenig unter die Decke verkriechen. Hauptsache war, dass Akihiro nichts bemerkte. Ich konnte sehr gerne auf gutgemeinte Ratschläge zum Thema „Depression“ verzichten. Wo lag überhaupt das Problem? Das Haus war halbwegs aufgeräumt und sauber, ich vernachlässigte meine Körperhygiene nicht und wenn ich mich vorübergehend in meinen Kokon zurückziehen und einfach meine Ruhe haben wollte, dann war das eben so. Schadete ja niemanden, solange ich mich nicht gefährdete.



    Ich gab mir größte Mühe, sowohl die Teigtaschen als auch die Reisbällchen so qualitativ hochwertig wie irgend möglich aussehen zu lassen. Ich hatte keine Lust, aber wenn man mich dafür dann in Ruhe ließ war es den Aufwand wert.



    Alles erledigt. Dann konnte ich mich noch eine gute Stunde aufs Ohr legen. Dai war noch mit Freundinnen unterwegs und Marie war auf die Suche nach ein paar neuen Klamotten gegangen. Perfekt. Ich stellte den Wecker meines Handys etwa auf eine dreiviertel Stunde, dann konnte ich sogar noch einmal die Schlummertaste drücken. Ich hatte die letzten Nächte kaum geschlafen und stattdessen gefühlt endlos wachgelegen. Vielleicht gelang es mir wenigstens jetzt, ein wenig zur Ruhe zu kommen. Hauptsache ich war nicht dazu gezwungen, mich zu bewegen.





    Hm? Wie spät war es mittlerweile? Hatte ich etwa den Wecker nicht gehört? Nein, aber es stank furchtbar. Was war das? Schei*e, der Rauchmelder. Hatte ich etwa vorhin den Herd nicht ausgemacht? Ich riss die Tür auf und die Luft war bereits zum Schneiden dick. Ich lief so schnell ich konnte zum Herd und sah, dass ich den Topf mit der Masse für die Mochis komplett vergessen hatte. Wenigstens hatte noch nichts Feuer gefangen. Ich schaltete augenblicklich den Herd ab und riss den Topf von der Platte. Dreck, die Griffe waren natürlich glühend heiß. Ich schmiss instinktiv den Topf zu Boden und hielt meine beiden Hände unter eiskaltes Wasser. So ein dämlicher Fehler war mir bislang noch nie unterlaufen. Wenigstens war niemand außer mir im Haus und ich hatte nur mich in Gefahr gebracht. Um mich war es nicht schade, aber ich hätte es mir nie verziehen, wenn Marie oder Dai etwas passiert wäre.



    Nachdem sich meine Hände wieder ein wenig gefangen hatten, riss ich sämtliche Fenster im Haus auf um erst einmal ordentlich durchzulüften. Die Anderen durften meinen Schnitzer auf keinen Fall mitkriegen. Mit einem Topflappen sammelte ich den völlig verkohlten Topf vom Boden auf und warf ihn draußen in die Mülltonne. Sicherheitshalber vergrub ich ihn unter all dem anderen Abfall, der sich bereits angesammelt hatte. Wenigstens war ich jetzt wieder glockenwach.



    Im Badezimmer schlug ich mir einige Hände kalten Wassers ins Gesicht um wieder ein wenig runter zu kommen. Ich hatte einen törichten Fehler gemacht, aber das war allzu menschlich. Jedem hätte das passieren können, wenn er zu wenig Schlaf bekam. Das war kein Grund zur Beunruhigung. Ich würde in Zukunft eben alles doppelt kontrollieren, damit sich so etwas nicht wiederholte. Jetzt war es nur notwendig ausreichend Schadensbegrenzung zu betreiben.



    Etwa eine halbe Stunde darauf war Akihiro der erste, der eintraf.



    „Na, mein Alter? Du siehst ja furchtbar aus. Bist du krank oder hast du was Falsches gegessen? Überhaupt: Was ist das für ein Geruch? Das riecht ja fast so als ob…“



    „Mir ist vorhin nur etwas auf Herdplatte getropft. Kein großes Ding. Aber mach dir keine Sorgen, dem Essen ist nichts passiert. Das dürfte sogar für dich UND Marie mehr als genug sein. Marie hat übrigens vorhin angerufen, dass sie sich etwas verspäten wird. Dai müsste aber gleich da sein.“



    „Na dann. Kann ich dir noch bei irgendwas helfen oder bin ich dafür zu spät?“



    „Du bist wie immer mehr als pünktlich um dich zurückzulehnen und die Hände in den Schoß zu legen. Ganz wie gewohnt.“



    „Wenn du das so sagst kriege ich direkt ein schlechtes Gewissen.“



    „Als hättest du das je gehabt. Nur Spaß.“



    Soweit ich es beurteilen konnte hatte mein Kumpel keinen Verdacht geschöpft. Vielleicht war es auch ein wenig weit hergeholt gewesen, dass er von einem verkohlten Topf irgendwelche Rückschlüsse hätte ziehen können. Er war zwar ein kluger Kopf, aber bei Weitem kein Meisterdetektiv, wie man ihn aus diversen Animes kannte.



    Tatsächlich ließ auch Dai nicht mehr lange auf sich warten. Die „Arme“ hatte noch mit ihren Freundinnen um die Häuser ziehen müssen, um Klamotten auszusuchen. Sie hatte aber darauf verzichtet sich neu einzukleiden und pflegte nach wie vor noch ihren etwas düsteren Look. Über Geschmack ließ sich eben nicht streiten. Wichtig war allein, dass sie sich wohl in ihrer Haut fühlte. Alles andere ging niemanden etwas an.





    Das Wochenende hatte seinen Tribut an mir gefordert und ich gähnte einmal herzhaft. Schlaf wäre mir auf die eine oder andere Weise ohnehin verwehrt geblieben und so hatte ich die Zeit wenigstens mit etwas Sinnvollem ausgefüllt.



    Der Morgen an einem Montag war der herzloseste von allen. Darüber hinaus war man am Weitesten vom nächsten Wochenende entfernt. Wenn ich bloß an die Schule dachte hatte ich das Gefühl Pickel zu bekommen. Sollte ich vielleicht einfach blau machen? Migräne als Grund müsste eigentlich dafür ausreichen, da weder nachweis- noch widerlegbar. Aber würde Marie mir das durchgehen lassen? Sie hatte alle möglichen Arten von pflanzlichen und homöopathischen Mitteln in unserer Hausapotheke untergebracht. Wer weiß, was ich dann alles schlucken musste. Dann doch lieber Schule. Aber die Wahl war knapp.



    Ich räumte das stehengelassene Geschirr vom Frühstückstisch ab und zog mir danach einen Kaffee aus Dais Kaffeemaschine. Extra stark. Zumindest war das ein wenig gesünder, als diese pappsüßen Energydrinks, die einem überall aufs Auge gedrückt wurden. Dai war schon weg und Marie und ich mussten auch gleich los. Das würde wieder einer dieser schier endlosen Tage werden.



    „Bist du fertig?“



    „Gleich. Ich trinke nur noch schnell meinen Kaffee zu Ende.“



    „Ist das nicht Dais Handy?“



    Marie war wie gewohnt sehr aufmerksam.



    „Wenn es das mit der Hülle in schwarzpink ist, dann ja.“



    „Dann hat sie es wohl versehentlich hier liegen lassen.“



    „Soll ich sie anrufen und ihr Bescheid geben?“



    Zugegeben, mein Witz war echt schlecht gewesen.



    „Besser du fährst ihr hinterher und bringst es ihr. Am Ende denkt sie noch, sie hätte es irgendwo verloren und sucht überall danach.“



    „Sie wird schon einen Tag ohne es auskommen.“



    Ist doch wahr. Marie machte aus einer Mücke einen echten Elefanten.



    „Vielleicht gerät sie auf dem Nachhauseweg in Gefahr oder muss aus einem anderen Grund Hilfe rufen. Wenn es einen Notfall gibt…“



    Ich gab Marie einfach recht. So hatte ich zumindest einen Grund, nicht in der ersten Stunde anwesend sein zu müssen. Ich würde später Hisakawa meinen Fall erklären und sie würde dies mit der Präsidentin für mich regeln. Bei der hatten meine Freunde und ich sowieso noch einen Stein im Brett, weil wir das Mobbing an Marie so diskret behandelt hatten.



    Mit meinem Schülerticket war es nicht nötig, einen eigenen Fahrschein zu ziehen. Ich stieg in die Bahn und hielt mich an einer der dafür vorgesehenen Schlaufen fest. Wir rasten mit enormer Geschwindigkeit durch die Landschaft und ich nahm eine gewisse Duftnote meines Nebenmannes war. Offensichtlich ein armer Teufel, der vor lauter Stress nicht mehr dazu kam regelmäßig Körperpflege zu betreiben. Unschön für mich, aber das japanische Arbeitsethos war gnadenlos. Manche Firmen beuteten ihre Mitarbeiter dermaßen gnadenlos aus, dass sie froh sein konnten, wenn sie überhaupt noch zum Schlafen nach Hause kamen. Von regelmäßigen Mahlzeiten kaum zu schweigen. Mir würde es dereinst wohl nicht anders gehen. Umso mehr schätzte ich solche Zeiten der Ruhe, wo ich nichts anderes tun musste, als aus dem Fenster zu sehen.



    Ich war mir nicht ganz sicher, in welcher Straße genau Dais Schule lag. Akihiro hatte sich im Namen seiner Familie damals um alle Formalitäten gekümmert. Ich hatte ihr nur moralischen Beistand geleistet. Gott sei Dank waren ein paar ältere Hausfrauen auf der Straße unterwegs, die ich um Hilfe bitten konnte. Mein Instinkt hatte mich nicht getrogen und ich war nur ein paar Straßen entfernt. Dais Schule hatte zwar nicht einen ebensolchen Ruf wie Donnerhall wie meine, war aber immer noch enorm angesehen. Es hätte nicht viel gefehlt, und die Hausfrauen hätten sich aus Ehrfurcht vor ihrem Namen verbeugt.



    Das Gebäude hatte auch aufgrund seiner großzügig geschnittenen Räume durchaus etwas Beeindruckendes an sich. Logischerweise hatte der Unterricht schon begonnen, und ich stand allein auf weiter Flur. Ich würde eben warten müssen, bis die Pause begänne. Auch recht, ich suchte mir eine Bank und pflanzte mich mit meinem Allerwertesten darauf.



    Meine Mittelschulzeit lag zwar erst zwei Jahre zurück, doch mir kam jetzt bereits alles daran wie aus einem anderen Leben vor. Mama und Papa waren damals schon der Ansicht, dass ich verantwortungsbewusst genug sei, damit sie auf Reisen gehen konnten. Ich brauchte sie zwar nicht direkt, doch es wäre trotzdem schön, wenn sie mir nach all der Zeit wieder einmal einen Besuch abstatteten. Immer nur Briefe zu erhalten, die schon vor zig Wochen abgeschickt worden sein mussten war auf Dauer auch nicht das Wahre. Andererseits hätte ich ihnen dann erklären müssen, wieso ich mir das Haus mit Dai und Marie teilte. Das verstand ich selbst ja nicht so ganz, auch wenn es wirklich schön war. Naja, es lief ja alles in moralischen Grundfesten ab.



    „Was machst du denn hier?!“



    Unvermittelt stand Dai vor mir und sah mich entsetzt(?) an.



    „Ist das dein Freund, von dem du uns bereits so viel erzählt hast, Dai? Du bist ein echter Glückspilz. Ich hätte auch gern jemanden, an den ich mich anlehnen kann.“



    „Nein, das verstehst du falsch. Das ist bloß…“



    Dai war eben noch mit einem anderen Mädchen den Flur entlanggegangen und hatte mich sofort entdeckt. Dais Freundin verstand hier aber etwas grundlegend falsch, auch wenn ich es schön fand, so bezeichnet zu werden.



    „Hallo, freut mich dich kennenzulernen. Ich bin Minato Yonezawa. Ich bin bloß hier, um Dai ihr Handy zu bringen, dass sie neben dem Frühstückstisch hat liegen lassen.“



    „Sag bloß, du übernachtest bereits bei ihm?! Kyaaaah! Dai!!! Du musst mir unbedingt alles darüber erzählen. Ich hätte nie von dir gedacht, dass du so eine Draufgängerin bist.“



    „Nein!!! So ist das nicht. In Wahrheit…“



    Ich war mir nicht sicher, ob Dais Freundin hier nicht mit Gewalt etwas missverstehen wollte. Aber es war süß, wie Dai hier krebsrot anlief und nervös mit ihren Händen gestikulierte. Sorry, Dai, das hatte ich nicht gewollt. Aber es gab wohl nichts, dass ich hätte sagen können, dass die Situation nicht noch für sie hätte schlimmer werden lassen. Ich konnte höchstens versuchen zu erklären, dass…



    Die Pausenglocke ertönte und riss mich jäh aus meinem Schlummer. Ich öffnete die Augen und sah, wie zahllose Mädchen ihre Klassenräume verließen. Weder Dai noch ihre Freundin hatten offensichtlich je vor mir gestanden. Es war alles eine Ausgeburt meines übermüdeten Gehirns gewesen. Ich seufzte. Es wäre auch zu schön gewesen, wenn Dais und meine Beziehung so einfach wieder zu ihrer alten Leichtigkeit gefunden hätte.



    Ich versuchte meine verbliebenen Hirnzellen zusammenzukratzen und mich an die genaue Klasse von Dai zu erinnern. „9-C“ war es höchstwahrscheinlich gewesen. Mein Weg dorthin war gepflastert mit schonungslosen Blicken, albernem Gekicher und spöttischen Bemerkungen. Ein Junge, der sich in eine reine Mädchenschule begab zog leider Blicke auf sich. In einem Manga wären die meisten wahrscheinlich hochrot angelaufen, aber die herbe Realität sah nun einmal anders aus. Ich machte nicht viel her und das ließ man mich spüren.



    „9-C“ – hier war ich richtig. Ich warf einen vorsichtigen Blick hinein, konnte Dai aber nicht ausfindig machen. Merkwürdig. Soweit es für mich ersichtlich war hätte sie mir auf dem Gang begegnen müssen, wenn sie das Zimmer verlassen hätte. Eigentlich wollte ich alles hier so zivil wie möglich über die Bühne bringen, aber so ich kam nicht umhin, eine von Dais Mitschülerinnen nach ihrem Verbleib zu fragen. So beliebt wie sie war sollte das kein Problem sein. Ich ging zu einer kleinen aus drei Mädchen bestehenden Gruppe und sprach sie an.



    „Entschuldigt bitte, könnt ihr mir sagen, wo ich Dai Shimoku finde?“



    Das Trio sah mich mit großen Augen an, als hätte ich mich nach einem Alien erkundigt. Hatte ich mich vielleicht doch im Raum geirrt?



    „Ich suche Dai Shimoku. Oder ist das gar nicht ihre Klasse?“



    „Ach so, er meint unsere Fürstin der Finsternis. Ich hätte nicht gehabt, dass mit der einmal freiwillig jemand was zu tun haben will. Bist du etwa ihr Freund? Ihr passt echt gut zusammen, haha.“



    Ich wusste ehrlich gesagt nicht, wie ich mit der Situation umgehen sollte. Hatte man Dai hier etwa wirklich so einen dämlichen Spitznamen verpasst, nur weil sie sich etwas anders anzog? Blöde Kühe. Ich wollte mich bereits wieder umdrehen und jemand anderen um Hilfe bitten, aber das Trio kam mir zuvor.



    „Wenn du deine Freundin suchst bist du hier falsch. Die Kleine kommt nur her, wenn Prüfungen anstehen, sonst feiert sie bei der Schulschwester krank. So was wie die brauchen wir hier echt nicht. Wenn du sie siehst, wünsch ihr gute Besserung von uns.“



    Wären das Jungs gewesen, dann… Aber Gewalt war hier keine Lösung. Keiner von uns hatte geahnt, dass Dai hier derart gemobbt wurde. Wieso hat sie uns denn nichts davon gesagt? Sie hätte uns doch nicht all die Wochen etwas vorspielen müssen. Davon hatte doch keiner was. Ich überlegte kurz, ob ich meine Entdeckung erst mit Akihiro und Marie besprechen sollte, bevor ich mit Dai darüber redete. Nein, ich durfte Dai nicht länger im Glauben lassen, sie müsse allein mit allem fertigwerden. Ich ging so schnell ich konnte ins Erdgeschoss und fragte mich im Sekretariat zur Schulschwester durch.



    Mein Herz schlug deutlich schneller, als ich an die Tür klopfte. Sicher wäre es Dai lieber gewesen, Akihiro oder wenigstens Marie wären an meiner Stelle erschienen, aber Wunschdenken half in den seltensten Fällen. Die Schulschwester öffnete die Tür und sah mich ungläubig an. Sicher, mit Jungen hatte sie hier in den seltensten Fällen zu tun, aber auch das spielte im Moment keine Rolle.



    „Guten Tag, mein Name ins Minato Yonezawa. Ich suche nach Dai Shimoku. Ich habe gehört, sie soll sich hier…“



    Mit einem lauten „Swusch“ wurde der Vorhang an einem in der Ecke stehenden Bett zur Seite geschoben und Dai kam zum Vorschein, die ein Gesicht machte, als hätte sie einen Geist gesehen.



    „Was machst du denn hier…“



    Bei ihrem Temperament hatte ich eher erwartet, sie spränge mir ins Gesicht. Stattdessen klang ihr Tonfall fast schon beunruhigend harmlos, um nicht zu sagen, eigentlich beinahe entschuldigend.



    „Du hast dein Handy daheim vergessen. Eigentlich wollte ich es nur schnell bei dir abgeben, aber… Willst du vielleicht mit mir reden, aber zwing dich nicht, wenn du nicht magst.“



    Dai musste spüren, dass die Zeit gekommen war reinen Tisch zu machen und nickte. Ich ging an ihr Bett und setzte mich. Sie schwieg kurze Zeit, dann fing sie zu erzählen an.



    „Eigentlich hat es schon am ersten Tag begonnen. Kaum, dass der Lehrer draußen war, haben sie sich förmlich auf mich gestürzt. Ich war darauf gefasst, dass es nicht einfach werden würde, aber damit habe selbst ich nicht gerechnet. Es kamen lauter blöde Sprüche wegen meiner Haarfarbe oder wegen meines Aussehens. Sobald ein Sensei das Zimmer betrat war alles in Ordnung, aber die Pausen waren die Hölle. Es waren nicht alle so drauf, aber Suzuki, Kobayashi und Tanaka waren eindeutig die Schlimmsten. Ich bin ja nicht aus Zucker und kann so etwas ab, aber als ich mir nichts habe anmerken lassen ist es erst richtig losgegangen. Vor Prüfungen haben sie Spickzettel unter meinem Pult versteckt, um mich bei den Lehrern anschwärzen zu können. Wenn ich mal nicht aufgepasst habe wurden in meinem Rucksack Zigaretten oder alkoholische Getränke platziert. Beim Einsammeln der Hausaufgaben haben sie meine verschwinden lassen und noch einigen anderen Schei* mit mir veranstaltet. Nur weil ich zu einer gewissen Familie gehöre bin ich weder suspendiert worden noch von der Schule geflogen. Schließlich habe ich dann angefangen mich auf die Krankenstation zurückzuziehen und hier allein für mich zu lernen. Nur wenn Prüfungen anstanden bin ich überhaupt noch ins Klassenzimmer… Jetzt kennst du die ganze Geschichte. Damit das ganze keine Wellen schlägt habe ich dann zu Hause so getan als wäre alles in bester Ordnung.“



    „Aber wozu? Wenn wir zur Direktion gegangen wärst hätte die sicher etwas tun können um dir zu helfen. So wird das Ganze doch nie aufhören.“



    „Wie hätte ich das denn beweisen sollen? Außerdem bin ich vom Direktor eh nur wegen meiner Familie geduldet. Bei meinem Aussehen hätten sie mich doch sonst nie hier aufgenommen. Suzuki, Kobayashi und Tanaka gelten als absolute Musterschülerinnen. Dagegen komme ich nicht an.“



    „Aber deine Familie. Hätte die nicht etwas für dich…“



    „Das mit Sicherheit. Aber wenn sie gemerkt hätten, was für Probleme ich habe, hätten sie mir nie erlaubt weiterhin bei dir wohnen zu bleiben. Und das wäre genauso schlimm gewesen. Sie hätten mir nie gestattet mein Leben so zu gestalten, wie ich es möchte. Diese Freiheit habe ich nur, solange ich nicht bei ihnen unterkommen muss. Die Zeit, die ich damals bereits bei ihnen verbringen musste, als Marie ausgezogen ist, war bereits ein Albtraum. Ihnen die ganze Zeit unterstellt zu sein, hätte ich nie gepackt. Verstehst du jetzt, warum ich euch allen eine heile Welt vorgespielt habe?!“



    Tränen fingen an über Dais Wangen zu kullern.



    „Die versuchte Vergewaltigung, das Mobbing hier und die ganze Zeit die Fassade aufrechtzuerhalten… ich kann einfach nicht mehr… Und als du dann noch angefangen hast von wegen Gefühlen für mich ist mir endgültig alles über den Kopf gewachsen…“



    Dass ich die ganze Zeit über so ahnungslos gewesen war was mit Dai passierte, verursachte mir einen dicken Kloß im Hals. Und dass ich das ganze mit meinem unüberlegten Geständnis sogar noch schlimmer gemacht hatte verursachte auch alles andere als ein Wonnegefühl in meinen Innereien. Es war nicht viel, dass ich im Augenblick für Dai hatte tun können, aber zumindest eine Sache gab es.



    „Lass uns erst einmal nach Hause gehen und gemeinsam durchschnaufen…“



    Dai nickte leicht bevor sie sich mit ihrem Ärmel die Tränen aus ihrem Gesicht wischte. Dann packte sie ihre Tasche und wir verließen beide das Gebäude. Daheim angekommen ging Dai erst einmal auf ihr Zimmer und legte sich eine Weile aufs Ohr. Ich tat es ihr gleich, blieb aber wach. Ich wagte mich kaum zu rühren, um nur ja kein Geräusch zu verursachen, dass Dai aus ihrem Schlummer hätte reißen können.



    Egal, was wir als Nächstes auch tun würden, um ihr zu helfen – in jedem Fall durfte die Situation für sie keinesfalls so bleiben wie sie war. Bei uns hatte sie ein warmes und sicheres Nest, in dem sie Ruhe finden konnte. Damit das auch so blieb mussten wir allerdings Schritte setzen, die von Akihiros Familie unbemerkt blieben. Dai war ein Freigeist, der in ihrem Umfeld nicht ansatzweise genug Licht bekam um gedeihen zu können. Aber Akihiro sollte früher oder später auf jeden Fall davon erfahren. Er besaß bereits genug Privilegien, um auch abseits seiner Eltern seinen Namen einsetzen zu können.



    Was aber konnte ich leisten um Dai zu helfen? Ungeachtet meiner romantischen Gefühle für sie war sie mir so lieb und teuer wie kein anderer Mensch. Ich bot ihr ein Nest, wollte aber, dass sie ihre Flügel ausbreiten konnte, um so zu leben, wie sie es wollte. Ich hatte immer ein offenes Ohr für sie, aber war ich tatsächlich der Richtige für diese Position? Je mehr ich darüber nachdachte, umso offensichtlicher wurde mir, was zu tun war um ihr zu helfen.



    Es vergingen zwei Stunden, in denen ich nur regungslos dalag und wartete, dass Dai zu neuem Leben erwachte. Erst als ich das vertraute Geräusch der Kaffeemaschine hörte wagte ich von meinem Lager aufzustehen und nach Dai zu sehen. Ich beschloss mir ebenfalls eine Tasse zu genehmigen und setzte mich ihr gegenüber hin.



    „Dai, es tut mir leid, dass ich dich so lange im Stich gelassen habe. Aber Fakt ist, mir ging es in der vergangenen Zeit ebenfalls richtig schlecht, ohne dass es dafür einen richtigen Grund gegeben hätte. So wie ich das sehe krieg ich mein Leben alleine nicht mehr auf die Kette. Ich habe dich, Marie und Akihiro furchtbar gern, aber ich war zu feige um mit euch darüber zu reden. Es gibt Tage, da komme ich kaum aus dem Bett und am Liebsten würde ich einfach nur liegen bleiben und aufhören zu existieren. Und wenn es euch drei nicht gäbe würde ich es wahrscheinlich tatsächlich so handhaben. Ich kann nicht einmal erahnen, wie es dir gehen muss, nachdem du von deinen Mitschülerinnen dermaßen unterdrückt wirst und dich auch noch vor deiner Familie fürchten musst. Wie gesagt denke ich nicht, dass ich mein Problem selber in den Griff bekommen werde und selbst ihr mir dabei nicht wirklich helfen können werdet. Ich denke, dass ich mir Hilfe von außen suchen werden muss und würde auch dich dabei unterstützen. Was hältst du davon? Wollen wir beide in Therapie gehen?“

  • Kapitel 13 - "Hören wir einander zu"


    Das Wartezimmer von Frau Doktor Takahashi war weder sonderlich groß noch reichhaltig dekoriert, aber es bot alles, was nötig war, um sich wohlzufühlen. Es war nicht das erste Mal, dass ich hier saß und meinen Blick wandern ließ. Es gab einige Broschüren zum Thema „psychische Gesundheit“, sowie einige Zeitschriften zu diversen Themen, die sogar bis hin zu Sport reichten.



    Aber mir war nicht sonderlich nach lesen zumute. Nicht wegen meines psychischen Zustandes, sondern einfach, weil ich es genoss, die Gemütlichkeit des Raumes auf mich wirken zu lassen. Nicht nur das eigentliche Behandlungszimmer war ein „sicherer Raum“. Der Begriff ließ sich problemlos auf die gesamte Praxis ausdehnen. Am Liebsten allerdings beobachtete ich die Fische in ihrem großzügigen Aquarium, wie sie still und leise vor sich hinschwammen und mich an ihrem Leben teilhaben ließen.



    Frau Doktor Takahashi war mit Anfang Dreißig noch eine vergleichsweise junge Ärztin, aber man konnte förmlich spüren, wie man ihr als Patient am Herzen lag. Sie war eine jener wenigen Ärzte, die ihre Arbeit nicht wegen des damit verbundenen Renommees ausübte, sondern tatsächlich des Wohlergehens ihrer Patienten wegen. Das klang vielleicht ein wenig schmalzig, aber tatsächlich hatte jeder Beruf seine unangenehmen Vertreter. Ärzte waren da leider keine Ausnahme.



    Eigentlich hatte ich nie vorgehabt in Therapie zu gehen, hatte mich aber letztendlich dazu aufgerafft, damit ich Dai dazu motivieren konnte. Das war zwar nicht die beste Voraussetzung, aber tatsächlich war es eine sehr gute Entscheidung gewesen. Ja, ich hatte auch Akihiro, Marie und Dai, mit denen ich meine Sorgen hätte teilen können. Aber mit Frau Takahashi hatte es eine andere Qualität, einfach, indem sie nicht so eng mit mir verbandelt war und demnach die Situation aus einer gewissen Distanz beurteilen konnte. Gerade dieser Umstand erlaubte ihr und damit mir eine wertvolle andere Perspektive.



    Mein Leben war nie wirklich schlecht verlaufen, aber gerade dadurch nahm ich einige Dinge einfach als gegeben an und hin, ohne sie je zu hinterfragen. Es tat mir gut, über mein Leben zu reflektieren und jemanden zu haben, der mit mir darüber sprach und der mir auch manchmal einfach nur zuhörte, wenn es Not tat. Meine schlimmste Befürchtung war immer gewesen, dass ich anfangen müsste, irgendwelche Pillen zu schlucken oder sonstige Antidepressiva zu nehmen, die einfach nur das Ziel hatten, mich ruhigzustellen. Doktor Takahashi hatte mir zwar ein Medikament verschrieben, aber dieses legte weder meinen Geist lahm, noch verwandelte es mich auf andere Weise in einen „Zombie“. Vielmehr half es mir in Schwung zu bleiben, wenn man das so sagen konnte. Ich kroch zwar nach wie vor ungern aus meinen Federn, aber das lag nun tatsächlich in der Hauptsache daran, dass ich eine Schlafmütze war und nicht wegen irgendeines Weltschmerzes.



    Da. Die Tür zum Behandlungszimmer öffnete sich.



    „Vielen Dank, Frau Doktor. Dann bis nächsten Freitag.“



    „Auf Wiedersehen, Frau Shimoku. Ich wünsche Ihnen alles Gute. Wenn bis dahin etwas sein sollte können Sie mich jederzeit anrufen.“



    Frau Takahashi und Dai verbeugten sich voreinander, dann erblickte die Ärztin mich.



    „Herr Yonezawa, guten Tag. Schön, dass Sie Frau Shimoku abholen kommen.“



    „Guten Tag, Frau Takahashi. Wir sehen uns dann am Dienstag wieder.“



    Frau Takahashi lächelte mich an, bevor sie wieder in ihrem Behandlungszimmer verschwand. Die warmen Temperaturen hatten sich mittlerweile verzogen, weswegen ich Dai half, ihre Jacke anzuziehen.



    „Hattest du ein gutes Gespräch?“



    „Ja, Frau Takahashi ist echt toll. Ich bin dir wirklich was schuldig, weil du mich überredet hast.“



    „Ohne dich wäre ich selbst ja nie hier gewesen. Scheint, als wäre wenigstens etwas Gutes durch unsere Misere herausgekommen.“



    Dai sagte zwar nichts, aber sie zeigte mir ihr warmes Lächeln, dass ich früher so oft hatte sehen dürfen. Unsere Probleme waren zwar noch nicht gelöst, aber wir waren nicht allein im Dunkel gefangen, sondern hatten einander, die sich gegenseitig (unter-)stützten.



    Um ehrlich zu sein, hatten wir bislang weder Marie noch Akihiro in unsere Therapiesitzungen eingeweiht. Es gab dafür eigentlich keinen speziellen Grund. Dai und ich betrachteten uns vier nach wie vor als Familie, der wir vorbehaltslos vertrauten. Es ist schwer, es in Worte zu kleiden, aber vorerst wollten wir den schützenden Kokon, den wir um uns beide gesponnen hatten nur für uns alleine haben. Wir vier waren eine Familie, aber Dai und ich hatten das Gefühl, dass es ihnen trotzdem schwerfallen würde, die Komplexität unserer Situation wirklich zu erfassen. Wir wussten, sie hätten Verständnis für uns, aber würden sie uns als Nicht-Betroffene tatsächlich auch verstehen können? Wir wollten sie nicht zwingen, Einschau in unsere dunkle Welt zu nehmen, vielmehr wollten wir die Leichtigkeit unserer Beziehung am Leben erhalten. Wir wussten, wir konnten mit ihnen über alles reden und uns auf sie verlassen, aber es fühlte sich noch nicht danach an, als wäre die Zeit für uns bereits reif dafür. Ich hoffe, mein Gefasel ergibt irgendwie Sinn.



    „Marie ist heute Abend bei deiner Familie eingeladen und kommt erst im Verlauf des Abends wieder. Das heißt, wir bleiben unter uns, wenn dir das Recht ist.“



    „Ich denke, keiner von uns beiden würde je eine Party schmeißen…“



    „Der war gar nicht mal schlecht. Du machst dich.“



    „Bild dir bloß nicht ein, ich würde jetzt einen auf Stimmungskanone machen. Du wirst weiter mit meinem düsteren Ich leben müssen.“



    „Daran bin ich gewöhnt. Hauptsache, dass keine Funkstille mehr herrscht.“



    „Apropos Funkstille: Frau Doktor Takahashi hat mich heute auf etwas gebracht. Ich finde, das könnten wir ruhig mal ausprobieren…“





    So landeten Dai und ich im Halbdunkel auf ihrem Bett. Obwohl wir nicht viel sahen fühlten wir uns in unserer Gegenwart unheimlich geborgen. Ich spürte Dais Wärme an meinem Körper und war dankbar, dass sie sich nicht angeekelt von mir wegdrehte. Das stand zwar nicht ernsthaft zur Debatte, aber da war dieses Mädchen in meiner Grundschule, das… Nein, bloß nicht daran zurückdenken. Was war ist bereits geschehen und ich musste akzeptieren, dass es keinen Weg gab, an meiner Vergangenheit etwas zu drehen.



    Es war schön, einfach Seite an Seite zu liegen, ohne von der Außenwelt belästigt zu werden. Dai und ich hatten eine Playlist erstellt, die abwechselnd je ein Lied von uns abspielte, das wir mochten. Wir sprachen kein Wort, sondern lauschten einfach nur. Es war eine andere Art des Zuhörens, bei der es nicht darum ging große Worte zu finden. In all unserer Auswahl war ein Klang enthalten, mit dem wir uns wohlfühlten. Im Grunde ging es darum, den Rhythmus des jeweils anderen auf sich wirken zu lassen. Auf einen starken Klang von Dai folgte ein weicherer von mir. Dumpfe Bässe folgten auf ein verspieltes Keyboard. Dai und ich kannten uns schon eine gefühlte Ewigkeit und hatten immer mal wieder einen Song gehört, der eher den Geschmack des anderen traf. Aber an diesem Abend ließen wir uns nicht einfach nur berieseln. Wir lauschten ganz bewusst den einzelnen Noten, den Farben der unterschiedlichen Instrumente und den Worten ihrer Interpreten.



    Es fühlte sich ein wenig so an, als fänden wir Worte uns auszudrücken, die wir vorher aneinander nie wahrgenommen hatten. Wir wussten bereits so viel voneinander und doch entdeckten wir uns gegenseitig völlig neu. Es mag kitschig klingen, aber wir erreichten so einen völlig neuen Grad an Intimität in unserer Beziehung, der über alles Bisherige hinausging. Es spielte keine Rolle, ob wir Freunde, Geliebte oder Familie waren, aber ich fühlte mich in jenen Augenblicken einfach nur so unsagbar wohl, dass mir ab und an sogar eine Träne über das Gesicht lief.



    Mit einem Mal drängte sich eine Melodie in unsere Seifenblase, die zu niemandem von uns gehörte. Es waren nur ein paar Noten, aber sie reichten um uns in die Realität zurückzuholen. Es war die Messanger-App von meinem Smartphone.



    „Hi, Dai und Minato,



    Akihiros Eltern haben mir angeboten, den weiteren Abend mit ihnen zu verbringen und auch hier zu übernachten. Ich komme deswegen erst im Verlauf des morgigen Tages wieder nach Hause. Sorry, dass ich euch erst jetzt Bescheid gebe. Amüsiert euch gut und benehmt euch. Und falls nicht geht es mich auch nichts an. ;)“



    Ich seufzte leise in mich hinein. Marie war wirklich eine absolut liebe Person, aber selbst Liebenswürdigkeit war manchmal fehl am Platz. Bar einer besseren Idee versuchte ich die Scherben aufzusammeln.



    „Wollen wir einen Happen Essen? Ich kann schnell…“



    „Wie wärs mit Pizza?“



    „Ich glaube, dafür habe ich nicht alles…“



    „Bestellen meinte ich. Du bist echt so eine Hausfrau. Sorry, das meinte ich nicht so negativ, wie es sich jetzt angehört hat.“



    „Hast du eine bestimmte im Auge? Eine ganze ist mir echt zu viel.“



    „Denkst du mir nicht?! Aber gemeinsam sollten wir sie runterkriegen.“



    „Geht klar. Aber welche?“



    „Wie wäre es mit einem Spiel? Der Laden hat ein Angebot sich selbst eine zusammenzustellen aus insgesamt sechs Zutaten. Du und ich wählen je drei und wir lassen uns überraschen, was dabei herauskommt.“



    „Du meinst, wir erfahren es erst bei der Lieferung?“



    „Warum nicht?! Wie schlimm kann es im Zweifel schon werden?“



    Mein Instinkt sagte mir „ziemlich schlimm“. Aber irgendwie war mir das so egal, wie nur irgendetwas. Der bisherige Nachmittag und Abend hatten sich so gut angefühlt, dass ich nicht die geringsten Zweifel am Erfolg hatte. Genau genommen war es nur eine Fortführung unseres vorherigen Erlebnisses, nur eben mit Lebensmitteln. Also gab ich mein Okay dafür.



    „Dann schauen wir mal…“





    Ein Klingeln an der Haustür verriet uns, dass der Pizzabote angekommen war. Wie versprochen hatte es nicht mehr als 25 Minuten von der Bestellung bis zur Lieferung gedauert. Er überreichte uns unsere Kreation, wir ihm im Gegenzug ein angemessenes Trinkgeld. Somit stand der Begegnung mit unserer Schöpfung nichts mehr im Wege. Gott stehe uns bei…



    Wir öffneten den Deckel der Schachtel und im Moment schlug uns ein ziemlich intensiver Duft entgegen. Das erste Merkmal war die unglaubliche Menge an Peperoni, die auf dem ganzen Fladen verteilt worden waren.



    „Hast du etwa auch…“



    Dai nickte.



    „Peperoni sind eben ein Muss auf einer Pizza. Schön, dass wir da einer Meinung sind.“



    Aber die Peperoni waren unser kleinstes „Problem“. Ich hatte mich daneben noch für Tunfisch und Zwiebel entschieden, Dai hatte Rindfleisch und Knoblauch gewählt. Schön, dass keiner von uns Angst vor Mundgeruch gehabt hatte. Auch hier waren wir in gewissem Maße kompatibel gewesen. Auf der anderen Seite war so eine Kombination entstanden, die gewaltig für „frischen Wind“ sorgen konnte. Aber es half ja nichts. Zum Wegwerfen wäre sie ebenso zu schade gewesen und schließlich waren wir ja unter uns. Na dann, Mahlzeit.



    Obwohl wir noch einige Zeit damit beschäftigt sein würden die Pizza zu verdauen ließen wir es uns nicht nehmen, uns danach besonders ausgiebig die Zähne zu putzen und spülten sogar noch mit Mundwasser nach. Zwei Mal. Trotzdem stand zu befürchten, dass man die Mahlzeit noch tagelang an uns würde wahrnehmen können.



    „Kein Problem. Wo soll ich schon hingehen?“



    Da war es wieder, das dumpfe Gefühl in meinem Magen. Was von Dai selbst vermutlich nur der Versuch eines Scherzes gewesen war, stellte einen Elefanten in unser Haus.



    „Jetzt reg dich ab. Immerhin kam der Witz von MIR. Wenn ich mich nicht darüber lustig machen darf, kann es gar keiner. Selbst Frau Doktor Takahashi meinte, dass Humor ein guter Weg sei, um mit Krisen fertigzuwerden. Und glaub mir: heute stehe ich stabil genug da, um solchen Galgenhumor zu haben. Ehrlich.“



    War es jetzt Dai, die mich tröstete, als ich mich wegen ihr mies fühlte? Ich war wirklich zu nichts zu gebrauchen.



    „Wenn ich über alles ‚lachen‘ kann, brauchst du dich nicht wegen mir fertigzumachen.“



    ICH war der Ältere. Ich war derjenige, der auf sie Acht geben sollte. Aber Dai war zumindest in jenem Moment so viel reifer und erwachsener als ich, dass mir die Scham in alle Knochen fuhr. Dai…



    „Ich hab eine Idee, aber du musst mir sofort sagen, wenn es dir unangenehm oder zu schräg ist. Wollen wir nicht wieder in mein Zimmer gehen, uns gemeinsam unter meine Decke kuscheln und einfach nur reden? Egal über was? … Sorry, vergiss was ich gesagt habe… es war einfach eine blöde Idee…“



    Es überraschte mich, dass Dai mir wirklich so bedenkenlos vertraute. Nach allem, was sie in der Vergangenheit durchmachen hatte müssen. Ging ihr Vorschlag für sie wirklich klar? Keiner von uns hatte eine unanständige Absicht, es gab also nichts, für das wir uns müssten schämen werden. Wir waren zwei Freunde, die sich wie Geschwister aneinander kuscheln würden um zu plaudern. Sicher, dies klang im ersten Moment ziemlich schräg, aber es ging niemanden etwas an. Unser beider Seelen brauchten Zuwendung und wenn unsere Gegenwart füreinander heilsam war, warum dann nicht? Ich hatte nicht vor, Akihiros Vertrauen zu missbrauchen, also beschloss ich einfach meinem ehrlichen Gefühl zu folgen.



    „Wenn du wirklich nichts dagegen hast…“



    Dais Augen weiteten sich. Hatte sie nicht damit gerechnet, dass ich auf sie eingehen würde und sie bereute ihre kühne Idee bereits? Ich schluckte mehrmals, bevor Dai antwortete.



    „Krieg bitte keinen falschen Eindruck von mir. So etwas würde ich niemand anderem vorschlagen… Ich meine, ich…“



    Ich lächelte ein wenig und nickte nur. Dann gingen wir in ihr Zimmer. Es fühlte sich trotz allem ein wenig seltsam an, wie wir da so nebeneinander unter der Decke lagen. Wir drehten unsere Rücken zueinander und schwiegen. Dai atmete schwer und auch mir fehlte es ein wenig an Ruhe, um die Situation zu genießen. Ich dachte schon daran, einfach wieder aufzustehen und den Raum zu verlassen. Dann eröffnete Dai den Dialog.



    „Hast du eigentlich noch irgendwelche Geschwister?“



    „Was soll die Frage? Du weißt doch, dass ich ein verzogenes Einzelkind bin.“



    „Ich habe noch eine kleine Schwester… Papa sagt, es war ein einmaliger Ausrutscher, als er mit seinen Angestellten noch etwas trinken gegangen ist… Mama und er haben sich furchtbar gezofft deswegen. Das war vor etwa anderthalb Jahren. Aber sie haben es geschafft, sich danach wieder zu versöhnen und sich neu ineinander verliebt. Es hätte alles so schön sein können… Aber dann stand diese Frau vor unserer Tür und hatte Aiko bei sich… meine Halbschwester. Natürlich haben Papa und Mama auf einen Vaterschaftstest bestanden, aber das Ergebnis war eindeutig… ich habe mir früher immer eine kleine Schwester gewünscht… Jackpot! Aber diese Frau besteht darauf, dass Papa mich und Mama verlässt und zu ihr und der Kleinen zieht. Sonst würde sie für einen Riesenskandal sorgen… Aber deswegen hätte Papa sich nie von uns getrennt. Außerdem hat unsere Familie beste Beziehungen zur Presse und sonstigen Medien, sodass es nie die große Runde machen würde. Aber hier ging es um Aiko. Ich glaube ihm, dass er mich und Mama über alles lieb hat, aber Aiko ist genauso seine Tochter wie ich und er würde es sich nie verzeihen können, wenn sie ohne ihn aufwachsen müsste. Erst recht bei dieser Frau… Also hat er mit Mama und mir gesprochen und die Konsequenzen gezogen… Wir alle haben furchtbar deswegen geheult, aber letztendlich haben Mama und ich zugestimmt. Wegen dieses einen Fehltritts hat er alles aufgeben müssen: seine Position in der Familie, sein gemeinsames Leben mit uns und schließlich… uns selbst. Mama und Papa wollten sich nicht scheiden lassen, aber Aiko braucht ihn noch viel mehr als wir… Papa ist nur angeheiratet und zählt nicht viel für die Katos. Ich bin blutsverwandt und deswegen ein gewisses Betriebskapital. Deswegen wollten mich Akihiros Eltern zu sich holen. Reines Besitzdenken. Als ich dann erfahren habe, dass bereits ein Gast unserer Familie bei dir wohnt habe ich einfach die Chance genutzt und mich eingenistet. So hatte meine Familie eine Aufsichtsperson für mich in Marie und umgekehrt. Ich hätte dich da nicht mit hineinziehen dürfen, aber ich war schlichtweg verzweifelt. Die versuchte Vergewaltigung, mein Vater, meine Onkel und Tante… ich wollte einfach so weit es irgend möglich war frei sein… Es tut mir leid, dass du wegen mir soviel durchmachen musstest und dass es dir wegen mir auch so schlecht geht… Wenn du willst packe ich heute einfach noch meine Koffer und haue ab…“



    Anstatt ihr eine Antwort zu geben drehte ich mich einfach zu ihr um und legte meine Arme um ihren zierlichen, viel zu warmen Körper. Ich hatte Gefühle für sie entwickelt, die weit über das freundschaftliche oder familiäre hinausgehen. Auch wenn sie diese nicht erwiderte, so wollte ich dennoch nicht, dass sie wieder aus meinem Leben verschwand. Anfangs war es mir oft lästig gewesen, ihre miese Stimmung zu ertragen, aber ich hatte so vieles von ihr noch nicht gewusst. Sie war nicht mehr allein mit ihrem Kummer, so gut es ging wollte ich einen großen Teil ihrer Last auf meine Schultern nehmen. Dai, ich liebe dich…



    „Dai, ich hab dich furchtbar lieb. Egal, was du zu sagen hast, ich werde dir immer zuhören. Ich kann wahrscheinlich nicht alle deine Probleme lösen, aber ich werde bei dir bleiben, solange du es mit mir aushältst…“



    „Blödmann…



    Ich drückte meine Stirn gegen ihren Hinterkopf und wir lagen einfach nur so da. Keine Ahnung, wie lange. Dais Körper bebte noch einige Zeit lang ziemlich heftig, dann begann sie sich langsam zu entspannen. Die Dunkelheit legte sich immer mehr wie ein schützender Mantel um unsere Körper und wir begannen uns zunehmend in ihr zu verlieren. Die Nacht wurde unsere Freundin. Wir lagen da und hofften, es käme kein neuer Tag, der uns in die Realität zurückholen würde. Hätte sich herausgestellt wir beide wären die letzten Menschen auf diesem Planeten, wir wären damit einverstanden gewesen. Wir hatten einander, mehr brauchten wir nicht…





    „Dai, Minato, wo seid ihr? Guten Morgen. Habt ihr etwa verschlafen?“



    Unser frommer Wunsch war uns verwehrt geblieben. Es war etwa zwölf Uhr Mittag, als Marie und Akihiro nach Hause gekommen waren und in unserer leeren, da unbenutzten, Küche aufschlugen. Damit sie sich nicht unbegründet Sorgen machten antwortete ich mit einem kurzen „Moment, bin gleich da.“ Ich zog mir ein T-Shirt über und eine Jogginghose an und trat hinaus in die Welt.



    „Morgen. Hattet ihr einen schönen Abend?“



    „Klar. Akihiros Eltern sind zwar ein wenig förmlich, aber ansonsten wirklich sehr gastfreundlich. Haben du und Dai etwa die Nacht durchgemacht oder warum liegt ihr jetzt noch in den Federn?“



    „So ähnlich… aber seid bitte nicht so laut, Dai schläft noch.“



    „Alles klar. Sorry, dass ich dir erst so spät eine Mail geschickt habe, aber die Übernachtung kam ziemlich spontan zustande. Wir haben uns vollkommen verquatscht und Akihiros Eltern hatten kein gutes Gefühl mich nachts noch heimzuschicken. Selbst mit einem Taxi.“



    „Ist wirklich kein Ding. Ich betreibe ja keine Jugendherberge, auch wenn es mir manchmal anders vorkommt.“



    „Übrigens, ich habe hier noch was für dich von meinen Eltern. Als Dankeschön, weil du dich so gut um Marie und Dai kümmerst.“



    Akihiro machte mich neugierig. Er griff in eine braune Papiertüte und zog einen dicken Wälzer heraus.



    „Testfragen zur Aufnahme an der Universität Tokio. Ein Almanach zur Vorbereitung auf die angesehenste Lehranstalt Japans. 31. Auflage mit überarbeitetem Inhalt“



    „Joa, danke?!“



    „Ich werde ihnen ausrichten, dass du dich sehr darüber gefreut hast. Aber vielleicht möchtest du noch einen persönlichen Dankesbrief aufsetzen?!“



    Ich ließ Akihiros Bemerkung an mir abprallen und legte den Wälzer auf der erstbesten Anrichte ab.



    „Alles klar, ich kümmere mich darum, aber unterschreib ihn wenigstens. Vielleicht solltest du aber doch einen Blick reinwerfen. Es muss ja nicht die Toudai sein, aber ewig geht unser Lotterleben auch nicht weiter. So lange ist unser Abschluss auch nicht mehr weg und bald werden die Senseis nach unseren Zukunftsplänen fragen. Dann schadet es nicht irgendetwas in der Hinterhand zu haben.“



    „Die Sorge hast du ja nicht. Wenn es soweit ist, lasse ich mir was einfallen.“



    Was Akihiro auf den Tisch brachte war nicht von der Hand zu weisen, aber daran wollte ich jetzt keinen Gedanken verschwenden.



    „Möchtest du vielleicht ins Ausland? Österreich ist wirklich wunderschön. Mein Vater kann bestimmt etwas für dich arrangieren.“



    „Vielen Dank Marie, aber so früh am Morgen treffe ich keine derart einschneidenden Lebensentscheidungen. Ich lebe lieber im Hier und Jetzt, auch wenn mein Dasein ein echter Besen sein kann.“



    „Ist auch in Ordnung. Akihiro, Dai und ich passen schon auf, dass du nicht auf die schiefe Bahn gerätst.“



    Maries Aussage war sicher lieb gemeint, aber so kurz nach dem Aufwachen fehlte mir wirklich noch der Sinn für derlei Humor.



    „Apropos: wollen wir uns nicht etwas zu Mittag kommen lassen? Geht auf meinen Nacken. Wer hat Lust auf Pizza?“



    „Von mir aus. Solange es nicht gerade Pizza sein muss…“



    Akihiro verstand meinen Wink mit dem Zaunpfahl, als ich auf den Karton im Müll deutete. Schließlich einigten wir uns auf Sushi. Dann konnte Dai auch gleich reinhauen, ohne es sich später warm machen zu müssen, sobald sie aufgestanden war.



    Nachmittag, so gegen halb drei bequemte sich auch Dai aus ihren Kissen. Ich mochte es ihr nicht verdenken. Die Nacht war für uns beide lang, aber wir hatten uns gegenseitig Trost spenden können. Das war eindeutig mehr wert, als ein wenig Schlaf. Ihre Haare standen ihr etwas zu Berge, was ihr in Verbindung mit ihrem zierlichen Körper etwas Koboldhaftes verlieh, wie ich fand.



    „Morgen, Dai. Hast du dich im Schlaf etwas erholen können?“



    „Kaffee…“



    „Habe ich vorbereitet, als du vorhin auf die Toilette bist.“



    Dai griff umgehend nach ihrem Becher und tat einige tiefe Züge. Vielleicht nahm man heiße Getränke anders war, wenn man selber eine eher hohe Körpertemperatur hatte?! Dai stellte den Becher wieder ab und atmete erst einmal tief durch.



    „Ist Marie noch gar nicht zurück?“



    „Doch, aber sie ist noch ein wenig Bummeln gegangen, um nach ein paar Herbstklamotten Ausschau zu halten.“



    „Und Akihiro?“



    „Der musste nach dem Essen gleich nach Hause, um für wichtige Geschäftspartner seiner Eltern ein paar Kunststücke vorzuführen, will sagen, den wohlerzogenen Thronfolger zu geben.“



    „Dann ist ja alles geregelt…“



    „Wir haben für dich noch jede Menge Sushi. Steht alles im Kühlschrank.“



    „Danke, aber nicht zum ‚Frühstück‘. Trotzdem: Ich habe dich echt nicht verdient.“



    „Das hat keiner. Aber ich wüsste auch niemand anderen, dem ich derart vertrauen könnte.“



    „Hast du…“



    „Nein, das ist unsere Sache. Auch wenn ich ungern Heimlichkeiten vor den Beiden habe.“



    Dai sagte nichts darauf und nahm einen weiteren tiefen Zug aus ihrem Becher. Also übernahm ich die Initiative für die weitere Gestaltung des Tages.



    „Wollen wir ein wenig zocken? Nur, falls du nicht noch zu müde bist.“



    „‘RougH‘ oder ‚Schlachterzombies‘?“



    „Machen wir einfach beides. Wir haben ja Zeit…“



    Dai leerte ihren Becher und gab mir ein „Daumen hoch“ für meine Idee. Es war wirklich toll sie in meiner Nähe zu haben.





    „Abend. Da bin ich wieder. Ich bin noch in einem Ramenladen gewesen. Darum ist es leider wieder etwas spät geworden. Ich hoffe, ihr habt nicht extra mit dem Essen auf mich gewartet?“



    „Keine Sorge, Marie. Wir hatten dieselbe Idee und einen Wasserkocher.“



    Auf mein altbewährtes Küchenutensil war einfach Verlass.



    „Freut mich. Ich hatte schon ein schlechtes Gewissen, aber leider mein Handy vergessen. Na, was sagt ihr zu meiner Ausbeute?“



    Dai drehte sich kurz zu Marie und dem Pullover, den sie in den Händen hielt.



    „Schön.“



    Marie wirkte ob Dais kurzer Antwort ein wenig irritiert, also ergänzte ich ihre Aussage.



    „Sehr schön.“



    „Banausen. Da läuft man sich den ganzen Nachmittag die Hacken ab um einen ordentlichen Eindruck zu machen…“



    „Entschuldige, aber es ist eben nur Kleidung. Ich weiß nicht wie Dai es sieht, aber Klamotten dienen für mich in erster Linie dazu nicht nackt durch die Gegend zu laufen. Alles andere ist Glückssache. Wenn es neues Küchengeschirr oder besonders hochwertige Zutaten wären könnte ich mich mehr darüber begeistern.“



    „Hmpf!“



    Mit gespielter Empörung packte Marie ihre Tüten und trug sie in ihr Zimmer. Ich war zwar ziemlich unhöflich, aber das war der Vorteil, wenn man sich gut kannte. Man wusste sofort, wie etwas eigentlich gemeint war. Ungeachtet der ursprünglichen Wortwahl. Zur Entschädigung würde ich morgen etwas besonders Leckeres kochen. Es war Sonntag, also hatte ich auch dementsprechend Zeit. Ein herzhaftes Essen ließ einen über so manches hinwegsehen.



    „Du hättest wirklich etwas Netteres sagen können. Du hast wirklich keine Ahnung, was ein Mädchen hören will.“



    Dai entschloss sich dazu mich zu rügen.



    „Aber du hast doch selbst…“



    „Das ist was völlig anderes. Oder hast du nicht bemerkt, warum ihr unsere Meinung wichtig war?“



    Stand ich manchmal echt so auf der Leitung oder war Dai einfach besser im Erkennen von Andeutungen und Details? Ich mag wie ein Macho klingen, aber Frauen waren mir mitunter ein echtes Rätsel. Erst recht, wenn man(n) zwischen den Zeilen lesen musste.



    Eine Erklärung später klopfte ich an Maries Tür.



    „Herein?“



    „Ich wollte mich wegen vorhin nur bei dir entschuldigen. Ich glaube zwar nicht, dass ich wirklich unhöflich war, aber ich hätte auch nicht dermaßen uninteressiert wirken müssen. Ich bin mir sicher, dass alles toll an dir aussieht und dass das Akihiro auch nicht entgehen wird, wenn er deine neuen Sachen an dir bewundern darf. Obwohl…“



    Marie sah mit großen Augen an.



    „…er selbst manchmal das Offensichtlichste nicht mitbekommt. Ich fürchte, da wartet noch einiges an Arbeit auf dich.“



    Marie stand von ihrem Bett auf, auf dessen Rand sie eben noch gesessen hatte und drückte ihre Oberweite gegen meine Brust, als sie mich mit aller Kraft umarmte. Ich bin mir sicher, zahlreiche Jungen wie Mädchen aus unserer Schule wären gerne an meiner Stelle gewesen beziehungsweise hätten mich dafür gekillt, aber Marie dachte sich bei derlei nicht großartig etwas. Sie drückte ihre Zuneigung gerne durch körperlichen Kontakt aus, auch wenn das hierzulande unüblich war. Aber so war sie halt. Irrsinnig liebenswert und ein wenig übermäßig kontaktfreudig. Daran musste man sich eben gewöhnen.



    Ich schloss die Tür hinter mir und ging zurück ins Wohnzimmer, wo Dai noch auf mich wartete.



    „Scheint, als hättest du es wieder auf die Kette gekriegt. Bist ein Braver.“



    Bei diesen Worten grinste Dai mir schelmisch ins Gesicht.



    „Ja, aber trotzdem bleibst du meine Favoritin.“



    Es war ein seltener Anblick, aber ich hatte bei Dai mit meiner Aussage (wie beabsichtigt) einen Nerv getroffen und sie drehte ihren Kopf beschämt von mir weg. Im Nachhinein war ich mir nicht sicher, ob meine Aussage nicht etwas übergriffig rüberkam, aber als Dai mir kurz darauf einen (schmerzhaften) Hieb gegen meinen Oberarm verpasste, wusste ich, dass alles in bester Ordnung war. Letztendlich war so etwas auch nur eine Form von Kommunikation. Hauptsache war nur, dass man überhaupt miteinander „redete“.





    Es war später Nachmittag am Dienstag und ich verließ gerade die Praxis von Frau Doktor Takahashi. Die Stunde bei ihr hatte mir sehr gutgetan und ich fühlte mich um einiges unbeschwerter. Allein so viel zu reden war ungewohnt. Aber es war erstaunlich, wie viele Details begannen wieder nach oben zu drängen, wenn man erst einmal damit begonnen hatte die Vergangenheit aufzuarbeiten. Eigentlich hatte ich eine schöne Kindheit gehabt, aber es war interessant, gewisse Situationen von damals mit den Augen eines „Erwachsenen“ zu sehen, die man als Kind gänzlich anders beurteilt hatte.



    Das eine Mal etwa, als eine Mitschülerin in der Grundschule ihren Radiergummi nicht wiederhaben wollte, nachdem ich ihn angefasst und vom Boden aufgehoben hatte. Keine angenehme Erinnerung. Ich hatte sie lange Zeit erfolgreich verdrängt gehabt, aber scheinbar hatte sie unterbewusst immer weiter gebrodelt. Oder mein aktuelles Verhalten im Unterricht. Es konnte gut damit zu tun haben, wie meine Grundschullehrerin mit mir umgegangen war. Ich war wahrscheinlich kein so kluger Kopf wie Dai, Akihiro und Marie, aber ich hatte damals immer gern gelernt und konnte dementsprechend früh lesen und rechnen. Das missfiel dem alten Besen aber, da ich daher den anderen Schülern etwas voraushatte. Auch jenen von deren Eltern sie den Auftrag erhalten hatte dafür zu sorgen, dass sie auf besonders gute Schulen kamen, was sie für mich nicht vorgesehen hatte. Also verleidete sie mir die Freude am Lernen, indem sie mich notenmäßig schlecht rechnete. Die Begründung: ich würde mir aufgrund meiner Vorkenntnisse weniger Mühe geben als die anderen, ergo verdienten diese bessere Noten als ich. Zog ich bei Tests mit den Auserwählten gleich, wurden diese über den grünen Klee gelobt, ich hingegen bekam nur die Bemerkung, ich solle mir nichts darauf einbilden, schließlich arbeiteten meine Mitschüler viel härter. Joa, nicht nur Polizisten sollten einem Eignungstest unterzogen werden. Aber vielleicht stehe ich mit meiner Meinung auch alleine da… Jedenfalls waren solche Vorfälle ein wesentlicher Teil des Mosaiks, die den Menschen Minato Yonezawa in seiner Gesamtheit abbildeten. Es war faszinierend, wie die Psychologie es schaffte, einem völlig neue Blickwinkel auf einen selbst zu eröffnen. Schade nur, dass es selbst heute noch mit einem Stigma behaftet war, dahingehend Hilfe in Anspruch zu nehmen. Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich ja selbst noch so gedacht. Asche auf mein Haupt…



    Ich kam nach Hause, wo bereits Dai auf mich wartete. Marie hatte Akihiro gebeten, mit ihr ins Kino zu gehen um einen Film zu sehen, vor dem sie alleine Schiss hatte. Offiziell zumindest. Ich hätte Akihiro zwar einen Tipp geben können, was wirklich dahintersteckte, aber früher oder später würde er auch selbst dahinter steigen, warum wir dies nicht als Gruppe taten.



    Für mich hatte es den Vorteil, Zeit zu haben um noch ein wenig meinen Arztbesuch auf mich wirken zu lassen und darüber nachzudenken, worüber ich beim nächsten Mal mit Frau Doktor Takahashi sprechen wollte. Vielleicht würde mir bis dahin aber auch wieder etwas ganz anderes auf dem Herzen liegen, das wusste ich vorher nie so genau.



    Dai saß derweil vor der Konsole und levelte ihren Charakter in „RougH“ weiter hoch. Es war nicht ihre allererste Wahl, aber es war immerhin das Spiel, das wir alle gemeinsam spielten, Marie mehr oder minder eingeschlossen. Da wir somit allein waren entfiel auch das Kochen für mich, da Marie sicherlich nach dem Kinobesuch mit Akihiro noch einen Happen essen gehen würde. Dai und mir reichten in so einem Fall auch einfach unsere Becherramen.



    Ich hockte mich dazu und genoss einfach, wie sie mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit eine Quest nach der anderen absolvierte. Ich hatte einst länger gebraucht, um ein solches Niveau zu kommen. Sie hatte wirklich eine tolle Begabung, die offenbar nur ihrem Teil der Familie angeboren war. Kein Wunder, dass mein Herz angefangen hatte sich auf diese Weise für sie zu interessieren, wenn man dermaßen viele Gemeinsamkeiten hatte. Keine Ahnung, was Akihiro davon halten würde, wenn er in Erfahrung brächte, dass ich für seine mir anvertraute Cousine Gefühle entwickelt hatte. So etwas konnte auch die stabilste Freundschaft ins Wanken bringen…



    „Was ist? Warum unterstützt du mich nicht etwas? Oder willst du nur untätig daneben sitzen bleiben?“



    Keine Frage, dass ich mich nicht zwei Mal bitten ließ, wenn Dai mich aufforderte, mit ihr in die Schlacht zu ziehen. Immerhin waren wir beide Gildenbrüder… -schwestern… …-geschwister… irgendwie gab es kein rechten Begriff, der auf unsere Situation passte. Zumindest wollte mir im Augenblick keiner einfallen. Auch egal. Hauptsache, wir kämpften beide Seite an Seite gegen das Böse.



    Von unseren anderen Gildenmitgliedern hatte ich schon länger nichts mehr gehört. Weder von Yu, noch Osamu. Zumindest von letzterem hatte ich mitbekommen, dass sein Kampfesniveau noch einmal einen bedeutenden Sprung gemacht hatte. Er war immer schon ein guter Spieler gewesen, aber seit einiger Zeit hatte er noch einmal enorm zugelegt. Dies war mir schon während des Events damals aufgefallen.



    Ein weiteres Rätsel war mir, was eigentlich aus Katsu geworden war. Er hatte sich damals mehr oder minder spontan aus unserer Gilde zurückgezogen und war seitdem auch nicht mehr aufgetaucht. Ich hatte mir zwar meine Gedanken dazu gemacht, war aber mangels Informationen verständlicherweise auf keinen grünen Zweig gekommen. Wenn es ihm nur gut ging…



    Sei es wie es sei, Dai und ich hatten gerade einem Teufelsdrachen den Garaus gemacht und waren dabei, seine Habschaft unter uns aufzuteilen. Da ploppte auf einmal eine persönliche Nachricht an mich auf dem Bildschirm auf. Von Katsu. Solche Zufälle gab es normalerweise nur in schlechten Filmen oder Light Novels. Hier war er allerdings harte Realität. Da ich keine Geheimnisse vor Dai hatte öffnete ich sie umgehend.



    „Hallo Minato,



    ich weiß, ich habe lange nichts mehr von mir hören lassen, aber wenn es dir möglich ist, möchte ich mich schnellstmöglich mit dir treffen. Persönlich. Ich brauche dringend deine Hilfe.“

  • Kapitel 14 - "Nöte"


    „Ich finde, dass ich mich auf jeden Fall mit Katsu treffen sollte. Selbst wenn ich ihm wahrscheinlich nicht helfen kann… Aber vielleicht können wir ihm ja gemeinsam aus seiner Misere heraushelfen. Worum immer es auch gehen mag.“



    Mein Entschluss stand fest. Katsus Hilferuf würde nicht von mir ignoriert werden. Und wenn es letztendlich nur dazu gut wäre, ihm einmal persönlich zu begegnen.



    „Auf jeden Fall lasse ich dich aber nicht allein gehen. Gildenfreundschaft hin oder her. Letztendlich kennen wir ihn nur aus dem Spiel. Ich glaube zwar nicht, dass er irgendwie gefährlich ist, aber unterm Strich kann sich auch ein Mann in mittleren Jahren dahinter verbergen, der irgendwelches abartiges Zeug plant. Und wenn nicht ist es immer noch möglich, dass seine Probleme so massiv sind, dass irgendeine Gefahr dahintersteckt, die ihr selbst mit vereinten Kräften nicht gebacken kriegt.“



    Akihiros Fürsorge sprach diverse Punkte an, die nicht von der Hand zu weisen waren. So kryptisch, wie Katsu sich in der Botschaft an mich ausgedrückt hatte, war es sicherer vom Schlimmsten auszugehen denn von einer Lappalie. Außerdem; Warum hatte er sich just an MICH gewandt? Immerhin gab es neben mir noch Osamu, Yu und Akihiro. Dai zählte zwar mittlerweile auch zu den „Iron Blades“, aber sie war erst nach seinem Ausstieg bei uns eingetreten, sodass es keinerlei Berührungspunkte zwischen den beiden gab.



    „Wenn, dann gehen doch wohl wir alle. Oder wie siehst du das, Dai?“



    Maries Mitgefühl ehrte sie. Jedoch sie und Dai in die Sache mithineinzuziehen war völlig…



    „AUSGESCHLOSSEN! Das kommt überhaupt nicht in Frage. Euch könnte dabei viel zu leicht etwas zustoßen, solange wir nicht wissen worum es geht oder mit wem wir es überhaupt zu tun haben. Ich könnte es mir nie verzeihen, wenn euch deswegen etwas zustieße. So etwas ist nichts für…“



    Dai und Marie sahen Akihiro tief in die Augen. Es bestand kein Zweifel, dass jedes weitere Wort in nur tiefer in die Exkremente reiten würde. Zugegeben bereitete es mir eine gewisse Schadenfreude dabei zuzusehen, wie mein bester Freund sich wieder versuchen würde aus der Sache herauszureden.



    „Das ist nichts für…? Wen oder was erachtest du als nicht geeignet euch Hilfestellung zu geben Akihiro? Sprich dich ruhig aus. Dai und ich können es kaum erwarten deinem geistigen Dünnpfiff zu lauschen. Oder, Dai?“



    Akihiros Cousine nickte. Wenn Blicke töten hätten könnten, Akihiros Beerdigung wäre unmittelbar bevorgestanden. Ihm war klar, dass er sich mehr als ungeschickt ausgedrückt hatte und er sah hilfesuchend in meine Richtung. Tut mir leid, mein Freund. Aussichtslose Schlachten pflegte ich nicht zu schlagen.



    „Ihr wisst schon, wie ich es gemeint habe…“



    „Ja, das wissen wir. Und das macht es um keinen Deut besser. Eher sogar noch schlechter. Vielleicht ist es besser, wenn du in Zukunft erst einmal darüber nachdenkst, WAS du eigentlich von dir gibst. Nicht alle Menschen, vor allem Frauen, haben so ein großes Herz wie Dai und ich.“



    Akihiro musste die Waffen strecken. Seine Motive waren ehrbar gewesen, ihre Ausführung dagegen äußerst mangelhaft. Sorry, Kumpel, aber in der Situation war dir schlichtweg nicht zu helfen.



    „Damit ist die Sache wohl ausdiskutiert. Hat sich Katsu seitdem eigentlich wieder bei dir gemeldet?“



    Marie kam wieder auf das ursprüngliche Problem zu sprechen.



    „Nur einmal. Wenn ich mit dem Treffen einverstanden sei, würde er mir demnächst Zeitpunkt und Ort nennen.“



    „Klingt alles ziemlich umständlich. Wäre es nicht einfacher, ihr würdet eure Nummern austauschen oder wenigstens eure Mail-Adressen? Dann könntet ihr euch doch viel einfacher absprechen.“



    „Daran habe ich auch schon gedacht. Aber er meinte nur, dass er kein Handy besitzen würde und deswegen alles über den Nachrichtenserver von „RougH“ ablaufen müsste. Außerdem könnte ich so 100 %ig sicher sein, dass es sich wirklich um ihn handeln würde.“



    Meine Worte veranlassten Akihiro kurz darüber nachzudenken, ob dies nicht ein weiteres Argument dafür wäre, Dai und Marie außen vorzulassen. Klugerweise hielt er jedoch diesmal lieber den Mund.



    „Dai und ich hatten zwar nie etwas mit ihm zu tun, aber anhören müssen wir ihn auf jeden Fall. Vielleicht reicht es schon, ihn dazu zu überreden mit der Polizei zu sprechen. Gib ihm am besten heute noch Bescheid, dass die Sache steht.“



    Marie hatte wirklich ein Herz aus Gold. Ihr würde es wirklich nie in den Sinn kommen, jemanden im Stich zu lassen. Meine Freunde waren einfach die Besten…



    „Ich bin zwar nach wie vor nicht der Meinung, dass wir alle uns in Gefahr bringen sollten, aber von mir aus. Schließlich sind wir doch eine Art Familie…“



    Akihiro gab uns zwar seine Unterstützung, allerdings klang der letzte Teil ein wenig seltsam aus seinem Mund. Dabei meinte ich nicht WAS er sagte, sondern WIE…



    „Stimmt etwas nicht?“



    Marie war Akihiros Verhalten ebenso aufgefallen wie mir.



    „Ich denke, das sollte ICH wohl eher DAI fragen. Ich bekam heute einen Anruf von deiner Schule, dass deinem Wunsch nach einer unbefristeten Auszeit entsprochen werden würde. Angeblich um familiäre Probleme zu klären…“



    Dai hatte vor kurzem bei der Direktion ihrer Schule einen Antrag eingereicht, um auf unbestimmte Zeit vom Unterricht freigestellt zu werden. Dass sie dafür „familiäre Probleme“ angegeben hatte, war eine Idee von mir gewesen. Bei einer derart einflussreichen Familie wie der ihren würde es wohl niemand wagen deswegen genauere Fragen zu stellen, hatte ich mir gedacht. De fakto ging es darum, ihre Seele wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Aber das ging schließlich niemanden etwas an. Wobei „niemand“ stimmte nicht so ganz. Akihiro war nicht irgendwer, sondern von seiner Familie dazu abgestellt worden, sich um Dais Belange zu kümmern. Ihn hätten wir schon längst ins Boot holen müssen. Der Grund, warum wir es noch nicht hatten, war nicht, dass wir ihm nicht vertrauten, sondern…



    „Akihiro, sorry, dass wir dir noch nichts davon erzählt haben. Ich…“



    „Minato, du brauchst mich nicht zu beschützen.“



    Dai beschloss, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Sie war stark genug für sich selbst einzustehen und brauchte meine Fürsprache nicht.



    „Ich gehe seit einiger Zeit zur Therapie. Ich habe die ganze Sache mit meinem Trauma, der Schule und meinen Eltern völlig unterschätzt und mir ist am Schluss alles über den Kopf gewachsen. Ich fühlte mich einfach nur noch wie der letzte Dreck und habe mich nur noch verkrochen. Minato hat es bemerkt und mir geholfen Hilfe zu finden und anzunehmen. Ich weiß nicht, was ohne ihn geworden wäre… Deswegen habe ich auch die Auszeit von der Schule beantragt, um alles für mich neu zu ordnen und wieder auf die Beine zu kommen.“



    Akihiro war beeindruckt von Dais Offenheit und schwieg kurz. Dann allerdings kam die Frage, vor der sich jeder Kranke fürchtete.



    „Und warum habt ihr mir nicht Bescheid gegeben? Vielleicht hätte ich auch etwas tun können um dir zu helfen. Immerhin sind wir RICHTIGE Familie. Stattdessen erfahre ich alles nur durch Zufall und stehe da wie der letzte Depp. Ich dachte für uns vier gebe es keine Geheimnisse voreinander und dass wir uns immer unterstützen würden. Stattdessen kocht ihr einfach euer eigenes Süppchen und lasst mich glauben, dass alles in bester Ordnung wäre. Schöne Freundschaft wirklich, wenn man von allem ausgeschlossen wird.“



    Auch wenn Dai es vorhin nicht wollte kam ich nicht umhin meine Sicht der Dinge auszusprechen.



    „Weder Dai noch ich wollten irgendjemanden außen vorlassen. Aber wenn man Depressionen hat geht man nicht damit hausieren. Auch nicht zu seiner eigenen Familie. Du bist mir damals ja selbst nur durch Zufall draufgekommen, dass es mir absolut beschissen ging. Ja, es fühlt sich nicht gut an, wenn man erfährt, dass es seinen besten Freunden dreckig geht. Aber bitte versuch es kurz aus unserer Sicht zu gehen. Man hat das Gefühl, selbst mit allem klar kommen zu wollen, weil man nicht bemitleidet oder verhätschelt werden will und fühlt sich mies, wenn man es nicht hinkriegt. Selbst wenn man darüber nachdenkt, was du und Marie für uns tun hättet können, gab es realistisch betrachtet nichts. Im Endeffekt hättet ihr nur danebenstehen können und euch Sorgen machen. Es ist aber absolut kein geiles Gefühl mit einem Mal plötzlich anders angesehen und behandelt zu werden. Unterm Strich konnten nur Dai und ich uns gegenseitig stützen, weil wir beide Betroffene waren und nachvollziehen konnten, wie wir uns fühlten. Damit Dai das erste Mal zur Therapie ging, war nötig, dass ich es ebenso tat und umgekehrt. Indem wir uns gegenseitig Halt gaben konnten wir überhaupt den ersten notwendigen Schritt setzen. Hätten du oder Marie es uns als Außenstehende geraten wäre es fraglich gewesen, ob wir unser Problem überhaupt wirklich eingesehen hätten. Es tut uns wirklich leid, dass wir euch nichts davon erzählt hatten, aber bitte versucht uns zu verstehen. Wir hätten euch definitiv noch davon erzählt, wir dachten nur, es wäre im Augenblick zu früh einen eindeutigen Erfolg feiern zu können.“



    Ich war mir nicht sicher, ob meine Worte Akihiro überhaupt erreichen konnten. Wenn die eigene psychische Gesundheit nie verletzt worden war konnte es mitunter schwierig sein, die Beweggründe von Kranken nachzuvollziehen. Egal, wie gut die Freundschaft auch war. Bei Marie war überhaupt nicht herauszulesen, wie sie mit unseren Neuigkeiten umging. Wie gesagt, war sie eine Seele von Mensch, doch psychische Krankheiten wurden von der Gesellschaft höchst unterschiedlich wahr- und aufgenommen. Es sollte nicht so sein, aber leider waren die Leute viel zu oft immer noch der Ansicht, dass ein psychisches Leiden mit Verrücktheit oder eher Wahnsinn gleichzusetzen war.



    „Hört mal, ich…“, setzte Akihiro an. Jedoch kam er nicht dazu, seine Ansichten weiter auszuführen, denn es war Marie, die sich erst einmal dazu äußern wollte.



    „Vielleicht sollte ich auch mit offenen Karten spielen.“



    Marie atmete einmal tief durch, bevor sie wieder das Wort ergriff.



    „Ich war selbst einmal in einer ähnlichen Lage wie ihr beide. Ich war noch keine dreizehn Jahre alt und lebte daher noch bei meinen Eltern in Österreich. Ich hatte damals einige gute Freunde, zumindest dachte ich das. Wir hatten uns bei mir verabredet und alles fing so an wie immer. Eine meiner Freundinnen hatte ihren Cousin zu Besuch und ihn deswegen mitgebracht. Eigentlich kein Thema. Aus Übermut und Langeweile fingen wir dann an ‚Wahrheit oder Pflicht‘ zu spielen. Die meisten haben sich dazu entschieden, „Wahrheit“ zu nehmen. Wie zu erwarten war ging es hauptsächlich darum, wen man gut fand oder dass man ein anderes Geheimnis preisgeben musste. Irgendwann war dann besagter Cousin an der Reihe und auch er wählte „Wahrheit“. Eine meiner Freundinnen fand es dann witzig zu fragen, wie er denn mich so finde. Es wäre am Besten gewesen, ich wäre einfach aus dem Raum gegangen. Stattdessen bekam ich einen Schlag in die Magengrube.“



    „Sie ist ja ganz süß, aber ihre Schl**zaugen gehen echt nicht. Sorry, du solltest echt mal was daran machen lassen. Du kannst ja nichts dafür, dass du Chinesin bist.“



    „Mit nur ein paar Worten hatte er es geschafft mir eine verbale Ohrfeige zu verpassen, wie ich noch nie eine bekommen habe. Aber es wurde noch schlimmer. Zuerst lachten alle über seinen Spruch, dann stimmten ihm manche meiner ‚Freunde‘ sogar noch zu…“



    „Ehrlich gesagt, habe ich mir das auch schon lange gedacht…“



    „Deine Eltern haben doch einen Haufen Kohle. Können die nichts daran ändern lassen…“



    „Du bist so ein hübsches Mädchen. Vielleicht solltest du wirklich einmal darüber nachdenken…“



    „Vielleicht findest du auch so irgendwann einmal einen Freund…“



    „Die Leute, mit denen ich beinahe jede Pause verbracht und so viel gemeinsam unternommen hatte, waren die ganze Zeit über der Ansicht gewesen, dass meine Augen hässlich waren. Sogar mein echter kultureller Hintergrund war ihnen völlig egal. Für sie waren alle Asiaten Schl**zaugen oder Chinesen. Dass mein Vater Japaner und meine Mutter sogar Österreicherin war spielte keine Rolle. Ich fühlte mich einfach nur hundeelend.“



    „Je mehr Zeit verging umso mehr hatte ich den Eindruck, alle würden nur noch auf meine Augen stieren und sich darüber lustig machen. Wann immer ich hörte, dass jemand zu lachen begann fühlte es sich so an, als würde es dabei um mich gehen. Ich bin damals fast wahnsinnig geworden. Vielleicht hatte ich sogar schon Anzeichen von Verfolgungswahn. Irgendwann ging es mir wegen meiner japanischen Seite sogar so schlecht, dass mir alles egal war. Ich hatte mir im Internet ein Skalpell beschafft und war bereit selbst Hand anzulegen. Wenn meine Mutter mich nicht zufällig dabei erwischt hätte wie ich zum Schnitt ansetzte hätte es richtig übel ausgehen können.“



    Sie riss mir das Skalpell aus den Händen und nahm mich so fest sie konnte in den Arm. Was dann folgte war das Beste was sie überhaupt für mich tun hätte können: sie schrie mich weder an, noch machte sie mir Vorwürfe. Stattdessen ließ sie mich erst einmal richtig heulen, bevor ich bereit war, ihr alles zu erzählen. Ich weiß nicht wie schwer es ihr gefallen sein muss sich meine Probleme anzuhören. Wie ich darunter litt weder eine richtige Österreicherin, noch eine richtige Japanerin zu sein. Dass ich mich fühlte wie eine Missgeburt, für die es keinen Platz gab…“



    „Sie sorgte umgehend dafür, dass ich Hilfe bekam. Ich bekam Einzeltherapie, kam aber auch in Kontakt mit anderen Kindern, die sich aufgrund ihrer Herkunft und ihres Körpers schlecht fühlten. Es hat mir irrsinnig geholfen zu spüren, dass ich eben nicht die Einzige meiner Art war und dass es mehr Menschen gab, die unter demselben oder einem ähnlichen Problem litten. Deswegen kann ich heute auch mit Stolz sagen, dass ich mich sowohl als Österreicherin als auch als Japanerin fühle und beide Hälften von mir akzeptiere, anstatt keiner.“



    „Mein Papa weiß übrigens bis heute nichts davon, wie ich mich damals gefühlt habe. Ich konnte oder wollte ihm einfach nicht sagen, wie sehr ich unter seinem Einschlag gelitten habe. Er ist einer der liebsten und herzlichsten Menschen, die man sich nur vorstellen kann und allein die Vorstellung, dass er erfährt, wie sehr ich sein Erbe einst abgelehnt habe, würde mir das Herz brechen…“



    „Vielleicht wäre es aber auch gut gewesen mit ihm einmal darüber zu sprechen. Wer weiß, welche Erfahrungen er als Ausländer in einem fremden Land gemacht hat und wie er damit umgegangen ist. Gut möglich, dass es uns geholfen hätte, den Schmerz miteinander zu teilen… Worauf ich hinaus möchte ist, dass ich meinen Papa über alles liebe und er mit Sicherheit auch mich. Aber ich habe mich damals dafür entschieden, ihn vor meinen Problemen zu beschützen und ihm nichts davon zu erzählen. Dabei ist er immer noch einer jener Menschen, die mir am Nächsten stehen…“



    Ich denke, wir alle hatten das Gefühl etwas sagen zu wollen, aber keiner konnte es. Weder ich, noch Dai oder Akihiro. Psychische Probleme waren einfach nur grausam, sowohl für die Betroffenen als auch für die Angehörigen. Gerade deshalb war es auch ein Problem, sie mit ins Boot zu holen. Nicht weil man ihnen nicht vertraute, sondern weil man sie vor den Konsequenzen daraus bewahren wollte.



    Es dauerte eine Weile, bevor jemand von uns es wagte, die beklemmende Stille zu durchbrechen, dann ergriff Akihiro das Wort.



    „Ich habe wohl falsch gelegen… Wenn es seiner Familie schlecht geht sollte man sie unterstützen und ihr keine Vorwürfe wegen seines verletzten Egos machen… ich war zum Glück selbst noch nie in so einer Situation und weiß daher nicht, was ihr durchmachen müsst… trotzdem will ich euch irgendwie damit helfen, selbst wenn ich nur zuhören oder schlichtweg anwesend sein kann… sorry wegen vorhin…“



    „Mach dir keinen Kopf deswegen…“ baute Dai ihrem Cousin eine Brücke.



    „Aber macht bitte keine solchen Alleingänge mehr. Wenn meine Eltern spitzkriegen, dass etwas schief läuft haben wir ein Riesenproblem. Das muss uns allen klar sein…“



    „Verstanden. Danke für dein Verständnis.“



    Damit war die Sache unter den Cousins wieder im Lot. Der restliche Abend verlief dann in ruhigen Bahnen. Wir ließen uns etwas zu essen kommen und redeten ausgiebig über alles. Miteinander zu sprechen konnte wirklich heilsam sein und viele Schwierigkeiten ausräumen…



    Später ließ ich Katsu noch wie besprochen eine Nachricht zukommen.



    „Unser Treffen geht klar. Sag mir einfach wann und wo und ich werde da sein. Hoffentlich bis bald.“



    Ich ging meine Zeilen noch einmal durch und entschied mich dazu, das „hoffentlich“ daraus zu entfernen. Es klang einfach weniger düster. Ich drückte den Button für „Senden“ und schon flog eine Brieftaube über den Bildschirm, die sinnbildlich meine Nachricht überbringen würde.



    Gleich nachdem ich am nächsten Morgen aufgestanden war loggte ich mich in meinen Account ein um zu sehen, ob Katsu mir geantwortet hatte, aber mein Postfach war leer…





    Es zogen einige Tage ins Land, doch es traf keine Antwort ein. Ich erhielt lediglich eine Nachricht von Osamu, mit der Aufforderung ihn bei einem Raid zu unterstützen. Er hatte wirklich ein Talent dafür, einem in den unpassendsten Situationen auf den Keks zu gehen.



    Dass Katsu sich nicht mehr meldete machte mich zusehends nervös. Ich spielte sogar mit dem Gedanken, die Polizei einzuschalten, aber was hätte ich dieser sagen sollen? Schließlich wusste ich nur, dass ein Onlinekumpel ein Problem hatte. Weder kannte ich seinen Nachnamen, noch seine Adresse. Ich wusste nicht einmal worum es überhaupt ging. Sicher hätten sie symbolisch mein Anliegen schriftlich festgehalten, aber darüber hinaus waren ihnen die Hände gebunden. Es gab schlichtweg zu wenige Anhaltspunkte um überhaupt irgendetwas tun zu können.



    Das einzige, was möglich war, war schlichtweg abzuwarten und mich zu sorgen. Keine gute Kombination für jemanden, der sich wegen Depressionen behandeln ließ. In der Schule bekam ich kaum etwas mit, aber das war ja nichts Neues. Die Senseis waren bestrebt uns Wissen zu vermitteln, das in den meisten Fällen kaum alltagstauglich war und wahrscheinlich nur für Gameshows von Belang. Ich glaube, dass ich nie zuvor so froh gewesen bin, wenn wir Pause machen durften. Bis zu diesem Zeitpunkt jedenfalls.



    Hisakawa bat die Klasse noch kurz im Raum zu verweilen, während sie jedem Einzelnen einen Zettel zukommen ließ. Betreff: „Berufswunsch und Zukunftsperspektiven“ Ausgerechnet. Für solchen Blödsinn fehlte mir im Moment wirklich der Kopf. Hatte Akihiro nicht vor kurzem noch selbst etwas Ähnliches erwähnt?! Wenn man den Teufel an die Wand malte musste so etwas ja passieren. Genervt trug ich bei Berufswunsch einfach „Lebenskünstler“ ein und bei Wunschuniversität „Toudai“. Da man sowieso annahm, dass ich mich dort bewerben wollte, konnte ich es auch direkt eintragen. Wenn man schon zum Scheitern verurteilt war, dann sollte man es auch gleich im großen Maßstab tun.



    Ich ließ das Papier in meinem Pult verschwinden, wo es auch bleiben würde, bis es Hisakawa demnächst wieder einsammeln würde. Akihiro hatte das Problem nicht. Sein Weg war bereits am Tag seiner Geburt von seinen Eltern vorherbestimmt worden. Davon abzuweichen war keine Option. Demzufolge stand bei „Wunschuni“ definitiv ebenso „Toudai“ und bei „Berufswunsch“ so etwas wie „Firmenpräsident“. Die Lehrer hatten bestimmt kein Problem damit, dieses Anliegen durchzuwinken. Hätte mein Kumpel frei wählen können, hätte er mit Sicherheit so etwas eingetragen wie „Profigamer“ oder wenigstens „Spieleentwickler“. Zumindest letzteres war in seinem Fall tatsächlich realistisch.



    Wie sah die Sache eigentlich bei Marie aus? Würde sie hier zur Universität gehen oder dann bereits wieder in Österreich leben? Auch ihre Zukunftsaussichten strahlten wohl in den hellsten Farben. Selbst wenn wirklich alle Stricke reißen würden konnte sie immer noch in die Firma ihres Vaters einsteigen und diese eines Tages übernehmen. Vielleicht würde sie nach dem Abschluss der Oberschule auch erst einmal ein Ronin-Jahr einlegen und sich die Welt ansehen. Das konnte ich mir bei ihr wirklich gut vorstellen. Es gab wohl keine Kultur weltweit, bei der ein derart liebenswürdiger Mensch nicht sofort herzlich willkommen geheißen würde.



    Dass sie ihn Japan blieb war tatsächlich nicht anzunehmen. Hier lebten zwar wir, ihre „Gastfamilie“, aber ihre echte war in Österreich ansässig. Ich war anfangs ihr gegenüber zwar skeptisch gewesen, aber heute war sie aus meinem Alltag nicht mehr wegzudenken. Sorry, dass klang jetzt, als wäre sie ein Haushaltsgerät. Aber es stimmte. Ich hatte sie wirklich in mein Herz geschlossen und wollte nicht, dass sie wieder verschwindet. Ich hatte starke Gefühle für sie entwickelt, wenn auch keine romantischer Natur. Diese galten einzig… Naja, auch egal. Ich durfte niemanden daran hindern sein oder ihr Leben in die Hand zu nehmen. Egal, wie es mir damit ging. Wir würden mit Sicherheit noch einige Zeit miteinander verbringen, sodass es schade war, sich diese durch trübselige Gedanken über die Zukunft zu verderben. Wer weiß, wohin mich mein Weg noch führen würde. Allein, ich hegte keine allzu großen Erwartungen daran…



    Mit einem Mal aber kam mir ein Gedanke, der nicht unwesentlich war. Akihiros Eltern hielten mich tatsächlich für einen Anwärter auf die Toudai. Das war eine Lüge, mit der wir sie davon abhielten genauer nachzufragen, was tatsächlich an unseren gemeinsamen Wochenenden passierte. Fakt war aber, dass ich an der Toudai wahrscheinlich nicht einmal für das Reinigungspersonal taugte. Konnte die Lüge auch weiterhin Bestand haben, wenn Akihiro dort studierte, aber ich nicht? Seine Eltern waren sehr einflussreiche Leute. Wenn sie wollten konnten sie ihm und mir so richtig das Leben zur Hölle machen. Ihm wohl auf eine andere Art als mir, aber lustig würde es auf keinen Fall werden. Als Akihiro und ich uns die Geschichte damals ausgedacht hatten schien das Studium noch so unendlich weit weg. Ganz so, als würde dieser Tag eh nie kommen. Diesen Denkfehler machten viele Kinder. Und nichts anderes waren wir damals. Es war zwar immer noch eine Weile hin, aber es war besser, wenn Akihiro und ich uns möglichst bald eine GLAUBHAFTE Erklärung ausdenken würden…





    Wieder daheim betrat ich als erstes die Welt von „RougH“ und sah nach der Post. Endlich. Eine Nachricht von Katsu war eingetroffen.



    „Lieber Minato,



    vielen Dank für deine Hilfe. Entschuldige, dass ich dich so lange habe auf meine Antwort warten lassen. Ich habe auch versucht, Akihiro zu kontaktieren, aber leider hat er sich lange nicht mehr eingeloggt. Da ihr beide auch privat befreundet seid: Könntest du ihn bitte zu unserem Treffen mitbringen? Es ist unbedingt notwendig, dass ich mit euch beiden sprechen kann.



    Der Treffpunkt ist das Café Satoyama, im Otakuviertel von XXXXXXX, am Samstag, den 13. um 14.30 Uhr. Bitte gebt mir so bald wie möglich Bescheid, ob wir uns dann dort treffen können. Ach ja, bringt als Erkennungszeichen bitte den Schlüsselanhänger mit, der „RougH“ beilag, damit wir uns nicht verpassen.



    Vielen Dank!“



    Logisch. Katsu konnte ja nicht wissen, dass Akihiro kein eigenes Gerät besaß, um sich regelmäßig einzuloggen. Hätte er gewusst, dass es gereicht hätte mir von Anfang an von seinen Plänen zu erzählen hätten wir uns viel Zeit sparen können. Ärgerlich. Wenigstens wusste ich jetzt, dass es ihm gut ging. Damit fühlte ich mich gleich um ein Vielfaches besser. Jetzt musste ich nur noch Akihiro, Dai und Marie davon erzählen, damit uns nichts mehr dazwischenkam. Allerdings tappte ich noch immer im tiefsten Dunkel, worum es Katsu eigentlich ging. Erst recht, da er auch Akihiro treffen wollte… Abwarten und Tee trinken…





    Es war Samstag, der 13. Meine Freunde und ich hatten zuvor zwar nur ein leichtes Mittagessen gehabt, dennoch fühlte es sich in meinem Magen so an, als hätte ich eine Bleikugel verschluckt. Ich war hilfsbereit, aber abseits von Videospielen relativ leicht zu verunsichern. Akihiro dagegen schien die ganze Prozedur nicht viel auszumachen. Lässig nahm er einen großen Schluck seiner eiskalten Cola, während ich meinen Kräutertee nur schlückchenweise zu mir nahm.



    Wie mit den Mädchen abgesprochen hatten diese am Nebentisch Platz genommen und unterhielten sich angeregt, damit kein Verdacht aufkam, dass sie in irgendeiner Beziehung zu uns standen. Sie würden auch unauffällig in unserer Nähe bleiben, wenn wir das Café verlassen sollten. Würden die Dinge sich in irgendeiner Form problematisch entwickeln konnten sie dann unverzüglich Hilfe holen, aber keinesfalls körperlich eingreifen. Darauf hatten wir sie eingeschworen.



    Es war ein wenig peinlich, unsere Schlüsselanhänger so offen auf dem Tisch liegen zu haben. Obwohl wir eigentlich im Otakuviertel waren fühlte es sich dennoch ein wenig so an, als würden wir etwas Geächtetes zur Schau stellen. Zumindest für mich. Ursprünglich waren diese dazu gedacht, dass sich die Spieler von „RougH“ auch in der Realität sofort als solche erkennen und Kontakte zu anderen Spielern knüpfen konnten. Dennoch war es ein wenig peinlich, sich so offen zu seinen Neigungen zu bekennen. Akihiros angeborene Aura und Coolness erhob in ganz natürlich über solche Banalitäten. Ja, man konnte von seinen Eltern halten, was man wollte, aber sie hatten ihn aus wirklich guten Genen zusammengestellt. Mich dagegen…



    14.29 Uhr. Gleich würde der größte Held, den „RougH“ je hervorgebracht hatte durch die Tür kommen. Es klang vielleicht ein wenig albern, aber ich verspürte durchaus Ehrfurcht für den Menschen, mit dem ich so viele Schlachten erfolgreich geschlagen hatte und der es verstand eine Klinge zu führen, wie kein Zweiter.



    Akihiro schaute betont lässig auf sein Handy, um sich keine Blöße zu geben. Ich wusste allerdings definitiv, dass auch er es nicht erwarten konnte, Katsu in Fleisch und Blut gegenüberzustehen. Keiner von uns hatte je seine Stimme gehört geschweige denn sein Gesicht gesehen. Dementsprechend hoch waren unsere Erwartungen.



    14.30 Uhr. Die Tür zum Café öffnete sich und herein trat… …nur ein etwa zwölfjähriger Junge. Wie enttäuschend. Unser Held verspätete sich. Der Junge warf einen kurzen Blick in den Raum und erspähte unsere auf dem Tisch liegenden Schlüsselanhänger. Offensichtlich war auch er ein Fan von „Rough“. Was Wunder, so beliebt wie das Game in Japan war. Unter anderen Umständen hätten wir vielleicht ein Gespräch mit ihm darüber geführt, aber dafür war es heute nicht an der Zeit.



    Das Kind nahm an einem der Nachbartische Platz und warf einen Blick in die Getränkekarte. Wahrscheinlich wusste er nicht, wo er sich befand und hielt es für eine Art Konditorei oder Eisdiele. Gleich würde ihm wohl klar werden, dass er fehl am Platz war.



    „Freut mich euch kennenzulernen, Akihiro und Minato. Ich bin Katsu.“



    Ich wusste nicht, wie Marie und Dai auf diese Vorstellung reagierten, aber ich konnte deutlich sehen, dass Akihiro ebenso wie mir beinahe die Augen aus den Höhlen fielen. Coolness hin oder her. War das Ganze hier etwa ein Witz von Osamu, weil wir seine Einladung für ein Treffen damals ausgeschlagen hatten?! Nein, das konnte nicht sein. Die Nachrichten waren eindeutig von Katsus Account ausgegangen.



    „Du bist…“, setzte ich beinahe stimmlos an.



    „Ist das etwa so schwer zu glauben? Wen oder was habt ihr denn erwartet?“



    Akihiro und ich schwiegen. Natürlich stellte man sich einen Schlachtenkämpfer wie Katsu ein wenig anders vor. Erst recht, wenn man so gar keine Anhaltspunkte hatte. Genauer betrachtet ergab nun allerdings alles Sinn. Dass er so ein Geheimnis um seine Person machte, dass er kein Wort in das Headset sprach und nur schriftlich kommunizierte. Alles nur, damit er nicht als der kleine Junge enttarnt werden konnte, der er nun einmal war.



    „Entschuldige bitte, es ist nur so…“, versuchte ich mich zu entschuldigen.



    „Schon klar, man erwartet nicht, dass so ein Zwerg wie ich dermaßen kriegserfahren ist. Außerdem bin ich bereits dreizehn und werde in zwei Monaten vierzehn.“



    Das kam ein wenig überraschend. Ich hatte ihn auf zwölf Jahre geschätzt. Maximal. Wahrscheinlich war er einfach nur ein körperlicher Spätzünder.



    „Kommt mal mit.“



    Katsu stand von seinem Stuhl auf, ohne überhaupt etwas bestellt zu haben, und bedeutete uns mit einer Armbewegung ihm zu folgen. Akihiro legte das Geld für unser beider Bestellung auf den Tisch und wir trotteten Katsu hinterher. Er führte uns in einen nahegelegenen Gaming-Laden und ging zielstrebig zu einer Station, wo der Kundschaft die Möglichkeit geboten wurde, „RougH“ zu testen. Er tippte seinen Namen sowie ein Passwort ein und auf dem Bildschirm erschien Katsus Charakter. Es war schwer zu glauben, aber der vermeintlich kleine Junge war tatsächlich der legendäre Krieger, zu dem wir alle immer aufgesehen hatten.



    Ich konnte nicht anders als ihm meine Hand als Zeichen der Respektsbekundung entgegenzustrecken.



    „Es ist mir eine Ehre.“



    Für Nichteingeweihte mag die ganze Situation ein wenig lächerlich gewirkt haben, aber wenn man sich erst richtig kennenlernte, nachdem man derart viel Zeit auf dem Schlachtfeld verbracht hatte wie wir drei, war etwas Respekt schon angebracht.



    „Freut mich auch.“



    Katsu nahm erst meine Hand um sie zu schütteln, dann die von Akihiro.



    „Genug der Förmlichkeiten. Lasst uns wieder ins Café zurückgehen, damit wir alles in Ruhe besprechen können. Ich brauche jetzt erst einmal etwas zu trinken.“



    Wieder im Café angekommen setzten wir uns diesmal zu dritt an einen Tisch. Akihiro und Katsu gönnten sich eine Cola, ich entschied mich diesmal für Orangensaft. Wir warteten ab, bis die Kellnerin gegangen war, dann eröffnete Katsu das Gespräch.



    „Es tut mir leid, dass ich euch einfach so aus dem Nichts angeschrieben habe und ihr euch deswegen wegen mir Sorgen gemacht habt. Das Ding ist, dass ich mich momentan in einer blöden Situation befinde, aus der ich so ohne Weiteres einfach nicht wieder herauskomme. Jedenfalls nicht ohne eure Hilfe.“



    „Vor einiger Zeit ging es mir gesundheitlich nicht so gut und ich durfte deswegen länger nicht einmal das Haus verlassen. Klar, dass ich deswegen nicht die Schule vernachlässigt habe und daheim den ganzen Stoff selbstständig gepaukt habe. Aber das war keine große Herausforderung und langweilte mich schnell, weswegen ich meine Mutter angehauen habe mir eine Kopie von „RougH“ zu besorgen. Darin durch die Wälder zu streifen und Schlachten zu schlagen war für mich eine Art Ausgleich dafür, dass ich im realen Leben ans Haus gefesselt war. Weil ich soviel Zeit damit verbringen konnte, das Game zu spielen wurde ich schnell auch immer besser und hatte bald einen gewissen Ruf. Alles keine große Sache. Dann kam ich mit euch, Osamu und Yu in Kontakt und wir gründeten die ‚Iron Blades‘. Ihr habt mich echt aufgefangen damals. Schließlich hatten die Eltern meiner Kumpels Angst, ich würde ihre Kinder mit meiner Krankheit anstecken. Eine verständliche Angst, aber unnötig, da nicht irgendein Virus hinter meiner Erkrankung steckte, sondern einfach mein Immunsystem damals ziemlich im Arsch war. Jedenfalls ist heute dahingehend wieder alles in Ordnung, es lohnt sich also nicht, sich deswegen noch irgendwelche Sorgen zu machen.“



    „Aber leider ist Osamu eine echte Ratte. Das durfte Akihiro auch selbst schon am eigenen Leib erfahren. Während er dich einfach nur aus Bosheit rauskicken wollte hatte er mit mir andere Pläne. Als ich mich unvorsichtigerweise einmal vergessen habe auszuloggen ist es ihm gelungen, über meinen Account meine Verbindung zurückzuverfolgen und sich in mein privates Netzwerk einzuwählen und so Zugriff auf meinen Laptop zu bekommen. Es lagerten zwar keine Staatsgeheimnisse darauf, dafür aber etwas anderes, dass mir wirklich Probleme machen konnte."



    Katsu hielt kurz inne und kratzte sich verlegen am Hinterkopf.



    „Da wir alle gesunde junge Männer sind brauche ich wohl nicht zu erläutern um welche Art Dateien es sich handelt… Langer Rede, kurzer Sinn: Osamu hat damit gedroht, meine Vorlieben im Netz offenzulegen und mich vor der Welt damit bloßzustellen. Ich könnte ja noch damit leben, aber meinen Eltern könnte eine solche Enthüllung ziemlich Probleme schaffen. Sie sind nicht gänzlich unbedeutende Mitglieder unserer Gesellschaft und liefen Gefahr dadurch vollständig ihr Gesicht zu verlieren. Ziemlich verlogen von den Leuten, wie ich finde, aber was will man machen…“



    Ich wagte nicht Katsu anzusehen, nahm aber aus den Augenwinkeln wahr, dass er ebenso wie ich vorsichtig nickte.



    „Schlussendlich musste ich mich in Osamus Account einloggen und unter seinem Namen spielen, damit er zu unverdientem Ruhm gelangte. Und es ist kein Ende davon abzusehen. Deswegen war es auch notwendig, dass mein richtiger Avatar aus „RougH“ verschwand.“



    Das war ein echtes Problem. Osamu hatte Katsu vollkommen in der Hand und konnte ihn nach Belieben erpressen. Wenn ich mir vorstellte, dass mich jemand mit gewissen Dateien in der Hand hätte… Keine schöne Vorstellung. Aber wie konnten Akihiro und ich ihm da heraushelfen?“



    „Bevor ich weiterspreche: Gehe ich recht in der Annahme, dass die beiden Mädchen vom Nebentisch zu euch gehören? Sie haben es sicher gut gemeint, aber es ist unverkennbar, dass ihre Aufmerksamkeit unserem Tisch gilt. Ich gehe davon aus, dass eine von ihnen Dai sein dürfte, die in unserer Gilde seit Kurzem für Aufsehen sorgt.“



    War Katsu Detektiv im Nebenerwerb oder hatten wir uns einfach nur ziemlich tapsig angestellt? Da von ihm definitiv keine Gefahr ausging konnten wir Marie und Dai ruhig zu uns an den Tisch holen. Der war zwar eigentlich nur für vier Personen vorgesehen, aber wir rückten einfach ein wenig enger zusammen.



    Nachdem Katsu sich auch den beiden Mädchen nochmals in aller Form vorgestellt hatte führte er seine Ausführungen weiter fort.



    „Auch wenn es ein wenig schräg klingt, aber Osamu geht der Erfolg in ‚RougH‘ über alles. Das ist auch der Grund, warum er dermaßen weit gegangen ist um mich unter Druck zu setzen. Solange ich ihn von Sieg zu Sieg führe wird er mich niemals in Ruhe lassen. Und genau das ist der Punkt, an dem wir ansetzen müssen. Ich muss von dem Spieler ehrlich und fair geschlagen werden, für den Osamu noch weniger Respekt hat, als für alle anderen. Minato und Dai: ich bitte euch Akihiro zu trainieren, damit er mich sauber und fair schlagen kann.“

  • Kapitel 15 - Gegenwart und Zukunft


    Meinte Katsu das etwa ernst? Akihiro war mein bester männlicher Freund, aber das, um was er ihn da bat war zu viel verlangt. Klar, im Team mit Marie hatte er sich massiv verbessert, aber Katsu zu besiegen war einfach auf ehrlichem Wege nicht drin. Daher stellte ich die in diesem Moment einzig sinnvolle Frage: „Hast du vor absichtlich gegen Akihiro zu verlieren?“



    Ich und sicherlich auch die anderen rechneten jetzt mit allem möglichen, aber sicher nicht mit folgender Antwort von Katsu.



    „Nein, das hätte keinen Wert. Osamu würde auf jeden Fall bemerken, wenn ich absichtlich Fehler mache. Akihiro wird mich auf jeden Fall in einem fairen Kampf bezwingen müssen.“



    „Keine Chance. Ich traue mir ja einiges zu, aber da verlangst du echt zu viel von mir. Wenn wir ehrlich gegeneinander antreten mache ich keinen Stich gegen dich. Zwischen deinem und meinem Können liegen Welten. An guten Tagen.“



    Akihiro schätzte seine Fähigkeiten realistisch ein, aber Katsu ließ sich davon in keiner Weise beirren.



    „Mir ist klar, dass dein Talent… ‚ausbaufähig‘ ist. Aber genau darum bist du am Besten geeignet dafür. Osamu geht der Erfolg in ‚RougH‘ über alles. Genau aus diesem Grund zwingt er mich ja für ihn zu spielen. Wenn ich will, dass er mich in Ruhe lässt muss ich also von dem einzigen Spieler geschlagen werden, für den er noch weniger Respekt hat, als für alle anderen. Ihr konntet euch beide von Anfang an nicht riechen. Wenn du ihn, sprich mich, von seinem hohen Ross herunterholst, indem du mich in die Knie zwingst, bin ich für ihn wertlos. Genau deswegen habe ich euch um eure Hilfe gebeten. Wenn du dich von Minato und Dai trainieren lässt können wir dich gemeinsam auf ein Niveau bringen, dass dich auf eine Stufe mit mir stellt.“



    Akihiros Gesichtszüge ließen vermuten, dass er sich keine allzu großen Illusionen machte. Um ehrlich zu sein war ich, und wohl auch Dai, derselben Meinung. Er hatte sich ein gewisses Maß an Fertigkeiten angeeignet, aber diese waren eben beschränkt. Selbst wenn Dai, Marie und ich ihn pausenlos trainierten war auf unabsehbare Zeit nicht mit einem einschneidenden Qualitätssprung zu rechnen.



    „Wäre es nicht sinnvoller, wenn Minato oder ich uns in Akihiros Account einloggen würden und an seiner Statt spielen würden? Unsere Chancen wären sicherlich höher als seine.“



    Dai hatte recht. Unsere Chancen würden ungleich höher ausfallen als die von Akihiro. Es war zwar ein wenig unehrlich, aber Osamu spielte ja ebenfalls mit gezinkten Karten.



    „Das ist mir schon klar, aber ich möchte, dass es wirklich Akihiro ist der mich niederstreckt. Gerade, weil Osamu so eine linke Bazille ist möchte ich ihn auf ehrliche Art und Weise demütigen.“



    „Glaub mir, das verstehe ich besser als jeder andere, aber das ist einfach nicht drin. Ich würde ihm liebend gerne eins reinwürgen, aber dich packe ich einfach nicht.“



    Katsu atmete einmal tief durch, nahm einen Schluck von seiner mittlerweile lauwarmen Cola und blickte dann wieder in unsere Runde.



    „Habt ihr euch eigentlich nie gefragt, warum meine Erfolgsquote in ‚RougH‘ so unverschämt hoch ist? Mir ist bereits vor geraumer Zeit ein Weg aufgefallen, gewisse Gegebenheiten des Spiels auszunutzen, den bislang wohl noch nicht einmal die Administratoren bemerkt haben.“



    Ehrlich gesagt machte sich eine tiefe Enttäuschung in mir breit. Wenn Katsus Erfolgsserie lediglich auf einem Cheat oder Glitch basierte, machte mir das Spiel keine Freude mehr. Immerhin hatte ich bisher immer zu ihm aufgesehen, auch wenn er um einiges jünger war als ich. Es war eine ziemlich deprimierende Vorstellung…



    „Keine Sorge, ich habe nie etwas Illegales getan, wie den Code des Spieles zu manipulieren oder die Fertigkeiten meines Charakters zu frisieren. Es ist einzig und allein eine Mechanik in dem Spiel, die bis jetzt niemand außer mir entdeckt hat. Allerdings sind Timing und Präzision dafür absolut unumgänglich. Und da kommen eben Dai und Minato ins Spiel, die genau diese Fähigkeiten an dir zur Perfektion polieren sollen, sonst nützt dir alles Wissen nichts…“





    Zwei Wochen trainierten Dai, Marie und ich nun schon mit Akihiro in jeder unserer freien Minuten um Katsu zu helfen. Wir achteten peinlich genau darauf, dass Dai und Marie ihre acht Stunden Schlaf bekamen, damit sie nicht noch krank wurden, aber Akihiro und meine Wenigkeit schliefen nur das absolut Notwendigste.



    Akihiros Eltern stellten wir insofern kalt, als dass wir angeblich gemeinsam für anstehende Prüfungen pauken würden. Akihiro war von Haus aus ein absoluter Musterschüler, seine Noten würden also mit Sicherheit nicht unter unserem Bootcamp leiden. Marie bekam ohnehin genug Zeit zum Lernen zugestanden und Dai war sowieso freigestellt um ihre seelische Gesundheit wiederzuerlangen. Und was mich anging… ich war eh ein hoffnungsloser Fall. Meine Zukunft würde ein paar verhauene Prüfungen mehr auch nicht mehr einschneidend düsterer werden lassen als ohnehin schon. Zumindest nahm ich meine Termine bei Frau Doktor Takahashi wahr und ernst. Diese halfen mir mein Wohlbefinden erheblich zu verbessern und es tat mir gut frei von der Leber weg sprechen zu können, ohne dass ich damit jemandem versehentlich auf die Zehen treten würde. Leider jedoch unterlief mir wegen meines Schlafmangels an anderer Stelle ein nicht unerheblicher Fehler, der ein Gespräch erforderlich machen würde…



    Es war bis dato eigentlich ein völlig normaler Schultag gewesen. Ich döste während meines Unterrichts friedlich vor mich hin und ließ mich von den Lehrkräften ignorieren. Leider traf dies nicht auf alle Lehrkörper zu. Herr Soichiro, unser Vertrauenslehrer, betrat in einer der Pausen unser Klassenzimmer und trat unversehens an mein Pult heran. Ausgerechnet. Ja, meine Noten gaben vielleicht einen gewissen Anlass zur Sorge, aber konnte er mich dafür nicht irgendwann aus dem Unterricht herausholen anstatt mich meine wertvolle Pausenzeit zu kosten?!



    „Guten Tag, Minato. Ich weiß, du möchtest während der Pause eigentlich nicht von mir behelligt werden, aber hättest du heute nach dem Unterricht vielleicht Zeit für ein Gespräch? Es gäbe da ein paar Dinge, über die wir wirklich miteinander reden sollten…“



    Ich seufzte einmal tief, aber brachte es nicht übers Herz, die Angelegenheit zu vertagen. Immerhin schien er sich ernstlich um mich zu bemühen.



    „Das geht in Ordnung. Passt Ihnen vier Uhr dreißig?“



    „Natürlich. Wir sehen uns dann. Vielen Dank.“



    Ärgerlich, aber nicht zu ändern. Je eher ich für meine schlechten Zensuren Asche auf mein Haupt streuen würde, umso eher hätte ich das leidige Gespräch auch wieder hinter mich gebracht. Hauptsache, es gelang mir vorher während des Unterrichts noch ein wenig meine Augen auszuruhen…





    Herr Soichiro wurde für seine Tätigkeit als Vertrauenslehrer zwar ein eigenes Büro zugestanden, jedoch hatte dieses im Gegensatz zum Lehrerzimmer keine Klimaanlage. Ich zog mir deswegen noch ein kühles Tafelwasser aus dem Automaten und trank die Hälfte davon auf meinem Weg. Eigentlich wusste ich ohnehin schon, was er mir zu sagen hatte. Ich solle mir mehr Mühe geben, ich hätte viel ungenutztes Potential, mir stünden alle Türen offen, wenn ich mich ein wenig am Riemen reißen würde… das übliche inhaltsleere Geschwafel eben. Vielleicht hatte er sogar damit recht, dass meine Zensuren deutlich besser ausfallen konnten. Die Frage war eben, wofür ich mir all das antun sollte.



    Ich hatte keine allzu wohlhabenden Eltern, keinen Verwandten, dessen Firma ich übernehmen würde und auch keine sonstigen Ambitionen, die mich in irgendeiner Form antreiben würden. Ich würde irgendwann als Firmensklave enden, der zig unbezahlte Überstunden schieben und keinerlei Freizeit haben würde, als die paar Stunden Schlaf nachts, um die man nicht herumkam. Mehr war bei mir einfach nicht drin. Und selbst das würde ich überhaupt nur erreichen, weil ich diese Akademie besucht hätte. Ansonsten würde ich mit Sicherheit noch schlechter dastehen. Also wollte ich wenigstens jetzt meinen Spaß haben, solange es ging…



    Ich klopfte an Herrn Soichiros Tür und warte auf das obligatorische „Herein“. Dieses kam unverzüglich und ich trat in das Büro. Gottseidank hatte Herr Soichiro die Fenster geöffnet und es wehte ein laues Lüftchen in die vier Wände.



    „Minato, schön, dass du gekommen bist. Kann ich dir vielleicht etwas anbieten? Einen kühlen Gerstentee oder vielleicht etwas Sprudel? Bedien dich ruhig an dem Naschwerk auf dem Tisch. Ich habe es ganz frisch während der Mittagspause erstanden.“



    Was sollte man auf soviel Fürsorge erwidern? Man konnte wirklich nicht sagen, dass Herr Soichiro der wildeste Stier auf der Weide war. Sein Charakter entsprach vielmehr einem neugeborenen Lamm und selbst ein solches zeigte mehr Temperament. Er war wirklich eine Seele von Mensch und manche seiner Kollegen nutzten dies nur allzu gerne aus, wenn es darum ging unliebsame Arbeit zu delegieren. Er tat immer sein Möglichstes um die Welt zumindest ein kleines Stückchen besser zu machen, aber zu schätzen wussten dies nur die wenigsten Leute. Er war, salopp gesagt, ein armes Schwein, dass stetig nur ausgenutzt wurde. Sicherlich hätte er sogar Verständnis dafür gehabt, wenn ich seinen Wunsch nach einem Gespräch ausgeschlagen hätte…



    Ich gönnte mir noch ein zweites von den Mochis und trank dazu den vorgeschlagenen Gerstentee, den mir Herr Soichiro unaufgefordert nachschenkte. Dann setzte er sich mir gegenüber an den Tisch und faltete seine Hände ineinander. Dachte er nach oder hatte er Schiss davor, das Gespräch zu beginnen? Einige Augenblicke vergingen, dann nahm er all seinen Mut zusammen.



    „Wir Lehrer der Tsuda Umeko-Akademie sind seit jeher stolz darauf, dass unsere Absolventen den höchsten Ansprüchen genügen und mit ihrem Wissen in allen möglichen Bereichen unserer Welt Anklang finden. Manche tun sich in wirtschaftlichen Zweigen hervor, andere in der Politik, wieder andere nutzen ihre hier erworbenen Fertigkeiten, um krisengebeutelten Ländern und ihren Bewohnern zu einem besseren Dasein zu verhelfen. Zu Letzteren zählen zum Beispiel deine Eltern, worauf du sehr stolz sein kannst.“



    „Du hingegen scheinst viel ungenutztes Potential zu haben, was es dir schwer macht, deinen Weg im Leben zu finden…“



    An dieser Stelle setzte Herr Soichiro kurz ab, wohl um weitere diplomatische Worte für mein Versagen zu finden. Wer konnte ihm dies schon verübeln? Ich gönnte mir derweil einen Keks mit Schokoladenfüllung.



    „Was ich sagen will… es ist absolut richtig, seine Ziele so hoch wie möglich anzusiedeln. Dadurch werden wir motiviert stets unser Bestes zu geben. Allerdings in deinem Fall… vielleicht solltest du noch einen Alternativplan haben, falls es mit deiner Aufnahme an der Toudai doch nicht klappt. Und was deinen Berufswunsch angeht… ‚Lebenskünstler‘ ist nicht wirklich etwas, mit dem du unserer Akademie zur Ehre gereichst. Vergiss nicht, als zukünftiger Absolvent verkörperst du quasi das, was unsere Einrichtung aus dir gemacht hast. Ich denke auch, dass dieser, nennen wir es einmal ‚Beruf‘ nichts ist, dass dir vieles im Leben ermöglichen können wird. Verstehst du?!“



    Schei… benkleister. Hisakawa hatte vor kurzem die Formulare wieder eingesammelt, in die wir unsere Ziele eintragen sollten. Übermüdet wie ich war hatte ich ganz vergessen, welchen Stuss ich aus Spaß eingetragen hatte. Kein Wunder, dass sich Herr Soichiro mit mir unterhalten wollte. Jetzt half mir nur noch eines: die hohe Kunst des Schwafelns.



    „Herr Soichiro, zuallererst danke ich Ihnen für unser Gespräch. Mir ist klar, dass die Toudai weit außerhalb meiner momentanen Möglichkeiten liegt. Verzeihen sie mir meinen Vorwitz, sie dennoch als mein Wunschziel einzutragen. Was meinen Berufswunsch angeht, so ist ‚Lebenskünstler‘ rein als Synonym zu verstehen. Was ich eigentlich damit zum Ausdruck bringen wollte ist vielmehr meine Ansicht, dass ich das Leben selbst als eine Art Kunstform ansehe, für die uns diese Akademie die Werkzeuge es zu gestalten in die Hand drückt und ihm eine Form zu geben, die unserer hervorragenden Ausbildung hier gerecht wird. Aber, um auf ihren ursprünglichen Rat zurückzukommen, es fällt mir tatsächlich schwer, den Platz im Leben zu finden, der meinen Fähigkeiten gerecht wird. Daher kann ich Sie an dieser Stelle nur um einen zeitlichen Aufschub meiner Antwort bitten. Ich danke Ihnen. Unser Gespräch war wirklich äußerst aufschlussreich für mich und hoffe, dass es für sie ebenso wenig Zeitverschwendung war, wie für mich.“



    Herr Soichiro war schlichtweg sprachlos ob meines Redeschwalls. Sein Mund war halb geöffnet und er war unschlüssig, ob er direkt an meine Worte anschließen sollte oder erst einmal schweigen, um sich neu zu sammeln. Ich taugte vielleicht nicht zu sehr viel, aber reden konnte ich, wenn ich es nur wollte. Ich griff noch nach einem Mochi und beeilte mich schnellstmöglich aufzustehen und das Büro hinter mir zu lassen. Leider war Herr Soichiro unerwartet schnell von Begriff und ließ seinerseits einige Worte folgen.



    „Wenn du dir schwertust, eine weiterführende Ausbildung zu finden, wie wäre es, wenn du erst mal in einigen Abteilungen ein Praktikum machst? Unsere Schule würde dich dafür sogar einige Tage vom Unterricht freistellen.“



    Bot mir Herr Soichiro gerade ein paar schulfreie Tage an? Und das von Direktion und Schülerrat genehmigt? Am Besten ich brachte gleich alles dafür Notwendige unter Dach und Fach, bevor er es sich noch anders überlegte.



    „Vielen Dank, Herr Soichiro, dass sie sich derart um mich bemühen. Selbstredend nehme ich ihr Angebot an. Ich denke, dass ist wirklich das Beste in meiner Situation.“



    Herr Soichiro lächelte. Es freute ihn offensichtlich, wirklich etwas in mir bewegt zu haben. Es fühlte sich immer gut an ernst genommen zu werden und etwas erreicht zu haben. Wenn er nur etwas mehr Rückgrat haben würde könnte aus ihm wirklich ein Vorbild werden. Aber einem Leoparden fiel es immer schwer seine Flecken zu verleugnen…



    „In Ordnung. Dann reiche ich die entsprechenden Formulare in deinem Namen in der Verwaltung ein. Es wird zwar sicherlich ein wenig Zeit in Anspruch nehmen bis sie genehmigt werden, aber das sollte reine Formsache sein. Ich freue mich schon sehr darauf, deine Erfahrungsberichte diesbezüglich zu lesen.“



    „Berichte?!“



    „Selbstredend wirst du zu jedem deiner Praktika einen Bericht verfassen müssen, der deine Fortschritte wiedergibt. Ansonsten ist es uns unmöglich, Erfahrungswerte für die Zukunft daraus zu gewinnen. Das verstehst du doch sicher?!“



    „Natürlich. Ich stand gerade nur etwas auf der Leitung. Ich kann es kaum erwarten…“



    So wurde aus meinem erhofften Kurzurlaub plötzlich eine überdimensionale Hausaufgabe. Je mehr Tage ich mehr also freinehmen würde um praktische Erfahrungen zu sammeln, desto mehr musste ich für die Schule tun. Eine undankbare Angelegenheit.



    „Sobald du deine Bewerbungen fertig hast kannst du sie mir jederzeit vorbeibringen, damit wir sie gemeinsam überarbeiten können. Du weißt es wahrscheinlich nicht, aber ich verfüge über sehr viel Erfahrung auf diesem Gebiet.“



    Ganz toll, noch mehr Arbeit… Vielen Dank, Herr Soichiro.



    Nach dieser ernüchternden Erfahrung ging ich erstmals einkaufen um wieder auf andere Gedanken zu kommen. Dies war allerdings keine spontane Aktion, sondern bereits seit Tagen von mir geplant. Seit wir Akihiro intensiv in der Kunst der Kriegsführung ausbildeten hatte unser aller Speiseplan sich in erster Linie auf Becherramen beschränkt. Morgens, mittags und abends. Sicher, ab und an gönnten wir uns auch diverse Brötchen am Schulkiosk, aber gerade für Dai war das meiner Meinung nach auf Dauer ihrer Gesundheit abträglich. Da sie viel zu Hause war, kam sie am seltensten in den Genuss einer Alternative. Ich kannte es nicht anders, aber für meine Freunde war es auf Dauer eine Zumutung. Ergo hatte ich beschlossen in Zukunft wieder häufiger den Kochlöffel zu schwingen. Fleisch, Fisch und viel frisches Obst und Gemüse standen auf meiner Liste. Alles was Sportlern während des Trainings eben guttat. Egal, was ich daraus auch zaubern würde, Hauptsache, es enthielt keine Nudeln.



    Drei Einkaufstüten voll mit Lebensmitteln hatte ich eingekauft und schleppte sie nun heimwärts. Zum Glück wohnte ich nicht weit vom Supermarkt entfernt. Der Schweiß stand mir auf der Stirn und ich verfluchte den teils glühend heißen japanischen Spätsommer. Wenn ich alles verstaut haben würde stünde mit Sicherheit erst mal ein eiskaltes Getränk aus meinem Kühlschrank an. Am besten Orangensaft…



    Ich drehte den Schlüssel im Schloss meiner Haustür und trat in meine heiligen vier Wände ein. So eine Klimaanlage war schon eine feine Sache. Ich musste mich bei Dai wirklich dafür bedanken, dass sie sie in meiner Abwesenheit bereits hatte laufen lassen. Apropos Dai: war das nicht ihre Stimme?



    „Wo liegt das Problem? Wenn du sie magst ist doch alles in Butter. Oder passt dir irgendetwas an ihr doch nicht?“



    „Ich will meine eigenen Entscheidungen treffen können. Wenn meine Eltern im Hintergrund die Fäden ziehen werde ich doch nie sicher sein können, was wirklich Sache ist.“



    Diese zweite Stimme war doch von Akihiro?! Lauschen gehörte sich zwar nicht, aber offenbar lag hier etwas im Argen, von dem ich keine Ahnung hatte. Sorry…



    „Dann bleibt dir wohl nur eine Möglichkeit…“



    Damit ergriff Dai wieder das Wort.



    „Keine Chance. Wenn ich auch nur daran denken würde, die Familie zu verlassen würde ich mein Leben lang kein Bein mehr auf die Erde bekommen. Ganz zu schweigen davon, was dann aus dir würde…“



    „Stimmt. Ich stamme zwar nur aus einer Nebenlinie, aber zum Verschachern bin ich der Familie allemal gut genug. Erst recht, wenn sie über dich nicht mehr verfügen können…“



    „Ist das der einzige Grund, warum du mich in die Sache reinreden möchtest?“



    „Blödsinn. Du bist der einzige aus der Blase neben meinen eigenen Eltern, mit dem man vernünftig reden kann. Gerade deswegen will ich dir helfen, das Beste aus deiner Situation zu machen.“



    „Wäre meine große Schwester ein älterer Bruder hätte ich die ganzen Probleme nicht. Alles was ich immer wollte war einfach mit euch ein paar Games zu zocken und Fast Food mampfen. Mehr habe ich nie verlangt.“



    „Du bist bei der Wahl deiner Erzeuger einfach an die falschen geraten. Aber gerade deswegen glaube ich, dass du dem Ganzen wirklich eine Chance geben solltest. Immerhin magst du sie und sie guckt auch nicht in die andere Richtung, wenn du in den Raum kommst. Das ist doch schon was.“



    „Soll mich das wirklich trösten?! Außerdem denke ich auch an sie. Selbst wenn das mit uns wirklich etwas geben sollte stünden immer noch meine Eltern im Hintergrund, die jeden unserer Schritte kontrollieren wollten. Sie hat einfach etwas Besseres verdient als das.“



    „Sieh es doch einmal von ihrer Warte. Wenn jemand von euch Beiden eine Wahl hat, dann doch am ehesten noch sie. Wenn, dann sollte SIE Zweifel an dir haben und nicht umgekehrt. DU bist derjenige, der sich nicht frei bewegen kann.“



    „Ich muss das erst einmal sacken lassen. Im Moment kommen wir eh auf keinen grünen Zweig. Außerdem ist es echt schäbig, das über ihren Kopf hinweg zu besprechen.“



    „Wollen wir nicht wenigstens Minato mit ins Boot holen? Ihn auszuschließen ist echt bescheiden. Gerade nach allem, was er für uns schon getan hat.“



    „Gerade deswegen ist es am besten, wenn er nichts von meinen Problemen weiß. Ihm und dir geht es psychisch gerade sowieso nicht so gut, also warum sollte ich ihn mit meinen Problemen auch noch belästigen. Er kann ja auch nichts daran ändern…“



    „Warst du nicht der erste, der sich beklagt hat, dass er nichts über seine und meine Probleme gewusst hat? Jetzt machst du dasselbe mit ihm.“



    „Es ist ja nur im Moment so. Wenn ich selbst einen Plan habe wie ich die Sache angehen soll werde ich ihn einweihen. Aber im Moment soll er sich erstmal darauf konzentrieren, wieder mit sich ins Reine zu kommen. Als du und Marie ausgezogen seid ist es mit ihm echt bergab gegangen. Speziell als du weg warst. Ich hatte damals echt Schiss, dass ich ihn irgendwann unter dem ganzen Müll liegend finden würde. Tut mir leid, er wollte eigentlich nicht, dass du davon erfährst.“



    „Schon gut. Ich hatte bereits so eine Ahnung, dass das mit Schuld daran war. Minato und ich, wir…“



    „Hallo Leute, ich bin wieder daheim.“



    Marie war soeben nach Hause gekommen und ließ es alle wissen. Als hätte sie mich bei etwas Verbotenem ertappt schnappte ich mir unversehens ein Schneidebrett und schnitt den Kohl in Streifen. Leider hatte Marie das bedeutungsschwangere Gespräch zwischen Dai und Akihiro unterbrochen und ich musste mir selbst zusammenreimen, was da hinter meinem Rücken vor sich ging. Ich schämte mich ein wenig, dass ich das Vertrauen meiner Freunde so missbraucht hatte und kochte deswegen besonders großzügig auf. Es war vielleicht meinem Vergehen nicht im Mindesten angemessen, aber mehr konnte ich zu dem Zeitpunkt eben nicht tun…





    Einige Tage waren seit meinem großen Lauschangriff vergangen und ich hatte noch immer nicht den Mut gefunden, mit Dai oder Akihiro darüber zu sprechen. Ehrlich gesagt hatte ich größeren „Respekt“ davor Akihiro darauf anzusprechen als Dai, da es offensichtlich er war, der mit einem Problem zu kämpfen hatte. Aber es tat mir auch ein wenig weh, dass Dai ein Geheimnis vor mir hatte. Nachdem wir uns erst unlängst einige intime Momente geteilt hatten war ich eigentlich der Meinung, dass unsere Beziehung eine höhere Ebene erreicht hätte, wenn man es etwas pathetisch formulieren wollte. Aber ich hatte mich dazu entschlossen, erst einmal nicht weiter an der Situation zu rühren. Irgendwann würden die Beiden mich und Marie schon noch ins Vertrauen ziehen…



    So saß ich derweil an meinem Laptop und brütete über meinen Bewerbungsunterlagen. Der Name meiner Eltern hätte mir sicher Tür und Tor zu einigen Tätigkeiten im medizinischen Bereich geöffnet, aber ich hatte schon früh in meinem Leben festgestellt, dass derlei Tätigkeiten nichts für mich waren. Und um zumindest als Vertreter für medizinische Geräte arbeiten zu können war ich schlicht nicht leutselig genug. Außerdem durfte mein Praktikum (ich spreche hier bewusst in der Einzahl) nichts sein, was mit allzu hohem bürokratischem Aufwand verbunden war. Dies hätte sich nur unnötig auf den Bericht ausgewirkt, den Herr Soichiro von mir haben wollte.



    Am Liebsten hätte ich einen Job in der Administration der Entwicklungsfirma von „RougH“ angetreten, aber erstens war es mehr als fraglich, ob man einen Neuling Zutritt dazu gewährt hätte und zweitens wollte ich weiterhin mit meinen Freunden deren Welt erkunden. Aber ob mir dies als Mitarbeiter gestattet worden wäre stand auf einem anderen Blatt. Immerhin hätte ich mir durch Betriebsinterna ja gewisse Vorteile verschaffen können, auch wenn ich dies selbstredend nie gemacht hätte…



    Auf dem Bildschirm vor mir stand groß das Wort „Lebenslauf“ geschrieben, darunter „Minato Yonezawa, geboren am 15. Oktober XXXX“. Ergo nichts, dass groß für Aufsehen gesorgt hätte. Wenigstens mit der Erwähnung meiner Schule konnte ich ein wenig glänzen, aber ansonsten war Fehlanzeige. Ich war in keinem Klub, leistete keine außerschulischen Tätigkeiten und war auch ansonsten sehr leicht zu übersehen. „Interessen: …“ Gab ich Videospiele an ließ mir selbst Herr Soichiro dies mit Sicherheit nicht durchgehen. Dann halt „Kochen“. Nein, das klang nicht. Wie wäre es mit „Haushaltsführung“. Besser, aber noch nicht ideal. „Haushaltsmanagement“, das ging einem ins Ohr. Was aber sollte ich anstelle von „Videospiele“ schreiben? „Arbeit mit Computerprogrammen“, „Intensives Training im Umgang mit Schwertern und anderen Waffen“, „Kampfkunst“… nein, das klang unglaubwürdig und konnte dafür sorgen, dass die Polizei mit mir sprechen wollte. „Intensives Arbeiten in digitalen Netzwerken“, das war doch etwas. Wer wurde in seinem Lebenslauf denn nicht kreativ?! Das war besser als gar nichts.



    Der Lebenslauf war das eine. Der war immerhin universal verwendbar. Das Bewerbungsschreiben war dagegen individuell zu formulieren. Aber ich hatte ehrlich gesagt immer noch keinen Tau davon wo und wofür ich mich bewerben sollte und wollte. Ich hatte sowieso keinen sonderlichen Bock, aber leider hatte ich bei meinem Gespräch mit Herrn Soichiro nicht nachgedacht. Es gab einfach nichts, worin ich mich hervortat. Jedenfalls nichts Verwertbares. Und ich war auch niemand, der sich tot schuften wollte. Arbeit war für mich etwas um mir ein (angenehmes) Leben zu finanzieren. Punkt. Den Blödsinn, dass es eine Möglichkeit war um sich selbst zu verwirklichen, hatte ich nie geschluckt.



    Ich schrieb also folgenden Senf:



    „Sehr geehrte Damen und Herren,



    hiermit bewerbe ich mich um einen vorübergehenden Praktikumsplatz in Ihrem Unternehmen. Meine persönlichen Daten und Fähigkeiten entnehmen Sie bitte meinem beiliegenden Lebenslauf. Ich freue mich darauf von Ihnen zu hören.



    Mit freundlichen Grüßen,



    Minato Yonezawa“



    Mehr hatte ich eben einfach nicht zu bieten. Eigentlich traurig, aber Hauptsache, ich hatte das Geschreibe hinter mich gebracht. Nun noch schnell einen Ausdruck vorbereiten, den Herr Soichiro unter die Lupe nehmen konnte und ich konnte meinen Controller wieder in die Hand nehmen.



    „Willst du etwa die Schule abbrechen?“



    Unversehens war Marie von hinten an mich herangetreten und hatte mir über die Schulter geguckt.



    „Keine Sorge, eine Weile bleibe ich schon noch hinter meinem Pult hocken. Aber Herr Soichiro meinte, ich solle ein wenig praktische Erfahrung sammeln, weil es mir schwerfiele, mich für meine zukünftige Ausbildung zu entscheiden.“



    „Vielleicht solltest du Pensionswirt werden. Das Talent dazu hättest du.“



    Maries Witz war nicht der beste, dennoch musste ich ein wenig schmunzeln.



    „Ich glaube nicht, dass ich hier noch mehr Leute beherbergen kann…“



    „Scherzkeks. Nein, jetzt mal ganz im Ernst. Wenn du möchtest könnte mein Vater seine Kontakte spielen lassen, um dir hier ein Praktikum zu verschaffen. Ich bin mir sicher, dass Akihiros Familie dir auch gerne helfen würde.“



    „Besser nicht. Ich will bei seinen Eltern nicht unnötig in der Kreide stehen. Es wird schon schlimm genug, wenn ich mit Akihiro nicht auf die Toudai gehe.“



    „Dann rufe ich meinen Vater an, wenn dir das recht ist. Halt, in Österreich ist es ja bereits weit nach Mitternacht. Dann aber gleich morgen früh nach hiesiger Zeit.“



    „Das musst du wirklich nicht tun. Ich will unsere Freundschaft nicht unnötig ausnutzen.“



    „Willst du mich verarschen? Du hast mich aufgenommen, du kochst für mich, gehst einkaufen und machst noch tausend andere Dinge. Da ist so etwas doch wohl das Mindeste.“



    Wenn man es so sah hatte Marie schon irgendwie recht. Allerdings war das alles für mich selbstverständlich.



    „Vielen Dank, dass du das für mich tust. Aber bitte nichts mit allzu viel Verantwortung. Lieber etwas einfacheres wo mir noch ein wenig Zeit zum Träumen bleibt.“



    Marie konnte in dem Moment nicht anders als ebenfalls ein wenig zu schmunzeln.



    „Du bist echt so ein ehrlicher Typ. Keine Sorge, wir werden schon etwas Passendes für dich finden. Mein Vater kennt sowieso Gott und die Welt. Das geht schon klar.“



    Vielleicht stimmte der alte Spruch wirklich. „Tu Gutes und es kommt irgendwann zu dir zurück.“ Karma eben. Wenigstens hatte ich dann im Moment eine Sorge weniger…





    Die letzten Wochen hatten Dai, Marie und ich unablässig mit Akihiro trainiert, damit er Katsus Angriffe perfekt parieren konnte. Das eigentliche Problem war, dass Akihiro hierbei nicht auf Maries Fähigkeiten als Scout setzen konnte. Im Training entstand dabei einfach zu viel Verzögerung, wenn Marie alles erst an Akihiro weiterleiten musste, bevor er reagierte. Mit normalen Spielern ging das, aber Katsu war einfach zu schnell dafür. Im Endeffekt ging es darum den Sekundenbruchteil auszunutzen, den der Joystick brauchte um aus der untersten Position in die oberste zu gelangen.



    Normalerweise würde man diese Bewegung gänzlich selbst mit dem Daumen der linken Hand ausführen. Katsu hatte aber entdeckt, dass es Zeit einsparte, wenn man stattdessen den Joystick von unten in die Mitte zurückschnalzen ließ und den Schwung ausnutze, indem man ihn von hinten packte anstelle wie gewohnt von oben. Wie gesagt, es waren Sekundenbruchteile, um die es hier ging, aber es zahlte sich merklich aus, da man auf diese Weise schneller seine Position wechseln konnte als sein jeweiliger Gegner. Es klang nach nichts, erforderte aber einiges an Routine. Dasselbe galt übrigens auch für einen Wechsel von vorne nach hinten, wie auch von links nach rechts und umgekehrt. Katsu selbst war übrigens nur durch Zufall darauf gestoßen, als er während seiner Krankheitsgeschichte versucht hatte, das Spiel ein wenig schwieriger zu gestalten. Stattdessen hatte ihn dieser Kniff zu einem der besten Spieler überhaupt werden lassen.



    Akihiro tat sein Möglichstes, um Katsu aus Osamus Klauen zu befreien. Immerhin hatte er es bereits auf eine Erfolgsquote von etwa fünfundsiebzig Prozent gebracht, aber das schien auch sein oberstes Limit zu sein. Mehr war einfach für ihn nicht drin. In Rücksprache mit Katsu einigten wir uns darauf, es darauf ankommen zu lassen.



    Wir beriefen ein Gipfeltreffen in unserer Stammschenke ein, offiziell um unsere nächsten gemeinsamen Ziele zu besprechen. Neben Akihiro und mir, waren auch noch Dai, Yu und logischerweise Osamu anwesend. Um keinen Verdacht zu erregen bestellten Akihiro und ich uns erst mal je einen großen Becher mit Wolfsmilch und ließen das Ganze gemütlich angehen.



    „Na, steht mir das gute Stück nicht ganz hervorragend?“



    Osamu sprach von seiner Rüstung, die er als einer der Sieger des großen Events erhalten hatte. Zur Erklärung sei an dieser Stelle erwähnt, dass es zwar Osamu war, der über das Headset mit uns kommunizierte, sein Charakter aber von Katsu gesteuert wurde.



    „Sieht schon schön aus. Ist aber halt leider kein Einzelstück.“



    Akihiro wusste, wo er bei Osamu ansetzen musste, um ihn aus der Façon zu bringen.



    „Und wenn schon. Lieber ein Stück aus einer limitierten Auflage als gar keines.“



    Akihiros Worte hatten gewirkt. Osamus Stimmfarbe hatte sich deutlich geändert.



    „Wenn man so ein Stück zu jedem Anlass trägt geht doch das ganze Besondere daran flöten. Nimm dir ein Beispiel an Dai und Minato. Sie heben sich ihre Rüstungen lieber für einen besonderen Anlass auf.“



    „Wozu besitzt man so ein edles Teil überhaupt, wenn man es nicht zur Schau stellt? Dann war die ganze Plackerei doch für die Katz. Ich habe bei dem großen Event bewiesen, dass ich zur absoluten Elite hier in ‚RougH‘ gehöre. Das soll ruhig jeder wissen, bevor er sich mit mir anlegt.“



    „Elite, soso. Wenn man es genau nimmt hast du deinen letzten Herausforderer damals eigentlich nicht besiegt. Oder liege ich da falsch? Du bist nur zum Sieger geworden, weil wir anderen nicht aufgepasst haben. Da würde ich an deiner Stelle mal schön die Füße stillhalten.“



    Osamus Eitelkeit war ein entscheidender Schwachpunkt an ihm und Akihiro wirkte unablässig darauf ein.



    „Mach mich nicht für dein Versagen verantwortlich. Ich kann nichts dafür, dass du so ein unfassbar leichtes Ziel abgibst. Dass du überhaupt ins Finale gekommen bist war bereits ein echtes Wunder. Ohne Minato wärst du wahrscheinlich bereits in der ersten Runde ausgeschieden. Wären wir nicht in derselben Gilde hätte ich dich höchstpersönlich rausgeschmissen.“



    „Und da bist du dir ganz sicher? Erzählen kann man viel, wenn der Tag lang ist.“



    „Ich warne dich…“



    „Wir beide, einer gegen einen. Wie wäre es? Dann sehen wir endlich, wer am oberen Ende der Hundeleine steht.“



    Kurz herrschte lautes Schweigen an unserem Tisch. Osamu schien es nicht fassen zu können, dass Akihiro, auf den er so sehr herab sah, ihm den Schneid abkaufte.



    „Ihr habt es alle gehört. Akihiro hat MICH herausgefordert, nicht umgekehrt. Dann treten wir eben gegeneinander an. Oder hat jemand in unserer Runde etwas dagegen?“



    Es herrschte Schweigen.



    „Da ich herausgefordert wurde darf ich entscheiden, wo der Kampf ausgetragen wird. Wir sehen uns im Ödland von Sabaku in zehn Minuten. Außer du bist so schlau und entschuldigst dich bei mir, Akihiro!“



    „Keine Chance!“



    „Früher hatte ich gedacht, du wärst einfach nur ein schlechter Gamer. Aber dass du so wenig Grips hast dich mit mir anzulegen… Bereite schon einmal deine Heiltränke vor. Ich kann mir gut vorstellen, dass du sie brauchen wirst.“



    Osamu knallte ein paar Edelsteine für sein Getränk auf den Tisch und stürmte dann aus der Schenke. Katsu war wirklich gut darin, Osamus Emotionen mit seinem Controller umzusetzen. Da ich auch in der Realität neben Akihiro saß war es mir möglich sein echtes Gesicht zu sehen, konnte es allerdings nicht so recht lesen. Einerseits schienen seine Augen vor Kampfeslust regelrecht zu funkeln, auf der anderen Seite konnte man kaum eine Bewegung an ihm wahrnehmen.



    „Bist du bereit?“



    Akihiro nickte nur.



    „Wenn es dir zu viel wird können auch Dai oder ich übernehmen. Katsu muss ja nichts davon erfahren.“



    „Ich krieg das schon hin. Wir haben alles bis zum Umfallen trainiert. Es wird definitiv klappen.“



    Jetzt waren es Dai und ich, die Akihiro nickend zustimmten. Osamu sah den Kampf bestimmt gelassener entgegen. Immerhin spielte für ihn ja Katsu. Akihiro wählte für den Kampf ein Schwert, dessen Schneide mit Drachenschuppen verstärkt worden war. Dies hatte den Vorteil, dass es nur sehr langsam an Schärfe verlor und dennoch sehr leicht in der Hand lag. Katsu hatte uns vorab wissen lassen, dass er Osamus Charakter mit einer Trollaxt versehen würde. Wurde man von dieser getroffen verlor man sogleich einen erheblichen Teil seiner Lebensenergie. Ihr Nachteil war allerdings, dass sie etwas schwerer war, als die meisten anderen Waffen und man daher normalerweise etwas an Tempo einbüßte, was aber von Katsus Technik wieder ausgeglichen wurde. Unser Vorteil lag auch darin, dass die Axt eine Nahkampfwaffe war, wir aber mit unserem Drachenschwert ein wenig Distanz schaffen konnten.



    Die vereinbarten zehn Minuten vergingen wie nichts und ehe wir uns versahen standen sich Akihiro und Osamu wie vereinbart im Ödland von Sabaku gegenüber. Auch Yu war gekommen, um sich das Spektakel anzusehen und mehr als es anzusehen war für uns aufgrund des Kampfformates auch nicht drin. Einzig Osamu und Akihiro war es gestattet zu Waffen zu greifen und gegebenenfalls Items einzusetzen.



    Ein Countdown erschien auf dem Bildschirm, der gnadenlos von fünf auf null herunterzählte. Los! Obwohl Katsu sich mit einem Sieg selbst schadete gebot es ihm die Ehre richtig zu kämpfen. Direkt stürmte er mit seiner Axt auf Akihiro los, der gerade noch so mit einem Hechtsprung seitlich ausweichen konnte. Dies hielt Katsu nicht davon ab, gleich mit dem nächsten Angriff auf Akihiro zuzupreschen und ihm mit seiner Axt eine Schnittwunde zuzufügen. Normalerweise hätte das umgehend einen großen Teil seiner Lebensenergie gefordert, jedoch hatte Akihiros Rüstung hier noch viel von dem Schwung abgefangen. Diese war dabei aber an der Vorderseite zu Bruch gegangen, sodass nur noch Akihiros Rücken von ihrem Schutz profitierte.



    Nach wie vor stand Katsu in unmittelbarer Nähe zu Akihiro und wollte gleich zu einem zweiten, noch verheerenderen Hieb ansetzen. Jedoch konnte Akihiro diesmal von seiner eigenen Geschwindigkeit profitieren und schlug gleich zwei Mal auf Katsu ein. Das erste Mal zerstörte er seinerseits den Teil der Rüstung, der Katsus Arm bedeckt hielt, mit dem zweiten Treffer traf er direkt den Arm, der die Axt in Händen hielt. Dieser verlor sogleich all seine Kraft und ließ das Beil zu Boden fallen. Gut gemacht, Akihiro.



    Wenn es Akihiro nun gelingen würde, schneller die Axt an sich zu bringen als Katsu, stand dieser quasi unbewaffnet auf weiter Flur und Osamus Taktik würde sich gegen ihn selbst wenden. Dieser hatte bewusst das Ödland als Szenerie für den Kampf gewählt, weil es hier kaum möglich war hinter irgendetwas Schutz zu suchen, wie in den Wäldern oder in den Bergen. Er hatte sich wohl ausgerechnet, dass dies Akihiro zum Verhängnis werden würde. Nun war aber er es, der in Bedrängnis kam.



    Akihiro bückte sich um das Beil an sich zu bringen, jedoch nutzte Katsu dies für einen Ellbogenstoß seines gesunden Arms gegen Akihiros Hinterkopf, dessen Charakter nun kurzzeitig benommen agierte und kaum auf die Befehle des Controllers hörte. Diese kurze Zeitspanne reichte aus um wieder in den Besitz der Axt zu gelangen und sich mit dem gehandicapten Arm zu arrangieren.



    Als hätten sie sich abgesprochen liefen beide nun gleichzeitig wieder aufeinander zu und versuchten einen entscheidenden Treffer zu landen. Doch was war das? Katsu bremste mitten in seinem Lauf ab, holte mit der Axt Schwung und wollte aus der Distanz Akihiros ungeschützte Vorderseite angreifen, indem er sie auf ihn warf. Genauso diese Aktion war Akihiro auch bei dem großen Event zum Verhängnis geworden. Doch anstatt entsprechend darauf zu reagieren hielt er mitten in seinem Lauf inne und schien vollkommen überrumpelt. Mach was, Akihiro!



    Doch er tat nichts. Während Katsu Energie ansammelte um das Beil mit maximaler Kraft als Wurfgeschoss zu nutzen, verhielt sich Akhiro wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Es ging nicht anders. Ich riss meinem besten Freund den Controller aus der Hand und nutzte sein Schwert um es Katsu gegen die Brust zu rammen. Dies unterbrach das Ausholen und nun war es Katsu, der mir kurzzeitig wehrlos gegenüberstand. Ich setzte einen weiteren Schlag mit der Klinge gegen den noch gesunden Arm, der sogleich kraftlos an Katsu herunterbaumelte.



    Unfähig geworden eine Waffe zu führen blieb Katsu in dieser Situation eigentlich nur noch davonzulaufen, doch das war eines Kriegers von seinem Format unwürdig. Aufrecht stand er mir mit geradem Rücken gegenüber, bereit den entscheidenden Schlag einzustecken. Katsu war ein Ehrenmann, der sich nicht davor drückte eine Niederlage einzustecken, wenn es nicht anders ging. Er hatte einen hervorragenden Kampf geliefert und sich absolut nichts vorzuwerfen. Ich holte mit meinem Drachenschwert aus und verpasste ihm den entscheidenden Hieb. Seine Lebensenergie sank gen Null und er ging zu Boden.



    Da wir derselben Gilde angehörten gebot es unser Kodex, den gefallenen Charakter unverzüglich ins Leben zurückzuholen und ihm die Hand zu reichen. Katsu schlug unversehens ein und zwang so Osamu über das Headset unseren Sieg anzuerkennen. Leider war er nicht auf die Art zustande gekommen, wie es sich Katsu ursprünglich gewünscht hatte, aber es war für die gute Sache gewesen.



    „Du hast mich wirklich schlagen können… ich gratuliere, Akihiro. Nun, da das geklärt ist möchte ich mit dir endgültig das Kriegsbeil begraben. Ich lade hiermit unsere gesamte Gilde nochmals zu einem Offline-Treffen ein um die Sache zu begießen. Bitte nehmt meine Geste diesmal an, damit wir in Zukunft noch besser an einem Strang ziehen können…“



    Hatte Osamu etwa mitgekriegt, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen war? Was führte er mit seiner Einladung im Schilde?

  • Heyhey 😊


    Seitdem ich kommentiert habe, ist viel Zeit vergangen und ich musste einiges nachholen. Um den Kommentar zumindest teilweise fertig zu stellen, beziehe ich mich hier auf die Kapitel 2 bis einschließlich 10.


    Was mir generell sehr gefällt, ist, wie man nach und nach merkt, was der Titel deiner Geschichte bedeutet bzw. auf was es sich bezieht: Minato erschafft für die anderen Teilnehmer (seiner Found Family) nach und nach ein zu Hause. Letztlich merkt man aber, dass er zwar ein sehr hilfsbereiter aber dennoch sehr opferungswilliger Mensch ist, der seine eigenen Bedürfnisse zurückstellt, um anderen zu helfen. Immer wieder erhält man Einblicke, wie Minato seinen Eigenwert an seiner eigenen Nützlichkeit (so hat er sich in Kapitel 10 als „Bleigewicht“ bezeichnet, das von Dai nicht im Game gerettet werden soll) bemisst. Ich finde aber, dass der Inhalt bereits in den ersten zehn Kapitel so dicht ist, dass man den Überblick über die einzelnen Handlungsträge verliert, was eigentlich recht schade ist, da viele Storylines viel Potential besitzen. Ich hätte nur an deiner Stelle - z. B. beim Thema Rassismus und wie Marie bzw. die anderen damit umgehen – manche Situationen über mehrere Kapitel behandeln, statt, wie es jetzt oft der Fall war, in einem abzuhandeln und das dann später nur am Rande zu erwähnen. Deine Geschichte wirkt daher durch die Geschwindigkeit der einzelnen Ereignisse oftmals eher wie ein Manga bzw. schon teilweise wie ein Skript (was nicht wertend gemeint ist), wobei vieles, was man ruhig noch hätte vertiefen können, vernachlässigt wird. Das bewirkt, dass z. B. einzelne emotionale Momente (als Marie von den rassistischen Kommentaren mitbekommt oder als Minato quasi von allen „verlassen“ wird und erst einmal alleine sein muss) nicht die Wirkung entfalten, die sie entfalten sollten (oder eher könnten). Oftmals gibt es auch bestimmte Ereignisse, die für den Einzelnen sehr intensiv sein können und schnell vergehen; während gerade das in der Geschichte an sich positiv hervorzuheben ist, habe ich mir oftmals auch gedacht, dass bestimmte Dinge auch manchmal „ungelöst“ bleiben (wie z. B. wer hinter der rassistischen Schmiererei steckte; oder was mit Dai z. B. los war). Ich denke, dass das nochmal mehr hervorgehoben hätte, wie sehr Minato versucht, den Menschen in seiner Umgebung zu helfen und trotzdem auch daran scheitern kann. Auch, als Marie und auch wenig später Dai, ausziehen fand ich, dass der emotionale Zustand von Minato viel zu wenig Aufmerksam zuteil wurde. (Auch dass Akihito Dais Auszug so formell wirken lässt, wirkte durchaus unpassend, wenn man berücksichtig, dass Minato und er beste Freunde sind und das Ganze Minato eher aufgezwungen wurde).


    Was mir aber z. B. sehr gut gefiel – neben deinem recht flüssigen Schreibstil – sind die Gaming Szenen, die du sehr eindrücklich zu beschreiben weißt und was wahrscheinlich auch nicht ganz einfach ist. Auch die Konfrontation zwischen Akihito und Minato war an sich inhaltlich gut platziert und dass eben Dai, als Akihitos Familienangehörige, Minato auch aufzeigt, was das Ganze für Akihito bedeutet.


    Das Ende von Kapitel 9 habe ich btw zunächst als sehr überspitzt und als comichaft empfunden, aber bei genauerer Überlegung kann man das auch als Zeichen von Minatos psychischer Erschöpfung sehen: Er will seiner Einsamkeit so sehr entkommen, dass er sich vorstellt, wie Marie aufgrund eines Wohnungsbrands wieder gezwungen ist, bei ihm wieder einzuziehen und Dai gleich mit. Minatos „Verfall“ hätte zumindest (soweit wie ich gelesen habe) sehr gutes Potential gehabt, zu thematisieren. Gerade im Hinblick auf den Titel, lässt sich die Frage stellen, inwiefern er sich selbst ein Hafen sein kann – ohne dabei seinen Wert von anderen abhängig zu machen.