Daniel

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  • Der Bisavision Schreib Contest 2026 ist vorbei und auch wenn ich eher auf den hinteren Plätzen gelandet bin habe ich meinen Beitrag weiter verfolgt und eine richtige Kurzgeschichte daraus gemacht. Es würde mich freuen, eure Meinung dazu zu erfahren. ich wünsche viel Spaß beim Lesen, gerne auch als PDF-Version.


    Daniel ist ein etwas einsames Einzelkind. Seine Mutter ist eine erfolgreiche, vielbeschäftigte Journalistin, die viel Zeit auf ihre Arbeit verwendet. Seinen Vater hat Daniel nie kennengelernt, seine Mutter vermeidet es über ihn zu sprechen. Trotz allem ist er größtenteils mit seiner Lebenssituation im Reinen und hat sich mit ihr arrangiert. Eines Tages beichtet ihm seine Mutter, dass sie jemanden kennengelernt hat und sie möchte, dass Daniel ihn trifft...


    Daniel - pdf

    Daniel


    Die Mikrowelle brummte und Daniel warte ungeduldig auf das Klingeln, dass ihm das Ende des Erhitzens ankündigen würde. Das Essen, das ihm seine Mutter vorgekocht hatte, duftete vielversprechend. Daniels Mutter war eine durchaus gute Köchin und es kam nicht selten vor, dass sie am Wochenende sämtliche Mahlzeiten für die kommenden Tage im Voraus zubereitete.



    Daniel war Einzelkind und von daher gewohnt viel mit sich alleine zu sein. Seine Mutter tat ihr Möglichstes, um so viel Zeit wie möglich mit ihm zu verbringen, doch ihre Arbeit als Journalistin forderte ihren Tribut. Seinen Vater kannte Daniel nicht. Mittlerweile interessierte es ihn auch nicht mehr sonderlich. Wenn er als kleines Kind nach ihm gefragt hatte meinte seine Mutter nur: „Du brauchst dich nicht für ihn zu interessieren. Das tut er sich für uns auch nicht.“



    Keine Ahnung, ob seine Mutter mehr Zeit für ihn gehabt hätte, wäre sein Vater dagewesen, aber mittlerweile hatte Daniel sich damit abgefunden, die meiste Zeit alleine in der Wohnung zu sein. Er kam von der Schule heim, machte sich das Essen warm und aß es vor dem Fernseher, während er sich Zeichentrickfilme ansah. Es war kein schlechtes Leben, aber ein sehr einsames. Seine Mutter wollte, dass Daniel sich nach der Schule ohne Umwege auf den Heimweg begab. Da er auf diese Weise auch nicht dazu kam mit seinen Mitschülern zu spielen hatte er keine Freunde, bestenfalls Klassenkameraden. Mitbringen durfte er niemanden, solange seine Mutter nicht da war und das war sie meist erst abends. Ergo blieben ihm nur die Glotze und sein Smartphone. Letzteres hatte er bekommen um im Notfall seine Mutter kontaktieren zu können. Aber würde sie auch kommen können, wenn es nötig war? Daniel wollte sich darüber nicht zu viele Gedanken machen. Die Situation war eben, wie sie war.



    Da. Das erlösende „Ping“ der Mikrowelle war endlich erklungen und Daniel holte vorsichtig den heißen Teller aus dem Herd. Es gab Frikadellen mit Kartoffelpüree, sein Leibgericht. Er stellte das Gericht auf dem Wohnzimmertisch ab und schaltete wie gewohnt den Fernseher an. Er wählte seine liebste Streaming-App und scrollte sich durch deren Menü. Wo war er gestern stehengeblieben? Bei Folge 32 einer japanischen Animationsserie, für die er eigentlich noch zu jung war. Aber das spielte keine Rolle, wenn man ein Leben führte, wie er es tat. Die Jugendschutz-Pin hatte er sich einmal heimlich bei seiner Mutter abgeguckt, also gab es kein Hindernis.



    Daniel kaute auf der zu heiß gewordenen Bulette herum und nahm einen tiefen Schluck kalter Limonade, um sie ein wenig abzukühlen. Das Ergebnis war ein süßsaurer Mischmasch an Geschmäckern. Auch egal. Ein Mädchen im kurzen Rock stieß ihren Speer in das Herz einer dämonischen Kreatur, aus dem sich in einer Fontäne ein Schwall dunklen Blutes ergoss. Ihre Rüstung färbte sich tiefrot und auch die Heldin schien nicht gänzlich unverletzt aus dem Kampf hervorgegangen zu sein.



    Es war kein angenehmer Anblick, aber Daniel dachte sich nicht groß etwas dabei. Schließlich war es nur Fiktion, eine erfundene Geschichte, die in keinster Weise mit der Realität vereinbar war. Sicher, die Szene war in Verbindung mit der Hintergrundmusik durchaus beeindruckend, dennoch drang sie nicht zu Daniels Seelenheil vor.



    Die Folge endete schließlich mit einem Cliffhanger, bei dem man sich nicht in letzter Instanz sicher sein konnte, ob wirklich alle Protagonisten heil aus der Sache herausgekommen waren. Daniel trug den leeren Teller in die Küche, spülte ihn kurz unter kaltem Wasser grob ab und gab ihn schließlich in die Geschirrspülmaschine. Es war keine Heldentat, aber seine Mutter freute sich, wenn nicht allzu viel Hausarbeit neben dem Kochen an ihr hängenblieb.



    Daniel begab sich zurück ins Wohnzimmer, öffnete seinen Rucksack und holte schließlich die Mappe mit den heutigen Hausaufgaben heraus. Lust hatte er keine, aber seine Mutter sollte sich keine Sorgen um ihn machen müssen. Die Aufgaben fielen ihm nicht sonderlich schwer, allein, sie machten ihm keinen Spaß. Was war auch der Sinn daran? Er ging zum Unterricht, arbeitete halbwegs fleißig mit und fiel auch sonst nicht unangenehm auf. Dann das Ganze noch jeden Tag daheim im Selbststudium zu wiederholen war lästig. Schließlich gab es ohnehin Tests, die den Wissensstand abfragen würden. Wer bestand sollte seine Ruhe haben dürfen, wer nichts draufhatte, der sollte sich zuhause mit dem lästigen Papierkram abmühen müssen. Aber es half nichts. Heute standen Mathematik, Deutsch und Englisch auf dem Plan.



    Mathematik war am langweiligsten. Flächen zu berechnen war zwar eine nette Spielerei, hatte aber in seinem Alter kaum eine praktische Anwendungsmöglichkeit. Deutsch und Englisch waren da schon deutlich interessanter. Beides konnte er gut brauchen, wenn er einmal vorhaben sollte, in die Fußstapfen seiner Mutter zu treten. Wobei… wollte er das wirklich? Viele in seiner Klasse träumten davon später einmal Profifußballer, Schauspieler oder Influencer zu werden. Nur Daniel hatte irgendwie keinen Traum, für den er sich begeistern konnte. Ja, seine Noten waren allgemein nicht schlecht, aber es gab auch nichts, das wirklich eine spezielle Begabung für ein Gebiet erkennen ließ. Er war allgemein gut gebildet und das war es auch schon. Schade irgendwie.



    Daniels Smartphone klingelte. Seine Mama war dran.



    „Hallo, mein Schatz. Hast du dir dein Essen schon warm gemacht? Es tut mir leid, aber ich werde heute vermutlich erst wieder spät in der Nacht nachhause kommen, falls überhaupt. Bitte sei mir nicht böse deswegen, aber ich weiß ja, dass ich mich auf dich verlassen kann. Schließlich bist du ja mein Großer. Ich werde versuchen, mir am Wochenende die Zeit zu nehmen, dass wir wieder einmal etwas miteinander unternehmen können. Was hältst du von Kino oder möchtest du lieber in einen Freizeitpark? Naja, du hast ja noch etwas Zeit um dir etwas auszusuchen. Kontrollier auf jeden Fall, ob auch die Wohnungstür wirklich abgeschlossen ist, wenn du ins Bett gehst. Man kann nie wissen. Ich hab dich lieb, wir sehen uns.“



    Es war unnötig, dass sie Daniel angerufen hatte. Er hatte ohnehin schon damit gerechnet, wie so oft auch heute wieder den Abend alleine zu verbringen. Es war ohnehin schon die Regel und längst keine Ausnahme mehr. Wenigstens konnte er sich dann in Ruhe seine Serie ansehen. Auch nicht schlecht. Vermutlich würde es seiner Mutter nicht einmal auffallen, wenn er sich damit die Nacht um die Ohren schlug.





    Sieben Uhr morgens. Der Wecker klingelte unbarmherzig und Daniel drückte auf die Schlummertaste um wenigstens noch ein paar Minuten Ruhe herauszuschlagen, bevor der Tag richtig begann. Letzten Abend war es immerhin halb zwölf geworden, bevor er zu Bett gegangen war, aber wenigstens hatte er seine Serie zum Staffelfinale gebracht. Jetzt hieß es warten, bis irgendwann neue Folgen veröffentlicht wurden.



    Der Wecker klingelte erneut. Daniel drückte genervt auf den Ausschalter und zwang sich dazu sich aufzusetzen. Er rieb sich die Augen und zog seine Pantoffel an. Vorsichtig schlich er durch den Flur und drückte langsam den Griff der Schlafzimmertür seiner Mutter nach unten. Wie erwartet. Das Bett war unberührt und sie hatte vermutlich die Nacht durchgemacht.



    Er ging ins Bad, erledigte sein Geschäft und trabte schließlich in die Küche um sich sein Frühstück zu machen: Cornflakes mit kalter Milch. Daniel fröstelte es leicht. Es war immerhin schon Anfang Oktober und die Herbsttemperaturen hatten Einzug gehalten. Er löffelte die Schale mit den Getreideflocken leer und ging zurück ins Bad, um sich für die Schule vorzubereiten. Alles wie er es immer tat. Eine gut eingespielte Routine. In ihren wenigen freien Minuten brachte Daniels Mutter ihre Kleidung auf den Weg zur Arbeit immer in die Wäscherei, sodass an frischen Klamotten nie Mangel herrschte. Ihre kleine Familie war nicht ideal, aber die Abläufe waren optimal geregelt, damit niemand etwas an ihrem Zusammenleben zu beanstanden hatte. Am Wenigsten das Jugendamt.



    Früher einmal hatte eine Nachbarin die Behörde informiert, weil sie befürchtete, dass Daniel in Abwesenheit seiner Mutter verwahrlosen würde. Die blöde Kuh. Sollte sie sich doch um ihren Kram kümmern. Aber die Behörde fand ohnehin nichts zu bemängeln. Die Wohnung war sauber, der Kühlschrank voll und auch Daniels schulische Leistungen gaben keinen Hinweis darauf, dass hier irgendeine Form seelischer Misshandlung stattfinden würde. Seitdem ignorierten Daniel und seine Mutter das Miststück, wenn sie ihm auf dem Flur begegneten.





    Heute hatte Daniel lange Unterricht gehabt, sodass er erst am späten Nachmittag wieder in der Wohnung ankam. Müde und hungrig drehte er den Schlüssel im Schloss und öffnete die Tür. Nanu?! Hatte er heute Morgen vergessen das Licht abzudrehen? Und was war das für ein Geruch? Das roch ja wie… Daniel ging schnellen Schrittes in die Küche und sah seine Mutter, die eifrig am Herd umherwerkelte.



    „Hallo, mein Schatz. Wie war die Schule? Ich hatte ganz vergessen, dass du heute erst um diese Zeit fertig sein würdest und mir deswegen ganz umsonst den Nachmittag freigenommen. Aber so konnte ich wenigstens wieder einmal groß für dich aufkochen. Es gibt Hähnchen mit Pommes Frites und Reis, das magst du doch so gerne. Zieh dich schnell um, ich fange solange schon einmal an zu servieren.“



    „Mama…“





    „Was ist? Schmeckt es dir etwa nicht? Oder habe ich es zu lange in die Röhre gesteckt?“



    „Nein, es passt schon…“



    „Wie läuft es in der Schule? Bist du schon Professor oder must du noch an deiner Doktorarbeit feilen? Entschuldige, der war echt schlecht. Aber manchmal denke ich, dass ich dir viel zu selten sage, wie stolz ich eigentlich auf dich bin.“



    Daniel sagte nicht viel dazu. Er spürte, wie sehr sich seine Mutter um ihn bemühte, aber mittlerweile herrschte eine gewisse Distanz zwischen ihnen, die nicht so leicht zu überwinden war. Kein Wunder, wenn man so viel Zeit getrennt voneinander verbrachte. Das Hähnchen war schön saftig und die Pommes Frites angenehm salzig. Kochen konnte sie, das musste man ihr lassen. Außerdem hatte das Essen den Vorteil, dass Daniel nicht allzu viel reden musste, solange sein Mund immer gut gefüllt war.



    Er freute sich, dass seine Mama sich Zeit für ihn genommen hatte. Allein, es kam ein wenig überraschend. Zu überraschend um sich gleich von Anfang an darauf einzustellen.



    „Wollen wir uns vielleicht gemeinsam einen Film ansehen, wenn du die Hausaufgaben erledigt hast? Du darfst wählen.“



    „Klar. Viel zu erledigen habe ich heute sowie nicht. Nur ein wenig Englisch und Deutsch.“



    „Sag Bescheid, wenn ich dir helfen kann. Immerhin reden wir hier ja von meinen Fachgebieten.“



    Daniel rang sich ein Lächeln ab. Sollte er vielleicht ehrenhalber so tun, als verstünde er etwas nicht? Nein, sie würde es bemerken. Außerdem wollte er ihr auch ein wenig Zeit zum Verschnaufen gönnen, wenn sie schon einmal frei hatte. Sie war in ihrer Redaktion immer gut beschäftigt. Kein Wunder, immerhin hatte sie für ihre Reportagen schon einige Preise eingeheimst. Das wusste ihr Verlag zu schätzen. Aber Daniel blieb dabei immer öfter auf der Strecke. Ob es seiner Mama lieber gewesen wäre, er wäre bei seinem Papa aufgewachsen oder erst später geboren? Vielleicht sogar gar nicht? Nein, so durfte er nicht denken. Seine Mama hatte ihn lieb. Dieser Umstand war über jeden Zweifel erhaben.



    „Vielen Dank für das Essen. Es hat sehr gut geschmeckt. Vielleicht solltest du darüber nachdenken, ob du nicht ein Restaurant eröffnen willst…“



    „Deinen Humor hast du eindeutig von mir geerbt. Deine Witze sind genauso mies wie meine.“



    Daniel musste lächeln. Dieses Mal ohne sich dazu zu zwingen. Solche Momente der Vertrautheit halfen die Kluft zwischen ihnen ein wenig zuzuschütten. Er packte seinen Rucksack und setzte sich an den Wohnzimmertisch um seine „überflüssigen“ Hausaufgaben zu erledigen. Er beschloss mit Deutsch anzufangen. Es galt einen Aufsatz von etwa zweihundert Worten zu verfassen. Das Thema: „Wie ich mir die Welt in zwanzig Jahren vorstelle“. Für solche Aufgaben war Daniel immer dankbar, denn hier konnte er seiner Kreativität freien Lauf lassen. Avatare, die für einen die Schulbank drückten, während man nebenbei gemütlich zu Hause im Bett lag? Billige Flüge ins All für Weltraumtouristen? Oder würde es vielleicht endlich schwebende Autos geben, die der Menschheit schon seit der Kinderzeit seiner Großeltern versprochen wurden? Im Prinzip war es egal. Wenn er falsch lag, würde es ihm der Lehrer ohnehin erst beweisen können, wenn er schon lange aus der Schule war.



    In Windeseile hatte Daniel seine Zukunftsprophezeiungen zu Papier gebracht und wandte sich der angeblichen Weltsprache „Englisch“ zu. Hier galt es nur einen einfachen Lückentext mit den passenden Präpositionen zu vervollständigen. Alles kein Problem. Und wenn doch Fehler enthalten waren spielte es keine Rolle. Dazu waren die Übungen schließlich da.



    Erledigt. Ordentlich verstaute er seine Unterlagen in seinem Rucksack und stellte ihn neben sein Bett, damit am nächsten Tag nichts schieflaufen würde. Danach ging er zurück ins Wohnzimmer um wie von seiner Mutter versprochen den Film für heute Abend auszuwählen. Der Streamingdienst bot einem eine schier endlose Auswahl an Möglichkeiten. Schon fast zu viele, um wirklich eine Auswahl treffen zu können. Der Actionfilm sah nicht schlecht aus und hatte sogar einen Preis für die Spezialeffekte abgeräumt. Seine Mama mochte das Genre allerdings nicht besonders. Sie zog Filme mit einer tiefergehenden Handlung vor. Ihm zuliebe würde sie sicherlich Abstriche machen, aber wenn sie schon einmal Zuhause war sollte sie auch etwas von ihrer Freizeit haben. Wie wäre es mit etwas Lustigem? Gemeinsam zu lachen war nie verkehrt. Hier gab es diesen Film mit diesem britischen Schauspieler, der einen alleine schon mit seinem Gesicht immer zum Lachen brachte. Ja, das war ein guter Kompromiss.



    „Mama, kommst du? Ich habe schon alles vorbereitet.“



    „Gleich, mein Schatz. Willst du lieber Chips oder Popcorn?“



    „Chips bitte. Und Cola. Eiskalt.“



    „Alles klar, ich komme gleich.“



    Während er wartete tippte Daniel auf der Fernbedienung herum. Es verfolgte keinen tieferen Sinn, Hauptsache, er konnte die Wartezeit ein wenig überbrücken.



    „So, da bin ich.“



    Daniels Mutter trug ein Tablett vor ihrer Brust, auf dem sich alles, was Daniel sich gewünscht hatte befand. Chips, Cola, sogar ein paar süßsaure Gummibärchen, die er so gerne mochte. Perfekt. Sie stellte das Tablett auf dem Tisch ab und Daniel nahm sofort einige Züge von der kalten Cola.



    „Du hast Geschmack, mein Sohn. Den Film wollte ich auch schon lange mit dir sehen. Wusstest du eigentlich, dass ich dem Hauptdarsteller sogar schon einmal persönlich begegnet bin? Eigentlich ist er ein ziemlich ernsthafter Typ, aber sehr nett.“



    Daniel sagte nichts dazu und drückte auf „Play“. Nichts gegen die Erzählungen seiner Mutter, aber in ihrem Job war sie wirklich schon Gott und der Welt begegnet und wenn sie einmal ins Reden kam war es gut möglich, dass man den Abend damit verbrachte ihren Memoiren zu lauschen, anstatt den Film zu sehen. Nichts für ungut.



    Die Hauptfigur war ein ziemlich tollpatschiger Geheimagent, der zwar stets die besten Absichten verfolgte, auf seinen Missionen aber für heilloses Chaos sorgte. Die Handlung war nicht sonderlich tiefgründig, aber wenigstens konnte man dabei gut den Kopf freikriegen.



    Fünfzehn Minuten waren etwa vergangen, dann klingelte Mamas Handy.



    „Entschuldige, mein Schatz, aber da muss ich drangehen. Lass den Film ruhig laufen, ich bin gleich wieder da.“



    Das alte Lied. Schon in der Vergangenheit war es immer wieder vorgekommen, dass ihre Redaktion die traute Zweisamkeit zwischen Mutter und Sohn störte. Gegen höhere Mächte kam Daniel eben nicht an.



    Zehn Minuten vergingen, dann waren es schon zwanzig und schließlich sogar eine halbe Stunde. Der Film war bereits halb zu Ende und Daniel hatte ganz alleine die Tüte Chips und eine halbe Flasche Cola verdrückt. Selbst die Gummibärchen waren ihm schon größtenteils zum Opfer gefallen. Daniel war etwas schlecht geworden, aber das spielte keine Rolle. Immerhin konnte er sich auf der Couch ein wenig langlegen. Es war nicht das erste Mal, dass er den Abend trotz der Anwesenheit seiner Mutter quasi allein verbrachte und es würde auch nicht das letzte Mal sein. Das einzig Ungewöhnliche daran war lediglich, dass seine Mutter während ihres Gesprächs lachen musste. Das heißt, sie lachte nicht nur, sie kicherte regelrecht, wie er es von ihr noch nie gehört hatte. Seltsam.



    Schließlich, als schon der Abspann lief und der Geheimagent in seiner schrägen Art die Welt vor ihrer Unterjochung gerettet hatte, kam seine Mama wieder ins Zimmer. Bestens aufgelegt.



    „Entschuldige, mein Schatz, es tut mir leid. Aber du hattest doch sicher auch alleine deinen Spaß.“



    Daniel nickte nur. Was sollte er auch groß sagen? Den Film nachzuerzählen hätte keinen Wert gehabt und auch ansonsten war jedes Wort überflüssig.



    „Weißt du…“



    Seine Mutter schien ein wenig um Worte verlegen zu sein.



    „Du fühlst dich doch sicher einsam, weil ich immer soviel arbeiten muss. Wäre es nicht schön, wenn ich mehr Zeit für dich hätte? Es ist so… Ich habe bei meiner Arbeit jemanden getroffen. Er ist wirklich toll. Er ist witzig, sympathisch und liebt Kinder über alles. Ich bin mir sicher, dass ihr euch sehr gut miteinander verstehen würdet…“



    Daniel zog es innerlich alles in sich zusammen. Sein Leben war sicherlich nicht perfekt, aber er war im Großen und Ganzen doch zufrieden gewesen. Jemand neues der Familie hinzuzufügen machte ihm da furchtbare Angst.



    „Versteh mich nicht falsch, wenn du nicht möchtest musst du ihn nicht treffen. Aber ich würde mir wünschen, dass du ihm eine ehrliche Chance gibst. Ich bin mir sicher, dass ihr euch wirklich gut miteinander verstehen würdet. Was meinst du?“



    Daniel wollte nicht. Alles in ihm wehrte sich gegen die Vorstellung eines neuen „Vaters“. Aber seine Mutter hatte am Telefon so glücklich geklungen. Vielleicht wäre es gar nicht so schlimm, auch wenn er furchtbare Angst hatte. Aber ihr zuliebe brachte er es nicht übers Herz „Nein“ zu sagen.



    „Wann…“



    „Ehrlich gesagt hat er uns vorhin bereits für morgen Abend zu sich nachhause eingeladen. Ich weiß, das geht für dich wahrscheinlich ein wenig schnell, aber ich bin mir sicher, dass er dir gefallen wird.“



    Daniel war es noch schlechter als zuvor, als es bloß am ungesunden Essen gelegen hatte. Ihm war mehr als unwohl mit der neuen Situation und er konnte die ganze Angelegenheit noch nicht einmal richtig „verdauen“. Morgen Abend waren weniger als vierundzwanzig Stunden, um sich darauf einzustellen. Außerdem schien es für seine Mutter durchaus eine ernste Angelegenheit zu sein, was eine ziemlich schwerwiegende Veränderung für Daniels Leben befürchten ließ.



    In dieser Nacht schlief Daniel äußerst unruhig. Immer wieder kamen ihm in seinen Träumen Bilder von seiner Mutter und diesem Mann unter, auch wenn er ihm noch nicht begegnet war. Er wollte keinen neuen Vater, geschweige denn überhaupt einen. Wenn, dann wollte er mit seiner Mutter mehr Zeit verbringen, aber nicht einen auf Familie machen mit irgendeinem Kerl. Ja, wahrscheinlich war er gar nicht so verkehrt, wenn seine Mutter ihm derart vertraute, aber trotzdem.



    Daniel riss die Augen auf. Sein Wecker stand auf drei Uhr morgens und er hatte bisher kaum zur Ruhe gefunden. Seine Gedanken waren ein undefinierbarer Brei aus den Worten seiner Mutter, dem was ihn am nächsten Abend erwarten würde und den Abenteuern des tollpatschigen Geheimagenten. Er schaltete seine kleine Nachttischlampe ein und starrte an die Wände seines Zimmers, um wieder ein wenig Klarheit zu erlangen. An der Wand hing das Poster eines Wrestlers, dessen Fan er war. In Gedanken hatte er schon oft durchgespielt, wie es wohl wäre unter dem Jubel des Publikums zum Ring zu marschieren und gegen seinen Erzfeind zu kämpfen. Klar war es nur ein Traum, denn für diesen Sport war er einfach zu schmächtig, geschweige denn, dass er überhaupt nicht sportlich genug dafür war. Aber im Augenblick beruhigte ihn der Anblick seines Helden. Vielleicht war er schon zu alt, um jemanden dermaßen zu glorifizieren, aber im Augenblick tat ihm die Anwesenheit des „Destroyers“ einfach gut. Sein Leben stand wahrscheinlich vor einer schwerwiegenden Veränderung, darum half es ihm, jemand Vertrautes um sich zu wissen.





    Am nächsten Morgen war Daniel wenigstens ein bisschen zur Ruhe gekommen. Den Rest der Nacht hatte er seine Lampe brennen gelassen, was ihm ein wenig geholfen hatte, seine düsteren Gedanken zu vertreiben. Routiniert stand er aus seinem Bett auf, schlüpfte ihn seine Hausschuhe und ging ins Bad um seine Morgentoilette zu verrichten.



    „Guten Morgen, mein Schatz. Na, bist du schon aufgeregt, Harald zu treffen? Das wird sicherlich ganz toll.“



    Seine Mutter verkannte die Lage, in der Daniel sich wähnte, aber ihr zuliebe lächelte er.



    „Sicher. Wenn du ihn magst kann er ja nicht ganz verkehrt sein.“



    Daniels Mutter begann über das ganze Gesicht zu strahlen. So hatte er sie lange nicht, eigentlich sogar noch nie, gesehen.



    „Es wird schon nicht so schlimm werden…“ sagte er sich wie ein Mantra innerlich immer wieder vor. Ihm ging es absolut nicht gut bei der Vorstellung, was ihn heute Abend erwarten würde. Es war wahrscheinlich lächerlich, aber die Vorstellung, dass seine Mutter einem Mann so nahestehen konnte, von dem er bislang noch nicht einmal ein Foto zu Gesicht bekommen hatte, war einfach beängstigend.



    „Ich habe dir Waffeln zum Frühstück gemacht. Als kleines Dankeschön dafür, dass du Harald eine Chance geben möchtest. Und ich bin losgezogen um ein paar Orangen zu kaufen um dir deinen geliebten Saft frisch auszupressen. Das ist auch viel gesünder als die Chemiepampe, die du sonst trinken musst.“



    „Danke…“



    Daniel hatte keinen Hunger, aber er zwang sich dennoch dazu wenigstens eine der Waffeln zu verdrücken. Er spülte die Brocken mit dem Orangensaft hinunter, kam jedoch nicht umhin, das Fruchtfleisch vorher ebenfalls ordentlich durchzukauen. Außerdem war der Saft warm, aber das machte den Kohl auch nicht mehr fett. Wenigstens in der Schule würde er für ein paar Stunden eine gewisse Ablenkung erfahren. Hauptsache, er kam endlich aus der Wohnung…





    Der Unterricht hatte Daniel an diesem Tag noch weniger für sich einnehmen können als ohnehin schon. Das schwere Frühstück und der Stress waren ihm auf den Magen geschlagen und so hatte er für zwei Stunden mit Bauchschmerzen bei der Schulschwester Unterschlupf gefunden und sich mit einer Wärmflasche langgelegt. Die Schwester war sogar so nett gewesen und hatte für ihn eigens einen magenschonenden Kräutertee aufgebrüht nachdem sie sich versichert hatte, dass es sich bei der Angelegenheit nicht um eine Blinddarmentzündung handelte.



    Warum musste bloß alles so kompliziert sein? Der Nachmittag hatte gestern so schön begonnen und dann nahm alles abends so eine unangenehme Wendung. Vielleicht würden die Bauchschmerzen auch als Vorwand gelten können um das Abendessen zu schwänzen? Nein, das würde auch nichts nützen. Seine Mutter hatte sich ganz offensichtlich in den Mann verguckt also wäre ein Aufschub bloße Zeitschinderei gewesen. Je früher er sich mit der Situation anfreundete, umso schmerzloser würde alles von statten gehen.



    Die letzte Stunde nahm Daniel wieder am Unterricht teil, zumindest war er körperlich in der Klasse anwesend. Biologie war eines dieser Fächer, dessen Wissen mehr für Quizshows taugte denn einer praktischen Anwendung dienlich war. Wenigstens zwang es ihn sich mit etwas anderem zu beschäftigen als mit seinem Privatleben.



    Das Klingeln verhieß das Ende des Unterrichts und Daniel musste sich notgedrungen auf den Heimweg machen. Er gehörte nicht zu seinen Klassenkameraden, die einander ein schönes Wochenende wünschten. Ihm tat es ja auch keiner. Die Flure waren erfüllt von dem Gebrüll der Vorfreude auf das Wochenende, dem die anderen Kinder entgegenfieberten. Er war wohl der einzige, dem es lieber gewesen wäre, wäre der Schultag beziehungsweise am Liebsten die ganze Schulwoche dieses Mal noch länger gewesen als ohnehin schon.



    Das Herbstlaub knirschte unter seinen Schuhen als er auf dem Gehweg schritt. Daniel mochte den Herbst, aber lieber noch den Winter, wenn Ruhe in der Welt einkehrte. Der Sommer war ihm immer viel zu laut und heiß vorgekommen. An vielen Läden war bereits Halloweendekoration angebracht, selbst hatte er sich wegen des Berufslebens seiner Mutter nie auf Süßigkeitenraubzug begeben können. Sie kaufte ihm zu diesem Anlass immer direkt eine Vielzahl an Naschkram, aber das war nicht dasselbe.



    Seine Schritte hallten auf dem Flur seines Wohnhauses wieder und er stapfte mutlos die Treppen in den dritten Stock hoch. Es gab auch einen Aufzug, aber heute war Daniel einfach mehr nach körperlicher Betätigung. Gerade als er den Schlüssel ins Schloss steckte begann er sich von selbst zu drehen und seine Mutter öffnete ihm die Tür.



    „Hallo, mein Schatz. Schön, dass du da bist. Na, bist du auch schon so aufgeregt? Wir werden sicher eine Menge Spaß zusammen haben.“



    Daniel zog seine Mundwinkel widerwillig zu einem Lächeln nach oben. Wenn seine Mutter glücklich war sollte er es auch sein oder ihr zumindest nicht die Freude verderben.



    „Wo gehen wir eigentlich hin?“



    „Das wird eine Überraschung, aber glaub mir, damit rechnest du wirklich nicht. Ach übrigens, ich hab dir ein paar neue Sachen besorgt. Probier sie doch bitte gleich einmal an, ob sie dir auch passen. Sonst müssen wir noch einmal los um sie umzutauschen.“



    Er betrat sein Zimmer und sah auf seinem Bett einen echten Anzug liegen, sogar mit dazugehöriger Krawatte. Hatte der Typ etwa einen Haufen Kohle und Daniel musste Kunststücke vorführen um ihn zu bespaßen? Er schälte sich aus seiner Schuluniform und probierte die neuen Sachen an. Sie passten perfekt. Sie waren nichts, dass Daniel sich selbst aussuchen würde, aber wenigstens war der Fummel angenehm zu tragen. Das war nicht selbstverständlich.



    „Schick siehst du aus, mein Liebling. Der Anzug steht dir wirklich gut. Das wird einfach toll werden, heute Abend. Ich freue mich schon so.“



    Daniel seufzte einmal tief. Es war einfach zu auffällig, wie sehr seine Mutter auf gute Laune machte. Der Mann war ihr scheinbar wirklich wichtig. Wie hieß er gleich noch? Harald. Naja, solange er nicht gleich „Papa“ zu ihm sagen musste ging es ja noch…





    „Kommst du, mein Schatz? Der Wagen steht schon vor der Tür.“



    „Fahren wir etwa mit dem Taxi?“



    „So ähnlich. Glaub mir, du wirst Augen machen.“



    Er wollte es nicht, aber Daniel wurde zugegebenermaßen neugierig. Zu Recht. Als sie aus dem Aufzug stiegen und das Haustor durchschritten wartete eine riesige Limousine auf ihn und seine Mutter. Sogar mit eigenem Chauffeur in Uniform.



    „Guten Abend die Dame und der junge Herr.“ wünschte der ältere Mann Daniel und seiner Mutter, als er den Beiden die Wagentür öffnete. Die Innenausstattung des Wagens war vom Allerfeinsten und übertraf jedes andere Auto, in dem Daniel je gesessen hatte bei weitem. Seine Mutter nahm vorsichtig auf dem teuren Leder Platz und achtete peinlichst genau darauf ihr Abendkleid nicht zu verknittern. Daniels Anzug war da zwar weniger fehleranfällig, aber auch er ging äußerst sorgsam mit ihm um. Der Fahrer schloss die Tür und nahm in der Fahrerkabine Platz, die mit einem Sichtfenster von dem Bereich abgetrennt war, in dem Daniel und seine Mutter sich befanden.



    „Na, mein Schatz? Habe ich dir zu viel versprochen. Und das war erst der Anfang.“



    In Daniels Kopf wimmelte es nur so vor Fragen, aber dennoch entschied er sich vorerst nur zu nicken und die Fahrt so weit als möglich zu genießen. Kohle hatte dieser Harald offensichtlich wirklich wie Heu. Das war per se ja nichts Schlechtes und dennoch wusste Daniel nicht, was er von dem Verehrer seiner Mutter halten sollte. War er vielleicht ein „Familienoberhaupt“, wie er es bereits in diversen Mafiafilmen gesehen hatte? War er ein Firmenbesitzer oder Lottogewinner? Es half alles nichts. Daniel würde es aussitzen müssen.



    Die Limousine fuhr nahezu wie auf Wolken durch den Verkehr. Überall waren schon die Straßenlaternen angegangen, die die kahlen Straßen in ein helles Licht tauchten. Wie gerne wäre Daniel trotzdem jetzt lieber in seinem kleinen Zuhause gewesen und hätte Anime geguckt anstatt in eine ungewisse Zukunft zu blicken.



    Die Fahrt dauerte etwa eine halbe Stunde, als sie an einem riesigen Geländer halt machten, vor dem einige bewaffnete Sicherheitsleute postiert worden waren. War die Vorstellung von einem Mafiaboss vielleicht gar nicht so abwegig gewesen? Daniel konnte beobachten, wie das Personal einige Worte mit seinen Kollegen über Walkie Talkies austauschte, dann wurde das gusseiserne Tor geöffnet und die Limousine fuhr eine wunderschöne Allee von Bäumen entlang, deren Blätter bereits in herbstliches Rotbraun getaucht waren. Die wahre Überraschung wartete aber ab Ende des Weges.



    Der Straßenkreuzer blieb vor einem echten Schloss stehen, von dem Daniel bereits zahlreiche Bilder in seinen Schulbüchern gesehen hatte. Daniel sah seine Mutter ungläubig an, aber sie lächelte nur verschmitzt.



    „Die echte Überraschung kommt erst noch…“



    Kaum dass der Fahrer die Wagentür geöffnet hatte öffnete sich das Tor des Schlosses und ein Mann in Uniform trat heraus. Aufgrund der schlechten Lichtverhältnisse konnte Daniel sein Gesicht nicht genau erkennen. Erst als er an der Tür des Autos stand und seiner Mutter bei Aussteigen half erkannte er ihn.



    „Harald“ war nicht irgendwer, er war ein Mitglied der königlichen Familie des Landes. Und nicht einfach irgendein Nebenzweig, nein, er war der waschechte Kronprinz und damit zukünftiger König. Daniel blieb die Spucke weg. Wenn er mit allem gerechnet hatte, aber damit wirklich nicht.



    „Guten Abend, schön, dass ihr kommen konntet. Du musst Daniel sein. Deine Mutter hat mir schon viel über dich erzählt.“



    Wie sollte Daniel sich jetzt verhalten? War jetzt ein Knicks angebracht oder eine Verbeugung? Auf solche Situationen wurde man in der Schule nicht vorbereitet. Zum Glück übernahm Harald die Initiative und reichte Daniel die Hand. Zögerlich ergriff er sie und schüttelte sie zaghaft. Sie war warm und freundlich.



    „Kommt, lasst uns nach drinnen gehen. Das Essen wird jeden Moment aufgetragen werden. Danach haben wir noch jede Menge Zeit um uns zu unterhalten.“



    „Essen?!“ An nichts konnte Daniel im Moment weniger denken. Mit halb offenem Mund stand er fassungslos neben der riesigen Limousine und starrte auf das Schloss.



    „Na, mein Liebling? Habe ich dir zu viel versprochen? Aber komm jetzt, wir wollen Harald nicht warten lassen.“



    Seine Mutter nahm Daniel an der Hand und sie schritten gemeinsam die Treppen zum Tor hoch. Daniel erwartete die beiden am oberen Ende und lächelte warm. Im Inneren stand das Personal bereit und kümmerte sich um die Abläufe. In seinen Schulbüchern gab es einige Bilder vom Inneren des Anwesens, aber niemals hätte Daniel gedacht es jemals in Natura zu sehen. An den Wänden hingen viele Bilder von der Königsfamilie, von denen einige bereits hunderte von Jahren alt zu sein schienen. War das alles nur ein Traum? Vorsichtig biss sich Daniel auf die Zunge um sich davon zu überzeugen, dass alles was gerade geschah wirklich der Realität entsprach. Ein leichter Schmerz durchzuckte ihn und bewies ihm die Wahrhaftigkeit des Augenblicks.



    Sie schritten in einen großen Saal in dem sich ein üppig geschmückter Tisch befand. Auf einem großen Leintuch standen einige Kerzenleuchter, die umgehend von der Belegschaft entzündet wurden. Ein Butler führte die Drei zu ihren Plätzen und rückte ihre Stühle an den Tisch heran. Es hätten gut und gerne noch zehn weitere Leute hier Platz gefunden, aber wenigstens durfte Daniel gegenüber seiner Mutter sitzen, während Harald am Kopf der Tafel Platz nahm.



    Ein Speisewagen wurde herangefahren auf dem sich drei Teller befanden, deren Inhalt von je einer großen Silberhaube warmgehalten wurde. Daniel sah auf den Tisch und bemerkte die Vielzahl von Besteck darauf. Er hatte keine Ahnung, welche Gabel wofür benötigt wurde und sah hilfesuchend zu seiner Mutter, während die Diener die Teller auftrugen und die Deckel entfernten. Darunter befanden sich die größten und saftigsten Hamburger, die Daniel je gesehen hatte. Sogar Pommes Frites gab es.



    „Deine Mutter hat mir einen Tipp gegeben, was du besonders gerne isst. Ich hoffe, meine Köche finden Gnade unter deinen Augen.“ sagte Harald augenzwinkernd zu Daniel.



    Am Liebsten hätte Daniel sofort zugegriffen und seine Zähne in den Burger versenkt, allerdings zögerte er. Schließlich wusste er noch immer nicht, welches „Werkzeug“ dafür angebracht war. Ausgerechnet Harald war es, der ihm die Entscheidung abnahm. Beherzt packte er sich das Brötchen mit beiden Händen und biss zu. Dies sorgte dafür, dass an den Seiten ein wenig Ketchup herauslief und seine Hände beschmutzte.



    „Habe ich etwas falsch gemacht? Hamburger isst man doch am besten mit den Händen oder etwa nicht?“



    Daniel musste schmunzeln. Harald schien wirklich ein netter Kerl zu sein. Obwohl, oder vielleicht eben weil er der Kronprinz war. Schließlich wagte auch Daniel zuzugreifen und biss herzhaft in den Burger. Der Anblick hatte ihn nicht getäuscht. Es war wirklich das mit Abstand beste Fast Food, das ihm je zwischen die Zähne gekommen war. Das Brötchen war frisch, das Fleisch erstklassig gewürzt und besonders saftig und die Pommes Frites auf den Punkt genau frittiert. Es war einfach herrlich und ließ ihn seine Vorbehalte gegenüber Harald vorübergehend vergessen.



    Nachdem das Mahl beendet war eilte die Dienerschaft umgehend herbei um die Teller abzutragen.



    „Ich hoffe, es hat euch geschmeckt. Ich bin beim Essen ja einigermaßen verwöhnt aufgewachsen, aber so ein Burger ist einfach noch einmal etwas ganz anderes.“



    Wie gewohnt lächelte Harald warm und freundlich, als er das sagte. Daniel wagte allerdings noch immer nicht, Harald anzusprechen und lächelte nur seinerseits. Dann übernahm seine Mutter das Wort.



    „Weißt du, Daniel, Harald und ich haben uns kennengelernt, als ich mit ihm für meine Zeitschrift ein Interview führen durfte. Eigentlich sollte ich ihm nur die üblichen Fragen zu ihm und unserem Land stellen, aber irgendwie hat es sofort zwischen uns gefunkt. Ich habe mir erst noch gar nichts dabei gedacht, doch dann rief er mich irgendwann persönlich in der Redaktion an und hat mich um ein privates Treffen gebeten. Trotz allem wollte ich zuerst ablehnen, schließlich hatte ich ja meinen Job und dich, aber als ich ihm dann von uns erzählte, wollte er mich erst recht näher kennenlernen und dich selbstverständlich auch. Das ist nun schon einige Monate her und schließlich sitzen wir jetzt endlich alle drei hier zusammen. Es tut mir leid, dass ich dir nicht schon früher von Harald und mir erzählt habe, aber ich wollte, dass alles erst auf grundsoliden Füßen steht, bevor ihr euch kennenlernt.“



    „Ich habe deine Mutter wirklich von Herzen gern. Man hört und liest immer nur davon wie prunkvoll das Leben als Prinz ist und wie schön es ist, sich um nichts sorgen zu müssen, aber eigentlich ist es ein sehr einsamer ‚Job‘. Man wird ständig zu irgendwelchen Veranstaltungen und Banketten geladen und trifft alle möglichen hochtrabenden Persönlichkeiten, aber über oberflächliches Geschwafel kommt man nur selten hinaus. Deswegen hat mich deine Mutter auch vom ersten Augenblick an so beeindruckt. Irgendwie konnten wir sofort eine Verbindung zueinander fühlen und anstatt staubtrockene Floskeln von uns zu geben kamen wir sofort ins Gespräch und scherzten sogar miteinander herum. Ich wollte sie sofort näher kennenlernen, was in meiner Position nicht unbedingt einfach war aber ich bin froh, dass es so gut geklappt hat und ich wollte auch dich kennenlernen, nachdem sie mir von dir erzählt hat. Ich weiß, es ist ein wenig viel, das wir dir im Augenblick zumuten, aber ich habe bereits mit deiner Mutter über alles gesprochen und sie gefragt, ob ihr nicht hier zu mir ins Schloss ziehen möchtet, damit wir hier als Familie zusammenleben können. Ihr bräuchtet euch auch um nichts weiter zu kümmern, ich und meine Angestellten würden für alles weitere Sorge tragen. Du hättest ein riesiges Zimmer ganz für dich allein und die besten Lehrer würden für deine Ausbildung sorgen. Du musst nicht sofort antworten, aber deine Mutter und ich würden uns wirklich riesig freuen, wenn wir deinen Segen hätten…“





    Etwas Zeit verging und Harald machte Nägel mit Köpfen. Daniel machte die Veränderung in seinem Leben große Angst, aber seine Mutter hatte ihn davon überzeugen können, dass es wirklich eine einmalige Chance war, die die Beiden hier erwartete. Es ging alles so schnell, dass Daniel kaum damit hinterherkam sich an die veränderte Situation zu gewöhnen.



    Daniels Mutter gab ihren Job als Journalistin auf um sich vollends um Harald und Daniel kümmern zu können. Finanziell waren die Beiden nun absolut abgesichert, sodass es müßig war ihrem zeitraubenden Broterwerb weiter nachzugehen. Es verstand sich von selbst, dass die Presse nur allzu neugierig auf die neue Familie des Kronprinzen war. Es gab zahlreiche Fotoshootings, auf denen die Drei nur im besten Licht präsentiert werden sollten. Auch eher zwielichtiges Gesindel versuchte sich Aufnahmen zu erschleichen, um kompromittierendes Material für irgendwelche Schundblätter zu erhaschen, allerdings war das Wachpersonal bestens geschult um derlei Versuche bereits im Keim zu ersticken.



    Wie versprochen bekam Daniel sein eigenes Zimmer im Schloss. Es war wirklich großzügig geschnitten. Sogar derart, dass sein altes Zuhause beinahe problemlos hineingepasst hätte. Darin fand sich neben einem riesigen Bücherregal ein großes Himmelbett, ein Flachbildfernseher und jede Spielekonsole, die es derzeit auf dem Markt gab. Selbst zu sämtlichen Streamingdiensten hatte Daniel Zugang, ohne auch nur einen Cent dafür bezahlen zu müssen. Es war ein Leben wie im Traum. Bis auf eine Sache…



    „Wann kommen Mama und Harald wieder nachhause?“



    „Stell nicht so dumme Fragen. Du weißt, dass die Beiden damit beschäftigt sind, durch das Land zu reisen und deine Mutter als unsere künftige Königin zu präsentieren. Das ist viel wichtiger als dir hier die Hand zu halten. Sei nicht so undankbar. Du hast hier doch alles, was man sich nur wünschen kann. Jedes andere Kind im Land wäre glücklich, wenn es mit dir tauschen könnte.“



    Daniel schwieg. Vielleicht war er wirklich undankbar, aber selbst als er alleine in seiner alten Wohnung war hatte er sich nie so einsam gefühlt wie in diesem Moment. Dabei war er eigentlich nicht allein. Er war umgeben von zahlreichen Bediensteten, die für sein Wohl und Wehe Sorge zu tragen hatten. Dazu zählte neben seiner schulischen Ausbildung auch jene in Etikette, wie sie im Königshaus gelebt wurde.



    Es war nicht einfach, aller Regeln Herr zu werden. Kaum, dass er eine verinnerlicht hatte, folgten auch schon weitere, die sie noch weiter spezifizierten beziehungsweise Ausnahmen darstellten. Vielleicht wäre es ihm leichter gefallen, hätten noch andere Gleichaltrige am Unterricht teilgenommen, allerdings erhielt er strengen Einzelunterricht und war darüber hinaus noch das einzige Kind am Hof. Er hatte auch früher keine Freunde gehabt, aber dennoch war er zumindest nicht der Einzige, der sich dem Drill seiner Lehrer hatte unterwerfen müssen.



    Harald und seine Mutter waren nun schon seit mehr als einer Woche unterwegs, ohne dass Daniel auch nur einen Anruf seiner Mutter erhalten hätte. Wahrscheinlich war sie wirklich gut damit beschäftigt ihrer zukünftigen Rolle gerecht zu werden. Da mussten eben Abstriche gemacht werden, auch wenn es weh tat.





    Schließlich kam die Hochzeit und sie viel noch um ein Vielfaches pompöser aus, als Daniel je gedacht hatte. Zahllose Kamerateams waren vor Ort um die Veranstaltung wirklich aus jedem erdenklichen Winkel heraus zu filmen. Im Zentrum des Interesses standen selbstverständlich Harald und Daniels Mutter, in ihrer Funktion als glückliches Brautpaar, das ihr Heimatland in eine glückliche Zukunft führen sollte. Aber auch Daniel selbst fand keine Ruhe. Schließlich stand er für Haralds großes Herz, sich eines vaterlosen Kindes anzunehmen und ihm Wärme und Geborgenheit zuteilwerden zu lassen. Dieser Aspekt wurde von den anwesenden Reportern besonders betont. Daniel fühlte sich nicht sonderlich wohl damit derart im Rampenlicht zu stehen, aber seine Lehrer hatten ihn auf diese Situation besonders eingeschworen und ihm seine Rolle bei der Hochzeit bewusst werden lassen.



    Es gab zahlreiche Traditionen und Zeremonien für eine königliche Hochzeit, die abgearbeitet werden mussten und obwohl Daniel schließlich und endlich bei seinen Eltern Platz nehmen durfte war es nicht vorgesehen, dass er auch nur ein privates Wort mit ihnen wechselte. Peinlich genau wurde bei ihm darauf geachtet, dass er sich auch dem Anlass entsprechend als würdig erwies und sich keinen Patzer erlaubte, die an seinen Manieren und Etikette zweifeln ließ. Über Wochen und Monate war er für diese Zeremonie abgerichtet worden. Jeder Fehler bei der Vorbereitung wurde mit harschem Tadel bedacht. Zwar kam kaum körperliche Züchtigung zum Einsatz, dennoch verfolgte ihn die Ausbildung teils bis in seine (Alb-)Träume.



    Endlich fand die Feier ihr Ende und Daniels Mutter begab sich mit Harald auf Hochzeitsreise, während dieser sie so gut wie allen europäischen Königshäusern einen Besuch abstatten würden, um den Status von Daniels Mutter anerkennen und absegnen zu lassen. Es verstand sich von selbst, dass Daniel während dieser Zeit in die Obhut des königlichen Personals gegeben würde, um sich weiter seiner Ausbildung zu widmen. Das machte sich gut in der Presse, außerdem sollte er dem frischvermählten Ehepaar nicht unnötig zur Last fallen.



    Die Wochen vergingen und Daniel hatte in dieser Zeit nicht ein Mal mit seiner Mutter gesprochen, geschweige denn Post von ihr erhalten. Tag für Tag erhielt er Einzelunterricht der besten Lehrkräfte des Landes und wurde auf Perfektion gedrillt. Sämtliche Wirtschaftsdaten des Landes wurden peinlich genau durchgenommen, ebenso wie die Geschichte des Königshauses und die Errungenschaften aller bisher gekrönten Häupter. Selbst kleinste Fehler wurden abgemahnt, in gravierenden Fällen kam auch das Lineal zum Einsatz. Daniel verstand schnell, dass Tränen nur zu noch mehr Schmerz führten und er lernte seine Gefühle zu kontrollieren.



    „Hör auf, dem Königshaus Schande zu bereiten, selbst wenn du nur ein wertloses vaterloses Kind bist. Beweise lieber endlich, dass unser verehrter Kronprinz die richtige Wahl mit dir und deiner Mutter getroffen hat.“



    Früher wären nach solchen Worten Tränen geflossen, mittlerweile aber prallten derlei Bemerkungen nur noch an Daniel ab. Er durfte keine Schande sein, er durfte seiner Mutter das Glück nicht kaputtmachen. Ein Versagen seinerseits fiel auf das Königshaus zurück, das durfte nicht sein. Er musste seine Dankbarkeit erweisen, ganz egal, was ihm dies auch abverlangte. So musste es sein, so war es einzig richtig.



    Die Wochen vergingen und Daniel bemerkte das freudige Hochgefühl, das sich unter dem königlichen Personal ausbreitete. Es herrschte schon beinahe Übermut unter dem Gefolge, sodass es schließlich auch Daniels Neugier erregte.



    „Was ist los? Warum freuen sich alle Menschen im Schloss so?“



    „Die Kronprinzessin erwartet ein Kind. Endlich ist die Thronfolge gesichert. Wir hatten uns schon solche Sorgen gemacht, dass die Ehe fruchtlos verlaufen könnte. Die Prinzessin strahlt über beide Ohren. Ich glaube nicht, dass sie jemals in ihrem Leben glücklicher war…“





    In den kommenden Monaten wurden seitens des Königshauses alle nur erdenklichen Vorkehrungen getroffen um die glückliche Geburt eines gesunden Thronfolgers sicher zu stellen. Nur ausgewählte Personen durften sich neben dem Prinzen im Umfeld der Kronprinzessin aufhalten um jeglichen Stress zu vermeiden. Daniel erfuhr, wenn überhaupt, nur auf Nachfrage vom Zustand seiner Mutter. Persönlich durfte er ihr, um Risiken zu vermeiden, aus Sicherheitsgründen keine Aufwartung machen. Alles lief über das persönliche Personal beziehungsweise erfuhr Daniel aus der Zeitung vom Fortschreiten der Schwangerschaft seiner Mutter bis sie schließlich einen gesunden Sohn gebar: Phillip, den Zweiten, benannt nach dem Großvater des Kronprinzen. Ihr erstes gemeinsames Kind.



    Daniel war sich seiner Gefühle nicht sicher, aber dennoch wäre er seinem kleinen Bruder gerne einmal persönlich begegnet. Dies war im Protokoll jedoch nicht vorgesehen. Nur den Mitgliedern der Königsfamilie wurde der persönliche Kontakt gestattet. Auf Wunsch bekam Daniel wenigstens einige Bilder seines Bruders zu sehen. Er war vom Scheitel bis zur Sohle das Ebenbild seiner Mutter. Die Zeitungen überschlugen sich förmlich vor Freude und Lobpreisungen des künftigen Königs und rühmten Daniels Mutter für die Geburt. Alles drehte sich um die königliche Familie und hoffte, dass noch zahlreiche weitere Nachkommen das Licht der Welt erblicken würden, die die Zukunft der Monarchie strahlendhell erscheinen ließen.



    Wiederum einige Wochen darauf waren sämtliche Vertreter der Presse zu einem Besuch im Königshaus geladen, um das Glück des Prinzenpaares erstmals ablichten zu dürfen. Es herrschte reges Gemurmel im Thronsaal, das zu großem Jubel aufbrandete, als die glückliche Familie die Szene betrat und Prinz Phillip den Zweiten erstmals der Öffentlichkeit präsentierte. Es entstanden zahllose Fotos vom Königspaar mit dem Kinderwagen und dem kleinen Thronfolger in den Armen seiner Mutter. Daniel stand abseits des Geschehens unter den Presseleuten, wurde jedoch ignoriert.



    Daniel sah seine Mutter zum ersten Mal seit langer Zeit in Persona und hatte sie noch nie zuvor dermaßen strahlend lächeln gesehen. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt einzig dem kleinen Bündel in ihren Armen. Nichts und niemand konnte sie dazu bringen ihren Blick von ihm zu lassen. Es war Daniel egal, dass er nicht zur königlichen Familie zählte. Es spielte für ihn keine Rolle, dass sein Vater nicht Harald war. Aber da stand seine Mutter mit seinem kleinen Bruder, den er bislang nicht hatte kennenlernen dürfen. Warum zählte seine Verbindung nichts? Es war alles egal. Er entschied sich zu ihr zu gehen und seinen Bruder anzusehen. Egal, was die Konsequenz daraus sein würde. Da riss ihn ein Mitglied des Hofstaates am Arm und verhinderte sein Fortschreiten. Der ältere Herr zog ihn an sich heran und zischte Daniel ins Ohr: „Was fällt dir ein dich in so einem Augenblick wichtigmachen zu wollen?! Dieser Augenblick gehört einzig und allein der Familie des Prinzen…“

  • Hallo Ideeus ,

    ich hab gesehen, dass du dir Feedback zu deiner ausgearbeiteten Geschichte wünschst und dachte mir, ich guck sie mir einmal an. Vorab: Ich hab den Bisavision Screib Contest dieses Jahr leider nicht verfolgt, besitze demnach also kein Vorwissen zu der Geschichte abseits dieses Topics. Ich neige bei Kommentaren auch dazu, ein wenig auszuschweifen, um möglichst gut zu erklären, was genau ich meine. Dementsprechend werden meine Kommentare schnell recht lang und es kann gut sein, dass ich in diesem hier dann noch nicht dazu komme, was zu deiner gesamten Geschichte zu sagen, sondern erstmal nur zu einem Teil davon. Ich schreibe den Kommentar auch Stück für Stück, während ich die Geschichte lese, also kann es auch passieren, dass ich etwas anmerke, dass du dann später sowieso schon berücksichtigst, davon einfach nicht verwirren lassen.


    Mir gefällt an deinem Klappentext vorab, dass er andeutet, dass sich beginnend mit dem Treffen des neuen Feundes der Mutter einiges in Daniels Leben ändern könnte. Durch die drei Pünktchen am Ende vermute ich, dass Daniel selbst vielleicht auch gar nicht so glücklich darüber ist, dass seine Mutter jetzt jemand neuen trifft, obwohl er nicht wirklich was von seinem Vater weiß und das damit ungeklärt ist. Hier hätte ich mir aber durchaus vielleicht noch ein paar mehr Hinweise gewünscht, warum es für Daniel vielleicht schwerig ist. Du hast ja auch gechrieben, dass er mit seiner Situation im Reinen ist, also könnte es rein von der Situation her auch sein, dass er kein Problem damit hat und sich für seine Mutter freut. Dann würde allerdings ein wenig der Konflikt, der Spannung erzeugen soll fehlen. Daher wäre hier vielleicht sowas wie "Auch wenn seine Mutter viel beschäftigt ist, ist sie immer für ihn da. Im Zweifelsfall hieß es bei Widrigkeiten immer "sie beide gegen den Rest der Welt"". Das in Kombination mit dem neuen Freund würde dann z.B. andeuten, dass Daniel ein Problem damit hat, wenn es nicht mehr nur sie zwei sind. Je nachdem, was konkret der Konflikt ist, kann der natürlich anders geforshadowet werden.

    Bevor ich in die Geschichte mit Daniel richtig einsteige noch eine kurze Anmerkung zur Formatierung. Soweit ich das sehen kann, hast du nirgends einen Zeilenumbruch genutzt sondern immer nur Absätze mit zwei Leerzeilen. Es spricht absolut nichts dagegen Absätze zu nehmen, um zu verdeutlichen, dass es jetzt inhaltlich zu einem Bruch kommt (z.B. eine neue Szene). Allerdings verwendest du sie hier ein wenig sehr oft und auch in zusammenhängenden Gesprächen. Das zieht die Geschichte optisch sehr auseinander und macht es meiner Meinung nach etwas anstrengender zu lesen. Mein Rat an der Stelle wäre, mehr Zeilenumbrüche anstatt Absätze zu nützen und wenn du Absätze macht, nur eine Leerzeile zu lassen anstatt zweien.


    Mir gefällt, dass der ersten Abschnitt mit einer absolut gewöhnlichen Szene anfängt, die jeder von uns so sicherlich schon kennt. Das hilft dabei, direkt von Anfang an eine Verbindung zu Daniel aufbauen zu können, weil man sich in ihn hineinversetzen kann. Direkt danach folgen dann im zweiten Abschnitt ein paar Details zu Daniels Leben, die schon einmal ein wenig umreißen, wie sein Leben überhaupt aussieht. Bei beidem hätte ich es noch schön gefunden, wenn kleine Details eingestreut gewesen wären, um Daniel nochmal mehr greifbar für den Leser zu machen. Das könnte z.B. sein, dass nicht nur von Essen in der Mikrowelle gesprochen wird, sondern von Lasagne, Auflauf, Linsensuppe, etc. Je nach Gericht riecht es ja auch ganz anders und an dieser Stelle ein wenig präziser zu sein, hilft dabei sich besser in die Szene hinein zu versetzen, ohne dass es dafür lange Beschreibungen bräuchte.

    Genauso bei der Arbeit der Mutter. Du schreibst, dass ihre Arbeit als Journalistin ihren Tribut fordert, aber wie genau sieht der aus? Muss sie häufig verreisen und vielleicht sogar ins Ausland und ist deswegen nicht da? Oder arbeitet sie eher lokal, aber die Arbeitsbedingungen in der Zeitung sind nicht gut und sie muss häufig lange bleiben und ist deswegen nicht da? Je nachdem ist es ja auch nochmal ein ganz anderes Level von allein sein und selbstständig sein müssen.

    Ah okay, dass Auslands raus fällt, beim Job der Mutter wird dann direkt im nächsten Abschnitt klar, aber zumindest ist für mich noch nicht ganz eindeutig, ob es dann die Arbeitsbedingungen sind a la fieser Chef der ihr zu viel aufbürdet oder sie vielleicht auch einfach viele Überstunden machen muss, um genug zu verdienen, und das dann quasi "freiwillig" ist. Im gleichen Absatz schreibst du, dass er kein schlechtes Leben hätte, aber ein sehr einsames. Warum es einsam ist, wird danach von dir sehr schön ausgeführt. Die aufgezählten Beispiele verdeutlichen das wirklich gut und ich glaube, jeder würde sich an Daniels Stelle mit den Vorgaben einsam fühlen. Ein wenig würde mich da dann noch interessieren, warum sein Leben denn dann nicht schlecht ist. Weil prinzipiell kann ich mir schon vorstellen, dass eine solche Belastung durch Isolation schon dazu führen kann, dass man sein eigenes Leben als schlecht wahrnimmt. Was ist es dann, dass Daniel das anders sieht? Geht es im dabei darum, dass er ein Dach über den Kopf und genug zu Essen hat? Oder gibt es noch andere Dinge?

    Serh schön, im vierten Abschnitt kommt dann auch das Detail zum Essen. Das früher zu haben hätte allerdings geholfen sich besser vorstellen zu können, wonach es denn gerochen hat, was du ja bereits im ersten Abschnitt thematisch angeschnitten hattest.

    Ich frage mich, wie alt Daniel wohl ist. Wenn er heimlich die Jugendschutzsperre umgehen muss, ist er logischerweise noch miderjährig, was auch dazu passt, dass er in die Schule geht. Dass er so viel alleine sein kann/muss, spricht aber auch nicht für ein ganz junges Kind, also vielleicht 15 oder so? Die drei Abschnitte zum Serienausschnitt zeigen, dass es um Daniels psychische Gesundheit vielleicht nicht ganz optimal steht, selbst wenn er selbst das vielleicht nicht merkt. Wobei ich die Verwendung des Begriffs "Seelenheil" ein bisschen dick aufgetragen an der Stelle finde. Ich glaube sowas wie "dennoch ließ es ihn kalt." hätte da bereits ausgereicht, um den gemachten Punkt zu verdeutlichen.


    Ich bin zwar erst am Anfang der Geschichte, aber ich glaube, ich beende den Kommi trotzdem schon mal an der Stelle. Vielleicht liegt es daran, dass mein letzter Kommi schon ne Weile her ist und ich deswegen ein wenig in Schreiblaune bin, aber ich will dich ja auch nicht mit einer riesigen WoT erschlagen ^^" Bisher gibt es insgesamt ein paar ganz interessante Ansatzpunkte, die zu spannenden Reibereien im weiteren Verlauf der Geschichte führen könnten und ich bin gespannt, was du daraus machen wirst. Das wird definitiv nicht mein letzter Kommi hier sein, also bis zum nächsten Mal ^-^

    Caroit

  • Hallo Caroit ,


    vielen Dank für deine bisherigen Anmerkungen. Es hat mich sehr gefreut, dass du dir bis hierhin schon einmal die Zeit genommen hast meine Geschichte zu lesen. 😀


    Ich gebe dir recht, dass ich mir manchmal zu viel Zeit nehme, bis ich "mit der Sprache herausrücke", falls überhaupt, und ich an diesem Punkt noch dringend arbeiten muss.


    Was die Formatierung angeht muss ich zugeben, dass ich mir über diese bislang nie sonderlich Gedanken gemacht habe beziehungsweise einfach die Standardeinstellungen von WORD benutzt habe. Mal sehen, was ich tun kann, damit weitere Texte beim Kopieren nicht so zerissen werden.


    Was Daniels Alter angeht bin ich mir nicht sicher, ob ich es erwähnt habe, aber im Verlauf des Textes wird sich herauskristallisieren, dass er noch relativ jung ist.


    Auf jeden Fall danke ich dir für deine Anmerkungen und freue mich darauf wieder von dir zu hören.


    Bis zum nächsten Mal,

    Ideeus


    P.S. Du "erschlägst" mich mit deinem Kommentar absolut nicht. Es freut mich, dass du dir Zeit genommen hast so viel zu schreiben. 😉