[Act I] Tainted Souls - Wo Wege sich kreuzen

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    Cover by ravy


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    Willkommen, liebe Leserschaft.


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    Hi! Na ihr? Kennt ihr mich noch?

    Es ist eine ganze Weile her, dass ich mich zuletzt in diesen Bereich verirrt habe - und noch länger, dass ich mich ernsthaft an eine FanFiktion gesetzt habe. Zu meinen früheren Projekten finde ich mittlerweile leider keinen richtigen Zugang mehr, aber manchmal ist etwas Neues gar nicht so schlecht.

    Und was ha mich nach all den Jahren wieder zum Schreiben gebracht? Nun ja, der Fangirl-Mode. xD


    Aus einer spontanen Begeisterung für all die Charaktere aus Pokémon-Legenden: Z-A, die ich wirklich sehr lieb gewonnen habe, einigen Ideen und vermutlich viel zu vielen Gedanken darüber, was man aus Illumina alles machen könnte, entstand schließlich sehr spontan im NaNo 2025 Tainted Souls. Anfangs war das ganze noch eine ganz überschaubare Idee. Mittlerweile gibt es drei geplante Arcs, ein umfangreiches Worldbuilding-Lexikon, viel zu viele Charakterausarbeitungen, Playlists, Karten und vermutlich mehr Hintergrundwissen, als jemals vollständig in der eigentlichen Geschichte auftauchen wird. :D


    Mit anderen Worten: Es ist ein wenig eskalliert. Aber immerhin schreibe ich wieder. Damit wünsche ich euch viel Spaß. :3



    Raelyn will nur noch fort. Fort aus Galar, fort von den Erwartungen ihrer Familie – und fort von einer Vergangenheit, die sie nicht loslässt. Ohne jemanden über ihre Pläne zu informieren, reist sie nach Kalos – in die Heimat ihrer Mutter und in der Hoffnung, in Illumina zumindest vorübergehend Abstand zu gewinnen.


    Im heruntergekommenen Hotel Z findet sie eine unerwartete Zuflucht und begegnet Menschen, die auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein könnten. Doch Illumina erweist sich nicht als der ruhige Neuanfang, den Raelyn gesucht hat. Hinter den hellen Fassaden der Stadt kämpfen rivalisierende Gruppen um Einfluss, während unkontrollierte Mega-Entwicklungen und rätselhafte Vorfälle zunehmend das fragile Gleichgewicht bedrohen.


    Als Zitas Schulden Raelyn in den Einflussbereich des Rust Syndicates führen, kreuzt sich ihr Weg mit Ravan Velmont – dem verschlossenen Anführer einer Organisation, die große Teile der Unterwelt von Zone Cyan kontrolliert. Zwischen Misstrauen, widerwilligem Respekt und gemeinsamen Gegnern geraten beide tiefer in ein Geflecht aus Macht, illegalen Experimenten und alten Geheimnissen.


    Was für Raelyn als Flucht beginnt, zwingt sie schließlich, sich genau dem zu stellen, was sie hinter sich lassen wollte.



    Fantasy, Action, Mystery, Drama, Romantik (Slow Burn; Canon Character X Original Character), Slice of Life


    Die Altersempfehlung von Tainted Souls ist P16. Die Geschichte enthält stellenweise moderate Gewalt, Verletzungen, psychisch belastende Themen und sexuelle Andeutungen. Explizite sexuelle Szenen sind in der BisaBoard-Fassung ausgelassen. Ausführlichere Fassungen einzelner Szenen erscheinen auf Animexx und FanFiktion.de.



    Anders als bei meinen bisherigen Projekten gibt es für Tainted Souls einen festen Veröffentlichungsrhythmus: Jeden Sonntag erscheint ein neues Kapitel. Falls ich an einem Sonntag verhindert bin, veröffentliche ich das Kapitel vorab und kündige die Abweichung an.


    Der aktuelle Arbeitsstand liegt bei fertig geschrieben 53 Kapiteln, 40 Kapitel sind bereits vollständig geplant. Die Geschichte ist noch nicht abgeschlossen.



    Die Texte, eigenständigen Konzepte und Original Charaktere stammen von mir und dürfen nicht ohne meine Zustimmung übernommen oder weiterverwendet werden. Verwendete Illustrationen und Artworks stammen von ihren jeweiligen Urheber:innen; die entsprechenden Bildquellen sind angegeben. Pokémon sowie alle dazugehörigen Figuren, Orte und Marken gehören ihren jeweiligen Rechteinhabern. Das Projekt ist nichtkommerziell.



    Kapitel 1: Zwischen Stolz und Schulden

    Kapitel 2: Wir

    Kapitel 3: Echo der Nacht


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    Das begleitende Weltlexikon zu Tainted Souls enthält weiterführende Informationen zu Regionen, Geschichte, Gesellschaft, Organisationen, Technologien und weiteren Aspekten der Welt.

    Da das Weltlexikon sowohl die zulässige Zeichenbegrenzung des Startposts als auch die maximale Dateigröße für Anhänge deutlich überschreitet, habe ich es stattdessen über einen Google-Drive-Link eingebunden.

    → Zum Weltlexikon

    Hinweis: Das extern verlinkte Weltlexikon enthält Illustrationen und grafische Elemente, die mithilfe generativer KI erstellt wurden.


    Sollte es Probleme beim Aufrufen des Links geben, könnt ihr mich gerne über Discord unter xRajani kontaktieren oder mir eine PN schreiben.


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    Illumina, Kalos · Februar 2026


    Obwohl der Regen längst aufgehört hatte, glänzten die Straßen noch feucht im flackernden Licht alter Neonröhren. In den Fugen zwischen den Pflastersteinen hatte sich Wasser gesammelt, das die vorbeiziehenden Farben spiegelte, bevor sie wieder im Grau der Nacht verschwanden.

    Raelyn zog den Kragen ihrer schwarzen Jacke etwas höher und warf Duro einen flüchtigen Seitenblick zu. Feuchte Strähnen ihres ohnehin widerspenstigen Haars fielen ihr ins Gesicht. Raelyn strich sie zurück und musterte die Straße vor ihnen.

    Neben ihr wirkte Duro beinahe wie das Gegenteil – unruhiger, lebendiger, jede Bewegung etwas schneller als nötig, als würde Stille sie grundsätzlich misstrauisch machen.

    „Mitkommen musst du nicht.“

    „Doch“, kam die Antwort sofort, etwas zu schnell, um glaubhaft zu wirken.

    Raelyn sagte nichts dazu. Niemand ging freiwillig in das Hauptquartier des Rust Syndicate, und dennoch folgten sie dem Weg, der sie aus der lebhaften Stadt dorthin führte, wo das Treiben von Menschen und Autos endete.

    Nur das Rascheln des Bambus war der Begleiter ihrer Schritte.

    Vor ihnen erhob sich das Anwesen des Rust Syndicate – ein Gebäude, das nicht in diese Stadt zu passen schien.

    Vor dem wolkenverhangenen Himmel hob sich die Silhouette einer alten japanischen Burg ab, mehrschichtig mit geschwungenen Dächern und dunklem Holz, das im Regen schimmerte.

    Erst auf dem zweiten Blick fiel die verborgene Moderne auf: unauffällige Kameras an den Dachkanten sowie elektrische Schiebetüren aus dunkel gefärbtem Glas, die einen Rahmen im klassischen Stil hatten.

    Ein großzügiger Platz aus glatten Steinplatten erstreckte sich vor dem Haupteingang. Das Haupttor, aus massivem Holz in dunkler Farbgebung gefertigt, wurde auf beiden Seiten von je einer Arbok-Figur aus Bronze gesäumt. Ihre Blicke schimmerten im Licht, doch Raelyn konnte nicht beurteilen, ob dahinter tatsächlich Technik verborgen lag.

    Etwas Unheimliches verbarg sich hinter der friedlichen Ästhetik – es war zu perfekt, zu still.

    Keine Stimmen, kein Verkehr. Nur das gedämpfte Tropfen des Wassers, das von den Dachkanten fiel.

    „Das soll also das Hauptquartier sein?“, flüsterte Duro. Ihre Stimme war plötzlich deutlich leiser.

    Raelyn schaute nach vorne. „Sie wollen, dass man sich sicher fühlt.“ Ein paar Sekunden vergingen, dann fügte sie ruhig hinzu: „Bevor man merkt, dass man in einer Festung steht.“

    Vor der Tür standen zwei Männer in schwarzen Mänteln, die Schultern breit und die Gesichter hart und aufmerksam. Sie wirkten nicht wie Wachpersonal, eher wie Leute, die dafür sorgten, dass niemand auf dumme Ideen kam – und im Moment waren sie vermutlich die dummen Ideen.

    Die Männer vor dem Eingang richteten sich auf, als sie näherkamen.

    Einer der Männer ließ den Blick über Raelyns dunkle Kleidung und ihr feuchtes Haar wandern.

    Dann verzog sich sein Mund zu einem spöttischen Lächeln. „Geschlossene Gesellschaft.“

    Die Worte hingen zwischen ihnen in der feuchten Nachtluft.

    Raelyn blieb stehen, während Duro dagegen ihren Schritt automatisch verlangsamte und einen halben Schritt hinter ihr zurückblieb.

    „Wir sind wegen Zita hier“, erwiderte Raelyn. „Sie hat Schulden bei euch.“

    Einen Augenblick reagierte niemand, bevor ein abfälliges Schnauben zu hören war. „Dann soll sie selbst kommen.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Für Laufburschen haben wir keine Zeit.“

    Neben ihr spannte sich Duro leicht an. Raelyn selbst bewegte sich keinen Zentimeter. „Wir wollen reden.“

    Der zweite Mann grinste. „Mutig.“ Sein Blick glitt über sie. „Aber Mut reicht hier normalerweise nicht für den Einlass.“

    Stille breitete sich aus, nur unterbrochen vom gelegentlichen Tropfen von Wasser auf Stein in der Ferne.

    Raelyn ließ den Blick an den beiden vorbeigleiten, über das Tor, die Kameras an den Dachkanten und die breite Fläche vor dem Eingang. Dann seufzte sie leise. „Dann eben anders.“

    „Raelyn—“

    Zu spät.

    Mit einer fließenden Bewegung griff sie nach einem Pokéball an ihrem Gürtel. „Caliga, los.“

    Ein gleißender Lichtstrahl durchbrach die Dunkelheit, und Sekunden später landeten schwarze Pfoten auf dem nassen Steinboden. Hundemon richtete sich vor ihnen auf.

    Das dunkle Fell hob sich im schwachen Licht nur knapp von der Nacht ab; bernsteinfarbene Augen ruhten unter den Hörnern auf den Männern vor ihnen.

    Wärme ging von ihrem Körper aus; nicht brennend, aber deutlich genug, dass sich der Geruch von Rauch langsam in die feuchte Nachtluft mischte.

    Ein tiefes Grollen vibrierte in ihrer Brust – nicht laut, eher wie eine stille Warnung, die nur kurz durch die Luft strich.

    Für den Bruchteil einer Sekunde verschwanden das Grinsen der beiden Männer, bevor einer von ihnen spöttisch eine Augenbraue hob.

    „Das soll Eindruck machen?“

    Er griff nach seinem Pokéball. „Na gut.“

    Neben Raelyn entwich Duro ein leises Stöhnen. „Oh nein.“

    Ein schmales Grinsen zog sich über das Gesicht des Mannes, bevor er den Pokéball in die Luft warf.

    Fast zeitgleich folgte der zweite Wächter seinem Beispiel. Zwei Lichtblitze zerrissen die Dunkelheit.

    Mit einem dumpfen Krachen schlug Stollrak auf den nassen Steinen auf. Unter seinem Gewicht zogen sich feine Risse durch den Steinboden.

    Daneben glitt Vipitis beinahe lautlos aus dem Schein hervor. Im fahlen Licht der Laternen schien sein dunkler Körper mit dem Hintergrund zu verschmelzen.

    Ein leises Zischen durchschnitt die Stille, während Gift von seinen Fängen tropfte und auf den Boden fiel.

    Raelyn atmete scharf ein. Zwei gegen eins. Natürlich.

    Duro wich keinen Schritt zurück, obwohl ihr die Anspannung deutlich anzusehen war. „Hey, zwei gegen eins ist unfair!“

    „Lass gut sein, Duro“, sagte sie mit gefährlicher Gelassenheit und sah die zwielichtigen Männer an. „Das wird lustig.“

    Caligas Ohren zuckten. Mehr brauchte es nicht.

    Mit einem tiefen Knurren schoss ein Feuerstrahl durch die Dunkelheit und tauchte die Straße in flackerndes Orange. Die Hitze schlug gegen Stollraks stählerne Panzerung und ließ das Regenwasser ringsum zischend verdampfen.

    „Meinst du wirklich, Feuer reicht?“

    Doch Raelyn hörte kaum hin, ihr Blick blieb auf Vipitis fixiert – zu ruhig, zu weit aus ihrem Sichtfeld und zu schnell.

    Rechts zuckte plötzlich etwas. „Caliga – zurück!“

    Vipitis schnellte im selben Moment nach vorn. Der Giftschweif schnitt zischend durch die Luft und traf nur den leeren Raum.

    Caliga hatte sich bereits abgestoßen. Mit einer schnellen Bewegung sprang sie zurück, landete auf dem nassen Untergrund und rutschte einige Zentimeter weiter, während ihre Krallen feine Spuren hinterließen.

    Raelyn reagierte augenblicklich. „Auf den Boden – Flammenwurf!“

    Ein zweiter Feuerstoß folgte und schoss hervor, aber nicht auf die Gegner, sondern direkt vor ihre Füße.

    Für den Bruchteil einer Sekunde blieb alles reglos stehen, dann traf die enorme Hitze auf den regennassen Stein, und mit einem scharfen Zischen brachen gleichzeitig Dampf und Funken hervor. Heiße Luft schlug Raelyn entgegen, während die Sicht zeitgleich vollständig verschwand.

    „Was zum …?“

    Genau darauf hatte sie gewartet.

    „Jetzt!“

    Noch ehe sich der Dampf ausbreiten konnte, brach eine dunkle Silhouette daraus hervor – Caliga, die wie ein Schatten durch die weiße Wand aus Nebel schoss, die Zähne im flackernden Licht aufblitzend.

    Vipitis hatte kaum Zeit zu reagieren, als Caliga sie seitlich rammte und mehrere Meter weit gegen den Bambus am Straßenrand schleuderte. Mit einem schmerzhaften Zischen prallte das Pokémon zwischen den Stangen auf.

    Holz splitterte, Blätter lösten sich raschelnd aus den Zweigen und fielen wie ein kurzer Regen zu Boden.

    „Verdammt!“

    „Stollrak, los!“

    Schwere Schritte ließen den Boden vibrieren. Stollrak brach durch den aufsteigenden Dampf wie eine Lawine aus Stahl. Regenwasser spritzte zu beiden Seiten auf.

    Funken spiegelten sich in Hundemons bernsteinfarbenen Augen, während sich die dunkle Gestalt knurrend herumdrehte.

    „Caliga, rechts!“

    Hundemon sprang zur Seite, doch Stollrak riss den massigen Körper bereits herum und erwischte sie noch mit der Schulter.

    Die Wucht des Treffers schleuderte Caliga mehrere Meter über den nassen Boden, Krallen schabten kreischend über den Stein.

    Raelyns Finger zuckten unwillkürlich. „Caliga!“

    Hundemon fing sich erst im Rutschen, grub die Pfoten in den Boden und kam mit tief gesenktem Kopf zum Stehen. Ein dumpfes Knurren vibrierte in ihrer Brust. Sie zog die Lefzen zurück und fixierte Stollrak.

    Vipitis richtete sich unterdessen zwischen den zerbrochenen Bambusstangen wieder auf, der Körper wogte langsam hin und her, während sich die schmalen Augen fest auf Hundemon legten.

    Duro wich instinktiv vor der flimmernden Hitze zurück und hob den Arm schützend vors Gesicht. „Raelyn! Das ist verrückt, die sind zu zweit!“

    Raelyn ließ die beiden Pokémon nicht aus den Augen. „Dann sollen sie es umso mehr bereuen.“

    Die Worte fielen leise, fast nur als Flüstern, und ließen Duro neben ihr sofort verstummen.

    Caligas Ohren zuckten. Zwischen ihren Zähnen flackerte bereits erstes Feuer auf, während die Luft vor Hitze zu flimmern begann. Stollrak scharrte schwer über den Boden, Vipitis zischte leise.

    Für einen Moment schien alles stillzustehen, dann durchschnitt eine Stimme die Nacht wie eine Klinge – tief, ruhig und unmissverständlich.

    „Es reicht.“

    Die Reaktion folgte sofort: Stollrak erstarrte mitten in der Bewegung, Vipitis hob ruckartig den Kopf, und den beiden Wächtern wich schlagartig jedes Grinsen aus dem Gesicht.

    Niemand sagte etwas. Selbst der Wind schien die Bewegung verloren zu haben.

    Raelyn drehte langsam den Kopf. Zwischen den geöffneten Torflügeln trat eine Gestalt hervor, ohne Hast und ohne jede erkennbare Eile. Seine Schritte waren nicht laut – und trotzdem hatte man das Gefühl, sie hallten durch den ganzen Hof.

    Groß, breitschultrig, der dunkle Anzug saß so präzise, dass er eher betonte als verbarg. Darunter zeichneten sich klare, harte Linien eines trainierten Körpers ab.

    Die markanten schwarzen Koteletten rahmten sein Gesicht wie dunkle Flügel.

    Seine dunklen Augen glitten zuerst über die Risse im Stein, dann über den zerborstenen Bambus und schließlich zu den Wachen. Kein Ärger, keine Überraschung – nur diese nüchterne, fast schon unangenehme Feststellung von Fakten.

    Die beiden Männer richteten sich sofort auf. „P-Philippe—“

    „Meiner Meinung nach“, unterbrach er sie gelassen, ohne aufzusehen, „wollte der Boss hier keinen Aschehaufen vor dem Eingang.“

    Seine Augen wanderten über die noch nachglimmenden Rauchschwaden. „Räumt das weg.“

    „Jawohl!“ Sofort senkten beide den Kopf.

    Sein Blick streifte noch einmal Caliga, dann wandte Philippe sich Raelyn zu. Er sah auf ihre angespannten Hände und schließlich in ihr Gesicht.

    Leise knackten seine Fingerknöchel, als er die Arme verschränkte. „Ich habe Sie schon draußen gehört.“ Seine Stimme blieb tief und beinahe entspannt. „Für jemanden, der nur um Einlass bitten wollte, war das ziemlich … auffällig.“

    Ein schmales, kaum sichtbares Lächeln streifte seine Lippen. „Sie suchen sich wirklich die falschen Probleme aus.“

    Raelyn wich keinen Moment zurück und erwiderte seinen prüfenden Blick ohne Zögern.

    Neben ihr rückte Duro kaum merklich zur Seite – vermutlich auf der Suche nach einem Fluchtweg.

    „Schwierigkeiten haben meistens die Angewohnheit, mich zuerst zu finden“, erwiderte Raelyn nüchtern.

    Für einen Herzschlag sagte Philippe nichts. Danach galt sein Interesse wieder Caliga, die noch immer mit erhobenen Lefzen zwischen ihnen und den Wachen stand.

    Ein kaum sichtbares Schmunzeln legte sich auf seine Lippen. „Und Sie scheinen sie sogar noch willkommen zu heißen.“

    Raelyn hob leicht eine Augenbraue. „Kommt auf die Schwierigkeiten an.“

    Er betrachtete sie noch einen Augenblick, dann trat er näher. „Sie sind also wegen Zita hier.“

    Es war keine Frage – eher eine endgültige Feststellung.

    Duro blinzelte überrascht. „Woher wissen Sie …?“

    „Weil normalerweise niemand freiwillig vor unserem Eingang Pokémonkämpfe veranstaltet“, unterbrach er sie gelassen, ohne Raelyn aus den Augen zu lassen. „Und schon gar nicht für irgendeine beliebige Person.“

    Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft hatte Raelyn das Gefühl, dass er sie nicht einfach nur betrachtete. Er wog ihre Antworten gegeneinander ab.

    Philippe ließ seinen Fokus noch auf ihr ruhen, bevor er langsam ausatmete, als wäre er innerlich bereits zu einem Urteil gekommen.

    „Hm.“

    Mehr sagte er zunächst nicht. Er löste die verschränkten Arme und trat ohne erkennbare Vorsicht an Caliga vorbei – nicht herausfordernd, eher mit dieser selbstverständlichen Ruhe eines Menschen, der nie gelernt hatte, sich zu fürchten.

    Direkt vor ihr blieb Philippe stehen. Caliga verfolgte jede seiner Bewegungen, die Lefzen noch leicht angehoben. Er hob die Hand, hielt jedoch inne, bevor seine Finger ihre Stirn erreichten.

    Hundemon knurrte leise.

    Ein schmales Lächeln streifte seine Lippen. „Guter Instinkt.“ Er ließ die Hand wieder sinken und wandte sich Raelyn zu. „Sie vertrauen ihr.“

    „Natürlich.“

    „Interessant.“

    Wieder dieses Wort. Wieder diese ruhige Art, Menschen zu betrachten, als wären sie etwas, das erst verstanden werden musste.

    Die Leute hier hatten die unangenehme Angewohnheit, andere wie ungelöste Rätsel auseinanderzunehmen.

    Duro dagegen wirkte inzwischen, als würde sie ernsthaft darüber nachdenken, ob sich irgendwo im Bambus ein brauchbarer Fluchtweg versteckte.

    Duro sah zwischen Philippe und dem Tor hin und her. „Nur damit ich das richtig verstehe: Wir stehen gerade mitten vor einem Clan-Hauptquartier und diskutieren immer noch über Zita?“

    Philippe entwich ein leises Schnauben, das fast wie unterdrücktes Lachen klang.

    „Sie müssen Duro sein.“

    Er ließ sich Zeit mit seiner Antwort.

    „Und Sie sind Raelyn.“ Ein kurzes Schweigen folgte, bevor dieses schmale, kaum sichtbare Grinsen erneut auf seinen Lippen erschien. Er hielt ihren Blick noch einen Moment fest. Raelyn wich nicht zurück.

    Sein Lächeln wurde nur eine Spur breiter. „Jetzt ergibt einiges mehr Sinn.“

    Raelyn zog leicht die Augenbrauen zusammen. „Das klingt nicht besonders beruhigend.“

    „War auch nicht als Beruhigung gedacht.“

    Neben ihr entwich Duro ein Laut, irgendwo zwischen nervösem Auflachen und Empörung. „Moment mal.“ Sie zeigte erst auf Raelyn, dann auf Philippe. „Welche Dinge ergeben hier bitte Sinn?“

    Philippe sah sie an. „Vieles.“

    Duro blinzelte.

    „Das beantwortet buchstäblich gar nichts.“

    „Doch.“ Er musterte sie. „Für mich schon.“

    Duro starrte ihn mehrere Sekunden an. „Ich glaube, ich mag ihn nicht.“

    „Das höre ich öfter.“

    Für ein paar Sekunden huschte Raelyns Blick zu Duro – gerade lange genug, dass ihre Mundwinkel beinahe nachgegeben hätten.

    Philippes Blick kehrte sofort zu Raelyn zurück. „Nun.“ Er richtete sich etwas auf und ließ die Augen einmal über den verwüsteten Hof wandern. „Eigentlich müsste ich Sie nach der kleinen Vorstellung da draußen wieder vor die Tür setzen.“

    Seine Aufmerksamkeit streifte den zerbrochenen Bambus, die Brandspuren und schließlich die Wachen, die hastig so taten, als hätten sie plötzlich äußerst wichtige Aufgaben gefunden.

    „Aber …“, er ließ das Wort einen Augenblick in der Luft hängen, „Sie haben bereits genug Chaos vor dem Eingang hinterlassen.“

    Ein kaum wahrnehmbarer Anflug von Belustigung schwang in seiner Stimme mit. „Es wäre Verschwendung, Sie jetzt einfach wegzuschicken.“

    Er wandte sich halb ab und setzte sich in Bewegung. „Kommen Sie, bevor noch jemand von der Straße die Polizei verständigt. Ich habe wenig Interesse daran, den Beamten zu erklären, weshalb vor unserem Tor ein nicht genehmigter Pokémonkampf ausgebrochen ist.“

    Duro blinzelte. „Moment.“

    Sie deutete erst auf ihn, dann auf das Tor und schließlich auf sich selbst. „Das war’s? Sie sagen einfach: ‚Kommen Sie‘, und damit ist die Sache erledigt?“

    Philippe hob leicht eine Augenbraue, ohne stehen zu bleiben. „Hätten Sie lieber noch einen Kampf?“

    „Nein.“

    „Dann ist alles gesagt.“ Er ging weiter.

    Duro blieb noch einen Atemzug stehen, bevor sie sich langsam zu Raelyn beugte.

    „Ist es schlimm, dass sich das hier inzwischen fast noch schlechter anfühlt?“

    Raelyn sah Philippe nach, der bereits durch das Tor verschwand, dann wanderte ihr Blick in den dunklen Eingang dahinter.

    „Ja.“

    Und sie setzte sich in Bewegung. Duro folgte ihr hastig.

    Der Hof blieb hinter ihnen zurück, und kaum, dass sie das Tor passiert hatten, veränderte sich die Geräuschkulisse spürbar. Das entfernte Rauschen der Stadt wurde gedämpft, verlor sich zwischen Stein und Holz, bis nur noch ihre Schritte übrigblieben, klar und gleichmäßig im Inneren des Anwesens.

    Raelyn nahm die Veränderung sofort wahr.

    Draußen hatte der Ort bedrohlich gewirkt, offen und unberechenbar. Hier drinnen dagegen lag etwas anderes in der Luft – Kontrolle, Ordnung, fast schon Übermaß davon. Und genau das machte es nicht besser.

    Gedämpftes Licht zog sich in schmalen Bahnen über den Boden und brach sich auf dunklem Stein, während sorgfältig gesetzte Bambuspflanzen die Wände säumten, so exakt arrangiert, dass nichts daran zufällig wirkte. Alles hatte seinen Platz, jede Linie, jede Leere dazwischen. Sogar die Stille schien hier geplant zu sein.

    Philippe ging einige Schritte vor ihnen, die Hände locker hinter dem Rücken verschränkt, als wäre das hier tatsächlich nur ein ruhiger Gang durch sein eigenes Anwesen.

    Duro rückte unauffällig näher an Raelyn heran. „Okay“, flüsterte sie, „ich nehme alles zurück.“

    Raelyn warf ihr einen raschen Seitenblick zu. „Was genau?“

    Duro deutete unauffällig nach vorne. „Den Kampf draußen. Der war fast entspannend im Vergleich.“

    Raelyns Mundwinkel zuckte kaum merklich. Sie bemerkte es selbst erst, als es schon wieder verschwunden war. „Du übertreibst.“

    „Nein.“ Duro senkte die Stimme noch weiter, fast ehrfürchtig leise. „Raelyn, ich schwöre dir, sogar die Pflanzen hier beobachten mich.“

    Raelyn ließ den Blick über einen perfekt geschnittenen Bambusstreifen wandern. Merkwürdigerweise überraschte sie die Vorstellung kaum noch.

    Wahrscheinlich gab es welche.

    Wahrscheinlich mehr, als ihr lieb war.

    Als hätte Philippe den Gedanken aufgegriffen, sagte er plötzlich, ohne sich umzudrehen: „Sie können übrigens aufhören, nach versteckten Kameras zu suchen.“

    Duro erstarrte. Langsam drehte sie den Kopf zu Raelyn.

    „Ich habe nicht gesucht.“

    Philippe ging unbeirrt weiter. „Natürlich nicht.“

    Für einen Moment hing Stille zwischen ihnen, dann beugte sich Duro ein Stück näher zu Raelyn. „Ich hasse ihn inzwischen ein bisschen.“

    „Das höre ich öfter“, erwiderte er mit hörbarer Gelassenheit.

    Duro blieb mitten in der Bewegung stehen. „Hat der Mann Augen im Hinterkopf?!“

    Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft entglitt Raelyn ein abfälliges Schnauben.

    Und zum ersten Mal fragte Raelyn sich, ob Philippe nicht einfach nur wusste, welche Wirkung er hinterließ – sondern sie ganz bewusst einsetzte.

    Der Vorraum lag still im gedämpften Licht schmaler LED-Streifen, die nahe am Boden eingelassen waren. Kalt glänzte der marmorierte Steinboden, unterbrochen nur von den langen Schatten der Bambuspflanzen entlang der Wände.

    Ein kaum hörbares Summen lag in der Luft – von der Klimaanlage, dem fernen Ticken einer Uhr oder vielleicht nur dem Echo der eigenen Schritte.

    Raelyn folgte dem geschmackvollen Schwung des Raumes bis zu einer großen Schiebetür aus dunkel gerahmtem Glas. Metallische Beschläge im Stil alter Burgtore verbanden ihre moderne Gestaltung mit der traditionellen Architektur des Anwesens.

    Der Aufzug kündigte sich mit einem leisen Signal an. Die Türen öffneten sich geräuschlos und eröffneten den Blick auf einen schmalen, matt glänzenden Innenraum.

    Weiches, goldenes Licht spiegelte sich auf den glänzenden Wänden, als würde warmer Schein darüberfließen.

    Philippe trat als Erster ein und bedeutete Raelyn und Duro mit einer knappen Bewegung, ihm zu folgen.

    Raelyn zögerte für einen Atemzug. Ihr Spiegelbild sah ihr aus der glatten Stahlwand entgegen – blasser als gewöhnlich, die dunklen Haare noch leicht feucht, und irgendetwas daran gefiel ihr nicht.

    Beim Überschreiten der Schwelle schloss sich die Tür hinter ihnen mit einem dumpfen, endgültigen Geräusch.

    Ein leises Surren setzte ein, und die Kabine begann sich zu bewegen – so sanft, dass Raelyn es fast nur an dem Druck in ihren Ohren bemerkte.

    Der Raum war so eng, dass sie die Körperwärme der anderen spüren konnte. Zudem war er so still, dass das Geräusch eines Atemzugs übermäßig laut erschien.

    Unwillkürlich zog sich etwas in ihrer Brust zusammen. Angst vielleicht. Neugier ganz sicher. Und dazwischen etwas, das sie nicht benennen wollte.

    Duro griff nach Raelyns Ärmel und zupfte nervös daran. „Ich glaube, das war echt eine blöde Idee“, flüsterte sie.

    „Es wäre noch schlimmer, jetzt umzukehren“, antwortete Raelyn leise, ohne sie anzusehen.

    Mit einem leisen Signal kam der Aufzug zum Stehen. Die Türen glitten auseinander, und Philippe ging voraus, ohne zu prüfen, ob sie ihm folgten.

    Er stellte sich mit hinter dem Rücken verschränkten Händen vor eine hohe, aus Glas und dunklem Holz gefertigte Schiebetür. „Verhalten Sie sich ruhig“, murmelte er und klopfte zweimal.

    Dann öffnete sich die Tür nahezu lautlos. Philippe trat einen Schritt zurück und winkte ihnen, einzutreten.

    Der dahinterliegende Raum war größer, als Raelyn erwartet hatte. Die Decke verlor sich beinahe im Halbdunkel, während dunkles Holz und goldene Akzente die Wände entlangliefen.

    Irgendwo spiegelte sich Licht auf Glasflächen und dunklem Metall, weich genug, um die Konturen verschwimmen zu lassen.

    Ein massiver Schreibtisch aus dunklem Rosenholz stand erhöht auf einem flachen Podest am Ende des Raumes – und dahinter saß jemand.

    Zuerst nahm Raelyn nicht sein Gesicht wahr, sondern die Art, wie er dort saß. Zu entspannt, zu ruhig, als hätte dieser Raum ihn nicht aufgenommen, sondern sich um ihn herum geordnet – wie etwas, das von Anfang an für seine Anwesenheit gedacht war.

    Ein schwarzer Anzug zeichnete eine schlanke, präzise Silhouette im gedämpften Licht nach. Schwarzes Haar fiel in lockeren Strähnen leicht zur Seite, durchzogen von violetten Reflexen, sobald das Licht darüber glitt. Hinter der runden Brille lagen seine Augen im Spiegel der Gläser verborgen, als wollten sie sich dem ersten Blick entziehen.

    Er bewegte sich nicht, nicht einmal, als sie eintraten.

    „Die beiden hier möchten mit Ihnen sprechen, Boss.“ Philippes Stimme durchschnitt die Stille.

    Erst als der Mann langsam, ohne jede Eile den Kopf hob, traf Raelyn zum ersten Mal der klare Blick seiner goldenen Augen. Sofort entstand das Gefühl, nicht einfach nur angesehen zu werden.

    Ein paar Sekunden vergingen, in denen er sie schlicht musterte, bevor er sich zurücklehnte. „Hm?“

    Seine Stimme war tiefer, als sie erwartet hatte, ruhig, beinahe gelangweilt. „Worum geht es?“

    „Die Sache mit Hotel Z“, antwortete Philippe knapp.

    Für einen Moment veränderte sich nichts. Dann entwich dem Mann ein leises Schnauben. „Tss.“

    Amüsiert hob sich sein Mundwinkel kaum merklich. „Zita schickt also Stellvertreter.“

    Seine Augen glitten über Duro hinweg, wanderten weiter zu Raelyn und blieben dort mehrere Sekunden länger hängen, als es eigentlich nötig gewesen wäre.

    „Und die sehen sogar noch erstaunlich unbeschädigt aus.“

    Er hob leicht eine Augenbraue und sah wieder zu Philippe. „Du wirst nachlässig.“

    Philippe kratzte sich am Hals und deutete dabei knapp in Raelyns Richtung, während er sagte: „Verzeihung. Aber dieses Mädchen hier war etwas… komplizierter als erwartet.“

    Wieder kehrten diese goldenen Augen zu ihr zurück, diesmal länger und ruhiger, wobei er sie nicht nur ansah, sondern einzuschätzen schien.

    Raelyn gefiel das nicht, und genau deshalb hielt sie seinem Blick stand.

    Der Mann schnaubte leise. „Ist sie das? Interessant.“

    Es blieb still. Nicht unangenehm still, eher diese Art von Stille, in der jemand bereits eine Entscheidung getroffen hatte, ohne sie auszusprechen.

    Dann richtete er sich langsam auf. Keine hastige Bewegung, kein sichtbarer Kraftaufwand – und trotzdem veränderte sich sofort etwas im Raum.

    Es war keine Größe oder Lautstärke, die Aufmerksamkeit verlangte, sondern diese seltsame Haltung, mit der manche Menschen einen Raum betreten und plötzlich alles andere unwichtiger wirken lassen.

    Raelyn bemerkte es – und ärgerte sich direkt darüber.

    Er umrundete langsam den Schreibtisch. Schwarzer Stoff glitt nahezu lautlos über den dunklen Boden, während sich violette Lichtreflexe für Sekunden in den Rändern seiner Brillengläser verfingen.

    Duro schluckte neben ihr hörbar.

    „Okay“, murmelte sie kaum verständlich, „ich nehme Philippe zurück.“

    Raelyn warf ihr einen Blick zu. „Was?“

    „Ich mag ihn plötzlich wieder mehr.“

    Für einen Augenblick zuckte Philippes Mundwinkel.

    Schließlich blieb er direkt vor ihnen stehen, und aus der Nähe wirkten seine Gesichtszüge noch schärfer als zuvor – selbst seine goldenen Augen wirkten nicht kalt.

    Sein Blick blieb auf Raelyn liegen. „Sie wollten also unbedingt mit mir sprechen.“

    Ein kurzer Moment verstrich, bevor sich dieses kleine, kaum greifbare Lächeln erneut auf seine Lippen legte.

    „Dann hoffe ich wirklich, dass Sie interessanter sind als meine bisherigen Termine.“

    Für einige Sekunden antwortete niemand.

    Raelyn wusste selbst nicht genau, warum. Seine Sätze klangen weniger wie Fragen als wie Feststellungen, deren Antworten er längst vorweggenommen hatte.

    Neben ihr räusperte sich Duro leise. „Ähm…“ Sie hob vorsichtig eine Hand. „Ist es in Ordnung, wenn ich frage, wer Sie überhaupt sind?“

    Stille herrschte, dann wandte sich der Mann langsam ihr zu, und zum ersten Mal, seit sie den Raum betreten hatten, wirkte er tatsächlich überrascht.

    „Das ist interessant.“ Er hob leicht eine Augenbraue. „Wir reden jetzt seit mehreren Minuten miteinander…“ Sein Blick glitt zu Philippe. „…und niemand hielt es für nötig, mich vorzustellen.“

    „Boss“, kam es trocken von der Seite.

    Sofort legte sich ein leicht genervter Ausdruck auf das Gesicht des Mannes. „Tss.“ Er machte eine kleine, abwinkende Bewegung. „Hör auf, mich so zu nennen.“

    Philippe ignorierte ihn vollkommen. „Das ist Ravan.“ Er nickte knapp in seine Richtung. „Boss des Rust Syndicate.“

    Duro blinzelte, dann drehte sie langsam den Kopf zu Raelyn. „Ich dachte irgendwie, ein Mafiaboss wäre älter.“

    Raelyn trat ihr plötzlich gegen den Fuß. „Au!“

    Die Bemerkung blieb offen im Raum, dann entwich Ravan ein leises Lachen, und zu ihrer eigenen Irritation stellte Raelyn fest, dass dieses Geräusch deutlich echter klang als alles zuvor.

    Das Lächeln verblasste langsam, doch etwas blieb zurück in seinem Blick – eine Spur von Interesse, die vorher nicht da gewesen war. „Ein Mafiaboss also?“

    Er neigte den Kopf leicht und sah Duro an.

    „Das klingt deutlich dramatischer, als ich es mir selbst ausgesucht hätte.“

    „Boss“, korrigierte Philippe trocken.

    Ravan schloss die Augen. „Philippe.“

    „Ja, Boss?“

    Ein kaum sichtbares Zucken ging durch Ravans Mundwinkel, und Raelyn bemerkte es sofort. Er war nicht wirklich genervt.

    Zumindest nicht auf die Art, die Konsequenzen hatte, sondern eher wie jemand, der sich damit abgefunden hatte, dass bestimmte Dinge in seinem Umfeld einfach nicht kontrollierbar waren – und Philippe gehörte offenbar genau dazu.

    Er wandte den Blick wieder zu ihnen, diesmal gezielter. Zu Raelyn.

    „Nun gut.“ Seine Stimme verlor etwas von ihrer Schärfe und wurde fast beiläufig. „Da wir den Teil mit den Namen erfolgreich hinter uns gebracht haben…“

    Er trat einen Schritt näher. Nicht aufdringlich, aber nah genug, dass Raelyn die Distanz sofort registrierte.

    „Dann verraten Sie mir doch etwas.“ Seine goldenen Augen blieben unverwandt auf ihr gerichtet. „Warum stellt sich jemand freiwillig vor den Eingang des Rust Syndicate, legt sich mit meinen Leuten an und riskiert vermutlich einen ziemlich unangenehmen Abend …“

    Eine kurze Pause entstand. Sein Blick glitt zu Caliga, dann wieder zurück zu ihr. „… für Schulden, die nicht einmal die eigenen sind?“

    Neben ihr verstummte Duro.

    Raelyn verschränkte langsam die Arme. „Weil man Menschen nicht einfach fallen lässt, sobald sie unbequem werden.“

    Für einen Herzschlag änderte sich nichts in seinem Gesicht, dann verlor seine Miene etwas von ihrer Neutralität. „Bemerkenswerte Antwort.“

    Ravan schwieg, als prüfe er ihre Antwort. „Sie sind also loyal.“

    „Ich bin nicht hier, um analysiert zu werden.“

    „Nein?“ Seine Stimme blieb bedachtsam, beinahe sachlich, während er einen Schritt näher trat. „Schade.“

    Raelyn hob leicht das Kinn. „Stellen Sie immer so viele Fragen?“

    „Nur wenn mich etwas interessiert.“ Erneut erschien dieses kleine, kontrollierte Lächeln auf seinen Lippen.

    Niemand reagierte sofort. Dann hob Ravan plötzlich die Hand.

    Raelyn spannte sich unwillkürlich an. Ravans Blick senkte sich kurz auf ihre Hand, bevor er sie ohne Hast und ohne Druck nahm. Diese Gelassenheit irritierte sie.

    Für einen Sekundenbruchteil blieb Raelyn reglos, obwohl sie sich hätte entziehen können, es aber nicht tat – und genau das gefiel ihr selbst am wenigsten.

    Ravan neigte leicht den Kopf und berührte mit den Lippen flüchtig ihren Handrücken – kaum mehr als ein Moment, bevor er wieder zurückwich.

    „Ein ungewöhnlicher Gast verdient eine angemessene Begrüßung.“

    Stille lag im Raum.

    Raelyn sah ihn mehrere Sekunden lang einfach nur an, während neben ihr Duro hörbar die Luft einzog.

    „Was?“

    Sogar Philippe schwieg.

    Ganz langsam zog Raelyn ihre Hand zurück, ihre Augen verengten sich dabei leicht. „Mir war nicht bewusst, dass Höflichkeit hier als Waffe eingesetzt wird.“

    Für einen flüchtigen Moment flackerte etwas in Ravans Blick auf – beinahe Belustigung. „Alles hier“, erwiderte Ravan gelassen, ohne den Blick von ihr zu nehmen, „ist eine Waffe.“

    Das Kribbeln auf ihrem Handrücken war längst verschwunden. Hartnäckiger hielt sich die Irritation darüber, wie selbstverständlich Ravan jede ihrer Reaktionen zu registrieren schien.

    Neben ihr räusperte sich Duro schließlich hörbar. „Also … Nicht, dass ich diese sehr spezielle Atmosphäre ruinieren will, aber wir sind eigentlich wegen Zita hier.“

    Ravans Blick blieb auf Raelyn liegen. Dann wandte er sich langsam Duro zu. „Stimmt.“

    Die knappe Antwort fiel so trocken aus, dass Duro blinzelte.

    Ravan drehte sich bereits wieder um und ging zurück zum Schreibtisch, jede Bewegung wirkte so selbstverständlich, als gäbe es keinen Grund zur Eile. „Setzen Sie sich.“

    Es war keine Bitte, sondern eine Aufforderung, die keinen Widerspruch vorsah.

    Vor den großen Fenstern standen mehrere dunkle Sofas in einem Halbkreis um einen niedrigen Tisch aus schwarzem Glas.

    Duro ließ sich darauf nieder, als rechnete sie jederzeit damit, dass das Möbelstück plötzlich eine Gegenfrage stellte.

    Raelyn setzte sich langsamer, kontrollierter, die Haltung aufrecht, den Blick weiterhin auf Ravan gerichtet.

    Er nahm ihr gegenüber Platz und verschränkte die Hände locker ineinander, während Philippe wortlos hinter ihm stehen blieb – wie ein Schatten, der beschlossen hatte, sichtbar zu sein.

    Ravan sah sie einfach nur an. „Also“, sagte er schließlich, wieder ruhig und bestimmt. „Es geht um Zita.“

    Raelyn nickte knapp. „Sie hat Schulden bei Ihnen.“

    Ravan hob leicht eine Augenbraue und fragte: „Bei mir?“, wobei sich etwas Amüsiertes auf seinen Lippen zeigte. „Nein.“ Er lehnte sich zurück. „Beim Rust Syndicate.“

    Seine Finger strichen einmal über die Tischoberfläche, bevor er eine schmale, dunkle Mappe heranzog und sie fast beiläufig aufschlug. Kein Zögern, kein Suchen – als wüsste er längst, was darinstand.

    „Zita hat ursprünglich hunderttausend Pokédollar aufgenommen. Seitdem sind Zinsen, Verzugsgebühren und vertraglich vereinbarte Zuschläge hinzugekommen. Zwei Zahlungsfristen hat sie ebenfalls verstreichen lassen.“

    Er drehte die Mappe in ihre Richtung.

    Eine Million Pokédollar.

    „Verträge belohnen selten denjenigen, der sie nicht liest.“

    Neben ihr erstarrte Duro. „Was?“

    Ravan reagierte nicht sofort. Er betrachtete sie einfach – nicht Duro, sondern Raelyn – und wirkte dabei, als interessiere ihn weniger die Zahl selbst als ihre Reaktion darauf.

    „Eine Million?!“ Duro richtete sich abrupt auf. „Das ist doch völlig verrückt!“

    Ravan verschränkte die Hände. „Verrückt?“ Sein Blick glitt über die Zahl und wieder zurück zu ihr. „Nein.“

    Dann sah er direkt zu Raelyn. „Verträge sind selten verrückt.“ Kaum merklich hob sich sein Mundwinkel. „Menschen sind es.“

    Neben ihr starrte Duro noch immer auf die Zahl. „Da fehlt doch bestimmt ein Komma.“

    Hinter Ravan verschränkte Philippe wortlos die Arme. „Nein.“

    „Vielleicht zwei?“

    „Nein“, antwortete Philippe erneut.

    Duro sank langsam wieder ins Sofa zurück. „Ich wollte es ja nur fragen.“

    Raelyn ließ den Blick weiterhin auf Ravan ruhen. Nicht die Summe störte sie, nicht einmal das, was sie bedeutete – sondern die Bestimmtheit, mit der er sie ausgesprochen hatte.

    Diese Ruhe. Dieses Gefühl, als wäre das hier längst entschieden und lediglich noch nicht ausgesprochen worden.

    Sie verschränkte langsam die Arme. „Dann sagen Sie mir, was wir tun müssen.“

    Zum ersten Mal hob Ravan leicht die Augenbrauen. „Wir?“

    Das Wort blieb einen Moment im Raum hängen. Etwas in Ravans Haltung veränderte sich – nicht viel, aber genug, dass Raelyn es bemerkte.

    „Zita ist eine Freundin“, sagte Raelyn.

    Ravan lehnte sich langsam zurück, während sich seine Fingerspitzen leicht aneinanderlegten. „Freundschaft.“

    Er sprach das Wort aus und prüfte es hörbar, als hätte er es lange nicht benutzt, dann sah er sie wieder direkt an, während sich ein kaum sichtbares Lächeln auf seine Lippen legte.

    „Das ist ein erstaunlich teurer Luxus.“

    Für einen Augenblick sagte Raelyn nichts. Nicht, weil ihr keine Antwort einfiel, sondern weil sie langsam begriff, dass hier jedes Wort Gewicht hatte – und dass Ravan offenbar genau beobachtete, wer es aussprach und wie.

    Sie richtete sich ein wenig auf. „Dann war es wohl gut, dass ich nie besonders sparsam war.“

    Neben ihr drehte Duro langsam den Kopf. „Raelyn.“

    „Was?“

    „Du verhandelst gerade mit einem Mafiaboss.“

    Raelyn ließ die Augen nicht von Ravan. „Ist mir bewusst.“

    Überraschenderweise lag kein Spott in seinem Gesicht. Er betrachtete sie einfach nur – ruhig und ohne Eile, wieder diese unangenehme Genauigkeit, während er Antworten eher sammelte als entgegennahm.

    Die lederne Rückenlehne gab unter seinem Gewicht nach, als Ravan sich etwas vorbeugte. „Hm“, murmelte er schließlich. „Vielleicht lässt sich an diesem Problem etwas ändern.“

    Duro richtete sich sofort auf. „Wirklich?“

    Philippe warf ihr einen knappen Blick zu. „Ich würde mich mit der Begeisterung noch zurückhalten.“

    Duro sank prompt wieder tiefer ins Sofa.

    Ravan ignorierte ihre Reaktionen vollständig. „Ich hätte da einen Vorschlag.“

    Duro hob sofort wieder den Kopf. „Das klang gerade gefährlich.“

    „Das liegt vermutlich daran, dass Sie mir grundsätzlich misstrauen.“

    „Tue ich auch.“

    „Gut.“ Seine Gesichtszüge wurden eine Spur weicher. „Misstrauen hält Menschen länger am Leben.“

    Duro blinzelte irritiert. „Ich weiß nicht, ob das ein Kompliment war.“

    „War es nicht.“

    Hinter ihm räusperte sich Philippe leise, blieb aber ansonsten reglos.

    Ravan schlug ein Bein über das andere, als hätte die Summe auf dem Tisch nie existiert und diese Unterhaltung wäre kaum mehr als eine Randnotiz seines Tages. „Ich brauche gelegentlich Menschen, die Dinge für mich erledigen.“

    Raelyns Augen verengten sich leicht. „Menschen?“

    „Ein gefährlich allgemeiner Begriff, ich weiß.“ Seine Finger glitten langsam über die Armlehne. „Nichts Außergewöhnliches. Kleine Aufgaben. Kleine Gefallen.“

    Dann war er wieder bei Raelyn. „Wenn Sie sie zufriedenstellend erledigen, bin ich bereit, einen Teil der Schulden zu streichen.“

    Raelyn antwortete zunächst nicht. Das Angebot klang zu mühelos, um keinen Haken zu haben.

    Neben ihr rutschte Duro ruhelos auf dem Sofa. „Und wo genau“, fragte sie vorsichtig, „ist der Teil versteckt, an dem alles plötzlich schrecklich wird?“

    Ravans Gesicht blieb reglos. Dann legte sich etwas Amüsiertes in seinem Ausdruck.

    „Duro“, sagte er beinahe freundlich, „ich beginne langsam zu verstehen, warum Philippe Sie hereingelassen hat.“

    Philippe hob kaum merklich eine Augenbraue. „Ich habe sie nicht hereingelassen, Boss. Sie haben sich hereingekämpft.“

    Für einen Moment sah Ravan Philippe schweigend an, dann erschien dieses kleine Schmunzeln wieder auf seinen Lippen.

    „Stimmt.“ Seine Stimme klang beinahe amüsiert. „Das erklärt vermutlich auch, warum mein Eingangsbereich aussieht, als hätte dort gerade ein kleines Naturereignis stattgefunden.“

    Hinter ihm blieb Philippe vollkommen reglos.

    „Technisch betrachtet“, sagte er ohne jede Regung, „haben unsere Männer angefangen.“

    Ravan wandte den Kopf leicht zur Seite. „Technisch betrachtet?“

    Philippe nickte knapp. „Sie haben zuerst provoziert.“

    Für einen Augenblick wurde es still, bevor Ravan langsam eine Augenbraue hob. „Philippe.“

    „Ja, Boss?“

    „Seit wann verteidigst du Besucher?“

    Philippe verzog keine Miene. „Ich verteidige niemanden.“

    Neben Raelyn erstarrte Duro. Ganz langsam drehte sie den Kopf zu Philippe.

    „Moment.“ Sie zeigte erst auf Raelyn, dann auf ihn. „Hat er sie gerade gelobt?“

    „Nein“, antwortete Philippe sofort.

    „Das klang aber wie Lob.“

    „Dann haben Sie es falsch verstanden.“

    Duro starrte ihn mehrere Sekunden lang an. „Ihr seid alle seltsam.“

    Ravan wandte sich wieder Raelyn zu, und etwas zwischen Belustigung und Neugier huschte über sein Gesicht. „Das wird immer interessanter.“

    Danach schwieg er einfach und verschränkte locker die Hände vor sich, als hätte er gerade lediglich eine zufällige Beobachtung ausgesprochen.

    „Nun gut.“ Seine Stimme wurde wieder sachlicher. „Kehren wir zu etwas Praktischerem zurück.“

    Die Leichtigkeit verschwand nicht ganz. Trotzdem war plötzlich wieder klar, wer hier die Kontrolle hatte.

    Duro verzog augenblicklich das Gesicht. „Jetzt kommt der schlimme Teil.“

    Ravan ignorierte den Kommentar vollständig. „Sie erledigen gelegentlich Aufgaben für mich. Im Gegenzug streiche ich einen Teil der Schulden.“

    Raelyn schwieg. Nicht, weil sie überrascht war, sondern weil sie versuchte herauszufinden, wo der eigentliche Haken lag.

    Ihre Haltung wurde unmerklich steifer. „Und wenn wir ablehnen?“

    Zum ersten Mal seit Beginn des Gesprächs verschwand das Lächeln vollständig aus Ravans Gesicht. Nicht einmal Verärgerung war darin zu erkennen, keine offene Drohung – nur eine trockene Sachlichkeit, die alles plötzlich unangenehmer machte, während er sich leicht nach vorne beugte. „Dann“, sagte er beinahe beiläufig, „wird sich das Rust Syndicate die offenen Schulden auf anderem Weg zurückholen.“

    Die Worte kamen ohne jede Schärfe, beinahe höflich. Neben ihr hörte Raelyn, wie Duro langsam die Luft anhielt, während sie selbst seinem Blick standhielt.

    Sie mochte seine Art nicht, und trotzdem konnte sie nicht wegsehen. Vielleicht wegen dieser Gelassenheit, mit der er sprach. Möglicherweise wegen der Mühelosigkeit, mit der er Kontrolle ausstrahlte.

    Oder vielleicht, weil dieser Abend sich plötzlich nach etwas anfühlte, das nicht einfach wieder verschwinden würde.

    Langsam hob sie den Kopf. „Einverstanden.“

    Duro fuhr sofort zu ihr herum. „Moment, was?!“

    Ravan betrachtete sie einen Herzschlag länger, als hätte ihre schnelle Entscheidung eine Vermutung bestätigt.

    „Willkommen im Spiel, Miss Blackburn.“


    x



  • Hiiiiii Rajani ^-^

    Sitze im Nachtdienst und hab mehrmalig die Teaser für deine Fanfiction im Forum gesehen, weshalb ich mir mal bisschen Zeit genommen hab, um das ganze zu lesen und einen Kommentar da zu lassen.

    Vorne weg - ich bin mir vollkommen bewusst, dass ich für dieses Werk explizit wahrscheinlich nicht die Target Audience bin. Deswegen, nimm die folgenden Beobachtungen/Rückmeldungen gerne mit ner Prise Salz zu dir. Letztendlich kann ich nur Einblick darüber geben, wie das Geschriebene bei mir ankommt, und was es in mir als Leserin auslöst.

    Above everything - ich bin schon ein Fan davon, Pokémon auch mal in ein generell ernsteres, düsteres Setting zu packen, und ich liebe Kalos sowieso, weswegen du dafür schonmal einen Pluspunkt bei mir erntest. Ich finde auch die Implikation von Gang Dynamiken ziemlich interessant als Aufhänger, wobei ich natürlich gespannt bin, wie viel du davon tatsächlich umsetzt und wie stimmig das in sich bleibt, und wie viel davon Plot Device ist. Dein Lore/World Building Lexikon hab ich mir nicht dazu genommen, weil ich um alles, was mit KI zu tun hat, aus eigener Entscheidung heraus einen fetten Bogen mache. Falls du darauf also schon mehr eingegangen sein solltest, ist meine Aussage natürlich redundant. Weiß natürlich nicht, wie essenziell das in der Zukunft als Leser sein wird, auch wenn ich es bisher aus deinem Startpost nur als Ergänzung verstanden hab.

    Den Einstieg in das Geschehen finde ich gut gewählt, du schaffst es auf jeden Fall durch Metaphern und sehr bildlich beschriebene Szenen eine gewisse Atmosphäre zu erzeugen, bei der man direkt feststellt, wie du den Ton deiner Fanfiction gestalten willst.


    Ich hab jetzt am mobilen Gerät wenig die Möglichkeit, das zu zitieren, mir sind aber tatsächlich selbst ein paar Wortwiederholungen und auch ähnlich formulierte Sätze aufgefallen, über die ich im Lesefluss tatsächlich gestolpert bin, und bei denen ich teilweise dann einen "hab ich das nicht eben schonmal so gelesen?" Moment hatte. Bzw generell Dinge, die mir beim Lesen aufgefallen sind.

    - die Szene, in der du zweimal "beinahe wie ein Schatten" und "fast wie ein lebendiger Schatten" schreibst

    - Hundemon hat keine Ohren, du beschreibst aber mehrfach die Ohren des Pokémon

    - beim Einstieg in den Kampf schreibst du viermal "Pflaster", was an sich obvs nicht falsch ist, aber halt eine wiederholende Beschreibung ist; "Boden", "Fläche", "Feld" oder auch einfach weglassen, weil's mehrmalig impliziert wurde, sind auch Alternativen zur Beschreibung und hier vielleicht etwas abwechslungsreicher

    - du beschreibst Ravans Attitüde sehr repetitiv, und versteh mich nicht falsch, ich sehe vollkommen, dass du letztendlich versuchst, seinen Charakter zu etablieren. Was dir auch gelungen ist. Durch stetiges Wiederholen von "er ist ziemlich nonchalant", "er stellt keine Fragen, er beantwortet sie schon" und "er macht Festellungen und erwartet keine Antworten", "er ist an deiner Protagonistin interessiert", bleiben die Stellen, an denen du ihn erstmalig so schilderst, aber halt nicht mehr einzigartig und wirklich eindrucksvoll. Ich bin die Gruppe Leser, die sehr von "Show dont Tell" lebt, und das bedeutet nicht, dass man mir Sachen nicht explizit mehrmals ausschreiben darf. Aber wenn ich quasi dieselbe Eigenschaft fünfmal in einer Szene lese, denke ich irgendwann "okay, ich hab's verstanden". Ist natürlich erst das erste Kapitel, und ich denke, im weiteren Verlauf wirst du bestimmte Charakter Eigenschaften ganz anders etablieren. Aber das hat mich im Lesefluss definitiv ein wenig irritiert.

    -Auch aufgefallen sind mir diese beiden Passagen, die quasi identisch sind in Aufbau und Struktur:

    „Also…“ Sie hob vorsichtig eine Hand. „Nicht, dass ich ungern mitten vor einem Clan-Hauptquartier herumstehe, aber reden wir jetzt noch über Zita oder sterben wir später?“

    Und später dann

    „Also…“ Sie hob vorsichtig eine Hand. „Nicht, dass ich diese sehr spezielle Atmosphäre ruinieren will, aber wir sind eigentlich wegen Zita hier.“

    - Der Part, bei dem sie in das Gebäude gehen, wirkt doch ein wenig langgezogen, vor allem weil du doch sehr oft wiederholende Formulierungen gewählt hast, vor allem "Metall" und "metallisch" wiederholt sich hier sehr oft.


    Das ist soweit alles, was mir aufgefallen ist, in einer Art, über die ich mich äußern will. Die Charakterisierung von Duro und Philippe hat mir sehr gut gefallen, und die Dynamik zwischen den beiden fand ich tatsächlich super unterhaltsam, freue mich schon mehr davon zu sehen. Bin sowieso immer hooked, wenn Nebencharaktere mindestens annähernd so interessant wie die Protagonisten sind.


    That being said - das sind nur meine 2 Cent. Du musst original nix davon annehmen, aber beim Lesen kamen mir einfach ein paar Gedanken, die ich mitteilen wollte, weil eine Autorin immer anders liest als eine Leserin.

    Hab das Thema jedenfalls abonniert und bin sehr gespannt, wohin sich das ganze entwickelt, und wie slow der slow burn wirklich wird hehe.

  • Huhu Feliciá. ^_^


    Vielen lieben Dank, dass du dir trotz Nachtdienst die Zeit genommen hast, das erste Kapitel zu lesen und mir so ein ausführliches Feedback gegeben hast. :D Darüber freue ich mich wirklich sehr, vor allem weil es für mich schon Jahre her ist, dass ich wirklich aktiv mit dem Ziel einer Veröffentlichung geschrieben habe - wenn auch nur online.

    Mich hat's gefreut, dass du direkt auf die Atmosphäre, das Setting und die Dynamik zwischen den Charakteren eingegangen bist. :D Umso mehr freut es mich, dass Duro und Philippe dir gefallen haben. Gerade Duro wird für ihre lockere Art auf die eine oder andere Weise sicherlich für Schmunzler anregen. :D Passiert selbst mir regelmäßig, wenn ich ältere Kapitel durchlese. xD


    Bezüglich des Weltlexikons: Texte sind vollständig von mir geschrieben, lediglich die Illustrationen (gerade die Weltkarten zu meinen Kontinenten) dienen als bildhafte Ausgestaltung des Inhalts. Ich kann allerdings vollkommen verstehen, dass der sichtbare KI-Anteil abschreckend wirkt. Wer das Weltlexikon auslässt, verpasst dadurch jedoch möglicherweise einzelne ergänzende Festlegungen zu meiner Welt. Dazu gehören beispielsweise die anatomischen Regeln meiner Pokémon-Welt, nach denen manche Pokémon über Körpermerkmale verfügen können, die in ihrem offiziellen Design nicht oder nur stilisiert erkennbar sind.

    Deine Hinweise zu den Wiederholungen nehme ich mir auf jeden Fall vor. Die beiden Schattenvergleiche, die Häufung von „Pflaster“ sowie „Metall“ und „metallisch“ sind mir beim Schreiben tatsächlich nicht mehr aufgefallen. Auch die beiden ähnlich aufgebauten Duro-Passagen sehe ich jetzt, wenn du sie direkt nebeneinanderstellst. Das werde ich etwas variieren.


    Bei Ravan war die wiederholte Beschreibung seiner kontrollierten, beobachtenden Art zunächst bewusst gesetzt, weil Raelyn ihn in diesem Kapitel zum ersten Mal erlebt und seine Wirkung auf sie noch nicht einordnen kann. Trotzdem hast du recht, dass ich an einigen Stellen wahrscheinlich etwas zu viel erkläre, obwohl seine Haltung und seine Dialoge das bereits vermitteln. Da werde ich etwas zurücknehmen und stärker darauf vertrauen, dass die Szene für sich spricht.


    Dass dir der Weg in das Hauptquartier etwas lang vorkam, kann ich nachvollziehen. Ich wollte damit bewusst die Atmosphäre des Rust Syndicate aufbauen und Raelyns Anspannung steigern, bevor sie Ravan begegnet. Trotzdem werde ich schauen, ob sich dort ein paar Beschreibungen straffen lassen, ohne die Stimmung zu verlieren.


    Noch einmal ganz lieben Dank für deine ausführliche Rückmeldung und dafür, dass du die Geschichte abonniert hast! Ich bin selbst sehr gespannt, wohin sich alles entwickelt – und vor allem, wie lange der Slow Burn tatsächlich langsam bleibt. xD

    Aber gut, ich bin in der Überarbeitung deutlich eskaliert und mittlerweile haben sich einige Dinge um viele Kapitel nach hinten verschoben. ^^


    Montag wird das zweite Kapitel kommen. x)


    Ich wünsche dir jedenfalls noch einen ruhigen Nachtdienst. Und Hut ab, dass du am Handy Kommenttare schreibst. Ich hätte das Handy schon mehrmals an die Wand geworfen (ich hasse es, lange Posts am Handy zu verfassen).


    Gruß,


    ~ Rajani



  • x



    Der Weg zur Station verlief wortlos. Sie lag nur wenige Straßen vom Hauptquartier entfernt. Zwischen nassen Gehwegen und dunklen Bambusreihen gelangten sie zurück in die helleren Stadtbezirke, dorthin, wo Illumina wieder in Bewegung kam.

    Wenig später glitt die Straßenbahn nahezu lautlos durch die Nacht. Hinter den beschlagenen Scheiben zogen Neonstreifen vorbei, spiegelten sich für einen Augenblick im Glas und verschwanden wieder. Cafés hatten noch geöffnet, Menschen drängten sich unter Vordächern zusammen, Straßenhändler räumten ihre Stände ein, während über allem die Lichtbänder der Stadt wie fließende Sterne zwischen den Gebäuden hingen.

    Alles wirkte normal. Fast schon zu normal.

    Duro saß neben ihr und sagte nichts – was fast noch auffälliger war als jedes ihrer sonstigen Kommentare.

    Raelyn hatte die Hände tief in den Jackentaschen vergraben und verfolgte die vorbeiziehenden Lichter mit leerem Blick.

    Immer wieder tauchte Ravans Stimme in ihren Gedanken auf.

    Willkommen im Spiel, Miss Blackburn.

    Sie hasste, wie ruhig er es gesagt hatte. Als wäre ihre Antwort nie Teil seiner Rechnung gewesen.

    Kaum hatten sie das Hotel Z erreicht, wurde die schwere Holztür von innen geöffnet. Im Foyer wartete Kaylen bereits. Er fuhr sich unruhig durch die dunklen Zöpfe, wobei die kleinen orangefarbenen Bänder kurz im Licht aufblitzten.

    Als er Raelyn sah, ließ die Anspannung in seinem Gesicht sichtbar nach. „Raelyn! Duro!“, rief er und kam ihnen einige Schritte entgegen.

    Azetts Floette hatte zusammengerollt auf einem der alten Sofas im Foyer geruht. Bei ihrem Anblick hob es den Kopf, flatterte aufgeregt durch den Raum und zog einen feinen Schimmer aus Blütenstaub hinter sich her.

    Raelyn hob automatisch die Hand, und das kleine Pokémon ließ sich kurz auf ihrer Schulter nieder.

    „Ich dachte schon, ihr kommt gar nicht mehr zurück.“ Kaylens Stimme verlor die letzte Anspannung erst im Sprechen selbst. „Was ist passiert?“

    Duro starrte ihn einen Moment nur an. „Du wirst mir das nicht glauben.“

    Kaylen zog leicht die Augenbrauen zusammen. „Das klingt nie gut.“

    „Nein“, sagte Duro ernst. „Überhaupt nicht.“

    Sie drehte den Kopf zu Raelyn. „Wir waren gerade bei einem Mafiaboss.“

    Kaylen blinzelte irritiert, während Floette ein verwirrtes „Flo?“ von sich gab.

    „Ihr wart bitte wo?“

    Duro hob beide Hände. „Nein, warte. Es wird noch schlimmer.“

    Raelyn schloss für einen kurzen Moment die Augen. Sie wusste sofort, dass der Abend noch längst nicht vorbei war.

    „Wir haben mit ihm geredet“, sagte Raelyn schließlich ruhig.

    Kaylen sah sie mehrere Sekunden einfach nur an, bevor er langsam nachhakte. „Mit einem Mafiaboss?“

    „Ja“, bestätigte Raelyn.

    Seine Stirn legte sich tiefer in Falten. „Freiwillig?“

    „Nicht ganz“, erwiderte sie knapp.

    Duro hob sofort den Finger, als hätte sie jäh eine wichtige Korrektur anzumelden. „Wichtige Ergänzung: Vorher gab es einen kleinen Kampf vor dem Eingang.“

    Kaylen starrte sie an. „Einen kleinen Kampf?“

    „Zwei gegen eins“, erklärte Duro ernst. „Stollrak und Vipitis.“

    Floette machte erschrocken einen kleinen Satz in die Luft.

    Kaylens Aufmerksamkeit lag nun ausschließlich auf Raelyn. „Du hast was gemacht?“

    Raelyn zog ihre Jacke aus und legte sie über die Sofalehne. „Es war notwendig.“

    „Notwendig?“ Kaylens Stimme kippte leicht.

    „Wir mussten hinein.“

    Duro verzog das Gesicht. „Das ist zumindest ihre Version.“

    „Duro.“

    „Ich korrigiere nur die Fakten.“

    Kaylen ließ sich auf die Armlehne eines Sessels sinken und fuhr sich über das Gesicht. „Da lasse ich euch einen Abend allein ... Einen Abend.“

    Floette flatterte langsam von Raelyns Schulter und zog feine Lichtspuren durch die Luft, bevor es wieder über dem Sofa in der Schwebe verharrte.

    „Also gut, jetzt erklärt mir bitte den Teil, in dem ihr zum Hauptquartier einer kriminellen Organisation spaziert, mit einem Mafiaboss redet und trotzdem heil wieder hier auftaucht.“

    Duro überlegte demonstrativ. „Kurze Antwort oder vollständige Katastrophe?“

    Kaylen zog die Augenbrauen zusammen, lehnte sich ein Stück nach vorne und verschränkte die Arme. „Kurze Antwort.“

    Duro nickte einmal, sehr ernst, als hätte sie sich innerlich schon für den Schlag entschieden. „Wir sind jetzt verschuldet.“

    Stille legte sich über den Raum, dicht und schwer, als hätte jemand die Luft selbst kurz angehalten.

    Kaylen blinzelte langsam. Einmal. Dann noch einmal, als hätte sein Gehirn die Information beim ersten Durchlauf abgelehnt. „Was?“

    Duro hob sofort beide Hände, ruderte damit in der Luft herum und zeigte hektisch erst auf sich, dann auf Raelyn. „Nicht wir-wir“, erklärte sie schnell, die Stimme eine Spur zu hoch. „Also irgendwie schon wir, aber eigentlich Zita, aber jetzt auch wir, weil wir da irgendwie reingezogen wurden und jetzt offenbar Aufträge erledigen sollen und—“

    Sie brach abrupt ab, presste die Lippen zusammen und verzog das Gesicht, als hätte sie selbst gemerkt, dass sie gerade alles nur schlimmer machte.

    „Weißt du was?“ Sie ließ die Schultern sinken. „Die vollständige Version war vielleicht doch besser.“

    Raelyn ließ sich langsam auf das Sofa nieder. Das Polster gab unter ihr nach, und erst jetzt merkte sie, wie schwer sich ihre Schultern plötzlich anfühlten.

    „Zita hat Schulden beim Rust Syndicate“, sagte sie nüchtern. „Erhebliche Schulden.“

    Kaylens Gesicht veränderte sich schlagartig. Die Farbe wich ihm aus den Wangen, während sich seine Züge zu einer nüchternen, angespannten Linie glätteten.

    „Wie viel?“, fragte er, deutlich leiser als zuvor.

    Raelyn schwieg einen Moment. „Eine Million Pokédollar“, sagte sie schließlich.

    Floette stieß einen leisen, entsetzten Laut aus und flatterte irritiert in der Luft.

    Kaylen reagierte nicht sofort. Seine Hand schloss sich fester um die Sessellehne.

    „Eine Million“, wiederholte er schließlich, als müsste er die Zahl erst einmal aussprechen, um sie zu begreifen.

    Duro zog die Schultern leicht an. „Japp.“

    Wieder folgte keine Antwort.

    Floette schwebte näher heran, legte den Kopf schief und stupste vorsichtig gegen Kaylens Schulter, als wolle es testen, ob da noch jemand erreichbar war.

    Erst da ließ Kaylen die Hand sinken, als hätte sie plötzlich an Gewicht gewonnen.

    „Und dieser Mafiaboss—“ begann er, die Stimme noch immer kontrolliert, aber deutlich angespannter.

    „Ravan“, fiel Duro ihm sofort ins Wort, fast reflexartig.

    Raelyns Augen verengten sich um einen Hauch. Natürlich fiel sein Name ausgerechnet jetzt.

    „—Ravan“, wiederholte Kaylen, diesmal etwas schwerer, „hat einfach beschlossen, euch irgendwelche Aufträge zu geben?“

    „‚Beschlossen‘ klingt zu freiwillig“, warf Raelyn ein, die Arme locker vor der Brust verschränkt, den Ton trocken, aber fest. „Sagen wir: Er hat uns eine Alternative präsentiert.“

    Duro beugte sich ein Stück vor. „Zur Verteidigung des Psychopathen –“

    „Nenn ihn nicht so“, unterbrach Raelyn sie. „Zumindest nicht, solange wir nicht wissen, wie weit sein Informationsnetz reicht.“

    Duro musterte sie. „Das war überraschend vernünftig.“

    „Einer von uns muss damit anfangen.“

    Bevor jemand etwas hinzufügen konnte, öffnete sich die Tür zum Aufenthaltsraum, und Zita trat ein.

    Wie immer wirkte sie auf den ersten Blick unverschämt entspannt – helles Haar locker über die Schultern gelegt, ein warmes, fast unpassend freundliches Lächeln schon halb im Gesicht.

    Doch es hielt nicht. Sie sah sich im Raum um, blieb an den Gesichtern hängen, und das Lächeln verschwand.

    Sie blieb stehen, eine Hand noch halb an der Tür. „Okay.“ Die Leichtigkeit wich aus ihrer Stimme. „Warum sieht es hier so aus, als wäre gerade jemand gestorben?“

    Zita sah zwischen ihnen hin und her. Ihr Blick suchte nach einer Erklärung, doch niemand half ihr dabei.

    Schließlich räusperte sich Duro, als müsse sie eine unangenehme Antwort im Unterricht vortragen.

    „Niemand ist gestorben“, sagte sie langsam, mit einem Tonfall, der das irgendwie beruhigend klingen lassen sollte.

    Sie zögerte kurz, verzog das Gesicht. „Aber finanziell … sind wir ihm ziemlich nahegekommen.“

    Zita starrte sie verständnislos an. „Wie bitte?“

    Kaylen drehte sich langsam zu ihr, nicht hektisch, nicht überrascht – eher in dieser gefährlich ruhigen Art, die an einen Moment vor dem Donner erinnerte.

    „Zita“, sagte er sehr kontrolliert, „wie viel hast du dir geliehen?“

    Sie hob leicht die Schultern, als wäre das alles ein Missverständnis, das sich gleich aufklären würde.

    „Hunderttausend Pokédollar?“ Ein unsicheres Lächeln zuckte über ihr Gesicht. „Das ist doch eigentlich noch überschaubar –“

    „Eine Million“, fiel Duro ihr trocken ins Wort.

    Niemand sagte etwas.

    Das Lächeln blieb bei Zita einen Herzschlag lang hängen, starr und unpassend, dann rutschte es ihr regelrecht vom Gesicht.

    „Bitte was?“ Ihre Stimme brach leicht am Ende.

    Zitas Blick fiel auf die schmale Schachtel auf dem niedrigen Tisch neben dem Sofa. Sie hielt inne. Daneben lagen vier noch nicht angezündete Kerzen auf einem kleinen Teller, die Kaylen offenbar bereitgelegt hatte, bevor Raelyn und Duro zurückgekehrt waren.

    Für einen Augenblick wirkte Zita, als wüsste sie nicht, wohin sie zuerst sehen sollte.

    „Ihr habt daran gedacht“, sagte sie leise.

    Duro verzog den Mund. „Der Plan war eigentlich, dir zu gratulieren, bevor wir dir erzählen, dass deine Schulden uns gerade eingeholt haben.“

    Ein schwacher Zug ging über Zitas Gesicht. „Das ist ein ziemlich miserabler Geburtstag.“

    „Noch ist er nicht vorbei“, sagte Kaylen.

    Die Erwähnung des Geburtstags nahm der Situation kurz die Schärfe. Dann sah Zita wieder zu Raelyn.

    „Die hunderttausend waren nur die ursprüngliche Summe“, sagte Raelyn. „Zinsen, Gebühren und Vertragsstrafen haben den Betrag weiter erhöht.“

    Zitas Blick sprang zwischen ihr, Duro und Kaylen hin und her. „Das ist nicht euer Ernst.“

    „Ist es leider doch“, sagte Raelyn schlicht.

    Zitas Hände sanken langsam, als hätte jemand ihr die Spannung aus den Schultern gezogen. „Oh.“

    Mehr kam nicht; kein weiterer Satz, kein Protest, nur dieses eine, leere Wort, das im Raum stehen blieb.

    Floette schwebte vorsichtig näher und stupste sie sanft gegen die Wange.

    Zita reagierte reflexhaft und strich dem kleinen Pokémon über den Kopf, ohne richtig hinzusehen.

    „Raelyn …“ Ihre Stimme wurde leiser, vorsichtiger. „Du bist deswegen wirklich dahingegangen?“

    Raelyn atmete tief aus. „Ja.“

    Zita sah sie an, lange, und diesmal ohne jede Spur von Unsicherheit. „Das hättest du nicht tun müssen.“

    Raelyn hob leicht eine Augenbraue. „Doch.“

    Ein kurzes, bitteres Zucken ging über Zitas Gesicht, bevor sie den Kopf senkte.

    Stille legte sich wieder über den Raum, diesmal nicht schwer, eher erschöpft – wie nach einem langen Satz, der noch nicht verarbeitet war.

    Kaylen saß reglos auf der Armlehne, Duro hatte sich inzwischen halb ins Sofa sinken lassen, Floette schwebte unschlüssig zwischen ihnen, und Zita stand noch immer mitten im Raum, als hätte sie vergessen, dass man sich auch setzen durfte.

    Raelyn sah einen nach dem anderen an. Noch vor kurzer Zeit wären sie einfach Menschen gewesen, die sie nie wieder gesehen hätte.

    Jetzt saßen sie hier, alle auf ihre eigene Weise überfordert, und trotzdem irgendwie da.

    Der Gedanke, einfach aufzustehen und zu gehen, fühlte sich zum ersten Mal nicht nur möglich, sondern falsch an.

    Ein scharfes Vibrieren zerschnitt die Stille. Zitas Handy sprang auf dem Tisch ein Stück nach vorne.

    Sie zuckte sichtbar zusammen.

    „Oh!“ Sie griff hastig danach, sah aufs Display – und erstarrte. „Es ist Vincent.“

    Zita starrte das Display mehrere Sekunden an, als hoffte sie noch auf eine andere Anzeige. Dann nahm sie ab. „Vincent?“ Ihre Stimme war sofort angespannt.

    Schon nach den ersten Worten veränderte sich ihr Gesicht. „Was? Schon wieder?“

    Die Müdigkeit war wie abgeschnitten. Ihre Schultern strafften sich, der Blick wurde schärfer und konzentrierter.

    Kaylen setzte sich unwillkürlich ein Stück aufrechter hin, während Duro ihr gewohntes Grinsen fallen ließ und nur noch beobachtete.

    Zita hörte zu. Kein Wort kam von ihr, nur ein leises Atmen, während sich ihre Miene mit jeder Sekunde weiter verhärtete.

    „Wie viele?“, fragte sie schließlich, deutlich leiser, aber umso ernster. Ihre Finger schlossen sich so fest um das Smartphone, dass die Knöchel weiß hervortraten.

    „Verstanden“, sagte sie dann, knapp, fast trocken. Sie legte auf.

    Keiner fragte sofort etwas.

    Zita senkte das Smartphone. „Es gab weitere Vorfälle“, sagte sie schließlich.

    Duro zog sofort die Stirn zusammen und legte den Kopf leicht schief. „Weitere?“

    Zita nickte knapp. „Pokémon geraten wieder außer Kontrolle.“ Ihre Stimme klang erschöpft, blieb jedoch kontrolliert. „In mehreren Bezirken steigt die Mega-Energie unerwartet an.“

    Die Nachricht nahm dem Raum die letzte Leichtigkeit.

    Kaylen lehnte sich zurück und schloss die Augen. „Natürlich“, murmelte er tonlos. „Natürlich heute.“

    Duro sank tiefer ins Sofa, die Schultern nach vorne fallend. „Ruhe ist offiziell ein Mythos“, stellte sie trocken fest.

    Floette flatterte unruhig näher an Kaylen heran, zog kleine, nervöse Kreise und blieb schließlich in seiner Nähe in der Luft hängen.

    Raelyn sagte nichts. Ihre Augen glitten langsam durch die Runde – Zita, die das Handy noch immer fest umklammert hielt, Kaylen mit geschlossenen Augen, Duro, die ins Leere starrte.

    Sie richtete sich auf. „Dann kümmern wir uns zuerst darum.“

    Duro hob sofort den Kopf, als hätte sie sich verhört. „Wir?“

    Raelyn spürte, wie sich etwas in ihr verschob, kaum greifbar, aber endgültig. Sie sah in die Runde. „Ja“, sagte sie. „Wir.“

    Für einen Moment passierte nichts.

    Doch Kaylen öffnete die Augen wieder, und die Anspannung in seinen Schultern ließ minimal nach. Duro blinzelte einmal, als müsste sie neu sortieren, was sie gerade gehört hatte. Und Zita stand reglos da, das Handy noch in der Hand.

    Raelyn erkannte in ihrem Gesicht Erleichterung und völlige Überforderung.

    Zita senkte den Blick, hob ihn jedoch gleich wieder. „Mir ist bewusst, dass das meine Schuld ist.“

    Ihre Stimme war leiser geworden, aber nicht unsicher. Eher entschlossen, nur ohne jede Ausrede. „Ich hätte den Vertrag genauer lesen müssen. Ich dachte, ich schaffe es, rechtzeitig zurückzuzahlen.“ Ihre Finger krallten sich kurz ineinander. „Ich wollte nur verhindern, dass wir das Hotel verlieren. Mehr nicht. Ich wollte niemanden da hineinziehen.“

    Duro öffnete den Mund, schloss ihn wieder und sah schließlich zur Seite, als hätte sie nichts gefunden, was gerade hilfreich wäre.

    Kaylen sagte nichts. Die Anspannung in seinem Kiefer blieb jedoch sichtbar.

    Raelyn sah Zita an. Wut wäre einfach gewesen, klar und verdient, doch darunter lag dieses unangenehme Verständnis dafür, wie schnell Menschen Entscheidungen trafen, wenn sie glaubten, keine andere Wahl mehr zu haben.

    „Es ist passiert“, sagte sie schließlich.

    Zita hob den Kopf.

    „Das heißt nicht, dass es in Ordnung ist“, ergänzte Raelyn bestimmt. „Nur dass es uns nicht hilft, dich jetzt dafür auseinanderzunehmen.“

    Raelyn straffte die Schultern. „Es gibt jetzt eine Vereinbarung. Ich nehme die Aufträge an.“

    Kaylen wandte sich sofort zu ihr, die Stirn in Falten. „Du?“

    „Ich war diejenige, die zugesagt hat.“

    „Raelyn—“

    „Und ich werde nicht zulassen, dass Ravan hier auftaucht und den Ton angibt.“ Bei seinem Namen wurde ihre Stimme kälter und klarer. „Das Rust Syndicate lässt uns im Moment keine echte Wahl. Wenn wir ablehnen, holen sie sich die Schulden anders.“

    Zita schloss kurz die Augen, als wöge dieser Satz schwerer als alles andere zuvor.

    „Aber das Hotel bleibt unser Stützpunkt“, fuhr Raelyn fort, ohne den Rhythmus zu verlieren. „Ihr haltet hier den Alltag und die Sicherheitsvorkehrungen aufrecht. Niemand gerät in Panik. Niemand erfährt mehr als nötig.“

    Kaylens Kiefer spannte sich an. „Und du machst den Rest allein?“

    „Nein.“ Das kam sofort. Zu schnell, um geplant zu sein.

    Raelyn hielt einen Moment inne, als hätte sie sich selbst eingeholt, dann sah sie nacheinander zu ihnen.

    „Nicht allein“, wiederholte sie ruhiger. „Aber ich lasse nicht zu, dass er bestimmt, wie wir damit umgehen.“

    Duro musterte Raelyn. „Das klang gerade ziemlich nach Trotz“, stellte sie trocken fest.

    „Gut“, erwiderte Raelyn, ohne zu zögern.

    Duro blinzelte. „Nur zur Klarstellung: Trotz gegenüber einem Mafiaboss ist jetzt unser offizieller Plan?“

    „Nein“, antwortete Raelyn. Nach kurzem Zögern fügte sie hinzu: „Aber nachgeben wird uns noch weniger helfen.“

    Kaylen stieß ein leises, erschöpftes Schnauben aus. Es klang eher nach Reflex als nach Humor.

    Zita sah Raelyn noch lange an. In ihren blauen Augen lag etwas, das Raelyn nicht recht zu deuten wusste. „Danke“, sagte sie schließlich leise.

    Raelyn wandte den Kopf ein Stück ab, als würde sie das Wort nicht ganz an sich heranlassen wollen. „Später“, erwiderte sie. „Wir haben gerade wichtigere Probleme.“

    Duro lehnte den Kopf gegen die Sofalehne und starrte einen Moment lang wortlos an die Decke. „Ich hasse es, wenn das stimmt“, murmelte sie schließlich.

    Kaylen richtete sich wieder etwas auf, die Erschöpfung noch deutlich in den Schultern, aber seine Stimme wurde sachlicher. „Was genau hat Vincent gesagt?“

    Zita sah auf ihr Handy, als könnte sich dort inzwischen eine angenehmere Version der Nachricht verstecken.

    „Mehrere Ausschläge“, erklärte sie. „Über die Stadt verteilt. Noch keine konkreten Daten zu den betroffenen Pokémon, nur instabile Mega-Energie. Vincent versucht, die Signaturen einzugrenzen.“

    Duro verzog das Gesicht. „Also wissen wir nicht, was uns erwartet.“

    „Noch nicht“, bestätigte Zita leise.

    Floette blieb dicht bei Kaylen, die Blüte eng an den Körper gezogen. Auch es wirkte unruhig, als würde es die angespannte Stimmung spüren.

    Raelyn stand auf. Die Müdigkeit lag schwer in ihren Gliedern, doch darunter hielt sich etwas Festes, eine Klarheit, die keinen Aufschub duldete.

    „Dann warten wir auf Vincents genaue Standorte“, sagte sie. „Keine Alleingänge. Keine spontanen Heldentaten. Sobald wir die Ausschläge lokalisiert haben, teilen wir uns sinnvoll auf.“

    Duro sah zu ihr auf. „Nur zur Erinnerung: Vor ungefähr einer Stunde warst du noch die Person, die in ein Mafia-Hauptquartier spaziert ist.“

    „Ich habe nicht behauptet, dass das spontan war.“

    „Ah.“ Duro nickte ernst. „Also geplante Heldentaten.“

    Raelyn sah in die Runde – zu Duro, die selbst jetzt noch Witze machte, zu Kaylen, der bereits wieder im Problemmodus angekommen war, und zu Zita, die blass und angespannt wirkte, aber trotzdem stehen blieb.

    Wir.

    Das Wort war noch ungewohnt, aber es saß nicht mehr falsch – und genau das machte es gefährlicher als alles andere an diesem Abend.

    Raelyn wandte sich ab, bevor jemand etwas in ihrem Gesicht lesen konnte. „Ich brauche kurz Luft.“

    Kaylen hob den Kopf. „Alles in Ordnung?“

    „Ja.“

    Das Wort kam sofort, fast reflexhaft – zu schnell, zu glatt, ohne die kleinste Pause dazwischen, die es glaubwürdig wirken lassen würde.

    Duro hob zwar eine Augenbraue, sagte aber nichts. Raelyn ließ den Moment verstreichen.

    Raelyn nahm ihre Jacke von der Sofalehne und ging zur Tür. Caliga folgte ihr.

    Der Flur empfing sie mit gedämpfter Stille – alter Teppich unter den Schritten, schwaches Licht an den Wänden, dahinter das entfernte Leben der Stadt.

    Mit jedem Schritt wurden die Stimmen hinter ihr leiser, bis nur noch ein dumpfes, fernes Rauschen blieb.

    Erst im Aufzug ließ sie den Atem wirklich los, tief und schwer, als hätte sie erst in diesem Moment bemerkt, dass sie die ganze Zeit über vergessen hatte zu atmen.

    Auf der Dachterrasse schlug ihr kühle Nachtluft entgegen. Der Regen war längst vorbei, aber seine Spuren blieben überall zurück – an den Geländern, auf dem Stein und auf den Glasflächen, die im Stadtlicht noch immer feucht schimmerten.

    Illumina lag unter ihr, ein flimmerndes Zusammenspiel aus Neon, Wasser und Bewegung.

    Raelyn trat ans Geländer und legte die Hände auf das kalte Metall.

    Caliga blieb neben ihr stehen, warm und still.

    Einen Moment lang sagte sie nichts – und doch war ihr Kopf längst nicht still, eher überfüllt von Gedanken, die sich nicht sortieren ließen – eine Million Pokédollar, instabile Mega-Energie, Zita, Kaylen, Duro, wir – und dazwischen, immer wieder hartnäckig und ungebeten, Ravan.

    Nicht einmal seine Worte blieben so sehr hängen wie dieser Tonfall – diese Ruhe, diese beiläufige Kälte, als wären Drohungen nichts weiter als höfliche Gesprächsbestandteile, ohne Gewicht und ohne Nachhall.

    Raelyns Finger spannten sich um das Geländer, bis die Kante schmerzhaft in ihre Haut drückte.

    Sie mochte ihn nicht – nicht seine Stimme, nicht dieses präzise, zu saubere Lächeln, nicht die Art, wie er Menschen behandelte, als ließen sie sich mühelos in Kategorien einordnen – als wären sie längst gelöste Probleme statt lebendiger Entscheidungen – und am wenigsten mochte sie, dass etwas von ihm hängen geblieben war.

    Der Wind frischte leicht auf und strich ihr einzelne dunkle Strähnen ins Gesicht, als würde er sie bewusst aus der Ordnung reißen wollen.

    Unter ihr lief Illumina weiter, unbeeindruckt, als hätte sich die Welt nicht im Geringsten verschoben – Straßenbahnen glitten durch ein Netz aus Licht, rote Reklametafeln flackerten im Wasser des Jahreszeitenkanals, und weit oben auf einem Hochhaus blinkte ein einzelnes Licht in gleichmäßigem Rhythmus.

    Caliga drückte ihre Schnauze sanft gegen Raelyns Hand. Erst da merkte Raelyn, wie fest sie das Geländer noch immer umklammerte.

    Langsam lösten sich ihre Finger vom Geländer.

    „Mir geht’s gut“, murmelte sie.

    Caliga blieb dicht neben ihr stehen und sah zu ihr auf, als glaubte sie ihr kein Wort.

    Raelyn wusste nicht, wie sie gemeinsam eine Million Pokédollar aufbringen sollten, nicht, was hinter den Ausbrüchen von Mega-Energie steckte und auch nicht, warum sich dieses Wort – Wir – bereits so selbstverständlich in ihre Gedanken geschlichen hatte.

    Alles hier ist eine Waffe, dachte sie, während sich ihr Mund kaum merklich verzog.

    Raelyn schloss für einen Herzschlag die Augen. „Ich mag ihn nicht.“

    Caligas Ohren zuckten.

    Dann vibrierte das Smartphone in ihrer Jackentasche.


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  • Abend Rajani !


    Weißt du wie lang ich drauf gewartet habe, bis du die Story hochlädst!?

    Soll jetzt keine Anschuldigung sein, aber yeeeah!


    Da wollte ich gerade den Kommentar für den Startpost und das erste Kapitel schreiben und gerade da stellst du das Zweite hoch. xD


    Ein großes Lob erstmal an ravy für das Coverart! :heart:

    Sieht super aus und ich mag den Stil, das Design der Charaktere sowie die Atmosphäre auf dem Bild.

    Es sind auch beide Protagonisten abgebildet ohne dass es klischeehaft oder so wäre.


    Der Startpost sieht ebenfalls sehr ansprechend aus, wie man es von dir gewohnt ist und der Klappentext macht neugierig.

    Hab mich zuerst gefragt... warum kann ich mich an diese Canon Charaktere nicht erinnern!? Dann kommt's mir natürlich: sie sind von Pokemon Z-A, das hab ich nicht gespielt und Ravan sieht auch im Game, hab den gegoogled, cute aus. Ich lieb den Style. xD


    Was du an KI für dich persönlich verwendest bzw. nicht monetarisierst, ist mir egal (und ich erwarte nicht, dass du für eine Fanfiktion etliche bezahlte Illustrationen verwendest), aber ich habe nun nicht mit über 200 Seiten Weltenlexikon gerechnet. Ich denke, das lass ich eher im Text auf mich alles zukommen und lese hier und da hinein. xD



    Bin auch eine Person, deren neurospicy Hirn schlicht nicht versteht, wo der Gedanke und die Wahrnehmung des POV-Charakters aufhört und wo Tell beginnt. Ich denke, da hat auch jeder seine persönliche Grenze oder Ansicht dazu, was nun Tell sein soll.

    Wenn ich schreibe und korrigiere, konzentriere ich mich nur auf den Charakter-POV und nicht darauf, wie ein möglicher Lesender den Text aufnehmen könnte.


    Ich denke jedoch, ich sehe was Feliciá gemeint hat? Wahrscheinlich weil ich nicht weiß, ob wir komplett in Raelyns Sicht sind, oder ob du die Erzählweise ein wenig mit einem auktorialen Erzähler mischt. zB. weil zu Beginn von ihren grünen Augen die Rede ist und niemand beschreibt aus der eigenen Sicht und ohne Gründe seine eigenen, grünen Augen.

    Wenn wir vollkommen in Raelyns Sicht wären, empfände ich es auch nicht als Tell wie Ravan dargestellt wird.

    Das ist aber auch nur meine persönliche Leseweise.


    Mir macht es btw so oder so nichts aus und ich mag deinen Schreibstil heute wie damals sehr gerne.

    Deine Kampfbeschreibungen lösen in mir auch ein sehr nostalgisches Gefühl aus haha

    Ich bin auch blind in das Setting hineingegangen, da ich Z-A ja nicht gespielt habe und bin dennoch sehr gut hineingekommen und kann mir das Setting und die Charaktere sehr gut vorstellen.


    Raelyn als deine Protagonistin finde ich bisher interessant und ich mag sie soweit und auch dieser Eindruck von Ravan ist sehr auf den Punkt gebracht.

    Dann kommen sie zurück und wer kennt's nicht... da lässt man seine Freunde mal kurz alleine, suchen sie einen Mafiaboss auf. xD


    Für mich persönlich ging es mir etwas zu schnell, bis sie sich wieder in die nächste Action hineinbegibt. Hatte gehofft, dass sie etwas länger im Hotel bleibt, aber ich mag allgemein lieber ein etwas langsameres Pacing und eigentlich machst du das hier auch gut, da das zweite Kapitel sehr dialoglastig ist.

    So finde ich das auch in Ordnung und mich interessiert natürlich was dahintersteckt, dass mehr Mega-Energie aufgetreten ist.


    Mir persönlich fehlen nur etwas die Absätze. Nicht Zeilenumbrüche, davon hast du ja genügend, sondern Absätze.

  • Huhu Bastet!

    Es freut mich sehr, dass die FF sehnsüchtig erwartet worden ist. 🫶🏼

    Aber bei inzwischen 53 vorgeschriebene Kapitel hab ich jetzt Content für ein Jahr zum Hochladen. Das sollte also passen. xD


    Ich bin mir gerade noch nicht sicher, ob ich mit dem Upload bei Montag bleibe oder auf den Sonntag switche. War gestern relativ spontan, dass ich das zweite Kapitel online gestellt hab. Ich hätte das heute Morgen nicht geschafft, aber da hab ich dann noch einiges zum Ausbessern gefunden und bin länger wach geblieben, als ich sollte. 🙈 Daher Verzeihung, dass ich dir in den Kommentar reingegrätscht bin. XD


    Jaaaa, mir gefällt das Cover auch sehr gut. Für Act II und III bleibt der Stil auch erhalten, aber da muss ich mir über die Gestaltung noch Gedanken machen, weil‘s auch die Entwicklung der Protas darstellen soll.


    Pokemon Z-A hat seine guten und schlechten Seiten; die negativen Aspekte ist unter anderem leider die technische Umsetzung des Spiels und der positive ist, dass mir in keinem anderen Spiel die Charaktere so gut gefallen haben, wie in diesem Spiel. Hab alle ziemlich lieb gewonnen. 😅 Das einzige, was ich im Bezug auf Ravan geändert habe: Er ist bei mir kein „Short King“. Im Spiel ist er nämlich fast so groß wie der Protagonist. xD Schon ein bisschen cute. xD

    Aber Azett müsstest du noch aus XY kennen. Das hatte ich mich echt gefreut, dass er mit seinem Floette im Spiel wieder auftauchte.


    Raelyn hab ich inzwischen auch sehr lieb gewonnen. Mir hat die Ausarbeitung bezüglich ihrer Familie und den Drachenhäusern richtig viel Spaß gemacht. Und ja, ein bisschen lässt House of the Dragon grüßen. 🥴


    Das Worldbuilding ist ein bisschen eskaliert, dabei wollte ich nur das Schulsystem etwas präzisieren, weil ich das für die Charaktere brauchte… und dann wurden daraus irgendwie 270. 🥲

    Und wie ich im Vorwort bereits sagte, dass die wenigsten Inhalte es wirklich in die FF schaffen, außer die ich vielleicht unmittelbar für das Setting brauche - alle vier studieren noch und dementsprechend ist auch das Alltag zwischendurch.


    Muss auch gestehen, dass mir die Länder aus unserem damaligen Worldbuilding nicht mehr so recht gefallen haben, daher hab ich das „etwas“ überarbeitet. Aber ein Länderlexikon mit teils erfundenen Kontinenten funktioniert eher schlecht ohne Karten.

    Hab zwar über Tools wie Incarnate und Co. nachgedacht, aber für ein modernes Setting passen die Mittelalter Karten halt einfach nicht so wirklich.

    KI kann für Nicht-Künstler wie mich daher schon ein nützliches Werkzeug sein, solange man damit verantwortungsvoll und kritisch damit umgeht und nicht behauptet, dass man Artworks selbst gezeichnet hat (es gibt leider sehr viel Artists auf Social Media, die das wirklich tun).

    Die Illustrationen im Dokument dienen ohnehin nur aus visuelle Ausgestaltung, da das Auge ja doch „mitisst“. Sämtliche Texte aus dem Worldbuilding stammen von mir, und darum sollte es ja in diesem Bereich gehen.


    Ich werde mich zwar an der Story des Spiels orientieren, aber es werden noch eigene Handlungsstränge hinzukommen. Gerade am Anfang merkt man noch deutlich, dass ich das zu Beginn sehr deutlich genommen habe - es werden die ersten Anomalien schon in den ersten fünf Kapiteln behandelt. Ich hab es zwar schon deutlich entschleunigt, als in der ersten Fassung (da waren sie alle in einem Kapitel und gefühlt am gleichen Tag), aber es bleibt trotzdem bisschen Action direkt am Anfang, mit bisschen Pause zwischendurch.

    Danach wird es aber wieder ruhiger, bevor meine eigene Storylines aufgebaut werden.


    Danke für‘s aufmerksam machen, dass teils die Erzählperspektiven vermischt sind. Ich hatte mich zu Beginn des Projekts noch nicht wirklich festgelegt und bei der Überarbeitung habe ich nur Abläufe erweitert oder gestrichen, ohne darauf zu achten. Ich werd jetzt darauf mehr achten, wenn ich die früheren Kapitel nochmal anfasse, bevor ich sie online stelle. ^^


    Ich werde die ersten beiden Kapitel im Laufe der Woche nochmal anfassen und entsprechend die Perspektiven korrigieren. Die ersten Kapitel sind ausschließlich aus Raelyns Sicht, erst später kommt Ravan dazu.


    So, ich habe tatsächlich mal einen längeren Text am Handy geschrieben und es nicht an die nächste Wand geworfen. 😂


    Vielen lieben Dank. ❤️


    Gruß,


    ~ Rajani


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    Der Wind trug noch immer den Geruch von Regen durch die Straßen, während Raelyn und Zita sich durch die engen Gassen der Zone Rose bewegten.

    Über den Dächern hing eine schwere Wolkendecke, tief genug, dass das fahle Licht der alten Reklametafeln nur verschwommen auf dem nassen Asphalt flackerte.

    Zumindest regnet es gerade nicht.

    Der Gedanke kam müde und ohne wirklichen Trost. Schlaf würden sie heute Nacht ohnehin kaum bekommen.

    „Flunkifer wurde zuletzt beim Rosengarten gesehen“, sagte Zita leise und zog ihre Jacke enger an sich. „Die Sensoren spielen völlig verrückt. Wenn es wirklich mega-entwickelt ist…“

    „Dann machen wir keinen Fehler“, erwiderte Raelyn.

    Der Wind fuhr unter ihre offene schwarze Jacke und ließ den Stoff gegen ihren Körper schlagen. Der Schlüsselstein an ihrer Halskette fing kurz das Licht einer Laterne ein.

    Irgendwo vor ihnen ertönte ein dumpfes metallisches Schaben.

    Beide blieben sofort stehen. Zwischen den Schatten einer halb verfallenen Häuserreihe trat Flunkifer hervor.

    Es wirkte falsch. Der kleine Körper zitterte unkontrolliert, unstete Energie lief flackernd über seine Haut. Seine Augen hatten jeden klaren Ausdruck verloren und wirkten milchig, beinahe leer.

    „Caliga“, sagte Raelyn leise. „Bereit?“

    Neben ihr trat Hundemon nach vorne. Ein tiefes Knurren vibrierte durch die enge Gasse.

    „Nicht angreifen, solange wir es vermeiden können“, sagte Zita hastig. Trotz aller Mühe hörte man das Zittern in ihrer Stimme. „Und denk dran – Fee-Typ.“

    Im nächsten Moment schrie Flunkifer auf. Für Raelyn klang der Laut nicht nach Aggression, sondern nach Schmerz.

    Die angestaute Energie brach mit einem Schlag aus seinem Körper hervor. Gleißendes Licht verschluckte das Pokémon vollständig – kalt und grell wie brechendes Metall im Mondschein.

    Der Boden vibrierte unter ihren Füßen. Staub wirbelte durch die Luft, Straßenlaternen flackerten hektisch und gingen nacheinander aus.

    Zita riss den Arm vors Gesicht. „Es kommt!“

    Das Licht verdichtete sich. Dann trat Flunkifer daraus hervor. Oder etwas, das einmal Flunkifer gewesen war.

    Das kleine Pokémon hatte sich verändert – größer, massiver, gefährlicher. Hinter seinem Kopf hatten sich die schwarzen Kiefer gespalten und zu zwei riesigen Mäulern verzerrt, die sich mit einem tiefen Knacken öffneten.

    Seine gelben Augen glühten wild und schmerzverzerrt.

    Raelyns Schlüsselstein begann plötzlich gegen ihre Haut zu pulsieren.

    „Das ist…“ Zitas Stimme wurde kaum mehr als ein Flüstern. „Mega-Flunkifer.“

    Das Pokémon stieß ein tiefes, kehliges Brüllen aus. Der Laut hallte zwischen den Häusern wider und ließ selbst die Luft schwer wirken.

    Raelyn trat einen Schritt vor, aber Mega-Flunkifer griff nicht sofort an.

    Die Energie um seinen Körper pochte unstet weiter, fast wie ein Herzschlag, der allmählich schwächer wurde. Die riesigen Kiefer schlossen sich langsam wieder.

    „Es wehrt sich dagegen“, murmelte Zita überrascht. „Das hatten wir bisher noch nie.“

    Das Zittern des Bodens ließ nach, dann spannte sich Flunkifers Körper erneut an.

    Ein dumpfes Grollen rollte über den Platz.

    Im nächsten Moment schoss das Pokémon los.

    „Jetzt!“ Zita warf einen Pokéball. Flambirex materialisierte sich in einem roten Lichtblitz und stürmte an ihr vorbei. „Feuerschlag!“

    Die brennende Faust raste auf Mega-Flunkifer zu, doch das Pokémon wich mit unnatürlicher Geschwindigkeit aus. Seine metallischen Kiefer schnappten mit einem ohrenbetäubenden Krachen zusammen. Funken stoben durch die Dunkelheit.

    Der erste Regentropfen schlug auf das Pflaster. Ein zweiter folgte. Innerhalb von Sekunden setzte feiner, kalter Regen ein und überzog die Straße mit einem silbrigen Schimmer.

    „Verdammt, das Ding ist schnell!“, keuchte Zita. „Und natürlich fängt es jetzt auch noch an zu regnen.“

    Raelyn kniff die Augen zusammen und sah zu ihrem Hundemon hinüber, das Flunkifer mit gesträubtem Fell anknurrte.

    „Wir müssen die Kontrolle übernehmen, bevor es komplett durchdreht.“

    Ihre Hand schloss sich um den Schlüsselstein an ihrer Kette. Fast gleichzeitig begann auch der Megastein an Hundemons Halsband zu glühen.

    „Caliga. Los.“

    Licht brach aus Hundemons Körper hervor. Flammen schossen meterhoch in die Luft, der Regen zischte laut, sobald er das Feuer berührte.

    Dann stand Mega-Hundemon vor ihnen — Knochenpanzerung glimmend, Feuer zwischen den Fängen wie flüssige Lava.

    Der Regen wurde stärker.

    Dampf stieg über dem Platz auf und verwandelte die Straße in ein flackerndes Durcheinander aus Licht und Schatten. Das Pflaster wurde rutschig, jeder falsche Schritt gefährlich.

    Mega-Flunkifer antwortete mit einem wütenden Brüllen.

    Beide Pokémon fixierten sich reglos, während ihre Energien gegeneinander drückten wie zwei Gewitterfronten.

    „Flammenwurf!“

    Der Feuerstrahl raste durch den Regen, traf jedoch nur auf einen Schutzschild, der sich im letzten Moment vor Flunkifer aufbaute.

    „Flambirex — Nitroladung!“

    In Flammen gehüllt schoss Flambirex nach vorne und rammte Mega-Flunkifer mit voller Wucht in die Seite. Dieses Mal war es nicht schnell genug gewesen.

    Das Pokémon taumelte, doch sofort schnappten die gewaltigen Kiefer zurück.

    Flambirex rutschte auf dem nassen Pflaster weg, fing sich gerade noch rechtzeitig und sprang wieder auf die Beine. Regenwasser verdampfte zischend auf seinem Körper.

    „Hilf ihm! Spukball!“

    Dunkle Energie traf Mega-Flunkifer frontal. Das Pokémon schrie auf, doch sein Blick blieb leer und unstet.

    Raelyn sah über Flunkifer hinweg zu den Fenstern der Häuser. Hinter einem davon brannte noch Licht. Wenn das Pokémon weiter in der Gasse kämpfte, würde früher oder später jemand zwischen die Angriffe geraten.

    „Wir müssen es zum Rosengarten bringen“, sagte sie.

    Zita folgte ihrem Blick. „Und wie?“

    „Indem wir ihm einen Weg lassen.“

    Raelyn gab Caliga ein Zeichen, zurückzuweichen. Die Schattenhündin löste sich von Flambirex und hielt sich an der gegenüberliegenden Hauswand, den Körper tief und die Augen auf die beiden Kiefer gerichtet.

    Flambirex nahm auf Zitas Zuruf ebenfalls Abstand. Zwischen den Pokémon öffnete sich ein Streifen Pflaster, der aus der Gasse hinausführte.

    Flunkifer rührte sich zunächst nicht. Regen lief über seine Stirn und tropfte von den Spitzen seiner Kiefer. Einer davon blieb weit geöffnet, während der andere sich langsam schloss. Raelyn konnte nicht sagen, ob es den freien Weg überhaupt wahrnahm.

    „Komm“, sagte Zita leise.

    Das Pokémon setzte einen Fuß vor den anderen. Für zwei Schritte folgte es der Lücke, die sie ihm gelassen hatten.

    Raelyn hielt Caliga zurück, obwohl diese bei jeder Bewegung Flunkifers die Muskeln anspannte.

    Dann fuhr einer der Kiefer herum und schlug gegen die Hauswand. Putz brach heraus. Flunkifer zuckte zusammen und presste beide Hände gegen den Kopf, als hätte der Schlag es selbst erschreckt. Der zweite Kiefer schnappte zu, dicht neben seinem Körper, ohne ein Ziel zu treffen.

    Zita sah zu Raelyn hinüber. Sie hatte Flambirex noch nicht wieder angreifen lassen.

    „Weiter“, sagte Raelyn. „Nur ein Stück.“

    Caliga ging seitlich mit, weit genug entfernt, um Flunkifer den Weg nicht abzuschneiden.

    Raelyn folgte ihr durch den Regen. Vor ihnen wurde die Gasse breiter; hinter der niedrigen Einfassung des Rosengartens lag eine freie Fläche. Noch wenige Meter.

    Flunkifer hob den Kopf. Für einen Augenblick richteten sich seine Augen auf den offenen Platz.

    Raelyn machte einen Schritt zur Seite, um ihm mehr Raum zu geben.

    Das Leuchten unter seiner Haut flackerte auf. Die Kiefer rissen auseinander, und Flunkifer stemmte die Füße gegen das nasse Pflaster. Raelyn erkannte die Bewegung einen Atemzug, bevor sich die Energie entlud.

    „Runter!“

    Dann feuerten jäh mehrere pulsierende Energiekugeln durch den Regen.

    Explosionen rissen den Boden auf. Schlamm, Rauch und Wasser spritzten in alle Richtungen, während Hundemon und Flambirex Mühe hatten auszuweichen.

    Der Regen machte alles schlimmer. Jeder Schritt wurde unsicher. Jeder Treffer gefährlicher.

    Raelyn biss sich auf die Lippe. „Es kämpft gar nicht bewusst“, sagte sie leise. „Die Mega-Essenz kontrolliert es.“

    Zita nickte hastig. Regen lief ihr über das Gesicht, vermischte sich mit Schweiß. „Dann müssen wir es stoppen, bevor die Energie es zerreißt.“

    Ein kurzer Blick zwischen ihnen genügte.

    „Caliga, Feuersturm!“

    „Flambirex, Feuersturm!“

    Beide Feuerpokémon stellten sich nebeneinander. Ihre Flammen verschmolzen zu einer einzigen gewaltigen Feuersbrunst. Selbst der Regen schien für einen Atemzug zurückgedrängt zu werden. Dampf quoll über den Platz und nahm ihnen fast die Sicht.

    Dann explodierte das Feuer.

    Der Himmel über dem Rosengarten glühte auf. Regen, Hitze und Licht verschwammen zu einem einzigen chaotischen Flackern. Tropfen verdampften mitten in der Luft, nur damit Sekunden später neuer Regen herabprasselte. Blitze zuckten über den Himmel. Die Luft roch nach Ozon und verbranntem Metall.

    Die Druckwelle schleuderte Wasser und Trümmer durch die Gasse.

    Mega-Flunkifer verschwand vollständig hinter Feuer, Rauch und Dampf.

    Nur Regen blieb zurück, während sich der Rauch nur langsam verzog.

    Zwischen verkohlten Pflastersteinen stand wieder ein kleines Flunkifer. Zitternd. Erschöpft. Aber bei klarem Bewusstsein.

    Raelyn senkte die Hand. „Geschafft.“

    Zita stieß hörbar den Atem aus. „Das war viel zu knapp.“

    Flunkifer sah sie noch einen Moment lang an, dann verschwand es wortlos wieder in der Dunkelheit der Gassen.

    Das Regenwasser zog seine flüchtigen Schritte nach, bevor auch diese verschwanden.

    Ein letzter Rest der Mega-Energie glomm schwach über den Boden, ehe der Regen auch das auslöschte. Nur der ferne Donner blieb zurück.

    „Wie schaffst du das eigentlich immer?“, fragte Zita irgendwann leise.

    „Was?“

    „Die Kontrolle zu behalten, mein ich.“

    Raelyn lächelte schwach, müde. „Gar nicht. Ich tu nur so.“

    Sie zog ihr Smartphone hervor. Regentropfen liefen über das Display und verzerrten die Karte, bis sie sie mit dem Daumen wegwischte.

    Mehrere rote Markierungen blinkten noch darauf. Für einen Moment blieb ihr Blick darauf liegen, dann sperrte sie das Display wieder.

    „Die anderen schaffen das auch ohne uns“, murmelte sie schließlich und steckte das Smartphone zurück in ihre Jackentasche. Ihre Stimme klang müder, als sie erwartet hatte.

    Zita sah sie von der Seite an. „Du willst zurück?“

    Raelyn strich sich eine nasse Haarsträhne aus dem Gesicht und ließ die Augen durch die dunklen Gassen wandern. Die Anspannung der letzten Minuten begann allmählich nachzulassen – und machte Platz für etwas Schwereres.

    „Nur für eine Weile“, sagte sie. „Ich brauch fünf Minuten, in denen nichts explodiert.“

    Zita lächelte schwach. „Klingt fair.“

    Ein letzter Windstoß fuhr durch die Gassen.


    Das Hotel Z wirkte ungewöhnlich still, als sie durch die Eingangstüren traten. Keine Stimmen drangen aus dem Aufenthaltsraum, kein Fernseher lief irgendwo im Hintergrund, selbst das leise Summen der Lüftung schien verschwunden zu sein. Übrig blieben nur ihre Schritte, die dumpf über den Boden hallten.

    Raelyn blieb mitten in der Lobby stehen.

    Die Kälte traf sie sofort, aber nicht die feuchte Kälte des Regens draußen. Diese hier war trockener, unangenehm leer, als hätte das Gebäude über Stunden hinweg jede Wärme verloren.

    Sie zog leicht die Stirn kraus. „Ist das nur mein Eindruck oder—“

    „Nein“, unterbrach Zita sie jäh und verschränkte bereits die Arme vor der Brust. „Oh nein.“

    Erst jetzt schweiften Raelyns Augen durch den Aufenthaltsraum.

    Kaylen saß zusammengesunken auf einem der Sofas, so tief in mehrere Decken eingewickelt, dass nur noch seine Haare und ein Teil seines Gesichts zu sehen waren. Daneben hatte Duro sich quer in einen Sessel fallen lassen. Die Decke hing halb über ihren Schultern, halb bereits auf dem Boden, während Sterndu dicht neben ihr saß.

    Duro hob träge den Kopf und fixierte Raelyn über den Rand ihrer Decke hinweg mit einem Blick, der gleichzeitig erschöpft und warnend wirkte. „Nicht.“

    Raelyn blieb stehen und hob fragend eine Augenbraue. „Nicht was?“

    Duro zog die Decke noch ein Stück höher über ihre Schultern, als könnte sie sich darin vergraben. „Frag einfach nicht.“

    „Ich habe noch gar nichts gesagt.“

    „Aber ich sehe es dir an.“ Duro deutete mit zwei Fingern vage in ihre Richtung, ließ die Hand dann wieder kraftlos sinken und verzog das Gesicht. „Diesen Blick kurz vor einer absolut unnötigen Frage.“

    Raelyn sah sich im Raum um, betrachtete Kaylen unter seinen Decken und wandte sich wieder Duro zu. „Die Heizung?“

    Duro schloss mit sichtbarem Leid die Augen. „Die Heizung.“

    „Was ist passiert?“, fragte Zita.

    Duro öffnete die Augen wieder und starrte einen Moment einfach an die Decke, als müsste sie die richtige Reihenfolge finden, um dieses Desaster irgendwie sinnvoll erklären zu können.

    „Also“, begann sie schließlich gedehnt, „technisch gesehen wissen wir das nicht.“

    „Das klingt jetzt schon schlecht“, murmelte Raelyn.

    Neben ihr bewegte sich auf einmal der Deckenhaufen auf der Couch. „Es ist schlecht“, kam Kaylens dumpfe Stimme irgendwo aus den Stoffschichten. „Und ich möchte direkt festhalten, dass ich keinerlei Verantwortung dafür übernehme.“

    Duro richtete sich ein Stück auf und zeigte anklagend auf ihn. „Feigling.“

    „Ich war nicht beteiligt!“, protestierte Kaylen und hob beide Hände unter der Decke hervor, als müsste er sich offiziell verteidigen.

    Duro ließ den Finger auf ihn gerichtet. „Du standest daneben!“

    „Ich stand daneben, weil ich neugierig war.“ Kaylen zog die Decke ein kleines Stück herunter, sodass wenigstens seine Augen sichtbar wurden. „Das ist ein erheblicher Unterschied.“

    Raelyn blinzelte mehrmals. „Wobei überhaupt?“

    Duro sank mit leidendem Gesichtsausdruck zurück in den Sessel. „Bei der Heizungssteuerung im Keller.“

    Für einen Moment sah Raelyn sie einfach nur an, erst Kaylen und dann Duro. „Warum wart ihr im Keller?“

    Duro verzog das Gesicht, als hätte allein diese Frage ihre gesamte Kompetenz beleidigt. „Weil die Temperatur im Aufenthaltsraum plötzlich gefallen ist.“

    „Um wie viel?“, fragte Zita stirnrunzelnd.

    „Drei Grad. Innerhalb einer Stunde.“

    Raelyn sah sie an. „Und deshalb seid ihr in den Keller gegangen?“

    Duro stemmte sich empört ein Stück hoch. „Drei ganze Grad!“

    Neben ihr gab Sterndu ein leises Geräusch von sich und drehte sich um die eigene Achse.

    Kaylen zog die Decke noch ein Stück weiter herunter und sah trocken zu Raelyn hinüber. „Sie hat behauptet, sie hätte ein schlechtes Gefühl.“

    „Ich hatte ein schlechtes Gefühl!“, verteidigte Duro sich sofort und zog die Decke enger um ihre Schultern, als würde das ihre Argumentation stärken.

    Kaylen hob eine Augenbraue über den Rand der Decke hinweg. „Du hast die Heizung als verdächtig bezeichnet.“

    „Sie war verdächtig!“ Duro stemmte sich empört ein Stück aus dem Sessel hoch und gestikulierte mit beiden Händen in Richtung Keller, als läge dort unten ein tatsächlicher Tatort.

    Kaylen starrte sie einen langen Moment einfach nur an, vollkommen regungslos. „Es ist eine Heizung.“

    „Und?“ Duro verschränkte sofort die Arme unter ihrer Decke. „Du weißt doch überhaupt nicht, was sie vorhatte.“

    Zita presste die Lippen zusammen, sichtbar kurz davor, selbst etwas zu sagen.

    Raelyn sah Duro einen Moment lang an. Dann lachte sie leise auf. Nur einmal, kurz und erschöpft.

    Duro erstarrte mitten in der Bewegung. „Moment.“ Sie setzte sich abrupt auf.

    Kaylen drehte wie in Zeitlupe den Kopf. „Hat sie gerade…?“

    „Sie hat!“ Duro zeigte mit ausgestrecktem Finger auf Raelyn, als hätte sie gerade ein historisches Ereignis miterlebt. „Zita, sie hat gelacht!“

    Zita grinste bereits. „Ja. Ich habe es gehört.“

    Raelyn schloss die Augen und massierte sich mit zwei Fingern die Stirn. „Bitte macht jetzt kein großes Ding daraus.“

    „Zu spät“, erklärte Duro ohne das geringste Zögern und hob bereits bedeutungsvoll einen Finger. „Das wird dokumentiert.“

    Raelyn ließ die Hand von ihrer Stirn sinken und sah sie trocken an. „Es wird absolut nichts dokumentiert.“

    Duro lehnte sich unbeirrt wieder in den Sessel zurück. „Dann eben archiviert.“

    Raelyns Blick wanderte zum niedrigen Tisch neben dem Sofa. Dort lagen noch immer die schmale Schachtel und die vier Kerzen auf dem kleinen Teller. Jemand hatte sie während des ganzen Durcheinanders zur Seite geschoben, damit nichts herunterfiel. Trotzdem wirkten sie in dem kalten Raum fehl am Platz. Als hätten sie auf einen Abend gewartet, der nie gekommen war.

    Duro folgte Raelyns Blick und richtete sich wieder ein Stück auf. „Nein“, sagte sie entschlossen. „So lassen wir das nicht stehen.“

    Zita sah sie fragend an. „Was genau?“

    „Deinen Geburtstag.“ Duro deutete auf den Tisch. „Der wurde heute schon einmal von Schulden, Vertragsstrafen und einer äußerst verdächtigen Heizung ruiniert. Das reicht.“

    „Duro …“

    „Nein.“ Duro hob abwehrend eine Hand. „Keine höfliche Rede darüber, dass wir uns nicht bemühen müssen. Müssen wir auch nicht. Wir wollen.“

    Kaylen schob die Decke von seinen Schultern und stand auf. Noch immer wirkte er, als hätte die Kälte ihm persönlich etwas angetan. „Der Kuchen steht im Kühlschrank.“

    Duro drehte den Kopf zu ihm. „Du hast einen Kuchen besorgt?“

    „Natürlich habe ich einen Kuchen besorgt.“ Er sah sie an, als sei die Frage beleidigend. „Wir wollten Zitas Geburtstag feiern.“

    „Und du hast ihn nicht erwähnt?“

    „Du warst damit beschäftigt, eine Heizung zu verhören.“

    Duro presste die Lippen aufeinander, sagte jedoch nichts.

    Kaylen verschwand in Richtung Küche. Zita blieb vor dem Tisch stehen. Ihr Blick ruhte auf der Schachtel, dann auf den Kerzen.

    Raelyn konnte nicht sagen, ob sie sich darüber freute oder ob ihr der Moment nur unangenehm war. Vielleicht beides.

    „Ihr hättet das nicht aufheben müssen“, sagte Zita leise.

    Raelyn trat neben den Tisch. „Es war nicht vorbei.“

    Zita sah zu ihr.

    Raelyn zuckte kaum merklich mit einer Schulter. „Der Abend war nur schlecht geplant.“

    Für einen Moment wurde es still. Dann schnaubte Duro leise. „Das“, sagte sie und zeigte auf Raelyn, „war überraschend nett. Ich möchte festhalten, dass—“

    „Tu das nicht.“

    „—dass ich es aufrichtig zu schätzen weiß.“

    Kaylen kam mit einem kleinen Kuchen zurück, auf dessen Glasur sich bereits eine dünne Schicht Kondenswasser gebildet hatte. Er stellte ihn auf dem Tisch ab und setzte die vier Kerzen hinein.

    „Er hat die Kühlschranktemperatur überlebt“, sagte er. „Mehr kann man nach heute nicht verlangen.“

    Duro zog ein Feuerzeug aus ihrer Jackentasche und entzündete die Kerzen nacheinander. Das warme Licht spiegelte sich in den Fenstern des Aufenthaltsraums und nahm dem Raum für ein paar Sekunden etwas von seiner Kälte.

    Zita stand noch immer reglos da.

    „Setz dich“, sagte Duro. „Das ist ein Befehl.“

    Sie tat es tatsächlich. Raelyn nahm auf der Kante des Sofas Platz, während Kaylen sich gegen die Armlehne lehnte. Niemand begann zu singen. Dafür kannten sie Zita alle gut genug.

    Duro verschränkte die Hände vor sich. „Alles Gute zum Geburtstag.“

    „Alles Gute“, sagte Kaylen.

    Raelyn wartete einen Augenblick, ehe sie hinzufügte: „Herzlichen Glückwunsch, Zita.“

    Zitas Blick blieb an ihr hängen. Etwas in ihrem Gesicht wurde weicher. „Danke“, sagte sie.

    Duro beugte sich vor. „Und jetzt wünsch dir etwas.“

    „Das ist doch keine Pflicht.“

    „Natürlich ist es das.“

    Kaylen schüttelte den Kopf. „Sag ihr einfach nicht, was du dir wünschst. Sonst versucht sie, es zu organisieren.“

    „Ich kann Dinge organisieren.“

    „Du hast heute eine Heizung verdächtigt.“

    „Sie war verdächtig.“

    Zita senkte den Blick zu den Kerzen. Das Licht flackerte über ihre Züge. Dann schloss sie für einen Augenblick die Augen und blies sie aus.

    Ein dünner Rauchfaden stieg zwischen ihnen auf.

    Duro griff nach dem Messer. „Gut. Dann essen wir jetzt Kuchen, bevor Kaylen noch erklärt, dass der auch gegen uns arbeitet.“

    „Ich habe nie behauptet, der Kuchen sei verdächtig.“

    „Noch nicht“, sagte Raelyn.

    Kaylen sah zu ihr hinüber. Für einen Moment blieb sein Gesicht vollkommen reglos. Dann schüttelte er den Kopf.

    Duro hielt mitten in der Bewegung inne. „Du machst Witze.“

    Raelyn nahm sich ein Stück Kuchen vom Teller. „Gewöhn dich nicht daran.“

    Diesmal sagte niemand etwas dazu.

    Als Duro das Messer ablegte, lag die schmale Schachtel noch immer ungeöffnet neben den Tellern.

    „Die gehört auch dir“, sagte sie zu Zita.

    Zita nahm die Schachtel in die Hand. „Ihr habt mir schon Kuchen besorgt.“

    „Und jetzt mach sie auf“, sagte Kaylen.

    Unter dem Deckel lag ein Füllhalter mit dunkelviolettem Gehäuse. Zita nahm ihn heraus und drehte ihn zwischen den Fingern. Auf der Kappe stand ihr Name.

    „Dein alter schreibt nur noch, wenn man ihn dreimal schüttelt“, sagte Kaylen.

    „Du hast das bemerkt?“

    „Schwer zu übersehen. Du hast mir damit letzte Woche die ganze Hand voll Tinte gemacht.“

    Duro schob sich ein Stück Kuchen auf die Gabel. „Kaylen hat den Füllhalter ausgesucht. Die Gravur war meine Idee.“

    Zita strich mit dem Daumen über die Gravur. Als sie aufsah, war ihr Lächeln klein, aber Raelyn entging es nicht.

    „Danke“, sagte sie. „Euch beiden.“

    Zita legte den Füllhalter behutsam zurück in die offene Schachtel neben ihrem Teller.

    Sie saßen noch eine Weile zusammen, erschöpft und viel zu spät für eine Feier. Der Kuchen war etwas zu süß, die Heizung vermutlich noch immer nicht zuverlässig, und draußen tropfte Regen von den Dachkanten gegen die Scheiben.

    Trotzdem fühlte sich der Aufenthaltsraum nicht mehr leer an. Nicht, weil alles gut war, sondern weil sie geblieben waren.


    Einige Stunden später lag über dem Hotel Z eine schwere, schläfrige Ruhe.

    Draußen lagen die Straßen noch immer im Dunkeln. Der Regen hatte aufgehört; nur vereinzelt lösten sich Tropfen von den Dachkanten und klopften gegen die Scheiben.

    Im Aufenthaltsraum brannten nur noch wenige Lampen, deren warmes Licht sich matt über den Boden zog.

    Kaylen war längst verschwunden. Zita ebenfalls.

    Irgendwann war Duro halb zusammengesunken in ihrem Sessel eingeschlafen. Die Decke war vollständig verrutscht und hing inzwischen mehr über der Armlehne als über ihren Schultern, während Sterndu reglos neben ihrem Sessel schwebte.

    Raelyn saß noch immer am Fenster. Vor ihr stand eine Tasse Tee, längst kalt geworden.

    Sie hatte mehrmals versucht schlafen zu gehen, aber vergeblich.

    Sobald sie die Augen schloss, kehrten die Bilder zurück – flackernde Mega-Energie, schmerzverzerrte Augen, dieses letzte Brüllen zwischen Stahl und Regen und irgendwo dazwischen immer wieder der Moment, in dem Flunkifer aufgehört hatte, sich zu wehren.

    Raelyn lehnte den Kopf gegen die Rückenlehne und schloss erschöpft die Augen. Auf dem Tisch vibrierte ihr Smartphone. Als sie aufsah, erlosch das kalte Licht des Displays kurz und leuchtete gleich darauf wieder auf.

    Vincent.

    Für einen Moment sah sie den Namen einfach nur an, bevor sie schließlich abhob. „Bitte sag mir, dass du anrufst, weil alles wieder normal ist.“

    Am anderen Ende entstand eine Pause. „Ich würde wirklich gern Ja sagen.“

    Raelyn atmete aus. Natürlich nicht. „Was ist los?“

    Im Hintergrund raschelte Papier. „Unsere Sensoren schlagen wieder aus.“

    Mit einem Schlag war die Müdigkeit ein Stück weiter weg. „Wo?“

    „Westlicher Bereich. Kanalabschnitt C-17.“

    Raelyns Stirn zog sich leicht zusammen. Die Kanalisation.

    „Die Werte steigen schneller als vorhin“, fuhr Vincent fort, und inzwischen war jede Spur von Müdigkeit aus seiner Stimme verschwunden. „Und deutlich stärker.“

    Raelyn richtete sich auf. „Wie stark?“

    Erneut raschelte Papier, bevor sich ein kurzer Moment der Stille darüber legte. „Stark genug, dass ich ungern nur eine Person hinschicken würde.“

    Raelyns Blick hob sich automatisch. Auf der anderen Seite des Raumes bewegte Duro sich im Schlaf und zog die verrutschte Decke halb mit sich.

    „Noch fünf Minuten“, murmelte sie undeutlich in den Stoff hinein.

    „Zu spät.“

    Am anderen Ende herrschte einen Moment lang Stille, bevor Vincent leise seufzte. „Ich schicke euch die Koordinaten. Und Raelyn?“

    „Hm?“

    „Pass auf euch auf“, sagte Vincent, bevor die Verbindung abbrach.

    Das kalte Licht des Displays verschwand und ließ den Raum wieder in gedämpfter Dunkelheit zurück.

    Raelyn blieb noch einen Moment sitzen. Sie hätte müde sein sollen, und sie war es auch, das Gewicht in ihren Schultern, das Ziehen in den Beinen und die Schwere hinter den Augen ließen keinen Zweifel daran.

    Trotzdem lag darunter dieses andere Gefühl, ein hartnäckiges Ziehen im Magen, das sich nicht einordnen ließ. Etwas stimmte nicht.

    Langsam stand sie auf und überquerte den Raum mit leisen Schritten. Sterndu hatte sich längst zu ihr gedreht, bevor sie überhaupt bei Duro angekommen war.

    Sie blieb vor dem Sessel stehen und betrachtete sie einen Moment. Die Decke lag inzwischen fast vollständig auf dem Boden, eine Strähne hing ihr ins Gesicht, und in dieser halb zusammengesunkenen Haltung wirkte sie ungewöhnlich friedlich.

    „Duro.“ Keine Reaktion folgte, nur das gleichmäßige, ruhige Atmen unter der Decke blieb unverändert. „Duro.“ Beim zweiten Mal kam ein undeutliches Geräusch zurück, halb Protest, halb Schlaf, bevor sie schließlich ein verschlafenes „Mhm“ murmelte.

    Raelyn verschränkte die Arme. „Aufstehen.“

    „Mhm.“ Eine Pause, in der sich nichts bewegte außer Sterndu, das durch den Raum trieb. „Nein.“

    Raelyn blinzelte, als würde sie überlegen, ob sie das ernst nehmen sollte. „Das war keine Frage.“

    Unter der Decke bewegte sich etwas minimal. „Aber meine Antwort.“

    Sterndu drehte sich einmal träge um die eigene Achse.

    Raelyn atmete leise aus und ging einen halben Schritt näher. „Vincent hat angerufen.“

    Für einen Moment passierte gar nichts, dann fügte sie hinzu: „Neue Ausschläge.“

    Duro zog die Decke nur noch höher, bis fast nur noch die Augenpartie sichtbar blieb. „Mhm.“

    „Kanalisation.“

    Einen Moment geschah nichts. Dann öffnete Duro träge ein Auge. „Nein.“

    Raelyn hob eine Augenbraue. „Doch.“

    „Raelyn.“

    „Ja?“

    Nun öffnete sich auch das zweite Auge. „Wenn ich irgendwann verschwinde, möchte ich offiziell festhalten, dass die Kanalisation daran schuld ist.“

    „Du bist nicht verschwunden.“

    „Noch nicht.“

    Duro richtete sich schließlich auf und zog die Decke wie einen geschlagenen Mantel hinter sich her. Sterndu schwebte sofort neben sie.

    Einen Moment lang starrte sie leer in den Raum, dann zeigte sie wortlos Richtung Flur. „Sag mir wenigstens, dass vorher Kaffee existiert.“

    Raelyn griff bereits nach ihrer Jacke. „Keine Zeit.“

    Duro sah sie an, als hätte sie gerade etwas Unverzeihliches gesagt. „Raelyn.“

    Es folgte eine kurze Pause. „Du bist manchmal wirklich erschreckend.“


    Für einen Wimpernschlag glomm der Schlüsselstein an Raelyns Hals noch einmal schwach auf. Es war nur ein kurzes, flüchtiges Pulsieren, und doch wirkte es fast, als hätte sich darin etwas eingeprägt. Eine Erinnerung vielleicht.

    Die Straßen glänzten noch feucht unter den Laternen. Wasser sammelte sich in kleinen Rissen des Asphalts und spiegelte die Lichter der Stadt verzerrt wider.

    Als sie am Gebäude des Rust Syndicate vorbeikamen, zog Raelyn den Kragen ihrer Jacke etwas höher.

    Der Bau wirkte selbst nachts bedrückend. Über dem Eingang hing das Symbol des Rust Syndicate – eine graue Raute, durchzogen von violetten Linien, die an den Kanten verliefen wie geschmolzenes Metall. Als würde etwas daran langsam und unaufhaltsam nagen.

    Unwillkürlich spannte sich ihr Nacken an. Sie beschleunigte den Schritt, ohne noch einmal zum Eingang hinüberzusehen.

    Ihr Griff um das Smartphone wurde etwas fester. Auf dem Display blinkte die rote Markierung nur wenige Straßen entfernt.

    Zugangspunkt C-17 – Kanalisation.

    Neben ihr stieß Duro ein langgezogenes, leidendes Geräusch aus. „Nein.“

    Raelyn sah nicht auf, als sie antwortete. „Wir sind noch gar nicht unten.“

    „Das spielt keine Rolle“, entgegnete Duro und zog die Jacke enger um sich, als könne sie sich damit gegen die Entscheidung selbst schützen. „Mein Körper lehnt das bereits auf einer spirituellen Ebene ab.“

    Sterndu schwebte neben ihr und drehte sich langsam um die eigene Achse.

    Wenige Minuten später standen sie vor dem Einstieg. Hinter dem rostigen Gitter drang bereits die feuchte Luft der Kanalisation hervor, schwer von Moder, Öl und einer salzigen Note, die sich sofort unangenehm in der Kehle festsetzte.

    Duro verzog das Gesicht. „Oh nein.“

    Raelyn warf einen flüchtigen Blick auf ihr Smartphone, während die rote Markierung auf der Karte flackerte und sich im nächsten Moment teilte.

    Ihre Stirn zog sich zusammen. „Zwei Ausschläge?“

    „Bitte sag mir, dass du dich verliest“, murmelte Duro.

    Raelyn hielt die Augen noch einen Moment auf der Karte. Dann sah sie auf.

    „Wir bleiben zusammen“, entschied sie. „Erst der linke Ausschlag, dann der rechte. Falls sich einer davon bewegt, ändern wir die Route.“

    Duro starrte sie an. „Du willst vernünftig durch eine dunkle Kanalisation gehen?“

    „Versuch, dich nicht zu sehr daran zu gewöhnen.“

    Duro öffnete den Mund, doch bevor sie antworten konnte, vibrierte der Boden unter ihnen.

    Zuerst nur leicht, kaum mehr als ein fernes Zittern, dann stärker, bis eine dumpfe Erschütterung durch die Kanalisation rollte und sich in den Wänden festzusetzen schien.

    Irgendwo im Dunkeln schabte etwas schwer über Stein.

    Raelyn blieb stehen, während Duro abrupt verstummte. Allein das ließ Raelyn den Kopf minimal in ihre Richtung drehen.

    Die üblichen Kommentare blieben aus, als hätte jemand ihnen den Faden abgeschnitten. Selbst Sterndu hielt reglos in der Luft.

    Dann erklang das Geräusch erneut – ein langsames, schweres Schrrrkkk, als würde etwas mit steinerner Haut über den Boden gezogen werden und jeden Zentimeter gegen massiven Widerstand erzwingen. Diesmal kam es nicht mehr aus der Ferne, sondern direkt aus ihrer Nähe, zu nah.

    „Raelyn“, sagte Duro leise.

    Kein Witz, keine Beschwerde, keine typische Flucht in Ironie – nur ihr Name, blank und gespannt.

    Raelyn hob den Blick. Zwischen den Betonpfeilern der Kanalisation löste sich etwas aus der Dunkelheit, zunächst nur als unbestimmte Verdichtung im Schwarz, als hätte die Finsternis selbst Gewicht bekommen.

    Dann trat es weiter ins Licht. Der Körper bestand aus massiven Felsbrocken, irgendwie zusammengefügt zu einer verzerrten, humanoiden Gestalt. Dazwischen bewegten sich orangefarbene Gliedmaßen wie lebendige Schlangen.

    Sie wanden sich unabhängig voneinander, sieben an der Zahl, jede mit Krallen besetzt, die im schwachen Licht eisern glänzten.

    In der Dunkelheit schienen Dutzende kleine Augen zu blinzeln – an Händen, Schultern, sogar am Bruststein.

    Raelyns Augen verengten sich leicht. Thanathora.

    Sie kannte Thanathora aus Berichten, aber eines aus nächster Nähe zu sehen, war etwas anderes. Auf Bildern hatte es seltsam gewirkt. Fremdartig.

    In der Dunkelheit der Kanalisation wirkte es einfach nur falsch.

    „Bei Arceus…“ Duro wich automatisch einen Schritt zurück.

    Raelyn spürte sofort die Veränderung in der Luft. Es fühlte sich schwer an, als hätte jemand Druck auf ihre Brust gelegt – die Mega-Essenz war deutlich intensiver als bei Flunkifer.

    Ihre Hand schloss sich um den Pokéball an ihrem Gürtel. „Nicht bewegen“, flüsterte sie.

    Eine der steinernen Gliedmaßen zuckte, dann noch eine – und im nächsten Moment öffneten sich alle Augen gleichzeitig.

    Duro machte instinktiv einen kleinen Schritt zurück. „Raelyn?“

    „Ja?“, antwortete sie, ohne sich abzuwenden.

    Eine kurze Stille folgte. „Ich glaube“, sagte Duro zögernd, „es hat uns gefunden.“

    Fast wirkte es, als hätte Thanathora auf Duros Worte reagiert. Eines seiner langen Gliedmaßen zuckte, zunächst träge, dann schoss es mit brutaler Geschwindigkeit nach vorn.

    „Weg!“

    Raelyn packte Duro am Arm und riss sie zur Seite, gerade rechtzeitig, bevor sich die Krallen mit einem schrillen Kreischen über den Boden fraßen. Funken sprühten durch die Dunkelheit. Stein brach auseinander und prallte in Splittern gegen die Tunnelwände.

    Noch im Taumeln riss Duro Wummers Pokéball vom Gürtel. Ein roter Lichtblitz zuckte durch den Tunnel, und Wummer landete zwischen ihnen, die Scheren bereits erhoben.

    Thanathora schlug erneut nach ihnen aus.

    „Anubis!“

    Raelyn warf ihren Pokéball. Lucario materialisierte sich in einem weißen Lichtblitz auf dem feuchten Beton. Blaue Aura flackerte um seine Pfoten.

    „Wummer, halt ihm den Rücken frei!“, rief Duro.

    Wummer hob seine Scheren und ließ im nächsten Moment eine Wasserwelle durch den Tunnel rasen, die seitlich gegen Thanathora krachte.

    Während Thanathora brüllte und die Tunnelwände erbeben ließ, peitschten die Gliedmaßen wild durch die Luft.

    „Anubis, Knochenhatz – auf die Beine!“

    Lucario schoss vorwärts und sprang geschmeidig über das Wasser, während sich bereits ein leuchtender Knochenstab in seiner Pfote formte.

    Der Schlag traf präzise die untere Felsenhälfte.

    Doch Thanathora reagierte sofort: Ein Arm griff nach ihm, die Krallen blitzten.

    „Mit Nahkampf kontern!“

    Lucario fing die Attacke mit beiden Armen, drückte sie weg und setzte direkt mit mehreren Treffern nach.

    Thanathora geriet ins Wanken.

    „Wummer, Siedewasser, jetzt!“

    Ein zischender Dampfstrahl schoss nach vorne und traf Thanathora direkt an der Brust. Das Pokémon fauchte erbost.

    „Duro! Seine Energie steigt!“, warnte Raelyn. Nichts daran verhieß etwas Gutes.

    Ein scharfes Knacken ging durch die Luft, dann explodierte die Energie förmlich aus Thanathoras Körper. Türkisfarbene Energieblitze zuckten über den Fels.

    Auf groteske Art und Weise wuchs sein Körper in die Höhe, acht Arme streckten sich zur Seite, während jedes einzelne Auge sich gleichzeitig auf Raelyn und Duro richtete.

    „Na super“, murmelte Duro.

    Raelyn schloss die Hand um den Schlüsselstein an ihrer Kette. Am Halsband ihres Partners antwortete der Lucarionit mit einem weiß-blauen Pulsieren.

    „Dann eben so.“

    Licht verschluckte Lucarios Körper. Seine Statur veränderte sich, das Fell wurde länger und die Aura fühlbar dichter.

    Ein Heulen hallte durch den Tunnel, als Mega-Lucario sich aufrichtete und seine Aura durch den Tunnel pulsierte.

    „Schwerttanz! Und dann Kraftwelle!“

    Schwerter aus gebündelter Energie kreisten um Lucarios Körper. Einen Wimpernschlag später stieß es sich vom Boden ab, tauchte seitlich hinter Thanathora auf und rammte ihm die Pfote gegen den zentralen Felsen.

    Die Kraftwelle entlud sich mit einem dumpfen Schlag. Thanathora geriet ins Wanken, fing sich jedoch mit mehreren seiner Gliedmaßen ab. Die übrigen peitschten gleichzeitig nach Lucario.

    „Anubis, zurück!“

    Lucario drehte sich aus der Bahn des ersten Arms. Der zweite traf den Beton an der Stelle, an der es eben noch gestanden hatte. Stein platzte von der Wand, und ein dritter Arm schob sich durch den Staub, schneller, als Raelyn ihn verfolgen konnte.

    Anubis fing den Schlag mit dem Unterarm ab. Seine Pfoten rutschten über den feuchten Boden, bis sein Rücken gegen einen der Pfeiler stieß. Ein weiterer Arm legte sich quer davor und versperrte ihm den Weg zum Kanal.

    Raelyn spürte, wie sich ihre Hand um den Schlüsselstein schloss. Anubis konnte sich gegen einen Angriff behaupten. Gegen mehrere aus verschiedenen Richtungen fehlte ihm der Platz.

    „Wummer, links!“, rief Duro.

    Das Wasserpokémon schoss an ihr vorbei. Seine Scheren packten den Arm, der Anubis den Rückweg abschnitt, und zogen ihn vom Pfeiler fort.

    Für einen Augenblick entstand eine Lücke. Anubis duckte sich hindurch, doch Thanathora schlug mit einer anderen Gliedmaße nach Wummer.

    „Pass auf!“

    Wummer ließ los und sprang zur Seite. Die Krallen fuhren in den Boden, so dicht an ihm vorbei, dass Raelyn Splitter gegen ihre Beine schlagen fühlte.

    Duro war bereits bei ihr. Gemeinsam wichen sie bis an den Rand des Kanals zurück.

    Thanathora folgte ihnen nicht sofort. Es spreizte seine Arme zwischen den Wänden und verankerte die Krallen im Beton. Zwei Gliedmaßen hielten Anubis auf Abstand, während die übrigen den Weg zu Raelyn und Duro absperrten. Unter seinem Körper floss das Wasser durch den schmalen Kanal weiter.

    „Wenn Wummer jetzt eine Welle schickt, hält es sich einfach fest“, sagte Duro.

    Raelyn nickte. Bei der letzten Wasserattacke hatte Thanathora zwar den Halt verloren, sich aber sofort wieder abgefangen. Hier konnte es sich an beiden Wänden festkrallen. Sie brauchten einen Augenblick, in dem es einen dieser Griffe aufgab.

    Anubis stand auf der anderen Seite des Tunnels. Das blaue Leuchten um seine Pfoten war noch da, doch Raelyn sah, wie er sein Gewicht von einem Bein auf das andere verlagerte. Der Aufprall gegen den Pfeiler hatte ihn getroffen.

    „Anubis“, sagte sie. „Kannst du noch?“

    Er richtete sich auf und sah zu ihr herüber. Mehr verlangte sie nicht als Antwort.

    Raelyn zeigte auf den Arm, der sich unmittelbar über dem Kanal an der Wand festhielt. „Nicht den Körper. Den Griff.“

    Anubis setzte sich in Bewegung. Thanathora zog zwei Arme vor seine Brust, um den erwarteten Angriff abzufangen.

    Lucario sprang jedoch nicht nach oben. Es blieb tief, schob sich unter den Krallen hindurch und traf mit seiner Knochenhatz den verankerten Arm nahe der Wand.

    Ein scharfes Krachen hallte durch den Tunnel. Die Kralle löste sich aus dem Beton.

    Thanathora stieß einen Laut aus und schlug nach Anubis. Dieser wich zum Kanal aus, genau dorthin, wo Raelyn ihn haben wollte. Um ihm zu folgen, musste Thanathora den zweiten Griff an derselben Wand lösen. Für wenige Sekunden hing sein Gewicht an den Armen auf der anderen Seite.

    „Duro, jetzt!“

    Duro trat an die Kante. Wummer war bereits neben ihr, die Scheren auf Thanathora gerichtet. Raelyn hielt Anubis im Blick, bis er die freie Stelle hinter dem Pfeiler erreicht hatte. Erst dann gab sie Duro das Zeichen.

    „Wummer, Surfer!“

    Der Wasserspiegel des Kanals hob sich sichtbar, während sich eine gewaltige Welle aufbaute und Thanathora mit voller Wucht gegen die Wand riss. Splitter und schmutziges Wasser peitschten durch den Tunnel.

    „Jetzt – Nahkampf!“

    Lucario nutzte den Moment und setzte nach. Ein flirrendes Geräusch ertönte, dann folgte eine Serie aus blitzschnellen Schlägen – Faust, Knie, Ellbogen – jeder Schlag begleitet von einem dumpfen Grollen.

    Die Mega-Essenz von Thanathora begann zu flackern, instabil zu werden. Dann kam der letzte Schlag, und Lucarios Faust traf den zentralen Felsen.

    Die Energie brach mit einem hörbaren Knacken auf. Im nächsten Augenblick zerfiel das türkisfarbene Leuchten.

    Mit einem gewaltigen Krachen sackte Thanathora in sich zusammen und fiel in seine normale Form zurück. Wimmernd zog Thanathora sich in die Schatten des Kanals zurück. Danach hörte Raelyn nur noch das leise Glucksen des Wassers.

    Duro ließ sich gegen die Wand sinken. „Uff.“

    Raelyn strich sich mit dem Handrücken über die Stirn, während Lucarios Aura allmählich schwächer wurde und sich die Mega-Form auflöste.

    „Ja.“ Mehr brachte sie gerade nicht heraus.

    „Komm“, sagte sie schließlich und streckte Duro die Hand entgegen. „Lass uns aus diesem Loch verschwinden.“

    Als sie wenig später die letzte Leiter hinaufstiegen, schlug ihnen endlich wieder frische Nachtluft entgegen.

    Duro nahm einen tiefen Atemzug. „Ich schwöre“, sagte sie und wischte sich den Schmutz aus dem Gesicht, „wenn ich diesen Geruch irgendwann nochmal rieche, kriege ich sofort schlechte Erinnerungen.“

    Ein flüchtiges Grinsen huschte über Raelyns Lippen. „Dann hoffen wir einfach, dass wir heute Nacht nicht noch einmal hier landen.“

    Sie richtete den Blick in den Himmel. Zwischen den Wolken war ein einzelner Stern zu sehen – klein und unspektakulär, aber trotzdem blieb sie daran hängen.

    „Anubis“, sagte sie und hob den Pokéball. „Gute Arbeit. Ruh dich aus.“

    Ein Lichtblitz – und das Pokémon verschwand.

    „Komm“, sagte sie schließlich zu Duro, „wir sollten zurück.“

    Duro nickte, immer noch etwas atemlos. „Dann los. Auf uns wartet hoffentlich eine funktionierende Heizung und ein ganzer Liter Kaffee.“

    „Deal.“

    Die beiden setzten sich in Bewegung – fort von der feuchten Dunkelheit, fort von dem, was hinter ihnen lag.


    Die Tür des Aufenthaltsraumes fiel hinter ihnen ins Schloss – dumpf, wie ein Schlussakkord nach einer langen Melodie.

    Duro ließ sich sofort in einen der alten Ledersessel fallen und stöhnte leise. „Wenn ich noch einmal in die Kanalisation muss, drehe ich durch!“

    Kaylen lehnte sich gegen die Wand, die Hände in den Taschen. „Wenn die Heizung jetzt nochmal ausfällt, kündige ich.“

    „Ihr beide habt das fantastisch gemacht“, meinte Zita, die offenbar gerade mit einer dampfenden Kanne und mehreren Tassen auf einem Tablett hereinkam.

    Sie sah von einem zum anderen und blieb schließlich bei Raelyn hängen. „Und du erst recht. Ohne dich hätten wir keine Chance gehabt.“

    „Was erwartest du vom Champion von Galar?“, sagte Kaylen.

    Raelyn sah ihn an. „Kaylen. Wir hatten eine Abmachung.“

    Sein Lächeln verschwand. „Stimmt. Tut mir leid.“

    Raelyn wandte sich wieder ihrer Tasse zu. „Ich hatte einfach Glück.“

    „Glück?“ Duro schnaubte. „Wir waren in einer Kanalisation mit einem mutierten Felsmonster. Allein das klingt schon falsch. Das war kein Glück. Das war Wahnsinn mit Stil.“

    Kaylen schnaubte, während Zita nur den Kopf schüttelte. Für einige Atemzüge wich die Anspannung aus dem Raum.

    Zita setzte sich an den großen, runden Tisch, auf dem noch immer Karten, Berichte und halbleere Tassen standen. „Vincent hat gerade geschrieben. Der zweite Ausschlag ist kurz nach Thanathoras Rückverwandlung ebenfalls abgefallen. Im Moment sind beide Werte wieder normal.“

    „Na hoffentlich“, murmelte Kaylen. „Ich brauche mindestens eine Woche Schlaf.“

    Raelyn schwieg. Ihr Blick blieb an der tanzenden Teefläche in ihrer Tasse hängen, an den kleinen Wellen, die das Licht brachen.

    Nach einer Weile erhob sie sich. Jetzt, wo das Adrenalin allmählich verschwand, wurde die Erschöpfung plötzlich schwer. „Ich gehe schon mal. Ich brauche ein Bad.“

    Zita nickte. „Du hast es dir verdient. Die Bäder sind wieder warm – das Heizsystem funktioniert endlich.“


    Der Dampf sammelte sich über dem Wasser und legte sich wie ein heller Schleier über den Raum. Wärme umgab Raelyn, nahm der Erschöpfung aber nichts von ihrem Gewicht. Sie schloss die Augen und ließ den Kopf gegen den Beckenrand sinken.

    Hinter ihren geschlossenen Lidern kehrten die Bilder des Tages zurück: Flunkifers Schrei, Lucarios leuchtende Silhouette, der metallische Geschmack von Anspannung. Und doch schob sich für einen Augenblick etwas anderes zwischen die Bilder: gedämpftes Licht, goldene Augen und die flüchtige Berührung seiner Lippen auf ihrem Handrücken.

    Raelyn öffnete die Augen. Ausgerechnet jetzt.

    Sie sank tiefer ins Wasser. Nach zwei Kämpfen und dem Gespräch über Zitas Schulden hätte sie genug anderes zu verarbeiten gehabt. Trotzdem blieb Ravans Stimme irgendwo darunter bestehen. Ruhig, kontrolliert und unerwünscht.

    Raelyn tauchte unter. Wenigstens für einige Sekunden war alles still.


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