Leben mit Corona - Eine Kurzreportage

Viele harmlose Fragen wurden schon über das Corona-Virus gestellt: Wie tödlich ist es? Wie schnell kann ich mich anstecken? Wie viel Angst muss ich haben? Wie viel Toilettenpapier soll ich auf Vorrat kaufen? Bei all diesen Fragen geht jedoch etwas Entscheidendes unter, nämlich die Perspektive der Betroffenen. Ich habe mit einer Infizierten gesprochen - resultierend in teilweise überraschenden Einblicken in das Leben einer Person, die vom Schicksal in der Quarantäne zurückgelassen wurde.


Es ist ein grauer, kalter Märzmorgen, der Himmel ist wolkenverhangen, es regnet leicht. In einem unscheinbaren Mehrparteienhaus (es sind sowohl Wähler der SPD, Grünen und CDU vertreten) treffe ich auf Nicole G. Sie sieht aus wie ein ganz normaler Mensch, als sie mich mit meinem gelben Schutzanzug in ihre kleine Wohnung hereinlässt. Doch Nicole ist nicht wie andere Menschen: Sie gehört zu den über 500 Corona-Infizierten in Deutschland.


„Wo ich mich angesteckt habe, kann ich nicht sagen“, teilt mir Nicole mit, während sie sich enger in eine Wolldecke hüllt und an ihrem Erkältungstee nippt. Tatsächlich ist es oft gar nicht so leicht, den Ursprung einer Infektion festzustellen, denn selbst Leute, die wenig oder gar keine Symptome zeigen, können zu Überträgern der gefährlichen Krankheit werden. Manchmal zeigen sich die Symptome erst deutlich, wenn es zu spät ist und man bereits den gesamten U-Bahn-Waggon, in dem man war, mit dem Virus infiziert hat. Erst später treten erkennbare Folgen wie Fieber, Schüttelfrost, Husten und in bis zu 3,5% aller Fälle der Tod auf.


Nicole hustet gekonnt in die Armbeuge – dies ist eine besondere Technik, die unter Corona-Infizierten zum Basiswissen gehört. Da Corona sich über Tröpfcheninfektion verbreitet, haben sich die Träger des Virus angewöhnt, anderen Menschen nicht mitten ins Gesicht zu husten, sondern in ihren Ellenbogen. Für normale Menschen ein ungewöhnliches Verhalten, doch in dem Fall geht die Sicherheit der Umgebung über die Einhaltung sonstiger Gepflogenheiten. Auch Sex ohne Kondome ist ein absolutes Tabu. Die Infizierten haben sich mehrheitlich dazu entschlossen, verantwortungsvoll mit ihrer Krankheit umzugehen. Es gibt aber auch schwarze Schafe in der Gruppe der Infizierten, die trotz Krankheit rücksichtslos einkaufen gehen. „Das ist aber nur eine Minderheit“, versichert Nicole. „Die meisten von uns wollen einfach nur ein ganz normales Leben.“ Tatsächlich ist die „CoVmmunity“, wie sich die Infizierten gemeinschaftlich nennen, ebenso auf die Eindämmung der tödlichen Seuche bedacht wie die Allgemeinheit. „Community for Immunity“ ist ihr Motto.


Ihre Tage verbringt Nicole hauptsächlich zu Hause. Essen bringt ihr ein Freund per Drohne ans Fenster, den Müll schmeißt sie einfach aus Selbigem – natürlich nicht, ohne ihn vorher desinfiziert zu haben. Ihren regulären Job als Verkäuferin von Scherzartikeln wie Niespulver hat sie aufgeben müssen. Seitdem arbeitet sie als Ghostwriterin für Studenten, die später einmal in die Politik gehen wollen. Erforderliche Literatur besorgt sie sich digital. Bietet der Virus hier vielleicht Chancen? Können Infizierte vermehrt Aufgaben erledigen, die nur zu schaffen sind, wenn man den ganzen Tag zu Hause rumsitzt? Könnten sie vielleicht als Vertretung für BisaBoard-Moderatoren einspringen? „Sicher“, sagt Nicole und nimmt Username und Passwort von mir auf einem Zettel entgegen.


Konkrete Aussichten auf die Heilung des Corona-Virus gibt es noch keine. Zwar wird mittlerweile emsig geforscht, doch mit einer vernünftigen Therapie und einem Impfstoff rechnet man frühestens im Herbst des nächsten Jahres – eine schier unvorstellbare Zeitspanne. Für 3,5% der Infizierten wird das zu spät kommen. Aber sie mache sich keine Sorgen, sagt Nicole: „Ich bin gesund – also, abgesehen von dem Virus halt – und habe keine Vorerkrankungen.“ Lediglich ihre zwei Schachteln Zigaretten am Tag seien problematisch.


Zwei Stunden später will ich die Wohnung verlassen, es ist bereits spät nachts. Mein Gespräch mit Nicole hat sich als hoffnungsspendend erwiesen: Auch mit Corona gibt es noch eine Zukunft, eine Chance auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben für die Betroffenen. Als ich durch die Küchentür trete, reißt mein Schutzanzug an einem hervorstehenden Nagel im Türrahmen auf. Für einen Moment bin ich wie versteinert. „Sie können auf der Couch schlafen“, bietet Nicole freundlich an und geht in ihr Schlafzimmer. Ich ziehe den Schutzanzug aus – ich brauche ihn nicht mehr. Nicoles Leben mit Corona ist erzählt. Doch meins fängt gerade erst an.



P.S.: Aufgrund der Tatsache, dass eine Erzieherin im Kindergarten meiner Schwester offenbar infiziert war, stehen meine Schwester, ihr Freund und ihr einjähriges Kind auf amtsärztliche Anordnung und trotz negativem Testergebnis für zwei Wochen unter Quarantäne in ihrer Wohnung und dürfen nicht einmal in ihren Garten. Sie sind aber trotzdem in ihren Garten gegangen, diese rücksichtslosen Kriminellen.

Kommentare 11

  • Jetzt so nach zwei Wochen...liest sich das weniger lustig aber trotzdem eine tolle Geschichte

    • Danke. Und ja, die Situation ist mittlerweile durchaus schlimmer geworden - wobei ich eingestehen muss, dass das für mich eigentlich ein Grund ist, das weiterhin humoristisch zu nehmen. Wie es ja so schön heißt: "Humor ist, wenn man trotzdem lacht."

    • das stimmt, ein Lachen ist ja auch was schönes und vertreibt Kummer. Dann mach bitte weiter so :)

  • Hast du Anzeige gegen diese Kriminellen erstattet?

    • Wollte ich, aber ich hatte keine Beweise. Und mittlerweile gibt es wohl die sehr sinnige Regelung, dass nur noch das Kind zuhause eingesperrt sein muss, während die Eltern wegdürfen, also sind die raus aus der Sache und das Kind kann ja noch nicht belangt werden.


      Ehrlich gesprochen ist das aber für das Kind echt mies. Es darf eigentlich gar nicht an die frische Luft und halt auch nicht in die Kita, wo es nun einmal schon einige andere Kinder kennt und mit denen spielen könnte. Insofern ist das einfach nur Mist und das beste, was meine Schwester machen kann, ist mit dem Kind irgendwo raus in die Pampa zu fahren und fernab von allen Menschen dann mal draußen sein zu lassen.

  • Gute Besserung

  • Ich will auch so einen Lebensstil wie Nicole

  • Wie jetzt? Dein Schutzanzug ist gerissen und jetzt hängst du da auch fest :D? Ist das ein Scherz?

  • Spätestens bei dem Drohnen-Esslieferanten musste ich tatsächlich lachen.